Cluster

Themencluster Geschichte, Kultur, Bildung und Philosophie

Meghedi Vartanian

MariaTudosescu

Transfer durch Konflikt: Besatzungsnarrative im Kontext der deutsch-französischen Versöhnung

Universität Tübingen in Cotutelle mit Universität Aix-Marseille


Die in Kriegen angerichteten Zerstörungen und das Gefühl des Hasses gegenüber dem Feind zerrütten die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen den beteiligten Völkern in der Regel nachhaltig, schüren langlebige Ressentiments und verhindern manchmal über Jahrhunderte den Aufbau eines vertrauensvollen Verhältnisses. Die Schnelligkeit, mit der sich nach 1945 der Kulturtransfer zwischen den beiden Erbfeinden Deutschland und Frankreich intensiviert hat überrascht daher und lässt sich nicht allein auf die vor dem Hintergrund des Kalten Krieges vollzogene politische Annäherung beider Staaten erklären.
Ziel meines Dissertationsprojektes ist es, den bereit in verschiedenen historischen Arbeiten angewendete neue Perspektivierung der Besatzungszeit nun auch kultur- bzw. literaturwissenschaftlich im Blick auf die verschiedenen Besatzungsnarrative fruchtbar zu machen.
Die Analyse dieser spezifisch brisanten Verbindung zwischen Konflikt und Kulturtransfer soll zum einen die widersprüchliche Komplexität der Narrative hinsichtlich ihrer Unterschiede und Gemeinsamkeiten untersuchen, die – auf beiden Seiten – von Angst durchdrungen sind, aber auch mitunter zwischen Feindseligkeit und Sympathie schwanken: Es geht daher nicht darum, die Besatzungsnarrative aus einem nationalen, sondern einem transnationalen Betrachtungswinkel zu beschreiben. Mit ambivalenten Gefühlen und Reaktionen sind – sowohl während des Krieges als auch danach – insbesondere die deutsch-französischen Mittler konfrontiert: französischsprachige und frankophile Deutsche wie Ernst Jünger oder Franzosen, die sich für die deutsche Kultur- und Geistesgeschichte interessieren (wie Albert Camus und Jean-Paul Sartre).
Darüber hinaus soll mit der Methode des Kulturtransfers der nachhaltigen, bis in die Gegenwart reichende Einfluss dieser konfliktreichen Vermischung benachbarter Kulturen untersucht werden, der letztlich den Grundstein für eine neue und dauerhafte Freundschaft gelegt hat.
Indem die Situation während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich mit dem nach 1945 entstandenen kulturellen Transfer zwischen Frankreich und Deutschland in Beziehung gesetzt wird, unterstreicht das Dissertationsprojekt die Bedeutsamkeit des kulturellen Austausches in und über Krisenzeiten hinweg und zielt darauf ab, Erkenntnisse über die Entstehung gemeinsamer Narrative als Grundlage eines gemeinsamen kulturellen Erbes in Europa zu erhalten. Der direkte und indirekte wechselseitige Dialog und Austausch zwischen Deutschland und Frankreich – in Zeiten des Friedens wie der Krise und des Krieges – steht in diesem Sinne als pars pro toto für ganz Europa.

Carina Stegerwald

Carina Stegerwald

Idylle zwischen Naturverbundenheit, gelebter Gemeinschaft und konstruierter Heimat? Der Hiddensoer Künstlerinnenbund (1919-1933). Eine kunst- und kulturhistorische Untersuchung im Kontext der Künstlerkolonien an der deutschen Ostseeküste

TU Dresden


„Hiddensöe. Eine Anzahl Malerinnen hat sich zu einem Hiddensöer Künstlerinnenbund zusammen getan.“ Diese kurze Annonce aus den Kunstnachrichten vom 15. November 1919 mag auf den ersten Blick trivial wirken, doch versteckt sich dahinter ein für die Zeit ungewöhnlicher Zusammenschluss, der von großer Bedeutung für die künstlerische Moderne war. Denn beim Hiddensoer Künstlerinnenbund (1919-1933), welcher den zentralen Gegenstand meines Dissertationsvorhabens darstellt, handelte es sich nicht nur um eine lokale Vereinigung auf einer abgelegenen Insel in der Ostsee. Vielmehr wurden hier auch die neuen Möglichkeiten und die Freiheit repräsentiert, die Künstlerinnen mit der im selben Jahr stattgefundenen Öffnung der deutschen Kunstakademien für Frauen erlangten. Nun hatten Zusammenschlüsse von Künstlerinnen nicht mehr ausschließlich den Zweck der Ausbildung, sondern fungierten insbesondere als Mittel der Präsentation sowie zum Aufbau eines Absatzmarktes.
Um diese Ziele ging es auch Henni Lehmann, welche die Initiatorin und erste Vorsitzende des Hiddensoer Künstlerinnenbundes war. Ihr schlossen sich mehrere Frauen aus ganz Deutschland an – unter anderen Clara Arnheim, Elisabeth Büchsel, Käthe Loewenthal und Julie Wolfthorn –, die auf Hiddensee größtenteils über mehrere Jahre ihre Sommer verbrachten. Zwischen 1924 und 1933 stellten sie in der sogenannten Blauen Scheune regelmäßig ihre Werke aus. Dann jedoch fand die überwiegend aus Frauen jüdischer Abstammung bestehende Vereinigung durch den Nationalsozialismus ein abruptes Ende. Als jüdisch stigmatisiert – obwohl sie teilweise sogar zum Christentum konvertiert waren –, erhielten die meisten Künstlerinnen zunächst ein Berufsverbot und wurden einige Jahre später in Konzentrationslager deportiert, wo sie ermordet wurden.
Was macht den Hiddensoer Künstlerinnenbund so besonders? Eine Sonderstellung hat dieser Zusammenschluss vor allem durch seinen doppelten Status als Künstlerinnen(!)bund sowie Künstlerkolonie; beide Aspekte beabsichtige ich, in meiner Arbeit zu untersuchen. Dabei soll voraussichtlich zum einen die Idylle-Thematik, genauer gesagt die Hypothesen „Im Einklang mit der Natur?“, „Leben als Gemeinschaft?“ und „Hiddensee als Heimat?“ den Schwerpunkt bilden. Jene Fragen plane ich, auch im Kontext der anderen Künstlerkolonien an der deutschen Ostseeküste – Ahrenshoop, Ekensund und Nidden – zu betrachten. Zum anderen möchte ich als zweiten elementaren Aspekt die Rolle des Künstlerinnenbundes als Netzwerk und Rückzugsort für Frauen analysieren, wobei hier die politische und gesellschaftliche Situation im frühen 20. Jahrhundert zu beachten ist. Da bei diesem für die Kunstgeschichte äußerst relevanten Thema sowohl ein großer Forschungsbedarf als auch eine Leerstelle in der wissenschaftlichen Literatur besteht, soll die Thematik mittels einander ergänzender, zum Teil interdisziplinärer Methoden untersucht werden; meinen Ausgangspunkt bilden die Befragung der Kunstwerke und die Quellenforschung.

