Bildung

Publikation: Duale Bildung

Vor dem Hintergrund der Coronavirus-Pandemie wird heute in Berlin der Bildungsbericht  zur Lage des deutschen Bildungssystems vorgestellt. Es gibt gute Gründe, sich gerade jetzt über die Zukunft des Bildungssystems Gedanken zu machen. Denn die Coronakrise ist wie ein schwerer Sturm. Ob Schulen wieder geöffnet und Prüfungen verschoben werden, sind Fragen der bildungspolitischen Wetterlage in außergewöhnlichen Zeiten. Der bildungspolitische Klimawandel ist dagegen geprägt von langfristigen Fragen, die angesichts des viralen Unwetters allerdings mit neuer Wucht in das öffentliche Bewusstsein gestoßen sind. Hier geht es um die Digitalisierung der Bildungswege, den Umgang mit Disruptionen in Bildungsbiographien und das veränderte Zusammenspiel von Theorie und Praxis angesichts der Herausforderungen durch Digitalisierung und globalem Wettbewerb. Die neue Broschüre des Liberalen Instituts der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zum Thema „Duale Bildung“ gibt Antworten auf diese Art des Klimawandels. Eine Schlüsselrolle für die Bewältigung der Herausforderungen der Zukunft, so das zentrale Argument, liegt in der Dualen Bildung.

Bisher wird unter „dualer Bildung“ vor allen Dingen die duale, berufliche Ausbildung verstanden. Diese ist eine deutsche Erfolgsgeschichte: allein 2018 begannen rund 500.000 Schulabgängerinnen und Schulabgänger eine entsprechende Ausbildung. Das System gerät allerdings unter Druck, die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze steigt ebenso wie die Zahl derer, die keinen passenden Ausbildungsplatz finden. In unserer Broschüre zur „Dualen Bildung“ machen wir konkrete Verbesserungsvorschläge, wie zum Beispiel für eine umfassendere Berufsorientierung und eine konsequente Nutzung digitaler Lehrmöglichkeiten. Gleichzeitig plädieren wir aber auch dafür, das gesamte Bildungssystem dual zu denken und sich nicht allein auf die berufliche Ausbildung zu beschränken. 

In jedem Bildungsabschnitt sollen Theorie und Praxis miteinander verzahnt werden. In der Schule können dies beispielsweise Praktika und Projektwochen sein, die mit regionalen Unternehmen durchgeführt werden. Es ist aber auch denkbar, ganz neue Wege zu gehen: an manchen Gymnasien ist es bereits möglich, neben der Allgemeinen Hochschulreife einen Gesellenbrief zu erhalten und die ersten Schritte zum Meisterabschluss zu gehen. Auch das lebenslange Lernen muss gestärkt werden. Neben das erste Bildungssystem muss ein zweites stehen, welches vielfältige Formen der Fort- und Weiterbildung ermöglicht. Damit die jeweiligen Angebote auch zur tatsächlichen Lebenswirklichkeit passen, können die Einführung eines „Midlife-Bafögs“ oder auch Fortbildungskonto dafür sorgen, dass auch tatsächlich die notwendigen finanziellen und zeitlichen Ressourcen bereitstehen. Um die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung zu stärken sollten die Begabtenförderwerke außerdem ebenfalls Angebote an Auszubildende machen. Abschließend darf auch die Internationalisierung der dualen Bildung nicht aus dem Blick gelassen werden und das Programm „Erasmus+“ gestärkt werden – das mittelfristige Ziel sollte eine europäische „Bildungsfreizügigkeit“ sein, die es jungen Menschen ermöglicht, einzelne Abschnitte ihres Bildungsweges im (europäischen) Ausland zu beschreiten.

