Meinungsfreiheit
Digitaler Tummelplatz für Millenials: Die Audio-App „Clubhouse“ begeistert vor allem ein jugendliches Publikum

Clubhouse App

„Clubhouse ist eine neue audio-basierte Art von sozialem Netzwerk. Menschen auf der ganzen Welt kommen zusammen, um in Echtzeit zu sprechen, zuzuhören und voneinander zu lernen.“ Mit diesen Worten bewirbt der Entwickler Alpha Exploration Co. die App auf seiner Website. Man kann es auch so sagen: Clubhouse funktioniert wie eine große Plattform für Podiumsdiskussionen: Registrierte Nutzer können digitale Räume öffnen, in denen die Besucher zu ausgewählten Themen diskutieren oder einfach nur zuhören. All das passiert live.

Voraussetzung hierfür ist ein iPhone von Apple mit dem dazugehörigen iOS Betriebssystem sowie eine Einladung eines registrierten Nutzers oder einer registrierten Nutzerin, was zu einer gewissen Exklusivität bzw. beschränktem Zugang zu der App führt. Was Clubhouse besonders macht: Es ist wie im Radio. Man hört die Gespräche, kann die teilnehmenden Personen aber weder sehen, noch Fotos posten oder Textnachrichten schreiben. Ähnlich wie beim beliebten Podcast-Format ist allein die Stimme das Kommunikationsmedium.

Die Stimmung in den Clubhouse-Räumen sei zumeist geprägt von einer demokratischen Atmosphäre, berichten die User einhellig. Jeder hat das Recht zu sprechen, die Moderatoreninnen und Moderatoren achten darauf, dass verschiedene Ansichten zu Wort kommen. Eine türkische Nutzerin beschreibt ihre Erfahrung mit der App wie folgt: „Seit ich vor drei Monaten zu Clubhouse gestoßen bin, gehört das Programm zu meinem festen Tagesablauf. Mir gefällt, dass ich zufällig Menschen treffen und deren Perspektiven kennenlernen kann.“

Neben den vielen Räumen, in denen die Clubhouse-User sich über Alltagsthemen austauschen, sind längst auch Journalisten und Politiker auf den neuen Kanal aufmerksam geworden. Sie haben erkannt:Hier kann man mit wenig Aufwand ein junges Publikum erreichen. Vor allem Millenials und die auch in der Türkei umworbene „Generation Z“ tummeln sich auf der App.

Bei Erscheinen im April 2020 noch weitgehend unbeachtet, wurde die App bis Ende Februar 2021 weltweit bereits zehn Millionen Mal heruntergeladen. Davon entfallen deutlich über 100.000 Downloads auf die Türkei. Den rasanten Aufstieg verdankt Clubhouse nicht zuletzt der Covid-19-Pandemie und den Lockdowns, die den Wunsch nach sozialem Austausch befördern. In der Türkei rückte die App verstärkt während der Proteste an der renommierten Bogazici-Universität in den Vordergrund. Studierende nutzen die Plattform, um Proteste zu organisieren und die Öffentlichkeit über die Vorgänge an der Universität zu informieren. Das lockt viele Zuhörerinnen und Zuhörer an.

Doch Clubhouse hat nicht nur Freunde: Die App gibt Anlass zu Sicherheitsbedenken: Forscher des Stanford Internet Observatory haben herausgefunden, dass das Programm Clubhouse-IDs und Chatroom-Identifikationsnummern der Benutzer unverschlüsselt übertrug, was bedeutet, dass ihre Aktionen im Internet möglicherweise von Dritten verfolgt werden können. Auch das Sammeln von Kontaktlisten ist in die Kritik geraten. Die App fordert die Benutzer dazu auf, ihre Adressbücher zu teilen. So möchte Clubhouse sicherstellen, dass die Nutzer Verbindungen zu ihren Kontakten herstellen können, die sich bereits auf der Plattform befinden. Clubhouse reagierte inzwischen auf die Kritik und verlangt mit dem neuen Update nicht mehr, das die User ihre Adressbücher teilen.

Auch in der Türkei sind die Sicherheitsbedenken der App natürlich ein Thema. Hinzu kommt die hierzulande verbreite Angst vor staatlicher Überwachung. Wer seine Meinung auf Clubhouse frei äußern möchte, muss sich im Klaren sein, dies auf eigene Gefahr zu tun. Gleichwohl vermittelt Clubhouse, so die vielen, meist jugendlichen Anhänger, neue Räume für spontane Kommunikation. In kürzester Zeit können die User neue Räume schaffen und mit neutralen Titeln verschleiern, worum es bei den Debatten in Wirklichkeit geht. Das vermittle, so ist zu hören, ein gewisses Gefühl der Sicherheit.

Der politische Analyst Levent Gültekin ist skeptisch, dass Clubhouse in der politischen Kommunikation genauso effektiv sein könnte wie andere Social-Media-Plattformen. „Eine der wichtigsten Determinanten wird sein, wie sich politische Akteure für die Nutzung dieser Plattform entscheiden. Bisher sind ihre Anzahl und Präsenz begrenzt,“ so Gületkin gegenüber Al Monitor.

Im Unterschied zu Twitter, Facebook und Co. fällt der Newcomer bisher nicht unter das neue Gesetz über die sozialen Medien, das erst ab einer täglichen Nutzerzahl von einer Million greift. Dass Autokraten Clubhouse nicht mögen, zeigt die Sperrung der Plattform im Sultanat Oman und China. Wenn das neue Audio-Format in der Türkei weiter Zulauf erhält und zu einer ernstzunehmenden Plattform der Anti-Erdogan-Bewegung werden würde, könnte dieses Schicksal Clubhouse auch in der Türkei blühen.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
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