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Europäische Ressourcensouveränität

Die globale Rohstoffnachfrage steigt kontinuierlich. Zunahmen bei den allgemeinen Verbrauchsmengen sowie technische Fortschritte in bestimmten Bereichen wie der IT, bei den grünen Technologien und bei der Stromerzeugung heizen den internationalen Wettbewerb um Seltene Rohstoffe weiter an. Obwohl es sehr viele Anwendungsbereiche gibt, ist das Angebot relativ knapp und in den Händen einiger weniger Akteure konzentriert. Insbesondere chinesische Unternehmen haben eine überwältigende Marktmacht erzielt, die es ihnen erlaubt, die Angebotsseite quasi als Monopolisten zu dominieren. Angesichts aktueller Erfahrungen in den Energiemärkten – durch Russlands Nichteinhaltung seiner vertraglichen Pflichten noch verschärft – prüfen die westlichen Demokratien und insbesondere die EU neue Lieferketten und Strategien, um ihre Rohstoffabhängigkeit von China zu reduzieren. Die von den Autoren dieser Studie hier dargestellten Ergebnisse bieten einen Überblick über die Hauptoptionen, mit denen die EU aktuell dem Druck aufgrund von wachsenden Abhängigkeiten entgegenwirken kann. Zu den Optionen zählen

  • Diversifizierung der Handelspartner und mehr inländischer Abbau;
  • Anlage von Reserven und Verbrauchsanpassung;
  • Technologischer Fortschritt mit den Zielen der Substitution sowie Effizienzsteigerungen im Rohstoffeinsatz;
  • Neustrukturierung der Wertschöpfungsketten, von einer linearen zu einer Kreislaufwirtschaft.

Allgemein ist es beruhigend zu wissen, dass die EU im Grunde über erhebliches Potenzial verfügt, ihre Abhängigkeiten zu verringern und als zukünftiger Anbieter von alternativen Lieferketten Einfluss auszuüben. Beim Kreislaufansatz werden Gegenstände wiederverwendet – oder, wenn möglich, zumindest ihre Bestandteile und Rohstoffe recycelt – anstatt dass man sich auf immer neue Rohstoffzufuhren verlässt, um eben diese Güter zu produzieren, die am Ende ihres Lebenszyklus einfach entsorgt werden. Jedoch erfordert die Realisierung dieser Potenziale erhebliche Investitionen – ganz abgesehen von den politischen Herausforderungen. Weder die wirtschaftliche, noch die gesellschaftliche Komponente ist einfach zu Lösen. Kurzum: Die Hürden die für einen solchen Systemwandel genommen werden müssen sind enorm - daher liegt der Fokus dieser Studie auf möglichen Flaschenhälsen auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft und zeigt dann einige Optionen zu deren Behebung auf. Soviel vorweg: Die Studie empfiehlt, dass man in die wirtschaftlichen Vorteile vertraut, die eine funktionierende Kreislaufwirtschaft der EU sichern würde. Allein in der EU könnte eine Kreislaufwirtschaft die Rohstoffproduktivität bis 2030 um 3% steigern und dabei Kosteneinsparungen i.H.v. €600 Mrd. sichern – sowie zusätzlichen wirtschaftlichen Nutzen i.H.v. €1,8 Billionen erzielen. Dies bedeutet, dass eine zunehmende Kreislaufwirtschaft in verschiedenen Produktbereichen nicht nur die Rohstoffabhängigkeit verringern, sondern auch zusätzliche wirtschaftliche Vorteile bieten könnte. Liberale Ansätze zur Verringerung der Abhängigkeit sollten diese Vorzüge beachten und auch die langfristige Stabilität der Zirkularität berücksichtigen, Diesen positiven, langfristigen Perspektiven die die Kreislaufwirtschaft bietet müssen die enormen kurz- und mittelfristig benötigten Investitionen in Forschung und Infrastruktur gegenüber gestellt werden. Aktuell sind Neumaterialien meist kostengünstiger als Rezyklate- dieser Effekt wird zudem durch steuerliche Vorteile verstärkt. Außerdem gibt es kulturelle und regulatorische Hürden, die die weitverbreitete Anwendung von Kreislaufmethoden behindern – zumindest kurzfristig.

Folglich werden starke wirtschaftliche Impulse benötigt, um die kurz- bis mittelfristigen Kosten angesichts der erst langfristig realisierten Vorteile zu kompensieren. Liberale können proaktiv handeln, indem sie nach praktischen Lösungen zur Überbrückung dieser Phase suchen und strategische Empfehlungen darüber abgeben, wie Anreize für die relevanten Branchen gesetzt werden sollten. Sowohl auf der Ebene der EU als auch auf Landesebene gibt es bereits zahlreiche Gesetzesinitiativen und politische Ziele, die im Wirtschaftssystem eine Steigerung der Zirkularität anstreben. Obwohl große Erfolge noch auf sich warten lassen, werden in dieser Studie einige positive Beispiele umsetzbarer Kreislaufansätze besprochen, die auf Einsparungen beim Einsatz von Seltenen Erden zielen. Hierzu zählen insbesondere:

  • Reduce: Indem Ausrüstung und Geräte in der Gesellschaft geteilt werden, werden weniger Einheiten der Ausrüstung und Geräte benötigt. Damit sinkt auch die Menge an knappen Ressourcen, die benötigt werden, um die Anforderungen der Gesellschaft zu erfüllen. Der wachsende Carsharing-Sektor dient hier als Beispiel zur Veranschaulichung.
  • Reuse: Indem Ausrüstung repariert oder modernisiert wird, kann ihre Lebensdauer verlängert werden. Das bedeutet, dass weniger zusätzliche Ressourcen benötigt werden, als wenn ein Produkt in seiner Gesamtheit ersetzt werden müsste. Stattdessen müssen nur die zur Modernisierung erforderlichen Rohstoffe eingesetzt werden. Manche Unternehmen bieten bereits Leasing- und Überholungsdienste und bringen die Kreislaufwirtschaft damit einen Schritt weiter voran.

Es gibt jedoch auch Ansätze, die die Wiedergewinnung von Rohstoffen ermöglichen, nachdem das Produkt das Ende seines Lebenszyklus erreicht hat.

  • Recycle: Durch die Nutzung moderner und innovativer Technologien können Recycling-Bemühungen in Zukunft wirksamer und kostengünstiger werden. Zukünftige Industrien hätten damit Zugriff auf viel größere Mengen zurückgewonnener Ressourcen, anstatt sich komplett auf Neumaterialien verlassen zu müssen.

Angesichts der globalen Machtverschiebungen und zunehmender Abhängigkeiten muss sich die EU neu aufstellen. Dafür sollte sie möglichst viele unterschiedliche Maßnahmen in Betracht zieht, mit denen sie ihre wirtschaftliche und politische Souveränität stärken und die Abhängigkeit von einzelnen Drittstaaten verringern kann.