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Die Entscheidung zu bleiben, die Kraft zu handeln

Lernen Sie Frau Dr. Rodica Crudu aus der Republik Moldau kennen
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© Friedrich Naumann Foundation for Freedom

WIRTSCHAFT & AKADEMISCHE WELT & ZIVILGESELLSCHAFT

Moldauische Expertin für Unternehmertum und Universitätsprofessorin Rodica Cruduäußert sich  zu den Herausforderungen, die es mit sich bringt, im Heimatland zu bleiben und sich als Frau in einem männerdominierten Umfeld zu behaupten.

Das ist Multitasking pur! Rodica Crudu ist Dozentin, Expertin für europäische Wirtschaftspolitikbei einem  gemeinnützigen Verein, dem Labor für Entwicklungsinitiativen - Republik Moldau, und Chefredakteurin der  Osteuropäischen Zeitschrift für Regionalstudien. „Wir konzentrieren uns aufdie Förderung  der wirtschaftlichen Entwicklung, die Erprobung verschiedener Strategien zurErholung  nach  der COVID-19-Pandemie sowie auf die Umsetzung einer grünen Politik, unter anderem durch die Einführung von EU-Maßnahmen".

Bis vor kurzem leitete sie als Dekanin die Fakultät für internationale Wirtschaftsbeziehungen der Moldauischen Akademie für Wirtschaftswissenschaften. Darüber hinaus wurde sie im Rahmendes Jean-Monnet -Programms, einem Netzwerk von Lehrstühlen für Universitätsprofessor*innenund Dozent* innen mit Schwerpunkt auf Europastudien, als Professorinausgezeichnet. Sie koordinierte  auch mehrere EU-finanzierte Projekte zum Thema europäische Integrationsstudien.

Es kommt heutzutage selten vor, dass jemand das Wort „ehrgeizig“ im positiven Sinne erwähnt,doch Rodica  Crudu verwendet ihn genau in diesem Sinne, um ein klares Bild von ihren Ideen zuvermitteln. „Ich bin  eine ehrgeizige Person. Ichwollte schon immer  alle möglichen Gipfel besteigen“, sagt die in Chișinău lebende Rodica Crudu.

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Den Hügel hochlaufen

Sie unterrichtet Lehrveranstaltungen zum Thema „Europäische Integration und Wirtschaft“ für Bachelor-Student*innen  und „Institutionen und Politiken der EU“ für Studierende der Masterstudiengänge. „Ich stoße gerne  Debatten an, hinterfrage bestimmte Verhaltens- und Denkweisen und untersuche die verschiedenen Wahrnehmungen in der Gesellschaft. Dochkann man in diesem  Prozess den europäischen Werten gegenüber nicht neutral oderunparteiisch bleiben  – wir stehen hinter diesen Werten", sagt Rodica, die auch die Erfahrunggemacht hat, dass  diese Einstellung bei den Menschen gut ankommt.
„Junge

Leute in Moldawien haben eher eine pro-europäische Haltung. Ich habe den Eindruck,dass dies sogar bei den russischsprachigen Student*innen der Fall ist. Auch wenn ihnen im Familienkreis etwas anderes beigebracht wurde, erkennen sie die Vorteile, die der Westen mitsich bringt.“ Sie freut sich darüber, dass immer mehr Studierende über den Tellerrand hinausschauen und  fundierte Diskussionen führen. „Sie sind neuen Ideen gegenüber immer aufgeschlossener und machen sich europäische Werte zu eigen.“

Für die Förderung der Qualität in der Hochschulbildung in der Republik Moldau wurde sie 2018 mit dem nationalen Preis „Calitatea de Cristal“ ausgezeichnet. „Die Rückmeldungen der Studierenden zu meinen Leistungen - das bereitet mir eine unbestreitbare Freude, die viel wichtiger ist als die finanziellen Belohnungen."

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Mit guten Beispielen nach Hause zurückkehren

Die Erfahrung, die sie durch die verschiedenen Stipendien, darunter ein Fulbright-Stipendium, im Laufe der Jahre gesammelt hat, haben sie dazu veranlasst, ihre Lehrstrategien zu überdenken und sich von alten Modellen zu verabschieden, denen sie als Studentin ausgesetzt war. „Die Entscheidung, kurzzeitig in die Vereinigten Staaten zu ziehen, fiel mir nicht leicht, da ich mich um meine  zwei Kinder kümmern musste, aber ich wurde ermutigt, den Schritt zu wagen.

Ihre Entschlossenheit, das Umfeld und die Stimmung um sie herum zu verändern, beschränktesich nicht  auf ihre Lehrtätigkeit im Hörsaal. Sie trieb die Fakultät dazu an, ihr Präsenz in den sozialen Medien zu verstärken, und initiierte Austauschprogramme mit  ausländischenUniversitäten für  Studierende und Lehrkräfte. Zudem unterstützte Rodica die Einrichtung eines gut ausgestatteten Arbeits- und Begegnungsraums für Studierende nach dem Vorbild ähnlicher Initiativen an Universitäten und Bibliotheken aus den westlichen Ländern.

