Afghanistan
„Kabul ist ein humanitäres Desaster ungeahnten Ausmaßes“

Das Chaos in Afghanistan hat international Entsetzen ausgelöst. Doch was soll nun passieren, um den Menschen im Land zu helfen?
Kämpfer der Taliban vor dem internationalen Flughafen von Kabul

Kämpfer der Taliban patrouillieren vor dem internationalen Flughafen von Kabul

© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Rahmat Gul

Es ist ein humanitäres Desaster, das sich zurzeit in Afghanistan abspielt. Die rasend schnelle Eroberung des Landes durch die Taliban nach dem übereilten Abzug westlicher Streitkräfte ist ein verheerendes Signal für die Menschen vor Ort. Die letzte Chance für eine wirkungsvolle Reaktion ist eine gemeinsame humanitäre Kraftanstrengung, analysiert René Klaff, Leiter des Fachbereichs Internationales der Friedrich-Naumann-Stiftung, im Interview mit freiheit.org.

„Saigon“, „Vietnam“ - der historische Vergleich angesichts der dramatischen Lage in Afghanistan ist offensichtlich. Wie ordnen Sie die Entwicklung ein?

René Klaff: Die Bilder der überhasteten, chaotischen Absetz- und Fluchtbewegungen amerikanischer und anderer Truppen und zivilen Personals legen den Vergleich zwar nahe. Aber die Rahmenbedingungen sind andere als zu Zeiten des Kalten Krieges, als auch regionale Konflikte sich immer in die übergeordnete systemische Konfliktlage zwischen den USA und der Sowjetunion einpassten. Die Lage in Afghanistan ist eine andere. Der 11. September 2001 löste eine internationale Intervention aus, bei der es zunächst um die Zerschlagung von Terrorstrukturen ging. Sehr schnell aber verfolgten die USA und die Europäer das Ziel, in Afghanistan funktionale, moderne staatliche Strukturen zu gestalten, also ein „State Building“, wenn nicht gar ein „Nation Building“. Durch die Entwicklungen der vergangenen Tage und Wochen sehen wir, dass diese Bemühungen komplett gescheitert sind. Diese Aspekte spielten in Vietnam keine Rolle, und deshalb bringen die Vergleiche aus der alten bipolaren Welt nichts.

Aus der Rückschau erscheint die gesamte Afghanistan Intervention also vergeblich gewesen zu sein?

Klaff: So einfach ist die Bewertung nicht. Afghanistan war auch zu Beginn der Jahrtausendwende ein "failing state“, geprägt von verschiedenen War Lords und den Taliban. Zu allem Unglück hatte sich Al Qaida festgesetzt. Die Zerschlagung dieser Terrorstrukturen war ja weitgehend erfolgreich. Komplizierter ist die Analyse des auseinanderfallenden jetzigen afghanischen Staates, rund 20 Jahre später, wodurch im Übrigen auch die Frage nach künftigen Terrorstrukturen wieder auf die Tagesordnung kommt. Welche Rolle spielt die Korruption, die Institutionen wie das Militär und die Polizei aushöhlten? War der gesamte multilaterale militärische Ansatz mit dezentralen Organisations- und Versorgungsstrukturen falsch? Wie konnte es geschehen, dass sich der Zerfall des afghanischen Staats-und Institutionengefüges, das Amerikaner und Europäer zusammen mit Afghanen aufgebaut hatten, so beschleunigen konnte? Dabei spielt auch die Frage nach der Verantwortung des geflohenen Präsidenten Ghani eine Rolle, eine Frage, die selbst in seiner eigenen, unmittelbaren Umgebung gestellt wird. All diese Fragen werden wir erst nach und nach klarer beantworten können. Die Antworten und Schlussfolgerungen spielen nicht nur für die Aufarbeitung der Katastrophe in Afghanistan eine Rolle, sondern auch für andere Interventionen der Gegenwart und Zukunft.

Aber dass der Abzug in dieser Art und Weise nicht funktionieren kann, das zeigen wohl die Fakten?

Klaff: Spätestens, seitdem die Trump-Administration auf den Abzug aller Truppen hinarbeitete, hätte es einen Exit-Plan gebraucht. Leider hat die Biden-Administration die eigenen NATO-Partner überrascht, indem sie ohne Absprache mit den Verbündeten Fakten schuf. Und die letzten 72 Stunden zeigen leider auch, dass die EU in einer akuten Krise nicht gemeinsam handelt. So gut es ist, dass die Italiener schon gestern mit Rettungsflügen anfingen, so verwundert es aber doch, wie spät die Deutschen damit anfingen. Warum koordinieren sich die Europäer nicht? Wie liefen die Stränge in der NATO zusammen? Für mich steht aber fest: Für die US-amerikanische Führungsrolle in der Welt ist dieser Abzug ein Desaster.

Nun hat sich die US-amerikanische Außenpolitik immer wieder von Tiefschlägen erholt…

Klaff: Die USA sind immer noch die Supermacht, nicht nur gemessen an ihrer militärischen und ökonomischen Stärke. Aber sie sind auch Vorbild für die liberalen Demokratien in der Welt, die an vielen Orten unter Druck geraten sind. Und denken Sie nur an die gesamte Region! Wie viele Menschen arbeiten in Iran im Untergrund, in Pakistan für die Menschenrechte? Das Signal, das jetzt an sie geht, ist verheerend. Weder die Amerikaner, noch die Europäer können selbst diejenigen schützen, mit denen jahrelang vor Ort zusammengearbeitet wurde.

Präsident Biden ist innenpolitisch schwer unter Druck geraten, in Europa ist die Kritik am Krisenmanagement noch leise.

Klaff: Alle hoffen, dass über den Flughafen in Kabul noch viele Menschen gerettet werden können. Aber auch dieses Nadelöhr ist mittlerweile umkämpft und nicht mehr sicher. In den letzten Tagen habe auch ich versucht, Personen bei der Evakuierung zu helfen. Über die Hintergründe kann ich nichts sagen. Und wenn man auf einer Liste zum Ausreisen steht? Die Menschen erreichen Kabul nicht mehr! Und selbst in Kabul ist der Weg zum Flughafen versperrt. In meiner Auslandsarbeit von über zwanzig Jahren habe ich so etwas noch nicht erlebt. Es ist ein humanitäres Desaster ungeahnten Ausmaßes.

Selbst Iran hat den afghanischen Flüchtlingen Hilfe angeboten, ist das nicht wenigstens ein kleiner Lichtblick?

Klaff: Das überrascht zwar auf den ersten Blick. Aber die politischen Interessen, die dahinterstehen, darf man nicht ausblenden. Das iranische Regime gibt sich gerne moderat und konstruktiv, wenn es den eigenen Interessen dient. Alleine, jede Hilfe zählt! Die internationale Gemeinschaft wird jetzt schnell Unterstützung für die Anrainer-Staaten bereitstellen müssen, damit die Flüchtlinge nicht vor Hunger und Entbehrung sterben. Ich kann nur hoffen, dass der humanitäre Kraftakt, der uns allen jetzt bevorsteht, zu wirkungsvollen Reaktionen führt.

Das Interview führte Anders Mertzlufft.

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Die Deutsche Welthungerhilfe sammelt mit Stichwort „Hilfe für die Menschen in Afghanistan“: Sparkasse KölnBonn, IBAN DE15 3705 0198 0000 0011 15, BIC COLSDE33

Ärzte ohne Grenzen sammelt unter dem Stichwort „Afghanistan“ Bank für Sozialwirtschaft, IBAN: DE72 3702 0500 0009 7097 00, BIC BFSWDE33XXX

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Ortskraft Afghanistan

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