Girls Day
Frauen, Freiheit, Vorbilder

FemaleForward Blog Annett Witte
© Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Frau Kolter ist zwar seit zwölf Jahren die Leiterin eines Supermarkts, doch als es um den Umbau der Filiale geht, entscheiden plötzlich ihre Chefs. Das Wirtschaftsschulbuch, aus dem dieses Beispiel unternehmerischen (Nicht-)Handelns stammt, steht bei der Verbreitung von Rollenklischees leider nicht alleine da. Wie eine Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit im letzten Jahr gezeigt hat, sind weibliche Vorbilder in Wirtschaftsschulbüchern oft kaum zu finden. Während es vor allem Männer sind, die Unternehmen gründen und leiten, tauchen Frauen als Bedenkenträgerinnen auf („nur Arbeit und keine Freizeit mehr“) oder spielen gleich die Rolle des blonden Models, dem dann auch noch der Name „Sündchen“ gegeben wird.

Der Blick in die Abgründe der Gegenwartspädagogik unterstreicht die Bedeutung des Mädchen-Zukunftstags, neudeutsch „Girls‘ Day“. Die Bildungsforschung ist sich schließlich schon lange darin einig, dass Vorbilder, zumindest in „wohlverstandener Distanz“, eine wichtige Rolle bei der Bildung und Erziehung von jungen Menschen spielen können. Es geht hier keinesfalls um starre Blaupausen für festgeplante Lebenspläne („Guck dir den Dieter an“), sondern um das Vermitteln von Möglichkeitsräumen. „Entscheide selbst, was du werden willst“ ist eine Urforderung des Liberalismus, doch das setzt voraus, dass man zumindest eine grobe Ahnung davon hat, was man eigentlich alles wollen könnte. „Die Chancengerechtigkeit für Kinder, durch Bildung ihren Lebensweg selbst zu bestimmen, gilt nicht nur für Jungen, sondern sie muss sich genauso an Mädchen wenden, die für sich immer noch bestimmte Berufe aufgrund alter Rollenbilder ausschließen“, hat Maren Jasper-Winter es jüngst in ihrem Diskussionspapier Liberalismus ist Feminismus treffend zusammengefasst.

Es ist ein zentrales Ziel der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Talente zu fördern und Möglichkeitsräume zu schaffen. Das „Empowerment-Programm“ steht dafür ebenso wie Studien, die zeigen, was Unternehmerinnen besser machen. Auch diese Arbeit wäre ohne Vorbilder nicht denkbar. Der „Zukunftstag“ ist deshalb auch eine gute Gelegenheit, an liberale Pionierinnen wie Gertrud Bäumer und Helene Lange zu denken, die bereits vor hundert Jahren für Frauenrechte und Gleichberechtigung kämpften. Vor welchen Herausforderungen die beiden liberalen Frauen standen, zeigt sich in der (mit dem Wolf-Erich-Kellner-Preis ausgezeichneten) Studie von Angelika Schaser, die hervorhob, dass sich in ihren Biographien „die Differenz zwischen Rollenzuweisung und Lebenslauf“ aufzeigen ließe. Dass Gertrude Bäumer für ihre wichtige politische Arbeit den Beinamen „Naumann der Frauenbewegung“ erhielt, mag zur damaligen Zeit vor allem ein Ausdruck der freundschaftlichen Verbindung und produktiven Zusammenarbeit zwischen den beiden Liberalen gewesen sein, zeigt aber auch, wie mühsam der Kampf um gleiche Rechte und vor allem auch gleiche Wahrnehmung war und auch immer noch ist.

Liberal verstanden, dient der Girls‘ Day also dazu, Möglichkeitsräume zu schaffen und Rollenzuweisungen abzubauen. Es wichtig, alten Rollenbildern mit freiheitlichem Selbstbewusstsein entgegenzutreten. Es lohnt sich an dieser Stelle also auch, sich noch einmal die Vision von Helene Lange ins Gedächtnis zu rufen: „Wenn das Endziel der Frauenbewegung einmal erreicht ist, so wird es kein führendes Geschlecht mehr geben, sondern nur noch führende Persönlichkeiten.“

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Jordi Razum
Jordi Razum
Projektassistent / Subsahara-Afrika
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