Außergewöhnliche Wetterereignisse und der Klimawandel hängen eng zusammen, auch wenn eine direkte Kausalitätskette nicht immer gegeben ist. Genauso ist es mit der Bildungspolitik der Zukunft und den Herausforderungen der Coronakrise. Das Coronavirus schärft den Blick auf Probleme, die schon lange ein Thema waren – zum Beispiel die unzureichende Digitalisierung der deutschen Schulen. Außerdem wird deutlich, dass das Bildungssystem deutlich flexibler gedacht werden muss und praktische Tätigkeiten (und oft systemrelevante) besser berücksichtigten werden sollte. Unsere Ideen zur Dualen Bildung sollen dazu Impulse liefern.

Dies ist ein Auszug aus unserer Publikation, diese können Sie in unserem Shop downloaden.

Duale Bildung weiterdenken

Die duale berufliche Bildung in Deutschland ist ein Erfolgsmodell. Nur in wenigen anderen Ländern wird die praktische Ausbildung in Betrieben und Unternehmen gleichzeitig mit einem anspruchsvollen schulischen oder sogar universitären Theorieprogramm untermauert. Doch das System gerät zunehmend unter Druck. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze mehr als verdreifacht, gleichzeitig steigt die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber, die keinen Ausbildungsplatz finden. Gerade in ländlichen Regionen und in bestimmten Branchen ist der Fachkräftemangel real und bedroht den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand. Digitalisierung und Globalisierung stellen viele zukünftige Arbeits- plätze und die mit ihnen verbundenen Berufsbilder infrage.

Liberale Ideen für die Zukunft

In der Zukunft wird man unter dualer Bildung nicht nur die berufliche Ausbildung verstehen. Das gesamte Bildungssystem wird dual gedacht werden. Daher müssen Theorie und Praxis über alle Bildungs- und Berufswege hinweg verzahnt werden. Bereits in der Schule sollten praktische Erfahrungen selbstverständlich sein, außerdem sollten die Schülerinnen und Schüler über Praktika und Projektwochen Einblicke in die Unternehmenswelt ihrer Region erhalten. Pilotprojekte wie das „Handwerkergymnasium“, bei dem Schülerinnen und Schüler neben dem Abitur einen Gesellenbrief und schließlich sogar einen Meisterabschluss erwerben können, ergänzen bisherige Angebote und machen die berufliche Bildung wieder attraktiver. Eine behutsame Akademisierung existierender Ausbildungsberufe ebenso wie die Stärkung des dualen Studiums können dazu beitragen, dass die Durchlässigkeit zwischen verschiedenen Bildungs- und Berufswegen erhöht wird. Außerdem kann so den veränderten Ansprüchen einer digitalen Arbeitswelt Rechnung getragen werden. Nach dem Einstieg in die Arbeitswelt sollten Angebote zum lebenslangen Lernen Chancen eröffnen, auch weiterhin Theorie und Praxis zu verbinden.

Beste Berufsorientierung – ein Leben lang

Die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger ist allein in den letzten zehn Jahren um knapp 150.000 gestiegen. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Auszubildenden im dualen System um rund 80.000 gesunken. Allerdings: 29 Prozent aller Bachelorstudierenden brechen ihr Studium ab. Bereits ein halbes Jahr später haben 43 Prozent dieser Studienabbrecher eine Berufsausbildung aufgenommen und begründen dies mit fachlichem Interesse und dem Wunsch nach einer praktischen Tätigkeit. Daran zeigt sich die Bedeutung einer besseren Studien- und Berufsberatung an den Schulen. Denn: Schon 2014 stellte eine Studie der Vodafone-Stiftung fest, dass sich über die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler schlecht über ihre Berufschancen informiert fühlt.

