1 Jahr Militärputsch
Myanmar: Der Widerstand ist ungebrochen

Vor einem Jahr stürzte Myanmars Armee Regierungschefin Aung San Suu Kyi. Doch ein Großteil der Bevölkerung will die neuen Machthaber nicht akzeptieren.
Myanmar Proteste

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Am 1. Februar, wenn der Putsch in Myanmar sich zum ersten Mal jährt, wird es in Yangon, der Wirtschaftsmetropole des Landes, gespenstisch leer sein. Die Demokratie-Bewegung hat die Myanmaren aufgerufen, als Zeichen des Protests gegen den Staatsstreich an diesem Tag einfach zu Hause zu bleiben. Die Armee ist nervös: Sie warnte die Menschen per Lautsprecher und in den staatlichen Medien davor, sich an dem Streik zu beteiligen. Doch die Protestaktionen der Vergangenheit haben gezeigt, dass sich die Mehrheit der Myanmaren von Drohungen des Militärs nicht abschrecken lässt.

Ein Jahr nach dem Staatsstreich ist der Widerstand gegen das Militär weitgehend ungebrochen. Zwar ist die gestürzte Regierungschefin Aung San Suu Kyi in einem politischen Prozess verurteilt worden und ist von der Bildfläche verschwunden. Doch für viele in dem Land bleibt sie ein Idol. Es ist noch nicht entschieden, ob es dem Putschisten Min Aung Hlaing tatsächlich gelingen wird, seine Macht zu konsolidieren.

Seine Truppen verhalten sich unterdessen gegenüber der eigenen Bevölkerung wie eine Besatzungsmacht. Laut der Organisation für politische Gefangene in Myanmar wurden 1500 Menschen Zivilisten bereits getötet. Rund 9000 Menschen wurden verhaftet.

Die Brutalität des Militärs, das friedliche Demonstranten mit Kopfschüssen tötete, hat seine Gegner zu den Waffen greifen lassen. Fast täglich kommt es im ganzen Land zu Anschlägen gegen Sicherheitskräfte und staatliche Einrichtungen. In der Peripherie des Landes haben einige der bewaffneten Rebellengruppen die Waffenruhe mit Myanmars Armee defacto gekündigt. Sie geben den kampfbereiten jungen Menschen Waffen aus den Städten und bilden sie aus. Manche kehren als Stadtguerillas zurück. Andere der frischen Kämpfer und Kämpferinnen werden direkt in die Rebellengruppen eingegliedert und an vorderster Front gegen das Militär eingesetzt.

Der Putsch hat so den seit Jahrzehnten schwelenden Bürgerkrieg in Myanmar neu aufflammen lassen. Und die Brutalität nimmt zu. Auch wegen der vielen Fahnenflüchtigen in den eigenen Reihen, setzt das Militär wohl zunehmend auf Luftangriffe. Die Vereinten Nationen rechnen mit etwa 320.000 Binnenflüchtlingen. Immer mehr von ihnen drängen auch in die Nachbarländer. Allein in Thailand hielten sich zeitweise rund 10.000 Flüchtlinge auf - die Zahl könnte bald weiter ansteigen.

Eine Lösung des Konflikts zeichnet sich nicht ab. Die Demokratie-Bewegung will den politischen Einfluss der Armee ein für alle Mal beenden. Das Militär dagegen ist fest entschlossen, die demokratische Revolution niederzuschlagen. Bis sich der Stärkere durchsetzt, könnten noch Jahre vergehen - und das Land bis dahin endgültig in Chaos versinken.

Der Einfluss des Westens auf die Krise ist begrenzt. Er ist aber nicht ganz machtlos. Da Geschäfte in der Öl- und Gasbranche fast ausschließlich in Euro und Dollar abgewickelt werden, könnten die EU und USA mit Sanktionen die Rohstoff-Einnahmen der Junta massiv eindämmen. Der Schaden für westliche Unternehmen wäre überschaubar. Die beiden größten Investoren aus dem Energiesektor, Total und Chevron, haben erst vor wenigen Tagen angekündigt, sich aus Myanmar zurückzuziehen - aufgrund der Menschenrechtsverletzungen der Junta.

 

Frederic Spohr leitet die Projekte der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Thailand und Myanmar von Bangkok aus.

Dieser Beitrag erschien am 31. Januar 2022 in der Fuldaer Zeitung.