Nordkorea
Mehr als 1,5 Millionen Nordkoreaner erkranken an „Fieber“

Corona-Ausbruch trotz Abschottung: Kim Jong Un spricht von einem „großen Tumult in der Geschichte unseres Landes“
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Mitarbeiter desinfizieren den Arbeitsbereich in Pjöngjang, Nordkorea, nachdem Kim Jong Un erklärt hatte, dass seine Partei den Ausbruch der Krankheit im Land als Ausnahmezustand behandeln werde.

© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Jon Chol Jin

Am 12. Mai 2022 bestätigten Staatsmedien zum ersten Mal einen COVID-Ausbruch in Nordkorea. Zuvor hatte es dort angeblich nie eine Ansteckung mit dem Virus gegeben, der sich seit Anfang 2020 in der Welt ausbreitet, doch nun überschlagen sich die Meldungen aus dem abgeschotteten Land. Es wird von einem „Fieber“ gesprochen, das sich explosiv verbreite und inzwischen schon weit über 1,5 Millionen Nordkoreaner angesteckt habe – mehr als 5 Prozent der Gesamtbevölkerung. „Fieber“ ist dabei wohl ein Euphemismus für eine nicht nachgewiesene Coronainfektion. Weil es an Tests fehlt, sind erst ein paar Hundert Fälle bestätigt. Überhaupt wurden laut der WHO seit Beginn der Pandemie erst 64.000 Tests im Land durchgeführt. Für das verarmte Land und sein desolates Gesundheitssystem ist der Ausbruch verheerend.

Zero Covid ohne Plan B

Doch nicht nur an Tests fehlt es, es gibt auch keinen Impfstoff - die Impfquote ist öffentlichen Informationen zufolge null. Mehrere internationale Angebote für Impfstoffe hat Pjöngjang im letzten Jahr ausgeschlagen, darunter auch für das aus dem befreundeten China stammende Sinovac. Stattdessen hat das Land auf eine extreme Form von Isolation gesetzt, seine Grenzen selbst für Handel dichtgemacht und auch den sonst so lukrativen Schmuggel konsequent bekämpft. Fast alle Botschaften sind geschlossen, ausländische Mitarbeiter von Hilfsorganisationen haben das Land verlassen, Einreisen sind seit Februar 2020 unmöglich.

Auch eine in diesem Jahr kurz wiedereröffnete Güterzugverbindung nach China musste im April wieder geschlossen werden, als es in China verstärkt zu Ansteckungen kam. Eingeführte Güter wurden monatelang in Quarantäne verwahrt, weil man Angst hatte, sie würden das gefürchtete Virus ins Land bringen. Trotz all dieser Anstrengungen konnte die Abschottung Nordkoreas nur solange funktionieren, wie auch China das Virus in Schach halten konnte. Nun ist das Virus mit Nordkorea auch in die letzte „Zero-Covid“-Festung eingedrungen.

Wo genau das Virus eine Lücke in den hermetischen Abschottungsmaßnahmen fand, ist dabei noch unklar. Inzwischen haben Staatsmedien zugegeben, dass sich jenes „Fieber“ schon seit Ende April im Land verbreitet habe. Das erklärt die plötzliche Höhe der Fallzahlen. Wie genau hingegen die offiziellen Zahlen von Hunderttausenden täglich mit „Fieber“ Infizierten zustande kommen, ohne dass getestet wird, ist unklar. Fraglich ist dabei einerseits, wie asymptomatische Verläufe ihren Weg in die Statistik finden sollen, andererseits, wie man andere Atemwegserkrankungen ohne Tests von Corona unterscheiden will. Zudem meldet das Regime nun, dass angeblich schon eine Million Nordkoreaner bereits wieder genesen sein sollen. Genauso wenig ist bekannt, wieso das Land trotz der stetigen Bekundung seiner Reaktionsbereitschaft den Ausbruch so spät erkannte. Erst am 10. Mai verhängten die Behörden abrupt und zunächst ohne Erklärung mitten am Tag einen sofortigen Lockdown.

