Kamerun
Fußball im Land der zwei Pandemien

Gewaltausbrüche überschatten den Africa Cup of Nations
Cameroon protest

People from Cameroon protest in the streets of Paris against Paul Biya in 2018

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Wenn am Sonntag in der kamerunischen Hauptstadt Jaunde das Finale des Africa Cup of Nations stattfindet, richten sich Millionen Augen auf das sportliche Spektakel. Fußball ist der mit Abstand beliebteste Sport und der AFCON das gesellschaftliche Großereignis des Kontinents. Doch so immens das Interesse am Turnier auch ist, so intensiv werden seit jeher Diskussionen darüber geführt. Schon bei der ersten Austragung im Jahr 1957 entbrannte ein transkontinentaler Streit darüber, ob das von der rassistischen Apartheidpolitik regierte Südafrika mit einem allein aus weißen Spielern bestehenden Team am Turnier teilnehmen dürfe. In seiner mehr als sechs Jahrzehnte umspannenden Historie umgab den AFCON stets auch eine dezidiert politische Dimension.

Die diesjährige Ausgabe des Turniers ist vor dem Hintergrund der Sicherheitslage im Gastgeberland Kamerun keine Ausnahme. Dazu trägt nicht nur die globale Covid-Pandemie bei – es ist vor allem der seit Jahren schwelende bewaffnete Konflikt, der das Land innerlich zerreißt und den AFCON zu einer so umstrittenen Veranstaltung werden lässt.

Seit der Unabhängigkeit von der französischen und englischen Kolonialverwaltung 1960 und der Schaffung des kamerunischen Einheitsstaates zwölf Jahre später kämpfen politische Organisationen im anglofonen Teil des Landes für die Schaffung eines unabhängigen Staates „Ambazonia“. Die frankofone Regierung unterdrückt diese Autonomiebestrebungen seit jeher, oft unter Anwendung von Gewalt. Der Konflikt eskalierte 2016, als Lehrer und Anwälte bei friedlichen Protesten vom Militär angegriffen wurden und zahlreiche Todesopfer zu beklagen waren. Teile der Unabhängigkeitsbewegung radikalisierten sich daraufhin und nahmen den bewaffneten Kampf auf. In der bis heute andauernden Auseinandersetzung sind mehr als 4.000 Menschen getötet und fast 800.000 Menschen vertrieben worden.

Gewaltsame Vorfälle überschatten Turnierverlauf

Entsprechend groß war die Sorge unter Sicherheitsexperten darüber, die 33. Ausgabe des Africa Cups ausgerechnet in einem Land auszutragen, das von gleich zwei Pandemien heimgesucht wird: der eskalierenden Gewalt in großen Teilen des Landes und Covid-19, das in Kamerun auf eine kaum geimpfte Bevölkerung trifft.

Und tatsächlich haben allen Beteuerungen kamerunischer Politiker zum Trotz gewaltsame Vorfälle den bisherigen Turnierverlauf überschattet. Am Morgen des vierten Spieltags verbreiteten Medien die Nachricht, dass der populäre Senator und Anwalt Henry Kemende in seiner Heimatstadt Bamenda auf offener Straße erschossen wurde. Kemende war einer der profiliertesten Regierungskritiker und ein führender Vertreter der anglofonen Minderheit, der stets für friedliche Lösungen und den Schutz der Menschenrechte im politischen Konflikt warb. Die Ermordung Kemendes ist indes kein Einzelfall: Unabhängige Beobachter bestätigen, dass seit Beginn des Africa Cups eine Zunahme von Entführungen, Massenverhaftungen und Angriffen auf staatliche Einrichtungen zu verzeichnen sei.

Die Regierung hüllt sich derweil in Schweigen, Kemendes Tod blieb unkommentiert. Möglichst ungetrübt sollten die Bilder sein, die den AFCON als ein Fest afrikanischer Kultur und Brüderlichkeit inszenieren. Vor Beginn des Turniers hofften viele, dass der AFCON zu einer temporären Befriedung des zerrütteten Staates führen könnte. Stattdessen zeigt sich, dass nicht einmal die Zusammenkunft von Fans und Teams aus ganz Afrika ein Signal der Hoffnung für dauerhaften Frieden in Kamerun sein kann.
 

Inge Herbert leitet das Regionalbüro Subsahara-Afrika der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit mit Sitz in Johannesburg.