Alexander Bonk

Alexander Bonk

Kriegsfotografien aus dem Ersten Weltkrieg: „Vergessene Fronten“ im Osten Europas

Justus-Liebig-Universität Gießen

Kriegsfotografien aus dem Ersten Weltkrieg: „Vergessene Fronten“ im Osten Europas. Der erste Weltkrieg als oft betitelte „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ setzte in vielen Aspekten neue Maßstäbe. Als ein Bewegungskrieg des 19. Jahrhunderts begonnen, entwickelte er sich zum ersten voll industrialisierten Krieg der Geschichte. Sinnbildlich für diesen Krieg stehen einige spezifische Eindrücke und Szenen: Schützengräben und Stacheldraht, von Artillerie zerfurchte und mit Granattrichtern durchzogene Landschaften, Soldaten mit Gasmasken, Flugzeuge und in der Endphase sogar Panzer. Das sinnlose Sterben zehntausender Soldaten für einige wenige Quadratkilometer gewonnenes Gelände gehört darüber hinaus zu den klassischen Assoziationen mit diesem Krieg. Bei einem tieferen Blick wird ersichtlich, dass all diese Szenen ihren Ursprung an der Westfront finden. An den übrigen, der Serbien-, Ost-, Italien- und Salonikifront oder den Fronten in Afrika und im Orient, gestaltete sich der Krieg mitunter vollkommen anders. Er blieb weit weniger industrialisiert, beweglicher und vor allem: In seiner Taktik und Technik ein Krieg des 19. Jahrhunderts. Lange waren Fotografien als Quelle zur Erforschung der Geschichte wenig beachtet und wurden primär zur Illustration, zur „Versinnbildlichung“ genutzt. In Bezug auf den Ersten Weltkrieg ist darüber hinaus kaum bekannt, wie viele Fotografien durch die Kriegsteilnehmer selbst angefertigt wurden. Ein technischer Sprung hatte in den 1890er Jahren dazu geführt, dass sich in den westlichen Staaten Europas portablere, ausgefeiltere und leichter zu bedienende Fotoapparate verbreiteten und sich bis zum Ersten Weltkrieg eine eigene Szene etablierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg rückten die Aufarbeitung der Schrecken und Verbrechen ebenso wie die Erforschung seiner Operationen, seiner Schlachten, seiner Opfer etc. in den Fokus. Sie verdrängten die militärische Forschung zum Ersten Weltkrieg insbesondere in Deutschland nahezu vollständig. Im Vorfeld des 100. Jahrestags des Kriegsausbruchs von 1914 erfuhr das Interesse am Ersten Weltkrieg eine Renaissance. Insbesondere holte hier die Militärhistorik auf. Gezielt versuchte man, neben umfassenden Forschungen zum Krieg allgemein auch die „vergessenen Fronten“ mehr in den Fokus zu nehmen. Allerdings unterblieb es in diesem Kontext bis auf wenige Ausnahmen, die alten Fotografien zu nutzen. Mein Dissertationsprojekt bewegt sich im Bereich der Militärhistorik und der Visual History. Ich forsche mit privaten Fotografien von der Ostfront des Ersten Weltkriegs, vornehmlich Alben, zur Operationsgeschichte: Anhand der Orts- und Datumsangaben möchte ich beispielsweise rekonstruieren, wo der Weg bestimmter Einheiten während des Kriegs wann exakt entlang führte. Waren die Städte dort zerstört oder intakt? Machten die Einheiten Gefangene und lassen sich so die Orte von Gefechten ermitteln? Wie waren die Soldaten, wie die Gefangenen einquartiert? Diese Fragen sind nur eine kleine Auswahl derer, auf die ich in meinem Dissertationsprojekt Antworten zutage fördern möchte.

Alexey

Alexey Gusev

Russian regional elites and the democratisation movement in RSFSR in 1987 – 1991

Universität Münster

This work will focus on the role of the Russian Soviet regional political elites during the Perestroika period. This question is often overlooked in the study of the processes in the 15 Soviet republics that became independent states in 1991. However, the Russian regional elites played a significant part in the democratisation process of the late Soviet Union.

The Russian Soviet Federative Socialist Republic was a complex federation with 88 regions with their own government and branch of the Communist Party. Thirty-one of these regions were autonomies that had a different ethnic makeup, official languages and sometimes had the tradition of distributing governing positions among different ethnicities. This structure was unique for the USSR, as the other 14 Soviet republics had only seven autonomies, and only Russia was officially a federation.

Apart from autonomies, Russia had 49 oblasts, 6 krais, and 2 cities of republican importance (Moscow and Leningrad/Saint-Petersburg). Their regional governments and branches of the Communist Party became a school for the future Perestroika movement and the leaders of New Russia. The first President of Russia, Boris Yeltsin, was a former first secretary of Sverdlovskiy Krai and the Moscow committee of CPSS, and his predecessor, Mikhail Gorbachev, ruled Stavropolskiy Krai in the 1970s.

The Soviet political system was highly centralised, and during the 1960s and 1970s, regional powers were largely dependent and rarely took the initiative. However, this situation changed dramatically during Gorbachev's Perestroika (1985 – 1991). The Glasnost policy, which allowed for freedom of speech, became a means of defending local interests against the centralised state. This policy stimulated the creation of a union between dissidents and local governments, with these governments becoming significant participants in Perestroika.

Between 1989 and 1990, local powers gained real political influence by participating in elections. In 1989, they took part in the first Soviet Union legislative elections with alternative candidates, and all autonomies had representatives in the Soviet Union parliament. They had a platform for expressing their ideas to a many-million audience because live broadcasts of the first sessions were one of the most popular TV shows on Soviet television.

In 1990, the republican elections in RSFSR were held, forming the future elite of the republics and demonstrating the nomenklatura's ability to be more flexible. Unfortunately, regional processes in RSFSR are usually underexplored and remain in the shadow of the independent movements in Soviet republics.

 

This study aims to investigate the impact of local authorities and movements in Soviet Russia on the development of Perestroika and the collapse of the Soviet Union. The research will explore the history of regional activities in the Russian Soviet republics and how attitudes towards them evolved during Perestroika.

Eva- Maria Hanke- Estevez

The Concept of Zhongguohua (中国化, Sinicisation) in Protestant Theology in the People's Republic of China

Universität Heidelberg

Die Dissertation untersucht das Konzept der Zhongguohua (中国化, Sinisierung) im Kontext der chinesischen Religionspolitik unter Xi Jinping. Seit 2015 ist die Forderung, Religionen müssten „an der Richtung der Zhongguohua festhalten“, zum zentralen Leitmotiv staatlicher Religionspolitik in der Volksrepublik China geworden. Auch für das protestantische Christentum stellt diese Vorgabe eine grundlegende Frage: Was bedeutet es, dass eine universale Religion an „China“ angepasst werden soll?

Die Arbeit versteht Zhongguohua nicht als feststehenden Begriff mit klar bestimmtem Inhalt, sondern als diskursives Konzept, dessen Bedeutung in unterschiedlichen politischen, akademischen und kirchlichen Kontexten hergestellt wird. Im Mittelpunkt steht daher nicht nur, was Zhongguohua bedeutet, sondern wie der Begriff verwendet wird und welche Funktionen er dabei erfüllt. Die zentrale Annahme lautet, dass Zhongguohua gerade aufgrund seiner begrifflichen Unschärfe wirksam ist: Der Begriff kann zugleich ideologische Loyalität einfordern, kulturelle Anpassung beschreiben, als auch theologische Fragestellungen anstoßen.

Die Dissertation rekonstruiert zunächst wie der Begriff Einzug in die aktuelle Religionspolitik fand. Zhongguohua steht in einer längeren Geschichte marxistischer Anpassungsdiskurse. Unter Xi Jinping wird Zhongguohua mit Vorstellungen von nationaler Einheit, kultureller Kontinuität und „ausgezeichneter traditioneller chinesischer Kultur“ verbunden.

Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Rolle akademischer Akteure. Sie zeigt, dass hochrangige Wissenschaftler wie Zhuo Xinping und Zhang Zhigang nicht einfach externe Beobachter des Diskurses sind, sondern aktiv an seiner Formierung beteiligt waren. Dabei wird sichtbar, wie eng akademische Konzeptbildung, politische Beratung und ideologische Legitimation in der Volksrepublik miteinander verflochten sind.

