50 Jahre Freiburger Thesen
Mehr Freiburg wagen

Die Freiburger Thesen zeichnen das Bild einer modernen und freiheitlichen Demokratie. Was sie zur Zukunft der Bildung zu sagen haben – und der nächsten Legislaturperiode.
Freiburger Thesen

Teilhabe an Demokratie und Wirtschaft ist das große Versprechen der Liberalen. In den Freiburger Thesen wurde es vor fünfzig Jahren besonders wirkmächtig formuliert. Der Bildungspolitik kommt damals wie heute eine Schlüsselrolle zu. Denn gesellschaftliche Teilhabe erfordert mehr, als die Bekämpfung des Lehrkräftemangels oder einen frischen Umgang mit der Digitalisierung. Vor allem die Chancengerechtigkeit muss in den Blick genommen werden, denn daran krankt die die deutsche Bildungspolitik zurzeit immer noch. Besonders klar lässt sich dies beispielsweise aus den aktuellen Zahlen der OECD ablesen, die im September veröffentlicht worden sind. Um die „Gewährleistung von Chancengerechtigkeit in Bezug auf die Lernergebnisse“ zu bewerten, verwenden die Bildungsforscher einen Paritätsindex, der unter anderem den sozioökonomischen Hintergrund, das Geschlecht und den Migrationshintergrund berücksichtigt. In Deutschland ist der Anteil der Kinder aus dem untersten Quartil des PISA-Sozialindex, die mindestens PISA-Niveau 2 im Lesen erreichen, fast 30 Prozent niedriger als der Anteil der Kinder aus dem obersten Quartil. Eine ganze Reihe ähnlicher Befunde hat unlängst der Soziologe und Bildungsforscher Aladin El-Mafaalani zu einer Gesamtkritik verknüpft, in der er unter anderem auf den „Mythos Chancengleichheit“ eingeht. So zeige insbesondere der „Bildungstrichter“, dass die Bildungsbeteiligung von Kindern wesentlich vom Elternhaus abhänge.

Diese zentrale Problematik ist nicht neu. So hat bereits Werner Maihofer in seiner Rede zu den Freiburger Thesen vor fünfzig Jahren klar analysiert: „So bliebe [...] das heute vielberufene Bürgerrecht auf Bildung so lange für viele eine bloß formale inhaltsleere Freiheit, als nicht die Mindestvoraussetzungen dafür geschaffen sind, dass dieses Recht auch dann von einem Schüler oder Studenten wahrgenommen werden kann, wenn seine Eltern die hierfür erforderlichen materialen Voraussetzungen zu schaffen selbst unfähig oder unwillig sind.“ Die „Freiburger Thesen“ von 1971 bilden daher auch heute noch einen wichtigen Bezugspunkt für eine liberale Bildungspolitik. In ihnen wird das Bild einer modernen, freiheitlichen Demokratie gezeichnet, die „auf eine Ordnung der größtmöglichen und gleichberechtigten sozialen Teilhabe und Mitbestimmung aller Bürger an der arbeitsteiligen Organisation der Gesellschaft“ zielt.

Die heutigen Herausforderungen gehen über die Arbeitsteilung in einer ausdifferenzierten Gesellschaft hinaus. Aufbauend auf den Arbeiten des Soziologen Felix Stalder hat sich eine breite Auseinandersetzung um die Bildung in der „Kultur der Digitalität“entwickelt. Dabei wird deutlich, dass die Digitalisierung selbst die Gesellschaft verändert hat und ganz neue Anforderungen an die Schülerinnen und Schüler stellt. Mit den Textverarbeitungsprogrammen hat sich beispielsweise auch die Textarbeit selbst verändert. Digitales Schreiben ist etwas anderes, als Schreiben mit digitalen Tools. Stattdessen muss das kollaborative Schreiben, das vernetzte Denken und die Arbeit mit Informationsfluten in eine neue Pädagogik einfließen. Wenn es der Schule nicht gelingt, alle Kinder und Jugendliche auf das Leben in einer digitalen Gesellschaft vorzubereiten, dann wird notwendigerweise auch die Teilhabe an den Früchten der Digitalisierung nur privilegierten Gruppen ermöglicht werden. 

Mit Blick auf die Erkenntnisse der Bildungsforschung gerade auch während der Corona-Pandemie ergeben sich hieraus eine Reihe klarer Forderungen. Die Lehrmittelfreiheit muss zwingend eine angemessene IT-Ausstattung beinhalten, benachteiligte Schülerinnen und Schüler verdienen gezielte Förderangebote. Ein schulscharfer Sozialindex, wie er beispielsweise in Nordrhein-Westfalen genutzt wird, kann bei der zielgerichteten Ressourcenverteilung helfen und für eine bessere Ausstattung von Schulen in benachteiligten Stadtvierteln sorgen. Die zunehmende Heterogenität in den Klassenzimmern ist dabei nicht nur während der Coronakrise die vielleicht größte Herausforderung für das Bildungssystem. Trotz allem ist hierin aber durchaus auch eine Chance zu sehen, denn es gilt nach wie vor Maihofers Diktum: „Nur aus höchstmöglicher Individualität persönlichen Daseins entsteht größtmögliche Pluralität gesellschaftlichen Zusammenlebens.“