Covid-19
Omikron in Südafrika: ein bitterer Beigeschmack

Ein Kind wird im Township Diepsloot in der Nähe von Johannesburg mit Pfizer gegen COVID-19 geimpft

Ein Kind wird im Township Diepsloot in der Nähe von Johannesburg mit Pfizer gegen COVID-19 geimpft. Obwohl Südafrika mit der COVID-19-Impfung für Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren begonnen hat, ist die Impfquote mit 24 Prozent vollständig Geimpften trotz inzwischen ausreichend vorhandenem Impfstoff deutlich unter dem Niveau der meisten europäischen Staaten und dem weltweiten Durchschnitt von 42,7 Prozent.

© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Denis Farrell

„Wir sollten nicht in Panik verfallen“, mahnte Staatspräsident Cyril Ramaphosa die südafrikanische Bevölkerung gestern Abend in einer Rede zur Lage der Nation. Doch das ist leichter gesagt als getan: In Südafrika breitet sich mit hoher Geschwindigkeit eine noch weitgehend unbekannte Variante des Erregers von Covid-19 aus – und das Land am Kap steht einmal mehr im Fokus der Weltöffentlichkeit. Die von der WHO als „Omikron“ getaufte Virus-Variante wird derzeit in zahlreichen Ländern weltweit registriert, darunter auch Deutschland. Doch nirgendwo hat sich Omikron so rapide verbreitet wie in Südafrika.

Die Identifizierung der neuen Covid-Variante durch südafrikanische Wissenschaftler weckt Erinnerungen an B.1351. Vor einem Jahr wurde die hochinfektiöse Beta-Variante erstmals von einem Forschungslabor in der Provinz KwaZulu-Natal nachgewiesen und anschließend als „südafrikanische Variante“ bekannt. Ein Großteil der internationalen Staatengemeinschaft reagierte restriktiv und erklärte Südafrika zum Hochrisikogebiet, verbunden mit strikten Auflagen für Reiserückkehrer aus der Region. Die Folge war ein massiver Einbruch der wirtschaftlichen Aktivitäten, insbesondere im für Südafrika so wichtigen Tourismussektor. Nach Ansicht vieler Südafrikaner wurde das Land dafür abgestraft, dass seine renommierten Wissenschaftler neue Corona-Varianten entdeckten und so großen Schaden von Bevölkerungen weltweit abwendeten.

Wir sind zutiefst enttäuscht über die Entscheidung mehrerer Länder, nach der Identifizierung der Omikron-Variante Reisen aus einer Reihe von südafrikanischen Ländern zu verbieten.

Cyril Ramaphosa

Scharfe Kritik an Staatengemeinschaft

Mit der Entdeckung der Omikron-Variante droht sich dieses traumatische Erlebnis zu wiederholen: Flüge aus der Europäische Union, den USA, Kanada, Singapur, Japan, Israel und Australien wurden ausgesetzt oder auf das Zurückholen der jeweiligen Staatsbürger begrenzt. Im ganzen Land stellen sich touristische Einrichtungenauf eine anrollende Stornierungswelle für Buchungen in der Hauptsaison um Weihnachten und Silvester ein. Der zu erwartende Schaden für die südafrikanische Wirtschaft kann schon jetzt zweifellos auf Hunderte Millionen Dollar taxiert werden – ein schwerer Schlag für das Land mit der höchsten Arbeitslosigkeit weltweit.

In seiner gestrigen Rede zur Lage der Nation übte Cyril Ramaphosa entsprechend scharfe Kritik an der internationalen Staatengemeinschaft:

„Wir sind zutiefst enttäuscht über die Entscheidung mehrerer Länder, nach der Identifizierung der Omikron-Variante Reisen aus einer Reihe von südafrikanischen Ländern zu verbieten. Dies ist eine klare und völlig ungerechtfertigte Verletzung der Verpflichtung, die viele dieser Länder auf dem G20-Treffen in Rom im vergangenen Monat eingegangen sind. (...) Diese Beschränkungen sind unbegründet und diskriminieren unser Land auf unfaire Weise.“

Trotz der von vielen Südafrikanern geteilten Kritik am Verhalten anderer Staaten lässt sich nicht leugnen, dass die Covid-Fallzahlen in Südafrika besorgniserregend schnell ansteigen. Zwar ist das Infektionsgeschehen anders als in Teilen Europas noch unter Kontrolle, doch wird auch in Südafrika auf höchster Regierungsebene über eine Impfpflicht diskutiert. Mit 24 Prozent vollständig Geimpften liegt die Impfquote in Südafrika trotz inzwischen ausreichend vorhandenem Impfstoff deutlich unter dem Niveau der meisten europäischen Staaten und dem weltweiten Durchschnitt von 42,7 Prozent. So ist absehbar, dass eine Impfung für die Teilnahme an Veranstaltungen, am Arbeitsplatz und im öffentlichen Nahverkehr zeitnah als obligatorisch erklärt wird.

Eine der gefährlichsten Pandemien unserer Zeit

Doch bleibt für viele Südafrikaner mit Blick auf die hohen Inzidenzen in Deutschland und Europa nur Frust und ein bitterer Beigeschmack angesichts der neuen Beschränkungen. Seit fast vierzig Jahren kämpft das Land am Kap verzweifelt gegen eine der gefährlichsten Pandemien unserer Zeit: Rund 7,5 Millionen Menschen in Südafrika sind mit dem HI-Virus infiziert, das Land hat die höchste Infektionsrate der Welt. Dem jahrzehntelangen Einsatz gegen AIDS ist es zu verdanken, dass in Südafrika führende Forschungseinrichtungen auf Virusinfektionen und Genomsequenzierungen spezialisiert sind. Entsprechend schnell und gezielt können Labore neue Covid-Varianten identifizieren.

Viele afrikanische Länder verfügen noch immer nicht über ausreichend Impfstoff, um ihre Bevölkerungen zu schützen – trotz aller Warnungen, es könnten sich in Ländern mit niedriger Impfquote ungehindert neue und potenziell gefährlichere Covid-Mutationen bilden. Laut einer aktuellen Studie haben die G-20-Staaten bis heute etwa fünfzehnmal so viele Impfdosen erhalten wie die Länder in Subsahara-Afrika. Die Entstehung weitere neuer Mutationen in der Region ist daher geradezu vorprogrammiert. So dürfte es nicht das letzte Mal sein, dass Südafrika im Fokus der Weltöffentlichkeit steht: Aber wie so oft erst, wenn das sprichwörtliche Kind bereits in den Brunnen gefallen ist.

 

Barbara Groeblinghoff leitet die Projektbüros der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Südafrika und Simbabwe.

Jordi Razum ist Projektassistent bei der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit mit Sitz in Johannesburg