Der empirische Kern der Dissertation untersucht den protestantischen Diskurs, insbesondere anhand der offiziellen Kirchenzeitschrift Tian Feng. Analysiert wird, wie Zhongguohua innerhalb kirchlicher Texte aufgenommen, angepasst und theologisch verarbeitet wird. Dabei zeigt sich ein breites Spektrum: Manche Beiträge übernehmen politische Leitformeln nahezu affirmativ, andere übersetzen Zhongguohua in kulturelle, ethische oder pastorale Kategorien. Entscheidend ist daher, dass Zhongguohua nicht eindimensional als bloßes Herrschaftsinstrument gelesen wird, sondern als ambivalentes diskursives Feld, in dem politische Steuerung, akademische Legitimierung und theologische Selbstdeutung ineinandergreifen.

Theoretisch verbindet die Dissertation Diskursanalyse und Ansätze der globalen Religionsgeschichte. Sie fragt, wie die Begriffe „chinesische Kultur“ und „Kontext“ im Diskurs stabilisiert werden und welche Autoritätsansprüche dadurch entstehen. Damit leistet die Arbeit nicht nur einen Beitrag zur Erforschung chinesischer Religionspolitik, sondern auch zur Debatte über kontextuelle Theologie. Sie zeigt, dass „Kontext“ nie einfach gegeben ist, sondern selbst Ergebnis von Macht, Sprache und Deutung ist.

 

Felix Haberland

‚Appear, appear at my call’ – Hexerei und Zauberei als musikalische Ausnahmezustände auf der englischen Musiktheaterbühne des 17. Jahrhunderts

Hochschule für Muik und Darstellende Kunst Stuttgart

Die musikwissenschaftliche Dissertation unter dem Titel „'Appear, appear at my call' - Hexerei und Zauberei als musikalische Ausnahmezustände auf der englischen Musiktheaterbühne des 17.
Jahrhunderts“ untersucht die Relation zwischen dem zeitgenössischen Magie-Diskurs in der politisch aufgewühlten Gesellschaft Englands zwischen dem Bürgerkrieg, der puritanischen Regierung und der sich
anschließenden Ära der Restauration der Monarchie und die Einführung magischer Bühnenfiguren innerhalb der Vertonung von Beschwörungsszenen auf der englischen Musiktheaterbühne. Diese
magischen Figuren wie Hexen, Zauberer oder Geister, die im an übernatürliche Kräfte glaubenden England des 16. und 17. Jahrhunderts als die politische Ordnung destabilisierende und destruktive Kräfte
aus dem Jenseits angeblich für politische Umbruchssituationen verantwortlich sind, werden theatral inszeniert, sodass innerhalb jener zu analysierenden musiktheatralen Werke die Dramaturgie zugunsten
dieser magischen Gegenwelt Ausnahmezustände performativ gebannt wird.
Der kulturgeschichtliche Hintergrund wird zunächst mit dem Begriff und der Definition von Magie sowie mit der Kenntnis zeitgenössischer dämonologischer Traktate gebildet, auf die zahlreiche schottische und
englische Hexenprozesse folgen und durch zahlreiche Monarchen, Hexenjäger oder Theologen philosophisch-dämonologisch begründet werden. Diese durch Magie bedingten Umbruchssituationen im
England der Frühen Neuzeit und die daraus resultierenden Ausnahmezustände sind für die musikwissenschaftliche und dramaturgische Analyse in Zentrum der Dissertation von elementarer
Bedeutung. Innerhalb der musikwissenschaftlichen Analyse wird zunächst der Komponist Matthew Locke (1621-1677), der vornehmlich während des Commonwealth of England lebte, in den Blick genommen,
bevor der im Vergleich zum punktuell angesprochenen Henry Purcell (1659-1695) eine Generation jüngere John Eccles (1668-1735) und sein musiktheatrales Schaffen das Zentrum der Dissertation bildet.
Ein besonderes Augenmerk innerhalb der Analyse liegt auf der Vertonung der Beschwörungsszenerien, da in diesem Kontext die magischen Figuren in die Handlung eintreten und diese nach ihren Gunsten
beeinflussen: Diese Hexen und Zauberinnen treten innerhalb einer bedrohlichen und destabilisierenden
Gegenwelt ein und konstruieren musikalische Ausnahmezustände. Diese „Ausnahmezustände“ bedingen gleichsam eine musikalische Extraterritorialität: Die Hexen und Zauberinnen singen keine ausgedehnten
da capo-Arien, sondern treten in kürzeren Accompagnato-Rezitativen auf und leben innerhalb des "furioso‘-Affekts Wut und Unberechenbarkeit vollständig aus.
In einem Ausblick rückt die grundsätzliche Frage nach der kulturellen Produktion solcher englischer „Zauberopern“ als Indikator bzw. performativ-musikalische Kompensationsstrategie sozialer und
gesellschaftlicher Unordnung wie illiberaler Radikalisierung in den Blick. Auf die heutige Zeit lässt sich dies mit einer gleichfalls von Umbrüchen und Unsicherheiten geprägten Zeit wie ein Spiegel übertragen,
spielt aber in dieser musikhistorisch-kulturgeschichtlich ausgerichteten Dissertation eine untergeordnete Rolle.

Bhagyashri

Bhagyashri Vyasaramacharya

Framing Memories of Colonial Violence: Tracing shifts in narratives of the Bengal famine 1943

Goethe-Universität Frankfurt am Main

My thesis examines the memorability of famines, specifically focusing on its shift from being unmemorable to memorable. With specific reference to the memories of the Bengal famine that occurred amidst WWII, which caused 3 million deaths, this thesis aims to trace its shifting memorability. Though popularized as man-made famine, the famine of 1943 remains occluded, dissociated, and rather forgotten in national and historical narratives. Famines are generally perceived as “extreme and general scarcity of foodand have caused casualties for centuries. Yet, they remain largely forgotten, excluded, and garner less attention. It is the quiet and unobtrusive nature of death by starvation that explains why many of those who died of hunger during the Second World War are largely forgotten today.

Isabel Eiselt

Theologische, historische und werkbiographische Erschließung des Tübingen

Eberhard- Karls- Universität Tübingen

Karl Müller (1852 -1940) ist aus vielerlei Gründen ein Charakter von Interesse für die (kirchen-)historische Forschung. Durch seine mehrbändige Kirchengeschichte  - sein Lebenswerk  - wirkte er auf Generationen von Theologiestudierenden. Über seine familiären Verflechtungen in die Familien Weizsäcker und Schelling (seine Mutter war eine Verwandte des Philosophen Schelling, seine Frau eine geborene Weizsäcker) sowie Siebeck (ein Schwiegersohn war Richard Siebeck, Prof. der Medizin, Sohn des Verlagsbuchhändlers Paul Siebeck) und Haering (sein zweiter Schwiegersohn war Hermann Haering, Archivar, Sohn des Theologieprofessors Theodor Haering) lässt sich an Karl Müller (Sohn des Prälaten Gottlob Müllers) exemplarisch Einblick nehmen in geistesgeschichtlich bedeutsame Verwandtschaftsnetzwerke Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts. Institutionengeschichtlich ist er für die Evangelisch-Theologische Fakultät Tübingen von hoher Wichtigkeit, da es unter seiner Federführung zur Gründung eines neutestamentlich-kirchengeschichtlichen Seminars samt Einrichtung einer kirchenhistorischen Grundbibliothek kam und sich unter seiner Professorenzeit das Anwachsen deutscher Universitäten allgemein und evangelisch-theologischer Fakultäten im Speziellen in personeller und fachlicher Hinsicht beispielhaft nachvollziehen lässt. Daneben ist seine Eingebundenheit in und sein Einwirken auf Wissenschaftsdiskurse im Bereich der Kirchengeschichte ab 1878 eindrücklich: ob durch seine Fachbeiträge zur mittelalterlichen Kirchengeschichte, seine Korrespondenzen mit deutschen und nichtdeutschen Fachkollegen bis in den skandinavischen Raum hinein, seine Wirkmacht in sieben Amtsperioden als Dekan einer evangelisch-theologischen Fakultät (drei Mal in Breslau, vier Mal in Tübingen) oder seine Beiträge zu landeskundlichen Untersuchungen  - Karl Müller ist aus der Welt der (Kirchen-)Geschichte des 19./20. Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken. Daneben leistete er auch in juristischer Hinsicht einen gewichtigen Beitrag: Nach Studien zu Verfassungsfragen wurde ihm nicht ohne Grund ein Dr. jur. h.c. durch die rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Bonn verliehen. Umso erstaunlicher ist es, dass sich bislang niemand eingehender mit dieser Persönlichkeit befasst hat. Dies soll sich mit meinem Dissertationsvorhaben ändern.