Sie unterrichtet Unternehmertum sowohl in Rumänien als auch in der Republik Moldau, wodurch sich Vergleiche zwischen den Studierenden in diesen beiden Ländern ziehen lassen, die einander hinsichtlich der Sprache und der Tradition so nahe wie möglich sind. „Es ist halt anders.“ Sie meint, dass die Intuition und die Entschlusskraft in den beiden Gruppen unterschiedlich seien. „Stellen Sie sich einen Kuchen vor. Moldauische Studierende können ihn bewundern und riechen, aber sie schauen nur zu, wie andere ihn kosten. Rumänische Studierende kennen den Geschmack und das Aroma bereits sehr gut. Wenn junge Leute aus Rumänien eine Geschäftsidee entwickeln wollen, denken sie schnell an EU-Fördermittel, die ihnen zugutekommen könnten. Moldawier*innen steht diese Möglichkeit nicht gleich zur Verfügung.“

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„Moldauische Studierende sind noch schüchtern, können ihre Ideen nicht in Worte fassen und haben Angst vor Misserfolg.“ Deshalb hält sie auch nur selten schriftliche Prüfungen ab und zieht es vor, mit den Studierenden zu sprechen. „Sie brauchen noch stärker an ihre Kommunikationsfähigkeiten zu arbeiten. Es geht nicht nur um das Wissen im Kopf, sondern auch um die Fähigkeit, eine Botschaft zu vermitteln. Manche hellen Köpfe bleiben eben verschlossen. Sie müssen ihre Flügel öffnen und fliegen, sich als Individuen behaupten.“

Darin kann sie auch ihr jüngeres Selbst wiedererkennen. Aus einem Dorf stammend, brauchte sie nach ihrem Umzug in die Hauptstadt einige Zeit, um zu begreifen, dass sie mehr vom Leben wollte als das, was ihr geboten wurde. „Ich habe einige Jahre gebraucht, bis ich mich getraut habe.“

Anfang 2021 trat sie von ihrem Amt als Dekanin zurück, weil es ihr viel Zeit in Anspruch nahm und es immer noch schwierig ist, im akademischen Bereich ein angemessenes Gehalt zu erhalten. „Ich glaube aber, es kommt nicht auf die Position oder den Titel an, sondern auf das menschliche Element, das man da einbringt.“

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Der Kampf um ein besseres Moldawien

Seit den turbulenten Ereignissen in Osteuropa 1989 und der Auflösung der UdSSR 1991 verlassen die Bürger*innen der seit dem unabhängigen Republik Moldau ständig ihr Land. Die anhaltende wirtschaftliche Instabilität hat zur Auswanderung von fast 45 % der 3,6 Millionen Einwohner*innen geführt. Laut amtlichen Daten des Nationalen Statistikamtes waren 2019 rund 246.000 Moldauer*innen als Migranten unterwegs, die zwischen ihrem Land und dem Ausland pendeln und vorübergehend woanders leben als in ihrem Land. Dies entspricht etwa 27 Prozent der moldauischen Erwerbsbevölkerung.

Zwar hatte Rodica die Möglichkeit, dauerhaft im Ausland zu leben, doch hat sie sich immer wieder für die Heimkehr entschieden. Im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit nahm Rodica Crudu an zahlreichen Studienaufenthalten und Berufspraktika in verschiedenen europäischen Ländern teil (im Vereinigten Königreich, in Spanien, Belgien, Deutschland, Litauen, Rumänien usw.) und erhielt außerdem ein Fulbright-Stipendium in Washington, DC.

„Ich habe Moldawien immer vermisst“, sagt Rodica, aber dafür gibt es wohl einen tieferen Grund. „Ich vermute, es liegt an meinem familiären Hintergrund, an der Art und Weise, wie ich erzogen wurde - mit dem Glauben, dass wir daheim ein besseres Leben haben können und dass jeder dazu beitragen sollte. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich gefragt wurde, warum ich noch in Moldawien bin: „Du verschwendest deine Zeit“, erinnert sie sich mit einem bittersüßen Lächeln. Ihre ältere Tochter studiert im Vereinigten Königreich, die jüngere möchte dasselbe tun und Rodica ist sich daher nicht sicher, ob sie diese Philosophie an ihre Kinder weitergibt.

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Frau Crudu blickt seit Ende 2020, als Maia Sandu von der pro-europäischen Partei für Aktion und Solidarität zur ersten Präsidentin der Republik Moldau gewählt wurde, unermüdlich optimistisch in die Zukunft ihres Landes.

Zu ihren eigenen Erfahrungen als Frau in der akademischen Welt sagt sie, dass sie mit einigen Schwierigkeiten konfrontiert war, vor allem damit, dass es einem schwer fällt, sich in einem Umfeld zurechtzufinden, in dem man die Grenzen der eigenen Möglichkeiten sieht. „Schon einige Male in meinem Leben habe ich mich gefragt, warum ich als Frau geboren wurde - ich habe stets gedacht, dass Jungs es leichter im Leben haben“, sagt sie in einem etwas düsteren Ton. „Ich hatte immer das Gefühl, dass Männer im akademischen Bereich leichter befördert werden, während Frauen härter arbeiten müssen.“

Sie versucht, ihre Lebensgeschichte als Vorbild für ihre beiden Töchter darzustellen. „Ich sage ihnen: Wenn man sich ständig Mühe gibt, wenn man hart arbeitet, wird man auch immer den Lohn für seine Leistung ernten können, aber die Arbeit selbst sollte das Glücklichsein nicht überschatten. Denn letztendlich geht es um Glück und Ermächtigung. Wenn man die richtige
Balance findet, fällt es einem später leichter.“

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