Türkei
Jugend mit Wahlstimme und ohne Hoffnung

Türkei Wahlen
© picture alliance / ZUMAPRESS.com | Tolga Ildun

Kann ich mich an ein Bildungssystem anpassen, das sich ständig ändert? Kann ich mich auf eine ordnungsgemäße Durchführung der Prüfungen verlassen? Werde ich eine Wohnung finden, wenn ich studiere? Wird mich meine Familie finanziell unterstützen können? Kann ich die Zinsen bezahlen, wenn ich eine Kreditkarte habe? Werde ich einen Job finden, wenn ich die Universität beendet habe? Und werde ich ein angemessenes Einkommen haben, mit dem ich frei und sorglos leben kann?

Diese Fragen müssen sich junge Menschen in der Türkei während ihrer Studienzeit stellen. Besonders durch die Abwertung der türkischen Lira, die Wirtschaftskrise und die zunehmende Beschneidung der Freiheitsrechte in den letzten Jahren wurden manche dieser Sorgen zu einem echten Problem. Versammlungsverbot, Musikverbot ab Mitternacht, Menschenrechtsverletzungen, Selbstzensur im Internet: Als junger Mensch in der Türkei zu leben, wird immer schwieriger. Immer mehr junge Menschen schauen sich daher verzweifelt nach Möglichkeiten im Ausland um, laut verschiedenen Umfragen würden etwa 70 Prozent der 18- bis 25-Jährigen gern das Land verlassen. Im Zuge der bevorstehenden Wahlen stehen die Probleme junger Türkinnen und Türken nun auch wieder auf der Tagesordnung der Politik, denn es geht um viele Wählerstimmen.

Nach Angaben des Statistikinstituts der Türkei (TUIK) sind 15 Prozent der türkischen Bevölkerung, also etwa 13 Millionen Menschen, in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen. Auch wenn diese Zahl in den letzten Jahren gesunken ist, ist sie prozentual immer noch höher als in den Ländern der Europäischen Union, in denen der Durchschnittswert 2021 bei 10,6 Prozent lag. Bei den anstehenden Wahlen werden rund 6,5 Millionen Erstwähler an die Urnen gehen. Unter den rund 62 Millionen Wahlberechtigten in der Türkei werden außerdem 20 Millionen Wählerinnen und Wähler unter 30 Jahren sein. Daher bestimmen die Probleme und Forderungen der jungen Bevölkerung vor den Wahlen die Agenda des Landes, zumal die Hälfte der jungen Menschen Umfragen zufolge noch unentschlossen über ihre Wahlentscheidung ist.

Als besonders wichtiges Ziel gilt es, die Universitätsstudierenden zu überzeugen. In der Türkei studieren gegenwärtig ca. 8,3 Mio. junge Menschen an Universitäten. Diese Zahl könnte aufgrund einer jüngsten Änderung im Hochschulzugangssystem noch weiter steigen. Demnach reicht nun bereits ein geringere Punktzahl bei den Zugangsprüfungen für die Aufnahme in eine Universität. Absehbar werden daher mehr Menschen unter prekären Bedingungen studieren und langfristig mehr Absloventinnen und Absolventen Schwierigkeiten haben, Arbeit in ihrem Feld zu finden.

Inzwischen führen in Großstädten wie Istanbul hohe Mieten, unzureichende Wohnheimkapazitäten und ständig steigende Lebensmittelpreise dazu, dass sich die Studierenden selbst um die grundlegendsten Bedürnfnisse wie Unterkunft und Nahrung Sorgen machen müssen. Der Traum vom Haus oder Auto, den sich ihre Eltern einst mit weniger Bildung und Aufwand verwirklicht haben, rückt in weite Ferne. Hinzu kommt, dass ein Leben, in dem sie sich weder sorglos amüsieren noch ihre Jugend ausleben oder träumen können, eine große psychische Belastung darstellt.

Die türkische Jugend, die sich des Lebensstandards ihrer Altersgenossen in entwickelten Ländern durch das Internet bewusst ist, zögert nicht, in den sozialen Medien, in Straßeninterviews und auf der Straße bessere Bedingungen zu fordern. Schlagzeilen machten Studierende, die z.B. um den Taksim-Platz Matratzen auslegten und unter dem Hashtag #barınamıyoruz (zu deutsch: “wir finden keinen Unterschlupf”) für bessere Wohnbedingungen demonstrierten. Die Bewegung erreichte über 40.000 Follower in den sozialen Medien. Die Zahl der verschuldeten jungen Menschen wird inzwischen auf rund 5,5 Millionen geschätzt. Die Politik kommt nicht umhin, auf diese Problemlagen zu reagieren. So verkündete beispielsweise Präsident Erdoğan, dass die Rückzahlungen der Studienkredite unabhängig von Inflation und Zinsen in Höhe des Kapitalbetrags erfolgen würden. Auch der CHP-Vorsitzende und Oppositionsführer Kılıçdaroğlu versprach im Juli Universitätsabsolventinnen und -absolventen, dass sie keine Zinsen für Bildungskredite zu zahlen bräuchten, wenn die CHP an die Macht käme. Daraufhin begann er medienwirksam Geld für die Kredite junger Menschen zu sammeln und zeigte so an einem konkreten Beispiel, wie wichtig ihm die Jugend im Vorfeld der Wahlen ist.