Johanna Grad

Identität, Emanzipation und Revolution. Strategien weiblicher Selbstermächtigung in der Lyrik des Vormärz

Universität Wuppertal

Gegenwärtig beobachten wir eine Erosion unseres demokratischen Konsenses sowie einen besorgniserregenden Demokratieabbau in vielen Ländern, der mit einem globalen Abwärtstrend
der Freiheit einhergeht. Besonders alarmierend ist, dass diese Regressionen vielfach von Angriffen auf Frauenrechte begleitet werden. Angesichts dieser Lage ist es wichtiger denn je,
Grundwerte wie Freiheit und Gleichheit nicht als statische Gegebenheiten, sondern als historisch errungene und fortwährend zu verteidigende Fundamente liberaler Demokratien zu begreifen.
In meinem Dissertationsprojekt widme ich mich jener wegweisenden Zeit, in der diese Werte erstmals offensiv eingefordert und gegen massive Widerstände erkämpft worden sind:
dem Vormärz (1815–1848). In dieser hochdynamischen Umbruchphase gewannen liberale Kernforderungen nach Grund- und Freiheitsrechten sowie Rechtsstaatlichkeit maßgeblich an Kontur, ehe sie knapp einhundert Jahre später endgültig Eingang in unsere Verfassung fanden. Während Frauen von formaler politischer Teilhabe und rechtlicher Gleichstellung strikt ausgeschlossen
blieben, nutzten sie die Literatur als Medium, um sich eine Stimme in der Öffentlichkeit zu verschaffen. Das Projekt fokussiert die Lyrik als einen in der Forschung bislang unterschätzten
Ort dieser Aushandlungsprozesse. Zu diesem im 19. Jahrhundert tief in Alltag, Bildung und (politische) Öffentlichkeit eingebetteten, omnipräsenten Massenmedium bürgerlicher
Vergesellschaftung hatten gerade Frauen einen privilegierten Zugang, da sich das zeitgenössische Verständnis von Lyrik als subjektive Gattung mit den bürgerlichen Weiblichkeitsentwürfen
deckte. Konkret untersuche ich Gedichte weitgehend unerforschter Schriftstellerinnen (u. a. Louise Aston, Louise Otto-Peters und Betty Paoli). Mich interessiert, wie darin Geschlechterrollen
reflektiert, Weiblichkeitsentwürfe umcodiert und schrittweise selbstbewusste Positionen entwickelt wurden, die im Umfeld der Revolution von 1848/49 in eine offensive Artikulation mündeten. Meine Arbeitshypothese lautet, dass die Lyrik als zentrales Instrument der emanzipatorischen und politischen Selbstermächtigung von Frauen fungierte. Ziel des Dissertationsvorhabens ist es, eine eklatante literaturwissenschaftliche Forschungslücke zu schließen, indem
es die bislang marginalisierte vormärzliche Lyrik von Frauen in den Blick nimmt und Impulse zur (Re-)Kanonisierung vormärzlicher Dichterinnen liefert. Darüber hinaus soll Frauen ihr berechtigter Platz in der Demokratie- und Emanzipationsgeschichte eingeräumt werden, die bis heute häufig ohne ihre Stimmen erzählt wird. Hierzu zeigt das Projekt auf, dass Frauen den Vormärz als „Wiege“ unserer Demokratie aktiv mitgestalteten und bereits vor 1865 jene progressiven emanzipatorischen Forderungen artikulierten, die später zum programmatischen Kern der organisierten Frauenbewegung wurden. Die Arbeit eröffnet damit neue Perspektiven auf die
Verflechtung von Literatur-, Geschlechter- und Demokratiegeschichte.

Maji Basundhara

Auf der Spur der Gerechtigkeit: Intermediale Geschlechterdynamik im detektivischen Spannungsfeld

 

Das Detektivgenre hat sich seit dem 19. Jahrhundert als ein äußerst wandlungsfähiges und zugleich gesellschaftlich sensibles Erzählfeld etabliert. Über seine primär narrativen Funktionen hinaus fungiert es als Reflexionsraum für soziale Ordnungen, geschlechtsspezifische Fragestellungen sowie normative Vorstellungen von Gerechtigkeit. Insbesondere im Spannungsfeld von Geschlecht, Macht und Wissen eröffnet das Genre die Möglichkeit, gesellschaftliche Identitätskonstruktionen sichtbar zu machen, zu stabilisieren oder kritisch zu hinterfragen. Der Detektiv selbst tritt dabei als liminale Figur auf, die sich an den Grenzen zwischen Rationalität und Intuition, Ordnung und Chaos sowie normativer Moral und individueller Ethik bewegt.

Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende Arbeit die intermediale Konstruktion von Geschlecht im Detektivgenre in einer komparatistischen und interdisziplinären Perspektive. Im Zentrum steht die Analyse der ursprünglichen literarischen Texte um Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle – insbesondere The Hound of the Baskervilles – sowie deren vielfältige filmische und serielle Adaptionen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Dabei werden exemplarisch britische (BBC), bengalische (Adaptionen nach Ajay Kar) und russische (insbesondere Adaptation nach Igor Fyodorovich Maslennikov) sowie deutsche Produktionen (Beispielsweise Stummfilmadaptationen nach Rudolf Meiner, Richard Oswald u.a.) herangezogen, um transkulturelle Differenzen und Gemeinsamkeiten in der Darstellung von Geschlecht, Gerechtigkeit und Identität herauszuarbeiten.

Die leitende Fragestellung dieser Dissertation lautet, wie Geschlecht als soziales und performatives Konstrukt innerhalb detektivischer Narrationen und ihrer medialen Transformationen inszeniert wird und inwiefern intermediale Prozesse zur Reproduktion oder Dekonstruktion tradierter Geschlechterbilder beitragen. Dabei wird davon ausgegangen, dass sowohl literarische Texte als auch audiovisuelle Adaptionen nicht nur narrative Inhalte übertragen, sondern zugleich eigenständige Bedeutungsräume schaffen, in denen sich kulturell spezifische Geschlechterordnungen manifestieren. Methodisch verbindet die Arbeit literaturwissenschaftliche Textanalyse mit filmwissenschaftlichen Verfahren und theoretischen Ansätzen aus den Gender Studies, der Philosophie sowie der Intermedialitätsforschung. Besondere Berücksichtigung finden dabei die performativitätstheoretischen Überlegungen von Judith Butler, hegemonietheoretische Ansätze zur Männlichkeit (Laura Mulvey, Judith Butler) sowie philosophische Konzepte von Moral, Schuld und Nihilismus, insbesondere bei Dostojewski und Nietzsche. Diese theoretischen Perspektiven ermöglichen es, die untersuchten Figuren nicht nur als narrative Konstruktionen, sondern als Träger komplexer ideologischer und kultureller Bedeutungen zu analysieren.

