Bildung
Bildung statt Betreuung

A photo of curious students looking at scientific experiment.

© Portra

Das nationale MINT Forum hat am 7. Februar ein Impulspapier zur MINT-Bildung im Ganztag vorgestellt. Es behandelt gleich zwei entscheidende Fragen: die Stärkung der Bildung im Bereich der Mathematik, Naturwissenschaften und der Informatik sowie die Frage, wie ein gelungener Ganztagsunterricht aussehen kann.

Der Ausbau des Ganztagsunterrichts hat einen zentralen Platz im Koalitionsvertrags der neuen Bundesregierung. Auch die Bildungsforschung hat bereits seit längerem festgestellt, dass Ganztagskonzepte dabei helfen können, dass Kinder und Jugendliche ihr Potenzial entfalten können. Insbesondere die großangelegte Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) hat dabei allerdings festgestellt, dass der Erfolg von Ganztagsschulen in hohem Maß von der Qualität der Durchführung und den  Kompetenzen des pädagogischen Personals abhängt. Umso erfreulicher ist es, dass das nationale MINT-Forum nun ein Impulspapier vorgelegt hat, dass viele Einsichten der Bildungsforschung aufgreift und sich mit den Potenzialen des Ganztagsunterricht für die MINT-Bildung beschäftigt.

An der Schwelle zum KI-Zeitalter gehört die MINT-Bildung ohne Zweifel zu den entscheidenden Bausteinen eines erfolgreichen Bildungsweges. „Neben einem konstruktiven Umgang mit Veränderung, Kreativität, Kollaborations- und Kommunikationsfähigkeit und kritischem Denken“, so die Autorinnen und Autoren des Papiers, „fördert sie besonders digitale und mathematische Kompetenzen, Technikwissen und den Umgang mit Technologien.“ Außerdem leiste sie einen wichtigen „Beitrag zur sozial-emotionalen Entwicklung“ und ermögliche „Selbstwirksamkeitserfahrungen.“ Orte für derartige Selbstwirksamkeitserfahrungen finden sich vor allem außerhalb des Klassenzimmers: in MakerSpaces mit 3D-Druckmöglichkeiten, im Stadtpark oder auch in Digitalwerkstätten. Die Chancen des Ganztagsunterrichts liegen damit auf der Hand: indem deutlich mehr Zeit zur Verfügung steht, haben Pädagoginnen und Pädagogen die Chance, ein flexibleres Bildungsangebot bereitzustellen und in multiprofessionellen Teams zu arbeiten.

Auf der offiziellen Vorstellungsveranstaltung des MINT Forums wies Michael Fritz, Vorstand der Stiftung Haus der kleinen Forscher, allerdings gleich auf die große Herausforderung hin. Es ginge um „Bildung, nicht um Betreuung“. Auch Kristina Reiss, die als Vorstandsvorsitzende des Zentrums für internationale Bildungsvergleichsstudien maßgeblich an der Durchführung der PISA-Studien in Deutschland beteiligt war, wies auf diesen fundamentalen Unterschied hin. Für die Umsetzung des 2021 verabschiedeten „Rechts auf Ganztagsbetreuung“ bedeute dies, dass umfangreiche finanzielle Ressourcen bereitgestellt werden müssten, damit der pädagogische Anspruch von Ganztagsangeboten gewahrt werden könne.

Der Ganztagsunterricht bietet große Chancen, externe Partner und außerschulische Lernorte besser in den Bildungswelten junger Menschen zu verankern. „Der Ganztag“, so das Impulspapier, solle dabei als Bildungsort verstanden werden, „der zu mehr Teilhabe und Chancengerechtigkeit beiträgt.“ Die Begründung dafür ist offensichtlich: manche Kindern genießen bereits im Elternhaus ein inoffizielles Ganztagsbildungsangebot, während andere alleingelassen werden. Damit öffnet sich eine Gerechtigkeitsschere, die am Vormittag nur schwer zu schließen ist. Gleichzeitig, dies sollte bei allem Lob des Ganztagsunterrichts nicht aus dem Blick verloren werden, hat auch die Freiheit der Eltern in dieser Form am Bildungsweg ihrer Kinder mitzuwirken, ihren eigenen Wert, der zum Beispiel durch die Wahlfreiheit zwischen gebundenen und offenen Ganztagsschulen berücksichtigt werden kann.

Auch wenn die Diskussionen um den Ganztagsunterricht daher noch keineswegs abgeschlossen sind, dürften die Vorschläge des MINT Forums auf breite Zustimmung stoßen. Ob einheitliche Qualitätsstandards für den Ganztag, die Kooperation zwischen Schulen und externen Anbietern auf Augenhöhe, oder die „strukturelle, feste Anbindung außerschulischer Angebote im Ganztag“: viele Elemente des Impulspapiers überzeugen. Die Bereitstellung des entsprechend geschulten Personals in der Breite dürfte die größte Hürde in der Zukunft sein. Aber auch kleine Hürden müssen übersprungen werden: auf der Vorstellungsveranstaltung wurde beispielsweise darauf hingewiesen, dass viele Fortbildungsformate sich ausschließlich an Lehrkräfte wenden würden, aber es wenig Raum für Austausch innerhalb der multiprofessionellen Teams gäbe. Damit der Ganztag gelingt, sollten daher die externen Träger ausdrücklich als Partner auf Augenhöhe begriffen werden, die einen wertvollen Beitrag zur Bildung leisten können.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
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