Türkei
„Amerika kennt die Geschichte nicht“

Breite Empörung in der Türkei nach Joe Bidens Anerkennung des Völkermords an den Armeniern
Mitglieder der patriotischen Partei protestieren vor dem US-Konsulat
Mitglieder der Vaterlandspartei protestieren vor dem US-Konsulat gegen Bidens Anerkennung des Völkermords © picture alliance / ZUMAPRESS.com | Murat Baykara

Als wäre das Verhältnis zwischen der westlichen Führungsmacht und dem Land an der strategisch wichtigen Südostflanke der NATO-Allianz nicht schwierig genug, wird Bidens offizielle Anerkennung der Massaker an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs als Völkermord die Beziehungen zusätzlich belasten.

Bislang hat Ankara sich in seinem Zorn auf verbale Reaktionen beschränkt. Doch Präsidenten-Sprecher Ibrahim Kalin kündigte Vergeltung an: „Es wird Reaktionen unterschiedlicher Art und Grade geben“, sagte der Erdogan-Vertraute. Was Ankara im Schilde führt, verriet Kali nicht. „Wir werden zu einem Zeitpunkt und an einem Ort, den wir für angemessen halten, auf diese sehr unerfreuliche und unfaire Stellungnahme reagieren.“

In der Armenien-Frage besteht in der Türkei eine weitreichende Einstimmigkeit. Während das Land nach bald zwei Jahrzehnten Erdogan-Herrschaft tief gespalten und parteipolitisch polarisiert ist, lehnen – so besagt eine Umfrage -  neun von zehn Türkinnen und Türken die Einordnung der Massaker als Völkermord ab. Mit Ausnahme der vom Regierungslager weitgehend kaltgestellten pro-kurdischen HDP, der zweitgrößten Oppositionspartei, haben alle Parlamentsparteien in die Tiraden gegen Joe Biden eingestimmt.

„Der US-Präsident hat nicht fundierte, ungerechte und falsche Bemerkungen über die traurigen Vorgänge gemacht, die vor über einem Jahrhundert in unserer Region passiert sind“, sagte Präsident Erdogan. „Ich hoffe, dass der US-Präsident so schnell wie möglich diesen falschen Schritt zurücknimmt.“

Erdogan verband den Ruf nach Rücknahme mit einem Gegenangriff: „Wenn Sie Genozid sagen, sollten Sie sich im Spiegel anschauen. Ich muss die amerikanischen Ureinwohner gar nicht erwähnen, es ist klar, was passiert ist“, so der Präsident in einer Retourkutsche, die Apologeten der türkischen Armenien-Politik dieser Tage in unterschiedlichen Variationen bemühen.

Noch härter fällt die Breitseite von Innenminister Suleyman Soylu aus. Erdogans Mann fürs Grobe teilte über Twitter mit: „Die Vereinigten Staaten kennen die Geschichte nicht. Daher haben die Worte, die in den Mund des Präsidenten gelegt wurden, überhaupt keinen Wert.“

Derweil konzentrieren sich die Diskussionen der Experten auf die Frage, wie Ankara auf Bidens Völkermord-Anerkennung reagieren wird. Verbreitet ist die Auffassung, die Reaktionen werden eher verhalten ausfallen. Denn anders als der machtbesessene Erdogan sein Land gerne darstellt, ist die Türkei angeschlagen – politisch, vor allem aber wirtschaftlich. Wie stark die dritte Corona-Welle das Land getroffen hat, zeigt Erdogans aktueller Beschluss, das Land für drei Wochen im Kampf gegen das Virus weitgehend dichtzumachen. Der Zusammenbruch des Tourismus und die Schwindsucht der Landeswährung Lira schwächen die Position der Regierung, die auf Gedeih und Verderb auf den guten Willen der westlichen Partner angewiesen ist.

Politisch-diplomatisch war Ankara selten so allein wie heute. Symptomatisch für die Isolation sind die internationalen Reaktionen auf Bidens Armenien-Deklaration. Allein aus Aserbaidschan können die hiesigen Medien Solidaritätsbotschaften mit der türkischen Empörung vermelden. Die Unterstützung aus Baku kommt nicht von ungefähr, hatte Ankara dem Brudervolk in Aserbaidschan doch erst kürzlich im Konflikt mit Armenien um die Region Bergkarabach militärisch zur Seite gestanden.

Als mögliche Repressalie gegen die USA wird die Schließung des Luftwaffenstützpunktes Incirlik in Ost-Anatolien gehandelt. Oder auch erneute türkische Militärschläge gegen Washingtons kurdische Verbündete in Nordsyrien. Derartige Aktionen würden die amerikanischen Interessen treffen und den Entfremdungsprozess zwischen Ankara und Washington beschleunigen. Das Ganze würde aber vor allem auch Putins Russland in die Hände spielen.

Armenienpolitisch wäre der Schulterschluss mit Moskau für Erdogan eine widersprüchliche Option, gehört Russland zusammen mit Deutschland, Frankreich und nun auch den USA zu jenen über 30 Nationen, die den Völkermord an den Armeniern offiziell anerkannt haben.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
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