Im analytischen Teil erfolgt zunächst eine eingehende Untersuchung der literarischen Originaltexte um Sherlock Holmes, mit besonderem Fokus auf deren Geschlechterkonzeptionen und moralphilosophische Implikationen. Darauf aufbauend werden ausgewählte filmische und serielle Adaptionen aus Großbritannien, Indien, Russland und Deutschland analysiert, wobei ein besonderes Augenmerk auf filmästhetische Mittel, intermediale Transformationen sowie kulturelle Spezifika gelegt wird. Abschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse vergleichend gegenübergestellt, um sowohl konvergente als auch divergente Entwicklungen in der Darstellung von Geschlecht und Gerechtigkeit im internationalen Kontext sichtbar zu machen. Ziel der Arbeit ist es, einen differenzierten Beitrag zur Erforschung des Detektivgenres als intermediales und kulturübergreifendes Phänomen zu leisten und dabei insbesondere die Rolle von Geschlechterkonstruktionen in ihrer Wechselwirkung mit medialen, philosophischen und gesellschaftlichen Diskursen herauszuarbeiten.

Bobeck

Dominique Bobeck

Consonantal Roots in Phonological and Morphological Theory

Universität Leipzig

Mein Dissertationsthema in Linguistik behandelt die Frage, wie sogenannte Wurzeln in bestimmten Sprachen aussehen können, wobei primär semitische Sprachen (z.B. Arabisch, Amharisch, Hebräisch, Aramäisch) und ferner deren Verwandte aus anderen Zweigen des Afroasoatischen (z.B. Hausa, Berber, Beja) im Fokus sind. Unter Wurzeln kann man sich in etwa den kleinsten gemeinsamen Nenner vorstellen, mit dem man Wörter miteinander in Verbindung setzen kann, im Deutschen beispielsweise werfen, (sie) wirft, (ich) warf, geworfen, Wurf und Würfel, wobei hier die Wurzel √werf zugrunde läge – oder doch nur √wrf, wie schon für semitische Sprachen vorgeschlagen wurde?

Typischerweise wird sowohl traditionell in der Semitistik als auch in den meisten generativlinguistischen Ansätzen angenommen, Wurzeln in semitischen Sprachen bestünden ausschließlich aus Konsonanten (meistens drei). Ein Beispiel sei hier die Wurzel √brd aus dem modernen Standard-Arabischen, von der sich folgende Formen ableiten lassen: barada ‚er war/wurde kalt‘, yabrudu ‚er ist/wird kalt‘, barrada ‚er kühlte‘, yubarridu ‚er kühlt‘, bard‚ Kälte‘, burūd ‚Kälte, Gefühlskälte‘, buradāʔ ‚Schüttelfrost‘, barad ‚Hagel‘, barrāda‚ Kühlschrank‘, tabrīd ‚Kühlung‘ und bārid ‚kalt‘.

Einige Gegenentwürfe, vor allem aus den 1990ern und 2000ern, versuchen stattdessen, statt auf rein theoretische Konstituenten wie die Wurzel, auf ganze Wortformen oder Wortstämme zurückzugreifen – am obigen Beispiel gemessen z.B. barad-. Es gibt gute Gründe, warum der wort- bzw. stammbasierte Ansatz starker Kritik ausgesetzt ist, was damit zusammenhängt, dass er bestimmte systematische Zusammenhänge als Zufälle darstellt und allgemein zu wenig restriktiv ist – im Sinne, dass eine Theorie, die prinzipiell alles erklären könnte, was es gibt oder auch nicht gibt, letztendlich dadurch doch nichts erklären, sondern nur beschreiben kann.

Gleichzeitig birgt der Ansatz konsonantischer Wurzeln zahlreiche theoretische wie empirische Probleme. So ist es allein schon fragwürdig, dass derartige Wurzelstrukturen laut aktuellem Forschungsstand ausschließlich in semitischen Sprachen zu finden sind. Zentrale Hypothese meines Promotionsprojekts ist, dass die konsonantische Wurzel inadäquat ist, morphologische Zusammenhänge zu erfassen. Stattdessen wird der Versuch unternommen, die beiden bisherigen Strömungen zu vereinen, indem auf die Wurzel als morphosyntaktische Konstituente Bezug genommen wird, ohne aber, dass diese allein aus Konsonanten bestehe.

Elisabeth

Elisabeth Scharkin

Portrayal of Women by Roman Authors and its Influence on Today's Society

Eberhard Karls Universität Tübingen

Being born as a woman in ancient times would undoubtedly not be described as an effortless experience, as numerous women were confronted with insurmountable obstacles. A woman could have been seductive and wicked, murderous, power–hungry, and lascivious lustful, or motherly and caring, supportive of her husband, faithful, and brave. It was irrelevant because, ultimately, there was always someone who caused a tragic death for that woman or at least destroyed her reputation. At least that was the case for women, who today would be described as public figures. It appears that, during antiquity, it did not matter whether these women had tried to subordinate themselves to the patriarchal society or whether they had violated the regulations. The result seems to remain the same: they all faced some sort of tragedy and condemnation. It is evident that Roman antiquity in particular was strongly patriarchal in character. Therefore, it is unsurprising that the majority of writers pertaining to women were male, without any apprehension of being criticized by society for a skewed  portrayal of female figures. Although the notion of ‘male gaze’, which implies that men evaluate women in a particular manner and thus possess a particular viewpoint on the matter, is a contemporary concept, it is evident that it can be applied to ancient texts. In antiquity, the distinction between the feminine and masculine domains was strictly regulated. This phenomenon had a predetermined limit in literature that was unbreakable. Hence, women were depicted as unable to move in epics and myths, thereby limiting transgression to men exclusively. It appears that society was concerned that women would, given some freedom, no longer want to remain tied to their families if they had their income and status. This is precisely the reason the patriarchal society endeavoured to prevent it from the outset. Due to their biological gender, women were also largely excluded from public office and politics, either due to a lack of trust in their abilities or a fear of societal disruption. As the antiquity of the Mediterranean region continues to be regarded as the cradle of contemporary Europe, it is important to critically examine the representation of women in antiquity to comprehend the perilous trends prevalent in contemporary society. It is therefore time to critically scrutinize the ancient texts regarding their attitude towards women and to ask ourselves the question of the attitude from which the ancient texts are read and received today.

Fabian Reichel

Die Geschichte des Sehens: Zum Problem der Variabilität von Wahrnehmung und Aufmerksamkeit

Friedrich-Schiller-Universität Jena

In weiten Teilen der Kunst- und Kulturwissenschaften besteht heute Konsens darüber, dass das Sehen eine Geschichte hat. Auffällig ist jedoch, dass diese These nur selten wirklich ausgearbeitet und begründet worden ist. Und die wenigen vorliegenden Begründungsversuche wurden bislang höchstens ansatzweise systematisch diskutiert. Vor dem Hintergrund dieses Ungleichgewichts setzt sich das Projekt zum Ziel, die zentralen Positionen in der Debatte um die Geschichte des Sehens erstmals in einen Zusammenhang zu bringen und im Detail zu prüfen, wie überzeugend sie sind. Dabei zeigt sich, dass häufig, wenn von „Sehen“ oder „Wahrnehmung“ gesprochen wird, eigentlich das Phänomen visueller Aufmerksamkeit gemeint ist. Ausgehend von dieser Diagnose wird der Vorschlag verteidigt, zwischen starken Versionen und schwachen Versionen der Historizitäts-These zu differenzieren: Erstere gehen von einem „Wahrnehmungsstil“ aus, der sich analog zum Stil von Bildern verändert, letztere betonen lediglich die Variabilität der Aufmerksamkeit. Es soll gezeigt werden, dass sich die starken Versionen in logische Widersprüche verstricken, während die schwachen Versionen zumindest mit einem fragwürdigen Aufmerksamkeitsbegriff arbeiten. Die Grundhaltung des Projekts ist also durchaus kritisch, es soll sich aber nicht mit Skepsis begnügt werden. Stattdessen wird abschließend die Phänomenologie in die Diskussion eingebracht, um durch die Konfrontation mit der erstpersonalen Perspektive zu einem präziseren Verständnis davon zu kommen, in welchem Sinne und in welchem Maße Wahrnehmung und Aufmerksamkeit wandelbar sind.