Liberale Ideen für die Zukunft

Die Schulabgängerinnen und Schulabgänger sollten früh alle Bildungs- und Berufswege kennenlernen, in denen sie ihre Talente voll entfalten können. Gerade Abiturientinnen und Abiturienten muss dabei die berufliche Ausbildung als lohnenswerte Alternative zum Studium aufgezeigt werden. Deshalb muss vor allem die schulische Berufsorientierung gestärkt werden. Sie sollte neben theoretischen Elementen viele handfeste Erfahrungen beinhalten. Zum Beispiel muss es mehr Austauschformate mit Unternehmen und Arbeitgebern in der jeweiligen Region geben, aber auch Praktika und Projektwochen. Die Jugendberufsagenturen müssengestärkt werden und ein flächendeckendes Angebot bereitstellen. Auch nach der Schule sind Orientierungsangebote wichtig, die die verschiedenen Angebote des lebenslangen Lernens berücksichtigen und auch Hinweise zu Finanzierungsmöglichkeiten geben. Dies erhöht die Durchlässigkeit zwischen verschiedenen Bildungs- wegen und schafft Aufstiegschancen.

Duale Bildung

Lebenslanges Lernen

Fort- und Weiterbildung sind ein lebenslanges Thema. Schon der große liberale Vordenker Wilhelm von Humboldt hat deutlich gemacht: Bildung ist nicht nur die Voraussetzung für den Erwerb eines einzigen Berufs, sondern auch für „die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum andern überzugehen.“ Erst recht an der Schwelle zum „KI-Zeitalter“ gilt: Nur wenige Karrierewege werden einem vorgezeichneten Plan folgen. Neue Technologien verändern Theorie und Praxis, was die Bedeutung von Bildung während des Arbeitslebens erhöhen wird.

Liberale Ideen für die Zukunft

Auch nach den ersten Abschlüssen bleiben Fort- und Weiterbildung wichtig. Daher sollte das Ziel sein, auch das Berufsleben „dual“ zu denken und mit Bildungsmaßnahmen zu flankieren. Teilzeitangebote sollten dabei ebenso ausgebaut werden wie Unterstützungsmodelle für längere Aufenthalte an Hochschulen. Hier können ein Midlife-Bafög und ein Fortbildungskonto wertvolle Anreize liefern, damit Weiterbildung auch zu unterschiedlichen Lebensentwürfen passt. Weiterbildungsgutscheine können dabei einen Wettbewerb zwischen öffentlichen und privaten Trägern um die besten Angebote stimulieren. Digitale Bildungsangebote wie Massive Open Online Courses (MOOCs) bieten zusätzlich die Möglichkeit, modernstes Wissen orts- und zeitunabhängig zu vermitteln. Eine Modularisierung von Bildungsangeboten – verbunden mit einer vereinfachten Anerkennung – wird es in Zukunft einfacher machen, Weiterbildungsmaßnahmen wahrzunehmen und abzuschließen: auch in der Rush Hour des Lebens.

Die Chancen der Digitalisierung nutzen

Die Zukunft ist digital, international und flexibel. Das deutsche Bildungssystem reagiert aber oft viel zu langsam auf neue Entwicklungen. Erst 2018 wurde ein neuer Ausbildungsberuf „Kaufmann/ Kauffrau im E-Commerce“ eingeführt. Im Deutschunterricht in der Schule wird gleichzeitig noch von den Schülerinnen und Schülern verlangt, Texte für moderne Medien, z.B. die (schon lange veralteten) „Chatrooms“, zu verfassen. Gerade weil sich die Welt, in der wir lernen, leben und arbeiten, so schnell verändert, ist es wichtig, dass Bildung fit für das 21. Jahrhundert gemacht wird.

Liberale Ideen für die Zukunft

Schulen, gerade auch die Berufsschulen, müssen mit moderner Technik und schnellem Internet ausgestattet werden. Die Einführung von neuen Ausbildungsberufen sollte vereinfacht werden, um schnell auf die Entstehung neuer Berufsbilder reagieren zu können. Augmented Reality kann Auszubildenden an jedem Ort direkte Einblicke in modernste Fertigungsprozesse liefern. Als Onlinekurse können die bereits erwähnten MOOCs die Berufsschule ergänzen und auch in ländlichen Regionen sicherstellen, dass Wissen jeder- zeit verfügbar und abrufbar ist – auch wenn die Berufsschule gerade im Tiefschnee versinkt oder der Arbeitstag einmal länger dauert. Die vereinfachte Anerkennung von Teilabschlüssen und Zertifikaten könnte dabei helfen, zeitgemäße Qualifizierungsstufen zu erreichen, ohne dass ein Wechsel der Fächer oder Bildungsinstitutionen notwendig wird. Überhaupt gilt: Die Digita- lisierung muss in allen Bildungswegen mitgedacht und nicht auf einzelne Berufe ausgelagert werden.

