Bildung
Pakistan: Der Lockdown als Gegner der Gleichstellung

Covid19 gefährdet Bildungschancen für Mädchen und Frauen in Pakistan
Dorfschule Pakistan
Unterricht unter Pandemiebeschränkungen in einer Dorfschule im ländlichen Norden Pakistans. © Birgit Lamm

Weltweit verlängern Regierungen die Winterferien, um das Ansteckungsrisiko mit Covid19 in den Schulen zu reduzieren. Dadurch drängt sich die Frage auf: Wie beeinflußt Covid19 den Bildungserfolg der heutigen Schülergeneration? Sind die Langzeitfolgen der langen Schulschließungen vertretbar und gerechtfertigt? Generell gilt, daß sozial Schwache von Krisen immer härter getroffen werden als Menschen, die wirtschaftlich und sozial besser gestellt sind. Das gibt schon in Deutschland Anlaß zur Diskussion, aber wie sieht die Lage in einem Entwicklungsland wie Pakistan aus?

Die Pandemie traf Pakistan im denkbar schlechtesten Moment: Nachdem der IWF 2019 mit Pakistan zum 22. Mal ein finanzielles Rettungspaket vereinbart hatte, kämpfte die einheimische Wirtschaft bereits mit den staatlichen Spar- und Konsolidierungsmaßnahmen, neuen Steuern und einer hohen Inflation. Im Frühjahr 2020 erreichte die Corona Pandemie Pakistan. Die Regierung verhängte bereits im März als eines der ersten Länder weltweit einen Teil-Lockdown bis Ende Mai 2020. Die Schließung von Schulen, Universitäten und weiten Teilen der formalen Wirtschaft hatte für die Mehrheit der  Menschen dramatische Folgen. Rund 70% der Pakistaner sind im informellen Sektor beschäftigt. Viele von ihnen standen plötzlich von einem Tag auf den anderen ohne Einkommen da.

Für die 90 Mio. Schüler in Pakistan war und ist diese Situation nicht nur für ihre schulische Entwicklung, sondern vor allem auch für ihren neuen Alltag eine echte Herausforderung. In den beengten Wohnverhältnissen in der Großfamilie ist das Lernen zu Hause oft schwierig, da die Schüler kaum über eigene Arbeitsplätze verfügen. Sobald die Kinder ganztägig zu Hause waren, wurden insbesondere die Mädchen sofort zur traditionellen Hausarbeit herangezogen. Lehrerinnen an Schulen und Universitäten berichten darüber, daß sie Hilferufe von Schülerinnen erhielten, die zu Hause Schwierigkeiten hatten, bei ihren Familien Verständnis und Raum fürs Lernen zu bekommen. Psychologinnen der Hotline der  Digital Rights Foundation  für die Opfer von Cyber Bullying und häuslicher Gewalt berichten von einem Anstieg der Hilferufe um 25% während des Lockdowns. Die für Mädchen oft sowieso schon schwierige häusliche Situation wurde durch die Einkommensverluste im Lockdown noch verschärft. Viele Familien plagten Existenzängste wesentlich mehr also die Sorge um eine Corona-Infektion.

FNF-Alumna Fajer Rabia, Geschäftsführerin von  Pakistan Alliance for Girls Education, befürchtete bereits im Sommer 2020, daß vor allem Mädchen nach dem Ende des Lockdowns nicht in die Schulen zurückkehren, sondern stattdessen früh verheiratet würden. Ihre Befürchtungen waren berechtigt. Eine Studie der Weltbank vom Oktober 2020 zeichnet ein düsteres Bild: Nach dem ersten Lockdown kehrten 22 Mio Schüler im Herbst 2020 nicht in den Schulunterricht zurück, die Mehrzahl von ihnen Mädchen. Weitere Schulabbrecher werden nach Ende der zweiten Schulschließung von Nov 2020 bis Januar 2021 erwartet. Die Weltbank-Studie prognostiziert für Pakistan die weltweit höchste Schulabbrecher-Quote wegen COVID19. Für die Schulrückkehrer errechnet die Weltbank-Studie einen durchschnittlichen Lernverlust von 0,3 – 0,8 Lernjahren, die sich, wie Erfahrungen aus dem Erdbeben von 2005 in Pakistan zeigen, noch Jahre später in schlechteren Schulleistungen zeigen. Die Umstellung auf digitale Lernangebote hat in dieser Situation nicht wirklich weiter geholfen.

Impact-Talk: Restart Education after Covid-19

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Auch wenn die pakistanische Regierung zügig beeindruckend Fernlernangebote zur Verfügung stellte, sind diese Angebote längst nicht flächendeckend für alle Schüler nutzbar. Denn in Pakistan ist der Zugang zu digitalen, aber auch analogen Medien sehr ungleich verteilt: Obwohl 82% der Haushalte in Pakistan über ein Mobiltelefon verfügen, haben nur 32% ein Smartphone und 10% einen Laptop oder ein Tablet (Global Digital Report 2019: https://wearesocial.com/global-digital-report-2019) . Mehrere Kinder müssen sich oft ein Gerät teilen. Mädchen und Frauen wird häufig die Nutzung von ihren Familien beschränkt oder gar ganz untersagt. Der Lernerfolg hängt außerdem davon ab, wie sehr sich Familien beim häuslichen Lernen ihrer Kinder engagieren. Dazu fehlt in vielem Familien oft die Zeit oder das Verständnis. Die o.g. Studie der Weltbank berichtet, daß nur 30% der Haushalte in der Provinz Punjab überhaupt von den Fern-Lernangeboten wissen und davon wiederum nur 30% diese Angebote auch nutzen. Eltern beklagen im persönlichen Gespräch, daß sie das Lehrmaterial nicht richtig verstehen oder neben der Arbeit nicht genug Zeit haben, um alle Kinder ausreichend unterstützen zu können. Im Zweifel werden dann die Söhne stärker gefördert als die Töchter.

Die Pandemie hat hart erarbeitete, bescheidene Fortschritte im Bildungsstand der Bevölkerung wieder in Frage gestellt. Mädchen und Frauen könnten zu den großen Verlierern der Pandemie werden, wenn es nicht gelingt, mit breit angelegten Förderprogrammen und Info-Kampagnen das Bewußtsein dafür zu wecken, daß Mädchenbildung neben persönliche Entwicklungschancen auch Entwicklungsmöglichkeiten für Familien und die ganze Gesellschaft bedeuten. Für den Augenblick bleibt nur zu hoffen, daß nach dem voraussichtlichen Ende der langen Winterferien Mitte Januar 2021 so viele Kinder wie möglich in ihre Schulen zurückkehren.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
Pressereferentin & stellv. Pressesprecherin Ausland
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