Freddy Nd

Freddy Nd

Irreparabilität? Eine Untersuchung des Nation Buildings in posttraumatischen Kontexten: Ruanda von 1994 bis heute

Universität des Saarlandes

Mein Dissertationsprojekt will die Umsetzung von Reparationen in Ruanda nach dem verheerenden Völkermordvon 1994 untersuchen . Es strebt danach zu verstehen, wie diese Maßnahmen in den komplexen posttraumatischen Kontext  eingebettet wurden. Ruanda wird heute oft als ökonomisches Erfolgsmodellgefeiert, doch dieser Glanz steht im krassen Gegensatz zu den düsteren Erinnerungen an das Massaker vor fast drei Jahrzehnten. Trotz der Lobpreisungen für Ruandas wirtschaftliche Entwicklung bleibt das Land von einem autokratischen Regime geprägt. Dieser Widerspruch verdeutlicht die tiefgreifenden Herausforderungen, mit denen Ruanda nach dem Genozid konfrontiert ist. Die aktuelle Eskalation der Gewalt an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo wirft weitere Fragen zur Nachhaltigkeit der Friedensbemühungen und der politischen sowie kulturellen Reparationspraktiken auf. Das Projekt verfolgt einen innovativen, interdisziplinären Ansatz, der Experteninterviews und Diskursanalysen umfasst. Es zielt darauf ab, ein breites Spektrum von Perspektiven auf die Reparationsmaßnahmen einzufangen und einen umfassenden Dialog über ihre langfristige Wirksamkeit und die Zukunft Ruandas sowie anderer afrikanischer Nationen anzuregen. In einer Zeit globaler Krisen und Herausforderungen strebt dieses Projekt neue Ansätze für die Gestaltung von Reparationspolitik und-praxis an. Es betrachtet Reparationen nicht nur als vorübergehende Maßnahme, sondern als unverzichtbare Perspektive für eine gerechtere Welt. Ruanda dient dabei als Ausgangspunkt für ein breiteres Forschungsmosaik,
das sich anderen Fallstudien widmet und so zu einem umfassenderen Verständnis von postkonfliktuellen Gesellschaften beiträgt.

Friedrich Wilhelm

Friedrich Wilhelm Franzen

Moralische Expertise

Universität Münster

Der Begriff der Expertise scheint auf den ersten Blick recht alltäglich: Experten verfügen auf einem spezifischen Gebiet über Kenntnisse oder Fähigkeiten, die jene der meisten anderen Menschen signifikant übertreffen, und sind darüber hinaus in der Lage, diese Kenntnisse und Fähigkeiten auf immer neue Problemstellungen anzuwenden (Goldman, 2001). Ein solcher Begriff der Expertise mag uns im Alltag zwar leicht über die Lippen gehen, wirft bei näherer Betrachtung jedoch gewisse Fragen auf: Was genau ist das Wesen der Expertise? Handelt es sich um eine bloße soziale Zuschreibung auf der Grundlage formeller Bildungsabschlüsse oder praktischer Erfahrungen, oder ist Expertise eine objektive Eigenschaft von Personen? Kurzum: Können Menschen Experten sein oder aber bloß von ihren Mitmenschen als solche wahrgenommen werden? Und wie können Laien (die über keinerlei Kenntnisse auf einem jeweiligen Gebiet verfügen) oder Novizen (die erst noch im Begriff sind, sich entsprechende Kenntnisse anzueignen) Experten identifizieren? Fragen dieser Art sind Gegenstand der sozialen Erkenntnistheorie, welche den traditionell individualistischen Ansatz der Epistemologie um eine Analyse der Effekte sozialer Interaktionen und Systeme zu ergänzen sucht. Während zahlreiche Autoren sich natur- und lebenswissenschaftlichen Feldern zugewandt und diesbezüglich differenzierte Analysen vorgelegt haben, wurden Fragen der Moral in der wissenschaftlichen Diskussion bislang weitestgehend ausgeklammert. Gleichzeitig wird in politischen und medialen Debatten wiederkehrend das Bedürfnis nach moralischer Orientierung angesichts komplexer Krisensituationen artikuliert. Der moralische Diskurs ist für Menschen als soziale Wesen zwar essenziell und durch evolutionäre Anpassungsprozesse vorstrukturiert, entpuppt sich bei näherem Hinsehen aber als ungemein voraussetzungsreich hinsichtlich seiner Semantik, Ontologie und Erkenntnistheorie. Die Frage, ob es so etwas wie Moralexperten geben könnte, hängt also von einer Positionierung zu bestimmten Teilfragen des moralischen Diskurses ab: Gibt es normative Tatsachen? Wenn ja, wie können wir diese erkennen? Zählt bloß unser Wissen oder aber auch unser praktisches Handeln? Eine grundlegende These dieser Arbeit lautet: Moralischer Diskurs kann auch ohne das Streben nach Letztbegründungen und einen strengen Wahrheitsanspruch gelingen, wenn wir die Moralphilosophie als Element eines pluralen, nach den Prinzipien des Fallibilismus arbeitenden Wissenschaftsgefüges verstehen sowie möglichst konsensfähige moralische Normen zugrunde legen. Moralische Expertise lässt sich über den individualistischen Zugang der Wissensbestände und Handlungsdispositionen des einzelnen moralischen Akteurs nicht zufriedenstellend konzeptualisieren; sie zeigt sich vielmehr in der kompetenten Steuerung menschlicher Verhaltensdispositionen mithilfe soziokultureller Institutionen.

Georgette

Georgette Issa

Köter einer wechselvollen Geschichte: das Libanesische Nationale Musikkonservatorium als Herausforderung für die Feldtheorie

Kunstakademie Düsseldorf

Mein Projekt zielt darauf ab, die Entwicklung des libanesischen nationalen Musikkonservatoriums als Herausforderung für Bourdieus Feldtheorie zu operationalisieren. In diesem Sinne verwende ich die Feldtheorie zum einen, um das Konservatorium als Teil eines institutionellen Musikbildungsfeldes zu untersuchen und seinen gegenwärtigen Zustand im Licht der historischen Kontexte im Libanon zu verstehen. Zum anderen zeige ich auf, dass und wie die postkoloniale Geschichte des Libanons, die schwache Institutionalisierung der Musikausbildung und die Bedeutung der Religionszugehörigkeit für die Besetzung von Ämtern tiefgehende Herausforderungen für die Feldtheorie darstellen. Ziel des Projektes ist es herauszuarbeiten, wie Bourdieus Feldtheorie umgearbeitet werden kann und muss, um für den postkolonialen Kontext des Musikbildungsfeldes im Libanon fruchtbar angewendet werden zu können. Das Projekt versteht sich in diesem Sinne vor allem als Beitrag zu einer dringend nötigen postkolonialen Überarbeitung von Bourdieus Feldtheorie.

Lemmer

Marcel Lemmer

 Vergleichende Analyse konstituierender Narrative zur Staats(un)treue anhand der soldatischen Fahnenflucht 

Goethe-Universität Frankfurt am Main

Meine Forschung konzentriert sich auf die Konstituierung und Kontestation staatlicher und kollektiver Narrative und untersucht deren Einflüsse auf die Bürger verschiedener Staaten. Narrative, die Staatstreue einfordern und begründen, schwingen überall mit: Ob beim Steuerzahlen, bei Zivilcourage, Integration, Engagement oder der Teilnahme an Wahlen – stets wird sich mehr oder weniger für die Interessen und Werte eines Staates eingesetzt.

Mit meinem Projekt möchte ich einen Forschungszugang zur öffentlichen Reflexion dieser Narrative zur Staatstreue entwickeln und insbesondere anhand der speziellen performativen Dimension der soldatischen Aushandlung mit dem Narrativ zur Staatstreue (im Einsatz zwischen Leben oder Tod) Rückschlüsse über alltägliche und schwer fassbare Narrative – und über die bürgerliche Staatstreue im Gesamten ziehen. Dafür rekonstruiere ich im ersten Schritt gesellschaftliche und militärische Narrative aus Staaten wie Afghanistan, China, Deutschland, Israel, der Ukraine und den USA, die die Zugehörigkeit und Treue ihrer Bürger und Soldaten in unterschiedlichen Intensitäten fördern.

