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Medizinermangel
Das steckt hinter dem Ärztestreik in Südkorea

Südkoreanische Ärzte nehmen an einer Anti-Regierungs-Kundgebung in Yeouido, Seoul, Südkorea, teil

Südkoreanische Ärzte nehmen am 3. März 2024 an einer Anti-Regierungs-Kundgebung in Yeouido, Seoul, Südkorea, teil.

© picture alliance / Matrix Images | Lee Kitae

Die Gesundheitsversorgung ist derzeit massiv beeinträchtigt. Präsident Yoon Suk Yeol liefert sich einen Machtkampf mit Tausenden streikenden Assistenzärzten. Die Auseinandersetzung ist eines der wichtigsten Wahlkampfthemen geworden.

Am 20. Februar haben Tausende Assistenzärzte in Südkorea ihre Stelle gekündigt und einen Streik begonnen. Die Gesundheitsversorgung ist stark beeinträchtigt. In großen Krankenhäusern machen Assistenzärzte zwischen 30 und 40 Prozent der Gesamtzahl der Ärzte aus.

Die Notaufnahmen sind voll und Operationen werden verschoben. Um das System zu stabilisieren, hat das Gesundheitsministerium ausgewählten Pflegekräften erlaubt, ärztliche Aufgaben zu übernehmen. Militärkrankenhäuser haben ihre Notaufnahmen geöffnet. Dennoch reichen die Maßnahmen nicht aus, um alle Patienten ausreichend zu behandeln.

Hintergrund des Streiks ist die Ankündigung von Präsident Yoon Suk Yeol, ab nächstem Jahr mindestens 2000 zusätzliche Medizinstudienplätze zu schaffen. Derzeit gibt es nur etwa 3000 Plätze. Der Reformplan hat sich zu einem wichtigen Thema für die Parlamentswahlen am 10. Mai entwickelt. Die regierende Partei People Power Party erhofft sich dabei, die Mehrheit in der Nationalversammlung zurückzugewinnen. Allerdings ist schwer zu bestimmen, ob Yoons harte Linie seiner Partei hilft oder eher schadet.

Yoon hat sich von dem Streik lange nicht beirren lassen und ist nicht auf die Ärzte zugegangen. Ein Großteil der Bevölkerung ist für eine Erhöhung der Anzahl der Studienplätze: In Südkorea herrscht chronischer Ärztemangel. Laut OECD kommen auf 1000 Einwohner durchschnittlich 2,6 Ärzte. In Deutschland liegt der Schnitt bei fast doppelt so vielen Ärzten. Im OECD-Durchschnitt kommen 3,7 Ärzten auf 1000 Einwohner.

Der Ärztemangel ist deutlich zu spüren und vor allem in ländlichen Gebieten bemerkbar. Die meisten Ärzte zieht es in das Ballungsgebiet rund um Seoul. Darüber hinaus spezialisieren sich die meisten Ärzte auf lukrativere Fachgebiete wie Schönheitschirurgie, Dermatologie und Augenheilkunde. Notfall-, Allgemein-, und Kindermediziner fehlen dagegen. Künftig wird Korea wohl zudem deutlich mehr Mediziner brauchen. Die Bevölkerung des Landes altert rasant.

Die Ärzte kritisieren dagegen, dass auch mehr Mediziner das Problem der schlechten Arbeitsbedingungen und langen Arbeitszeiten nicht lösen würden. Zudem befürchten sie einen Qualitätsverlust der Ausbildung. Universitäten seien auf eine beinahe Verdoppelung der Zahl der jährlichen Erstsemester nicht vorbereitet. Es stünden weder passende Räumlichkeiten noch genug Personal zur Verfügung.

Kritiker werfen den jungen Ärzten dagegen vor, sich in erster Linie vor Konkurrenz und Einkommenseinbußen zu fürchten. Obwohl Ärzte in Südkorea weit über dem Durchschnitt verdienen.

Wegen der schlechten medizinischen Versorgung und Yoons Unnachgiebigkeit, schien die Stimmung in der Bevölkerung zuletzt zu kippen. Die Oppositionspartei kritisierte Yoons mangelnde Gesprächsbereitschaft. Anfang April ging Yoon einen Schritt auf die Ärzte zu und stellte Verhandlungen in Aussicht, allerdings ohne große Kompromissbereitschaft zu signalisieren. An der Erhöhung um 2000 Studienplätze scheint er festhalten zu wollen.

Doch auch die Ärzte sind fest entschlossen: Trotz der Ankündigung der Regierung,  ihre Zulassung für ein Jahr zu entziehen, sind nur wenige hundert Assistenzärzte an ihren zeitweiligen Arbeitsplatz zurückgekehrt.

Ihre juristischen Versuche, Yoons Reform zu verhindern, scheiterten bis jetzt: Ein Antrag der koreanischen Medical Professors Association of Korea auf Aussetzung der Quotenerhöhung durch die Regierung wurde abgelehnt. Das Verwaltungsgericht wies dies mit der Begründung zurück, dass Medizinprofessoren nicht als Antragssteller in Frage kämen. Dass eine Einigung bis zum Wahltermin erzielt wird, scheint unwahrscheinlich.

Maja Adler absolviert derzeit ein Praktikum im Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul.