Krieg in Europa
Globale Hungerkrise spitzt sich zu

Ein indischer Soldat bewacht einen mit Weizen beladenen Lastwagen

Ein indischer Soldat bewacht einen mit Weizen beladenen Lastwagen

© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Prabhjot Gill

Dass Deutschland relativ abhängig von Gasimporten aus Russland ist, ist etabliert. Dass diese Abhängigkeit für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes verheerend werden könnte, ebenfalls. Davon, dass die deutsche Abhängigkeit von russischen Energieträgern aber tatsächlich existenzielle Nöte in unserem Land verursachen könnte, geht bisweilen allerdings niemand ernsthaft aus. In Nordafrika ist die Lage eine gänzlich andere. Hier steht weniger der Energieversorgung, sondern viel mehr die Nahrungsmittelversorgung auf der Kippe. Beispielsweise Ägypten und der Libanon bezogen in der Vergangenheit rund achtzig Prozent ihres Weizens aus Russland und der Ukraine. Für Eritrea fußte die Weizenversorgung sogar zu hundert Prozent auf Importen aus diesen Ländern. Die Nahrungsmittelversorgung Nordafrikas steht nun weiterhin auf der Kippe.

Krieg in der Ukraine

Durch gezielte Schläge gegen Getreidekontore sowie Silo-Plünderungen im besetzten Gebiet wurden die ukrainischen Lebensmittelvorräte empfindlich dezimiert. Entlang der Fronten wurde das Bestellen der Felder beziehungsweise die Ernte durch die Kampfhandlungen unmöglich gemacht. Durch die großflächige Kampfmittelverseuchung wird das wohl auch in Zukunft nur unter erschwerten Bedingungen möglich sein. Hinzu kommen die Feldfrüchte, die noch vor der Ernte aufgrund von Artilleriebeschuss verbrennen. Allein schon dadurch verringert sich das ukrainische Getreideangebot an den Weltmarkt.

Aber damit nicht genug. Ein weiterer Knackpunkt sind die entstandenen Logistikprobleme. Die Ukraine hat im Rahmen des russischen Angriffskrieges entscheidende Hafenstädte verloren. Allein aus den Häfen von Odessa und Mykolajiw könnten ukrainische Güter noch verschifft werden. Bislang war die Passage in den Hafen allerdings zum einen durch einen ukrainischen Seeminenteppich zum Schutz vor einem russischen Angriff über den Seeweg abgeschnitten. Zum anderen patrouillieren die russische Schwarzmeerflotte und Marinebomber vor der Bucht von Odessa, weshalb der Transport von ukrainischem Getreide über den Seeweg verhindert wurde. Ein am 22. Juli von beiden Kriegsparteien unter türkischer Schirmherrschaft unterzeichnetes Abkommen soll nun Abhilfe schaffen. Dieses sieht vor, dass Getreidetransporte aus der Ukraine freies Geleit seitens Russlands erhalten, sofern türkische Zöllner sicherstellen, dass nur Agrargüter ausgeschifft und keine Rüstungsgüter oder Verstärkungen in die Ukraine eingeschifft werden. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen sprach von einem „Leuchtfeuer der Hoffnung“, das durch diesen Deal entzündet wurde – ob er damit Recht behalten soll, wird sich zeigen. Zumindest brannte schon einen Tag nach der Unterzeichnung des Abkommens ein Hafengebäude in Odessa lichterloh. Die Ursache: russische Raketenschläge. Nur wenige Tage später wurde einer der wichtigsten Getreidehändler der Ukraine durch russische Angriffe im Schlaf getötet. Doch trotz allem: Es gibt auch gute Nachrichten. Die ersten Frachter mit ukrainischem Getreide haben den Bosporus passiert.

Russlands Druckmittel

Russland hingegen plant die nun drohende Hungersnot als Waffe im (Des-)Informationskrieg gegen die Unterstützer der Ukraine einzusetzen. Die westlichen Sanktionen würden einen Export von Agrargütern unterbinden, heißt es aus dem Kreml – eine offensichtliche Falschaussage. Lebensmittel wurden sogar explizit aus dem Sanktionsregime ausgenommen. Die Absicht der russischen Führung ist dabei eindeutig: Die Sanktionen sollen verwässert werden, um den zu erwartenden langfristigen Schaden an Russlands Wirtschaft abzuwenden. Tatsächlich hatte der Kreml selbst erklärt, zukünftig lediglich nur noch „freundlich gesinnte“ Nationen mit Lebensmitteln zu versorgen. Die Umkehr der Verantwortlichkeit ist eine häufig gesehene Desinformationstaktik des russischen Propagandaapparates.

Weitere Agrarnationen

Russland und die Ukraine haben in der Vergangenheit rund zwölf Prozent der international gehandelten Kalorien produziert. Durch den Wegfall der Exporte verknappt sich das Angebot nun deutlich. Dieser angebotsseitige Rückgang hat seit Anbeginn des Krieges zu deutlichen Preissteigerungen geführt – beim Weizen ist der Weltmarktpreis seit Jahresbeginn beispielsweise um 53 Prozent angestiegen. Als Reaktion auf diese Preisentwicklungen haben andere wichtige Agrarnationen, allen voran Indien, ebenfalls den Export von Weizen ausgesetzt. Das Argument, der hohe Weltmarktpreis könnte die Kaufkraft der einkommensschwachen Bevölkerung des eigenen Landes übersteigen, ist schlüssig. Die Sorge, die indische Agrarproduktion könne in der Folge den Weltmarkt bedienen anstatt die heimische Nachfrage ist ebenfalls nachvollziehbar. Aber auch andere Länder, deren Weizenausfuhr nicht direkt durch politische Entscheidungen beschnitten wurde, sind aktuell durch Extremwetterereignisse und Dürren, aber auch politisches Missmanagement beeinträchtigt. So ist beispielsweise die sri-lankische Landwirtschaft durch eine kurzfristigst anberaumte, staatlich verordnete Umstellung auf Biolandwirtschaft kollabiert. Chaos, Hunger und eine anhaltende Wirtschaftskrise sind die Folge. Ein extremes Beispiel – doch es verdeutlicht die Misere auf dem Agrarmarkt.

Die Opfer der Preisentwicklung

Die Auswirkungen dieser Preissteigerungen sind auf der ganzen Welt bemerkbar. Zur ohnehin von Unsicherheit und steigenden Energiepreisen geprägten Inflation tragen auch die Entwicklungen auf den Agrarmärkten signifikant bei. Aber besonders hart werden die einkommensschwachen Haushalte der ohnehin ärmeren Länder Afrikas getroffen. Der Grund: ihre hauptsächlich von ausländischen Quellen abhängige Lebensmittelversorgung. Dabei liegt die Geburtenrate in diesen Regionen besonders hoch – in Eritrea hat eine Frau zum Beispiel im Durchschnitt vier Kinder. Das Durchschnittsalter in dem nordafrikanischen Land liegt bei knapp achtzehn Jahren. Folglich werden auch viele Kinder und junge Erwachsene von der zu erwartenden Nahrungsmittelknappheit betroffen sein. Das ist besonders tragisch! Denn jenseits des akuten Leides, das dadurch entsteht, haben Unterernährung und Mangelversorgung katastrophale Auswirkungen auf die Entwicklung junger Menschen. Die sich anbahnende Hungerkatastrophe droht somit das Land auch langfristig zu destabilisieren und nachhaltig zu schädigen.

Wege aus der Krise

Kurz gesagt: Eine einfache Antwort auf die zu erwartende Krise gibt es nicht. Schon vor dem russischen Angriff auf die Ukraine hatte das Welternährungsprogramm aufgrund der klimatischen Bedingungen in einigen der Kornkammern der Welt für das Jahr 2022 eine fatale Entwicklung auf den Nahrungsmittelmärkten vorhergesagt – diese wird nun durch die Auswirkung des Krieges zusätzlich verstärkt. Da die Nahrungsmittelproduktion aber von Einsaat- und Erntezyklen, Jahreszeiten und Umwelteinflüssen abhängig ist, ist eine kurzfristige Strategieanpassung nur schwerlich vorstellbar. Daher wird eine kurzfristige Angebotsausweitung durch Mehrproduktion wahrscheinlich nicht die unmittelbare Not lindern können. Mögliche Hebel, um dennoch kurzfristig zu reagieren, liegen daher nur in der Umverteilung von Getreideressourcen. Beispielsweise fließen in Deutschland an die 60 Prozent der Ernten als Futtermittel in die Viehwirtschaft. Hinzu kommen etwa neun Prozent, die für die Herstellung von Biokraftstoffen herangezogen werden. Nun sind die Getreidearten, die als Futter- bzw. Energiesorten (beispielsweise Gerste und Mais) genutzt werden, nicht zwingend die erste Wahl, um Menschen zu ernähren, und entsprechen ggf. nicht der traditionellen Ernährungsweise der betroffenen Regionen. Um aber das drohende kalorische Defizit zu schließen, können auch diese Ernten genutzt werden. Die Folgen für die Vieh- und Bioenergiebetriebe wären allerdings voraussichtlich verheerend. Insbesondere Fleischpreise könnten als Konsequenz deutlich ansteigen.

Fazit

Es wäre ehrlicherweise falsch, die drohende Hungerkrise in ihrem ganzen Ausmaß auf die Kriegstreiberei des Kremls zu schieben. Allerdings wäre es genauso falsch, die Augen vor dem Leid zu verschließen, das der Krieg in der Ukraine auch fernab der Fronten verursacht. Wären die Kornspeicher intakt und der ukrainische Agrarapparat voll funktionstüchtig, stünden die Chancen besser. Traktoren sollten Pflüge ziehen – keine Panzer.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
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