 

Exzellenz muss gefördert werden

Seit 1973 fördert die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit begabte und engagierte Studierende. Als Teil der deutschen Begabtenförderung mit insgesamt 13 Bildungsförderwerken trägt sie dazu bei, dass Talent und Engagement umfangreich unterstützt werden. 2017 wurden fast 30.000 Stipendien von den Förderwerken vergeben – an etwa ein Prozent aller Studierenden. Neben der finanziellen Unterstützung zählt dabei vor allem die
ideelle Förderung. Seminare, Akademien und Mentorenprogramme ermöglichen es, dass jungen Menschen sich neue Horizonte erschließen können. Im Vordergrund steht dabei die Überzeugung, dass das Studium mehr ist als das Lernen für Klausuren oder das Abarbeiten von Scheinen.

Liberale Ideen für die Zukunft

Es ist an der Zeit, auch den beruflichen Nachwuchs besser zu fördern und junge Talente zu entwickeln. Das bedeutet aber auch: Es gibt keinen Grund, diese Art der Förderung nur auf einen Bildungs- weg zu beschränken. Eine Ausweitung der Begabtenförderung auf die berufliche Bildung unterstreicht die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung. Junge Auszubildende und Studierende brauchen eine gemeinsame, starke Plattform, in der sie sich vernetzen und austauschen können. Dadurch wird auch die Durchlässigkeit zwischen Wirtschaft und Universität weiter gefördert. Da jedes der existierenden Begabtenförderwerke ein eigenes Profil hat, ist es wichtig, jedem Werk die Entscheidung zu überlassen, wie sie diese Öffnung umsetzen.

Duale Bildung international denken

Sowohl Einwanderung als auch die  internationale  Orientierung von deutschen Unternehmen und Absolventinnen und Absolventen erfordert einen internationalen Blick auf das Bildungssystem. In der akademischen Bildung ist das Programm „Erasmus+“ ein Erfolgsmodell, das jungen Europäern nicht nur wertvolle Fähigkeiten vermittelt, sondern auch den  europäischen Zusammen- halt stärkt hat und ein wichtiger Baustein für eine gemeinsame europäische Hochschullandschaft ist. Auch die berufliche Bildung steht nun vor der Herausforderung, internationaler zu werden,  ohne den etablierten Markenkern zu verlieren.

Liberale Ideen für die Zukunft

Das Programm „Erasmus+“ muss für Azubis weiter ausgebaut werden. Das mittelfristige Ziel sollte eine europäische „Bildungsfreizügigkeit“ sein. Junge Menschen können so einzelne Abschnitte ihres Bildungsweges im Ausland beschreiten. Deutsche Berufsbezeichnungen, die sich durchgesetzt haben, werden durch die Einordnung in den Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) präzisiert. Auch für Menschen aus dem Ausland muss es ein- facher werden, im deutschen Bildungssystem Fuß zu fassen und ihre Qualifikationen in den Arbeitsmarkt einzubringen – bei gleich- bleibender hoher Qualität der etablierten Abschlüsse. Laut einer Studie der OECD sind über 60,1 Prozent der Zuwanderer in Kanada hochqualifiziert, in Australien 52,4 Prozent, aber in Deutschland  nur 22,6 Prozent. Auch Deutschland braucht daher ein intelligentes Einwanderungsgesetz, das für kluge Köpfe attraktiv ist. Neben einer Reform der europäischen „Blue Card“ braucht es eine leichtere Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen und gezielte Integrationsprogramme mit individueller Förderung.

Duale Bildung

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Johann Ahlers
Johann Ahlers
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