Rezension
Diese verdammten liberalen Eliten! Wer sie sind und warum wir sie brauchen

In seinem neuen Buch analysiert Carlo Strenger die liberalen Eliten samt ihren Konflikten mit anderen Teilen der Bevölkerung.
Strenger
Carlo Strenger © Wikimedia/Rami Zarnegar Herunterladen

Nach seiner Anleitung zur Verteidigung der Freiheit gegen Populismus und kulturellen Relativismus (Zivilisierte Verachtung, 2015) und seinem Plädoyer für den Liberalismus (Abenteuer Freiheit, 2017) portraitiert der schweizer-israelische Psychologieprofessor und liberale Kolumnist Carlo Strenger in seinem jüngsten Buch die heutigen liberalen Eliten mit all ihren Konflikten.

Auf wenigen Seiten beginnt er mit einem Überriss über die aktuelle Theoriedebatte zur Einordnung der liberalen Eliten. Dabei kommt auch die von Dalton Conley ausgelöste Debatte zu „Anywheres“, den großstädtischen Kosmopoliten, und „Somewheres“, stärker regional und national verwurzelten Landbevölkerungen, die oft zur Erklärung von Brexit bis Trump-Wahl herangezogen wird, zu Wort. Aber auch aktuelle Studien zur „Gesellschaft der Singularitäten“ (Andreas Reckwitz, 2017) und die in deutschen liberalen Kreisen bekannten Sinus-Milieus von 2018 werden dabei behandelt.

Originell ist, dass er dann fünf beispielhafte Vertreter der liberalen Eliten von Wirtschaft, über Journalismus bis Universität vorstellt, die er aus eigenen Patientengeschichten seiner Psychoanalyse-Praxis zusammengestellt hat. Im Kern beschreibt Strenger, dass der Anstieg populistischer Parteien auch mit der Entkoppelung liberaler Kosmopoliten in Berlin und anderswo von den Alltagsproblemen großer Teile der Bevölkerung zusammenhängt. Mit seiner deutlichen Analyse der Konflikte um die eigene Identität widerspricht er auch anderswo widerlegten linken Hypothesen, die heutige Konflikte immer auf wirtschaftliche Ungleichheiten zurückführen wollen.

Er beschreibt im Anschluss die Kritik aus linken und rechten Kreisen an den liberalen Eliten. Laut Strenger stünden aus linken Kreisen entkoppelte Finanzeliten besonders in der Kritik persönliche Gier vor gesellschaftliche Auswirkungen gestellt zu haben. Und aus der Rechten käme die verächtliche Kritik an liberalen Intellektuellen. Man möchte dabei unweigerlich an den Kampfbegriff der AfD von den „links-grün-versifften“ Intellektuellen denken. Strenger gibt beiden Elitenkritiken bis zu einem gewissen Grad recht, weil liberale Kosmopoliten von Bankern bis Intellektuellen, oft jene verächtlich gemacht hätten, die anderer Meinung sind, und sie als „dumm, indoktriniert und obrigkeitshörig“ klassifiziert haben. Selbstkritisch gesteht er diesen Fehler auch bei eigenen Kolumnen in der liberalen israelischen Zeitung Haaretz getan zu haben.   

In Folge wirbt er für staatsbürgerlichen Einsatz für die liberale Demokratie auf doppelte Weise. Zum einen verlangt er für Rationalität, Differenzierung und die offene Gesellschaft gegen das Schwarz-Weiß-Denken der Populisten von rechts und links einzustehen. Dabei ist es ihm besonders wichtig argumentativ gegen die Populisten in Medien und auf Podien vorzugehen, ohne deren Wähler zu diffamieren. Und zum zweiten warnt er davor breite politische, philosophische bis wirtschaftstheoretische Allgemeinbildung in Schulen und Universitäten zu vernachlässigen bei fachspezifischen Ausbildungsvorstellungen.

Gerade unter den heutigen Anfeindungen der liberalen Demokratie bilden sie das Rüstzeug zur eigenen Interpretation der Welt, die für das liberale Menschen- und Staatsbürgerbild so wichtig sind. Dabei verlangt er umfassenden Bildungsinitiativen nicht allein auf liberale Eliten zu beschränken, sondern der Breite der Bevölkerung zugänglich zu machen. Sein Buch gibt dabei gute Antworten wie man heute für Freiheit, Würde und Verantwortung des Einzelmenschen eintreten kann ohne gesellschaftliche Zusammenhänge zu vernachlässigen. Damit bietet Strenger einen brauchbaren Leitfaden für liberale Politik im 21.Jahrhundert.

 

Julius von Freytag-Loringhoven, Leiter Büro Moskau, Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit und Stellvertretender Vorsitzender der Boris Nemzow Stiftung.

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Daniela Oberstein, Pressereferentin und stellv. Pressesprecherin Ausland
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