Im zweiten Schritt analysiere ich die soldatische Reflexion dieser Narrative, um zu verstehen, welche als überzeugend empfunden werden und bei den Soldaten ein Gefühl der Zugehörigkeit und Treue erzeugen – und welche weniger wirksam sind. Damit gehe ich auch der Frage nach, ob und wie Narrative zur Staatstreue die Entscheidung von Soldaten beeinflussen, nicht fahnenflüchtig zu werden. Möglicherweise ähnlich interessante Vergleichsgruppen könnten Künstler, Sportler und Lehrer eines Staates sein, die im Ausland agieren (z.B. über das Goethe-Institut).

Marlene

Marlene Nagel

Selbstbestimmter Freundschaftsdienst oder falsch benannter Raub? – Koloniale „Geschenke“ im GRASSI Museum Leipzig

Humboldt-Universität zu Berlin

Meine Forschung widmet sich der Provenienzforschung von Objekten, die während der deutschen Kolonialzeit als „Geschenke“ von Oberhäuptern aus Tansania und Kamerun in die Sammlung des GRASSI Museums für Völkerkunde zu Leipzig gelangten. Dabei hinterfrage ich, ob diese Objekte freiwillig übergeben, durch koloniale Machtverhältnisse beeinflusst oder sogar geraubt wurden.

Im Fokus stehen vier exemplarische Objekte: ein Speer und ein Schild aus Tansania sowie eine Halskette und ein Bronzefrosch aus Kamerun. Diese Objekte bieten Einblicke in die Vielfalt der Erwerbungsumstände und verweisen auf die komplexen kulturellen und politischen Austauschverhältnisse in der Kolonialzeit. Erste Erkenntnisse deuten auf unterschiedliche Motive des Transfers hin: von diplomatischen Gesten und vermeintlichen Freundschaftsdiensten bis hin zu gewaltsamen Aneignungen.

Um ein differenziertes Bild dieser kolonialen Austauschverhältnisse zu zeichnen, ist eine ergebnisoffene Analyse unerlässlich, die sich nicht von vornherein auf einen bestimmten Erwerbskontext festlegt. Dieser Ansatz verhindert eine Vereinfachung historisch komplexer Handlungsgefüge und ermöglicht eine präzisere Rekonstruktion wechselseitiger machtpolitischer Strukturen in der Kolonialzeit. Gleichzeitig berücksichtigt er die Handlungsfähigkeit der Herkunftsgesellschaften, indem er neben gewaltsamen Entwendungen auch freiwillige Geschenkgaben in Betracht zieht. Ergänzt durch einen interdisziplinären Zugang, der die materielle Geschichte der Objekte ebenso einbezieht wie ihre symbolische und soziale Bedeutung, entsteht eine ganzheitliche Analyse. Dadurch werden nicht nur die historischen, kulturellen und musealen Zusammenhänge beleuchtet, sondern auch die Handlungsspielräume der Akteur*innen und die langfristigen Folgen für beide Seiten sichtbar gemacht.

Meine Forschung verbindet historische Provenienzforschung mit einem interdisziplinären Ansatz. Neben der Auswertung von Archivmaterial beziehe ich qualitative Interviews mit Nachfahren der Herkunftsgesellschaften ein, um lokale Perspektiven auf die Objekte und ihre Bedeutung in Vergangenheit und Gegenwart zu integrieren. Ziel ist es, ein multiperspektivisches Verständnis der Erwerbskontexte zu entwickeln und die Vielfalt der Aneignungspraktiken während der Kolonialzeit sichtbar zu machen.

Mit meinem Projekt möchte ich die Werte Individualismus, Freiheit und Selbstbestimmung betonen, die in der laufenden Restitutionsdebatte von unterschätzter, aber zentraler Bedeutung sind. Dabei setze ich auf eine liberale Perspektive, die den Fokus auf die Selbstbestimmung und die Handlungsmacht der Herkunftsgesellschaften legt. Durch die Förderung der Friedrich-Naumann-Stiftung kann ich zur Stärkung des Pluralismus im globalen wissenschaftlichen Diskurs beitragen und die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit um neue Impulse bereichern.

Niloofar

Niloofar Eskandari

Halbautomatisierte grammatische Selbstkorrektur von eigenen Texten mithilfe eines Karteisystems im DaF-Unterricht: Eine empirische Untersuchung am Beispiel persischsprachiger DaF-Lernender auf dem A1-Niveau

Universität Münster

In vielen Ländern, wie dem Iran, ist es ungewöhnlich, Fehler konstruktiv anzugehen. Oft werden sie als Gesichtsverlust interpretiert, anstatt sie als Gelegenheit zum Spracherwerb zu betrachten, vor allem wenn man Deutsch lernt, um in deutschsprachigen Ländern zu studieren oder zu arbeiten. Wenn Lehrkräfte im Iran Lernertexte lediglich durch Fehlermarkierung korrigieren, fehlt den Lernenden oft die Motivation, ihre Fehler zu beheben. Zudem wissen sie nicht, wie sie die Ursachen ihrer Fehler identifizieren können. Dadurch bleibt die Verbesserung ihrer Sprachkompetenz begrenzt. Der Umgang mit diesem Problem variiert je nach kulturellem Hintergrund. In Ländern mit einer Null-Fehler-Kultur wie dem Iran wird dieses Problem besonders deutlich. Um es anzugehen, ist im Unterricht ein System erforderlich, das die Lernenden dazu ermutigt, Fehler als einen natürlichen Teil des Lernprozesses anzusehen, anstatt sie zu vermeiden. Um die Überarbeitung von Fehlern durch die Lernenden kompetenzorientiert in den Unterricht zu integrieren, wurde ein neues System zur Vermittlung und Selbsteinschätzung entwickelt. Dieses System bzw. das Karteisystem unterstützt gleichzeitig selbstregulatorische Fähigkeiten der Lernenden. Es besteht aus Korrekturkarten zur Selbstkorrektur, Emojis und Evaluationskarten zur Selbsteinschätzung sowie Stickern als Notenersatz seitens der Lehrkraft. In der vorliegenden Untersuchung wird erforscht, wie erwachsene Lernende, die Persisch als Muttersprache sprechen und Deutsch als Fremdsprache (DaF) erlernen, aktiv mit diesem neuen sprachlichen System interagieren. Ein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf der Entwicklung ihres Verständnisses von Fehlern während des Lernprozesses. Die Studie zielt insbesondere darauf ab, individuelle Unterschiede im Umgang mit Fehlern zu erfassen und zu analysieren, wie sich dieser Umgang im Laufe der Zeit verändert. Des Weiteren wird untersucht, wie die Lernenden befähigt werden können, eine Null-Fehler-Kultur zu überwinden. Dies beinhaltet das Erlernen der Fähigkeit, eigene schriftliche Fehler zu identifizieren, zu analysieren und zu korrigieren, sowie die Fähigkeit, den eigenen Lernfortschritt einzuschätzen. Die Analyse des ersten Designszyklus verdeutlicht, dass sich die positive Einstellung der Lernenden, die ausschließlich mit Fremdkorrektur vertraut sind, durch den Unterrichtsverlauf und die Anwendung der neuen Methode signifikant verbessert. Die Resultate des zweiten Zyklus zeigen, dass die Nutzung des Karteisystems zur Selbstkorrektur die Anzahl der Fehler in nachfolgenden Texten verringert, wobei die Lernenden in der Regel in der Lage sind, ihre Fehler zu finden und richtig zu korrigieren. Im Rahmen der Einzelfallanalysen des dritten Designszyklus wird herausgestellt, dass das Karteisystem eine förderliche Fehlerkultur schafft, in der die Lernenden Feedback zur Fehlerquelle und -behebung erhalten und lernen, Kritik konstruktiv zu nutzen.

