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Hackathon in Sri Lanka

Freie Bühne für queere Innovationen
LGBTQIA+ Hackathon

LGBTQIA+ Hackathon

© FNF South Asia

Ein problematischer Besuch beim Gynäkologen gehört zu den Gründen, weshalb Pragati Singh es sich zum Ziel gesetzt hat, zu einer besseren Gesundheitsversorgung queerer Menschen beizutragen. Die indische Ärztin berichtet von einer Freundin, deren Frauenarzt darauf bestanden habe zu erfahren, weshalb sie als sexuell aktive Frau keine Verhütungsmittel verwende. Als sie dem Arzt sagte, dass sie lesbisch sei, habe sie offene Ablehnung erlebt – und seither auf den Gynäkologenbesuch verzichtet, erzählt Singh. "Ich bekomme regelmäßig zu sehen, wie mein queeres Umfeld unter schlechter medizinischer Versorgung leidet", fügt sie hinzu.

Auf der Veranstaltung "LGBTQIA+ Matters", die die Friedrich-Naumann-Stiftung in Sri Lankas Hauptstadt Colombo ausgerichtet hat, präsentierte Singh eine mögliche Lösung für das Problem: Sie arbeitet an einer Online-Plattform mit dem Namen Qrate, auf der sich einerseits Ärztinnen und Ärzte über medizinische LGBTQIA+-Themen weiterbilden können – und die andererseits auch queeren Patientinnen und Patienten einen Überblick bietet, welchen Ärzten und Kliniken sie sich mit gutem Gewissen anvertrauen können. Der Bedarf ist groß: Singh zitiert aus Studien, wonach mehr als 80 Prozent der befragten queeren Inderinnen und Inder keinen einzigen Arzt kennen, bei dem sie unbefangen ihre sexuelle Orientierung oder sexuelle Identität zur Sprache bringen können.

Die Konferenz, auf der Singh ihre Idee vorstellte, folgte dem Prinzip eines sogenannten Hackathons. Das Veranstaltungsformat ist vor allem bekannt bei Programmierern, die in einem solchen Rahmen in begrenzter Zeit gemeinsam an ihren Ideen feilen und diese anschließend vorstellen. Dem Vorbild folgend brachte der FNF-Hackathon Aktivisten, Gründerinnen und Kreative nach Sri Lanka, um Innovationen zur Unterstützung von LGBTQIA+-Personen voranzutreiben.

Die Teilnehmenden bekamen bei dem Hackathon die Möglichkeit, ihre Präsentationen in einem Workshop zu optimieren. Ihre Konzepte stellten sie anschließend einer international besetzten Jury vor – zusammengesetzt aus dem österreichischen Nationalratsabgeordneten Yannick Shetty von der Partei Neos, dem Vorstandsmitglied des European Liberal Forum Milosz Hodun, der Social-Media-Persönlichkeit Parakram Rana aus Nepal, sowie dem politischen Referenten der EU-Delegation in Sri Lanka und auf den Malediven,

Dan Grinevics, und der aus Sri Lanka stammenden Transaktivistin und Schauspielerin Bhoomi Harendran.

Die vier Finalistenteams, zu denen auch Pragati Singh mit ihrer Plattform Qrate zählte, stellten konkrete Lösungsansätze für diverse Herausforderungen queerer Menschen vor. Das Team Tremployee aus Indien präsentierte eine Plattform, die zwischen Transpersonen und Arbeitgebern vermittelt – mit dem Ziel, das Verständnis für Transmenschen in Unternehmen zu erhöhen und deren Jobchancen so zu verbessern. Vertreter der Gruppe Queer Voices of Bhutan stellten ein Medienprojekt vor, das zur Stärkung der LGBTQIA+-Gemeinschaft beitragen soll. Das Team Colors of Acceptance zeigte der Jury, wie es mithilfe von Kunstprojekten den Dialog über queere Themen an Schulen verstärken möchte.

Mit Blick auf das Motto des Hackathons "Strengthening Dialogue and Cooperation between South Asia and the European Union on LGBTQIA+ Rights" legten die Finalistinnen und Finalisten auch einen speziellen Fokus auf den Austausch zwischen Europa und Südasien. Colors of Acceptance will Künstlerinnen und Künstler aus beiden Regionen einbeziehen. Queer Voices of Bhutan sucht die Vernetzung mit Gleichgesinnten in Europa. Tremployee will europäischen Arbeitgebern kulturelle Besonderheiten der Transcommunity in Südasien näherbringen. Und Pragati Singh will ihr Portal Qrate demnächst auch in Deutschland testen.

Der Leiter der politischen Abteilung der EU-Delegation in Sri Lanka, Lars Bredal, betonte, wie wichtig der Europäischen Union die Zusammenarbeit ist: "Wir setzen uns für den Schutz und die Förderung der Menschenrechte ein, damit alle Menschen auf der ganzen Welt – ob innerhalb oder außerhalb der EU – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität gleich und mit Respekt behandelt werden", sagte der Diplomat.

In Sri Lanka, dem Gastgeberland des Hackathons, könnten mit Blick auf die Gleichbehandlung demnächst bedeutende Fortschritte erzielt werden. Der Parlamentsabgeordnete Premnath C. Dolawatte informierte die Teilnehmer der Veranstaltung über seine Versuche, die Strafbarkeit von Homosexualität in seiner Heimat abzuschaffen. Vor kurzem erzielte er dabei einen wichtigen Erfolg vor dem Verfassungsgericht, das den Weg für die Reform prinzipiell frei machte.

Jury-Mitglied Shetty betonte, dass Europa und Asien viel voneinander zu lernen hätten – etwa mit Blick auf die Fortschritte bei LGBTQIA+-Rechten in europäischen Ländern und mit Blick auf den Mut von Aktivistinnen und Aktivisten in Südasien. Unter den Hackathon-Finalteams entschied er sich am Ende zusammen mit den anderen Jury-Mitgliedern für die Ärzteplattform Qrate als Gewinner. Initiatorin Pragati Singh bekommt nun die Gelegenheit, ihre Idee im Oktober in Berlin einem noch größeren Publikum vorzustellen.