Träumen verboten…

Batıkan, ein 22-jähriger Jurastudent an einer der renommiertesten Universitäten Istanbuls, berichtet über seine Schwierigkeiten, mit dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Unsicherheit fertig zu werden: „Seinen Traum in der Türkei zu verfolgen ist ein Traum an sich. Die sich verschlechternde Wirtschaft macht es sowieso unmöglich zu träumen. Man muss sich mit seinen alltäglichen Problemen beschäftigen, Träumen ist für uns ein Luxus. Wir können es uns nicht leisten, unpolitisch zu sein. Auch Zukunftsplanung ist zum Luxus geworden und ehrlich gesagt Zeitverschwendung. Die Türkei befindet sich momentan in jeder Hinsicht auf so wackeligen Beinen, dass man jederzeit damit rechnen muss, seine Pläne auf Eis zu legen. In einem Land, in dem es nicht möglich ist, juristische, politische und wirtschaftliche Entwicklungen vorherzusehen, ist es sehr schwer, etwas von der Zukunft zu erwarten.“

Efe, 18 Jahre alt, ist ein junger Mann aus Kayseri, der gerade sein Abitur gemacht hat und dieses Jahr sein Studium beginnen will. Er versucht mit allen Mitteln, seinen Bildungsweg im Ausland fortzusetzen. Was ihn antreibt, ist die Angst vor Unsicherheit und Chancenungleichheit. „Im Moment warte ich auf die Ergebnisse der Hochschulzugangsprüfung. Meine größte Angst ist es, keine Wohnung zu finden, ich kann mich nicht einmal auf das Studium freuen. Während meines gesamten Schullebens haben mich Benachteiligung und ungleiche Bildungschancen sehr belastet. Würde ich meine Zukunft in der Türkei gestalten müssen, wünsche ich mir ein Leben, in dem Chancengleichheit herrscht. Wo das einzige Ziel aller darin besteht, voranzukommen, und wo es in der Gesellschaft großen Respekt und Anerkennung gibt.“

Tutku ist 22 Jahre alt, internationale Handelsstudentin in Muğla. Die Unterstützung der Familie und die erhältlichen Stipendien reichen nicht mehr zur Deckung des Lebensunterhalts, geschweige denn für Reisen. Im Sommer arbeitet sie auf Ausflugsbooten, im Winter in Cafés. „Ich kann meine Träume nicht verwirklichen, z.B. ein Universitätsleben wie meine europäischen Kommilitonen führen, mich weiterentwickeln oder reisen. Ich fühle mich in jeder Hinsicht unterlegen. Da ich in der Tourismusbranche tätig bin, treffe ich Menschen aus anderen Ländern, die in jungen Jahren schon so viel gesehen haben. Wir sind Europa so nah und doch so fern.“

An diesen Beispielen werden die Hoffnungslosigkeit, der Pessimismus und die Wut offensichtlich, die junge Menschen empfinden. Für die bevorstehenden Wahlen könnten sie eine entscheidende Wählergruppe sein. Doch ob sich ihre Unzufriedenheit tatsächlich auf den Wahlausgang auswirkt, ist laut einer Analyse des Think-Tanks Istanbul Economic Research (IER) nicht garantiert. Zwar sei die Zustimmung zur gegenwärtigen Regierung unter den jungen Leuten besonders gering. Doch habe einerseits die Pandemie den aktiven Austausch zu politischen Themen sehr eingeschränkt, andererseits gebe es unter den jungen Menschen ein großes Misstrauen gegen die Politik generell und nicht nur gegen die jetzige Regierung. Ob es den Oppositionsparteien gelingt, diese wichtige Wählergruppe von sich zu überzeugen, wird sich zeigen. Die politische Aufgabe, der Jugend wieder Perspektiven zu geben, besteht unabhängig vom Ausgang der Wahl, und wird für die Entwicklung der Türkei mitentscheidend sein.

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Amély Rechberg
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