 

 

Sarah Weintritt

Diversität und Inclusion bei klassischen Musikfestivals: Eine neo-institutionalistische Analyse von Good Practices und Strategien zur Förderung einer integrativen Kultur

Hochschule für Musik und Theater Hamburg, Institut für Kultur- und Medienmanagement

Die klassische Musikszene sieht sich großen Herausforderungen gegenüber: Sie muss sich in einer immer vielfältigeren und offenen Gesellschaft weiterentwickeln und ihren Stellenwert behaupten. Staatlich geförderte Kulturinstitutionen stehen unter dem Druck, kontinuierlich ihren gesellschaftlichen Beitrag („Public Value") nachzuweisen. In einem postmigrantischen Deutschland sind die Begriffe Kultur, Diversity und Inclusion eng miteinander verwoben. Bereits der „Nationale Integrationsplan" von 2007 betonte die Relevanz einer interkulturellen Kulturpolitik und die kulturelle Beteiligung von Personen mit Migrationshintergrund (Allmanritter, V., 2017). Es ist entscheidend, den öffentlichen Kulturauftrag für Menschen unterschiedlicher Herkunft auf hohem künstlerischen und kulturpädagogischem Niveau zu erfüllen. Doch laut Institut für Demoskopie Allenbach besuchten 2021 nur 7,3 % der über 14-Jährigen regelmäßig Musikveranstaltungen, während 60,1 % diese gelegentlich und ein Drittel gar nicht besuchten.

Diversität und Inclusion, oft als miteinander verknüpftes Begriffspaar in Organisationen verwendet, sind Schlüssel, um die klassische Musik dynamisch und zukunftsfähig zu gestalten. Sie müssen eng zusammenwirken, um ein vielfältiges und erfolgreiches Arbeitsumfeld zu schaffen. Hierbei wird der englische Begriff „Inclusion" genutzt, da er eine andere Bedeutung hat und anders verstanden wird als der deutsche Begriff „Inklusion". Inclusion bedeutet in der Soziologie das Miteinbezogensein und die gleichberechtigte Teilhabe an etwas; in Unternehmen ist es das Miteinbezogensein und die Teilhabe an allen Bereichen der Organisation (Sauberer, 2021). „Inclusion" als Wortpaar-Ergänzung zu Diversität bezieht sich auf eine Grundhaltung der Wertschätzung und Einbeziehung aller Menschen in sämtlichen Lebensbereichen, unabhängig vom Leistungs- und Handlungsvermögen der einzelnen Person.

In meiner Arbeit analysiere ich die Rolle von Diversität und Inclusion bei klassischen Musikfestivals und nutze Neo-Institutionalismus sowie systemische Organisationstheorie, um zu verstehen, welche institutionellen, normativen, kulturellen und systemischen Faktoren die Umsetzung dieser Maßnahmen beeinflussen. Die systemische Organisationstheorie betrachtet Organisationen als komplexe Systeme, in denen verschiedene Elemente miteinander interagieren und sich gegenseitig beeinflussen. Sie ermöglicht es, das Zusammenspiel von Strukturen, Prozessen und Verhaltensweisen innerhalb der klassischen Musikbranche und ihrer Einbettung in größere soziale Systeme zu analysieren.

Die Förderung einer diversitätsorientierten Organisationsentwicklung in der klassischen Musik dient nicht nur ethischen und sozialen Zielen, sondern hilft auch, neue Zielgruppen zu erreichen, künstlerische Innovationen voranzutreiben und die Wettbewerbsfähigkeit von Musikfestivals zu erhöhen. Ein stärkerer Fokus auf Diversität und Inclusion fördert den kulturellen Dialog und den sozialen Zusammenhalt durch die Einbindung verschiedener künstlerischer Traditionen, was ein tieferes Verständnis und eine höhere Anerkennung von kultureller Diversität in der Gesellschaft ermöglicht. Ziel ist es, Good Practices und Strategien zur Förderung von Diversität und Inclusion zu identifizieren, um wertvolle Erkenntnisse für Veranstalter, Künstler, Kulturmanager und andere Stakeholder bereitzustellen.

Sibylla

Sibylla Elsing

Bildungszugänge Jugendlicher zum Musiktheater. Eine empirische Studie im Spannungsfeld staatlicher Subventionierung und privatwirtschaftlichem Musical–Entertainment

Universität Paderborn

Sowohl mit schulischen als auch mit außerschulischen Projektformaten wird an vielen Opernhäusern versucht, ein junges Publikum für das Musiktheater zu gewinnen. Doch trotz der Bemühungen der Opernhäuser, auch innerhalb der jüngeren Generation das Genre Oper attraktiver zu machen, ist der Altersdurchschnitt des Publikums in Opernproduktionen hoch. In Berlin ergab die Befragung ein überdurchschnittliches Alter von 53 Jahren, der Altersdurchschnitt in NRW lag sogar bei 57 Jahren. Insgesamt wird der Markt für klassische Musik seit Mitte der 90er Jahre stetig kleiner und die Konsument*innen stetig älter. Angesichts der ohnehin begrenzten Zahl der Opernliebhaber*innen und des während der letzten 35 Jahre stetig gestiegenen Durchschnittsalters, wird verschiedentlich auf die Gefahr eines „Aussterbens“ des Opernpublikums hingewiesen. In Anbetracht dessen ergibt sich eine Reihe von Fragen: Was lässt die Oper für Jugendliche so unattraktiv erscheinen und inwiefern bestimmen Eltern und Schule, welches künstlerische Angebot wahrgenommen wird? Kann die Schule hier einen entscheidenden Beitrag leisten, wenn Eltern am künstlerisch kulturellen Leben nicht teilnehmen? Während nach Angaben des deutschen Musikinformationszentrums (10/2021) noch 22,6 % der befragten Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren angaben, gerne Musicals zu hören, betrug der Anteil jener, die gerne Oper/Operette/Gesang hören nur noch 3,6 %. Fraglich ist, was das Genre Musical einem jugendlichen Publikum im Gegensatz zur Oper rezeptionspsychologisch bieten kann und inwieweit gattungsimmanente Stoffe ausschlaggebend für den Besuch der Musiktheater sind. Die Relevanz einer empirischen Publikumsforschung im Hinblick auf die möglichen Bildungs- zugänge des jungen Publikums zum Musiktheater ergibt sich schon angesichts hoher Subventionen, mit denen Operntickets aus Steuergeldern bezuschusst werden. Über Jahre hinweg unterstützte der Bund mit mehr als 200 Millionen Euro zwar auch die kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen, dennoch stellt sich die Frage, inwiefern die öffentliche Förderung von Opernhäusern im Hinblick auf ein vergleichsweise kleines, alterndes Publikum überhaupt noch gerechtfertigt ist. Die Analyse des Forschungsstandes zum Bildungszugang des Nicht-Publikums, also jener Jugendlichen, die bislang selten oder nie ein Musiktheater besucht haben, zeigt, dass bisher keine umfassende Untersuchung zu dieser Thematik vorliegt. Die bisher erhobenen Daten betreffen vor allem gezielte Publikumsbefragungen der
Besucher von Vorstellungen von Musiktheatern. Das Dissertationsvorhaben soll ausgehend von der Datenerhebung zum Bildungszugang klären, was Jugendliche veranlasst oder davon abhält, die Aufführung einer Oper/Operette zu besuchen, welche Bildungszugänge zum Musiktheater Jugendlichen zur Verfügung stehen, wie diese genutzt werden und welche Bildungsangebote sinnvoll erscheinen können, um das Genre Oper/Operette auch zukünftig attraktiv zu machen.