Angst vor einer humanitären Katastrophe

Außer Frage steht jedoch, dass eine Pandemie das desolate Gesundheitssystem des Landes vor enorme Herausforderungen stellt. Für die ungeimpfte und teils mangelernährte Bevölkerung birgt auch die eher mildere Omikron-Variante große Gefahr. Nach Angaben von Geflüchteten hat ein großer Teil der Bevölkerung kaum Zugang zu medizinischer Infrastruktur. Durch das nahezu vollständige Erliegen des Außenhandels ist die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medizin ohnehin noch prekärer als normalerweise. Bei einer Inspektion von Apotheken in Pjöngjang bemängelte Herrscher Kim Jong Un höchstpersönlich die Krisenbereitschaft des Versorgungssystems und machte dafür die zuständigen Behörden verantwortlich. Für diesen „großen Tumult in der Geschichte unseres Landes“ kündigte er nun uneingeschränkte Maßnahmen an. Die Pandemiebekämpfung wird zur obersten Priorität des Staates, der zu diesem Zweck Millionen von Menschen und Ressourcen mobilisiert, unter anderem das Militär. Doch neben Tests und Impfungen fehlt es auch an Schutzkleidung und Medikamenten. Derweil empfiehlt das Staatsfernsehen der Bevölkerung Antibiotika und das Gurgeln mit Salzwasser.

Besser als um die medizinische Versorgung steht es um die Fähigkeit des autoritären nordkoreanischen Staates, gegenüber seiner leidgeprüften Bevölkerung einen drakonischen Lockdown durchzusetzen. Doch rückt ein Blick nach Shanghai diese Strategie in ein düsteres Licht. Selbst China, das in Bezug auf die Impfquote, die medizinische Ausstattung und die Nahrungsmittelversorgung eine so viel bessere Ausgangsposition hat, gelangt beim Eindämmen der Omikron-Variante trotz größter Anstrengungen an seine Grenzen. Wie soll die Eindämmung dann erst in Nordkorea funktionieren, wo ohnehin schon Nahrungsmittelknappheit herrscht? In den letzten Tagen waren in den Grenzregionen trotz Lockdown weiter Scharen von Arbeitern auf den Feldern zu sehen, denn die Aussaat darf nicht gefährdet werden. Eine Hungersnot wäre noch verheerender und destabilisierender als die Pandemie allein.

Krise im Innern, Provokationen nach Außen?

Der Corona-Ausbruch fällt in eine Zeit schärfster diplomatischer Spannungen, doch auf die neuen Entwicklungen in Nordkorea reagierten Südkorea, China und die WHO mit energischen Hilfsangeboten. Es landeten bereits nordkoreanische Flugzeuge im chinesischen Shenyang, wohl um medizinischen Sachbedarf einzusammeln. Dies waren die ersten internationalen Flüge Nordkoreas seit dem Beginn der Coronapandemie im Februar 2020. Auch Südkoreas erst vor zwei Wochen ins Amt gehobener, konservativer Präsident Yoon Seok-yeol hat umfassende Unterstützung angeboten. Verglichen mit seinem Vorgänger Moon Jae-in hatte er zuvor stets eine wesentlich härtere und realistischere Nordkorea-Politik angekündigt. Das Angebot ist seine erste Geste der Annäherung gegenüber Nordkorea.

Dass Nordkorea darauf eingeht, wäre überraschend. Jahrelang hat die nordkoreanische Führung Annäherungsversuche und Hilfsangebote der freundlicheren Moon-Regierung brüsk abgelehnt. Stattdessen setzte sie mit Militärparaden und allein in diesem Jahr mehr als zehn Raketentests auf Provokation und Aufrüstung. Vor dem Hintergrund des anstehenden Besuches des amerikanischen Präsidenten Bidens in Südkorea wird in Kürze ein nordkoreanischer ICBM-Test erwartet. Seit März vermuten Experten aufgrund von Satellitenbildern sogar, dass Nordkorea die Provokationen demnächst mit einem Atombombentest auf die Spitze treiben will. Ob die Pandemielage diese Pläne beeinflusst, ist ungewiss. Sicher ist derzeit nur, dass der Bevölkerung Nordkoreas schwere Zeiten bevorstehen.

Thomas Grosser ist derzeit Praktikant im FNF-Büro Seoul. Er studiert Sinologie (MA) an der Universität Münster.

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