Blutspendetag
Es ist Zeit für eine Neuregelung der Blutspende für schwule und bisexuelle Männer

Die aktuellen Regeln zur Blutspende sind diskriminierend und aus der Zeit gefallen
Blutspende Symbolbild
Ein Eingangsschild zur Blutspende © picture alliance/dpa | Hauke-Christian Dittrich

Schwule und bisexuelle Männer dürfen in Deutschland nur Blut spenden, wenn sie ein Jahr lang keinen Sex mit einem Mann hatten. Auf die Frage, woran das denn liegt, gibt es eine klare Antwort: AIDS. Doch die Regelung ist eindeutig diskriminierend. Zwar haben homo- und bisexuelle Männer in Deutschland nach wie vor ein deutlich höheres Risiko, sich mit HIV zu infizieren. Sie pauschal auszuschließen setzt aber eine ganze gesellschaftlich stigmatisierte Gruppe unter Generalverdacht. 

Neuregelung ist nach wie vor diskriminierend

Lange Zeit waren schwule und bisexuelle Männer in Deutschland grundsätzlich von der Blutspende ausgeschlossen. Im Jahr 2017 hat die Bundesärztekammer neue Richtlinien vorgelegt. Seit dieser Neuregelung gilt nun, dass schwule und bisexuelle Männer Blut spenden dürfen, wenn sie ein Jahr lang keinen Sex mit einem Mann hatten. Tatsächlich schließt sie aber weiterhin die allermeisten schwulen und bisexuellen Männer von der Blutspende aus, und ist damit ähnlich diskriminierend. Denn bereits 2015 urteilte der EuGH, dass ein Ausschluss von Risikogruppen nur dann gerechtfertigt ist, wenn sich das Übertragungsrisiko nicht anderweitig reduzieren lässt. Dies ist aber schon heute in vielfältiger Form möglich.

Stigmatisierung als Hauptproblem

Die LGBTQ-Community und speziell die schwule Szene leiden bereits seit Jahrzehnten unter der automatischen Assoziation von AIDS mit homosexuellen Männern. Denn homosexuelle Männer haben durch ihre Art des Geschlechtsverkehrs ein signifikant höheres Risiko, das HIV-Virus zu übertragen. Oft werden sie deshalb für ihr vermeintlich „risikoreicheres“ oder „amoralisches“ Verhalten verurteilt. in den 70ern und 80ern wurden insbesondere die homosexuellen Szenen in Nordamerika und Europa von einer Welle an AIDS-Ausbrüchen heimgesucht. 

AIDS ist keine „schwule“ Krankheit

Doch AIDS ist keine „schwule“ Krankheit. Tatsächlich wird das HIV-Virus weltweit in erster Linie durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr übertragen. Bereits heute ist das Bewusstsein für HIV in der schwulen Szene extrem hoch. So ist laut Angaben des RKI die Testbereitschaft in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, wodurch die Zahl an Neuinfektionen in dieser Risikogruppe weiterhin sinkt. Auch die orale Präexpositionsprophylaxe (PrEP), die die Infektion mit AIDS verhindert, dient zur Prävention. Risikopatienten können sich PrEP inzwischen sogar von der Krankenkasse finanzieren lassen. 

Die aktuelle Regelung entbehrt jeder fachlichen Grundlage

Es gibt also vielfältige Möglichkeiten, einer Übertragung oder HIV-Infektion vorzubeugen. Doch selbst, wenn dies bei einem potentiellen Spender nicht der Fall sein sollte, lässt sich die HIV-Infektion mit einem Antikörpertest nach sechs Wochen ausschließen. Diese sechs Wochen stehen in einem drastischen Kontrast zur aktuell gültigen Frist von einem Jahr, für die es keine ersichtliche fachliche Grundlage gibt. 

Reale Risiken erkennen statt Gruppen zu stigmatisieren

Wie bereits etabliert, ist AIDS keine ausschließlich „schwule“ Krankheit. Die sexuelle Orientierung der potentiellen Spender hilft also nur bedingt bei der Feststellung konkreter Risiken. Es bedarf also einer Lösung, die sich an tatsächlichen HIV-Risiken in der näheren Vergangenheit orientiert. Denn das aktuelle Vorgehen provoziert Falschangaben. Dem gegenüber könnte ein Ausschluss, der reale Risiken analysiert, diese Fehlerquote durch erhöhte Akzeptanz reduzieren und die Sicherheit von Blutspenden erhöhen. 

„Freiwilliger Selbstausschluss“ bleibt relevant

Nichtsdestotrotz bleibt der „freiwillige Selbstausschluss“ von Menschen aus Risikogruppen relevant. Denn bei den Tests von Blutspenden auf HIV gibt es einen Fehlerzeitraum von etwa ein bis zwei Wochen, in denen das Virus nicht nachgewiesen werden kann.

Deutsche Blutprodukte sind extrem sicher

In Deutschland kommt pro Jahr in etwa eine HIV-infizierte Blutspende in Umlauf, das Risiko einer unerkannt HIV-infizierten Spende beträgt 1:5,3 Millionen. Diese Sicherheit könnte durch ein neues Verfahren zur Erkennung von realen Risiken noch verbessert werden. Denn viele Menschen sind nicht in der Lage, ihr eigenes Infektionsrisiko einzuschätzen. Selbst Personen, die ausschließlich „safen Sex“ haben, sind einem Restrisiko ausgesetzt.

Ausschluss von der Blutspende ist eine Frage über Leben und Tod

Tatsächlich gibt es also vielfältige Möglichkeiten, das Risiko für HIV-inifizierte Blutspenden weiter zu reduzieren und die Regelung zur Blutspende von homo- und bisexuellen Männern neu anzugehen. Denn jeder Verzicht auf mögliche Blutspenden kann im Fall einer Blutknappheit über Leben und Tod entscheiden. Diesen muss man also immer wieder gegen das Risiko einer extrem seltenen HIV-Übertragung durch Blutspenden abwägen.