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Weizenkrise
Die Weizenkrise: Politische und soziale Folgen der Nahrungsmittelknappheit

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© picture alliance / AA | Metin Aktas

Achtundzwanzig Prozent des weltweiten Weizenexports gingen im vergangenen Jahr auf das Konto der Ukraine und Russland. Seit Russland am 24. Februar seinen Krieg gegen die Ukraine führt, gelangt der in der Ukraine angebaute Weizen nicht mehr in die Empfängerländer. Durch das geringere Angebot steigen die Preise um geschätzte 40 Prozent. Hinzu kommt, dass die Landwirtschaft in vielen Ländern sehr stark von Düngemittelimporten aus Russland abhängig ist, die derzeit deutlich erschwert sind. Der globale Preisanstieg für Energierohstoffe und eine Vielzahl von Lebensmitteln verschärft die Probleme weiter. Die politischen und sozialen Folgen für die betroffenen Länder sind erheblich, denn kurzfristig können die anderen Erzeugerländer den Bedarf nicht ausgleichen. Hinzu kommen Dürre, Missernten und schlechte Regierungsführung. Unsere Übersicht bietet Momentaufnahmen und Handlungsmuster aus 12 Projektländern.

  • Myanmar

    1. Welche Auswirkung haben das geringere Nahrungsmittelangebot, insbesondere bei Weizen, und die global dramatisch steigenden Lebensmittelpreise auf die Versorgungslage, die Preise und insb. die Lage der ärmsten Bevölkerungsschichten? 

    Schon vor Russlands Invasion der Ukraine grassierte die Armut in Myanmar. Die Corona-Pandemie und die Gewaltausbrüche nach dem Staatsstreich am 1. Februar 2021 haben die Wirtschaft des Landes ruiniert. Das UN-Welternährungsprogramm geht derzeit von rund 13,2 Millionen Menschen aus, deren Versorgung mit Lebensmitteln unsicher ist. Die Zahl könnte sich noch weiter erhöhen. Das International Food Policy Research Institute in Washington warnt davor, dass „eine in Teilen durch den Ukraine-Krieg ausgelöste globale Nahrungsmittelkrise eine ernste Gefahr für Myanmars Haushalte ist“. Der Preis für Speiseöl hat sich im März im Vergleich zum Vorjahresmonat verdoppelt. Ein weiteres Risiko: “Der Krieg hat die Lieferketten zwischen Myanmar und der Ukraine für die Düngerproduktion gekappt”, sagt Okka Myo, Gründer des FNF-Partners Impact Hub, einem Trainingszentrum für Startups und Unternehmen: “Düngerproduzenten berichten, dass sich ihre Materialkosten verdreifacht haben”, sagt er. Der voraussichtliche Düngermangel dürfte künftige Reisernten deutlich dezimieren.

    2. Welche sozialen und politischen Reaktionen gibt es? 

    Die Junta versucht vor allem, mit protektionistischen Mitteln die Versorgungslage zu verbessern. So verhängte sie beispielsweise ein Exportverbot von Pflanzen zur Speiseölerzeugung, wie Sesam und Erdnüsse. Das Land deckt mehr als die Hälfte seines Speiseölverbrauchs über Importe ab, vor allem aus Malaysia und Indonesien - die ihrerseits ihre Rohstoffexporte einschränkten. Putschistengeneral Ming Aung Hlaing setzt außerdem auf Durchhalteparolen: Die Bürger sollten sparsamer sein und so dabei helfen, das Land autarker zu machen.

    Schon vor der Lebensmittelkrise waren viele Myanmaren wütend auf die Junta. Den Putsch empfinden sie als unrechtmäßig. Wer allerdings gegen die Militärmachthaber protestiert, riskiert sein Leben. Seit dem Staatsstreich haben Sicherheitskräfte mehr als 1800 Menschen getötet. Zu Protesten gegen das Militär kommt es in den von der Armee kontrollierten Gebieten deswegen nur selten.

    3. Welche unmittelbaren Hilfen oder entwicklungspolitischen Maßnahmen gibt es bzw. welche sind zu erwarten?

    Westliche Staaten haben zwar als Reaktion auf den Putsch ihre Entwicklungshilfe eingefroren. Humanitäre Hilfe leisten sie aber weiterhin.  Die EU unterstützt Hilfsorganisationen in Myanmar dieses Jahr mit mindestens 27 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr stellte sie insgesamt 25 Millionen Euro bereit. Das Welternährungsprogramm geht davon aus, dass es dieses Jahr rund vier Millionen Menschen mit Nahrungsmitteln versorgen wird. Im vergangenen Jahr waren es nur drei Millionen. Ausländische Hilfsorganisationen haben aufgrund des Bürgerkrieges allerdings häufig nur begrenzten Zugang zu den Hilfsbedürftigen. Teilweise verwehrt ihnen die Junta auch den Zugang. Viele Beobachter fordern deswegen, verstärkt mit bewaffneten ethnischen Rebellen zusammenarbeiten. Sie kontrollieren großflächige Gebiete an Myanmars Grenzen, insbesondere zu Thailand, und haben enge Verbindungen mit der Schattenregierung (National Unity Government). Würde mehr Hilfe über diese Kanäle fließen, würde das auch die Position der Opposition stärken. Noch verhindern Myanmars Nachbarländer aber bedeutende Hilfslieferungen in diese Gebiete.


    Frederic Spohr, PL Thailand/Myanmar, frederic.spohr@freiheit.org

  • Indien

    Welche Auswirkung haben das geringere Nahrungsmittelangebot, insbesondere bei Weizen, und die global dramatisch steigenden Lebensmittelpreise auf die Versorgungslage, die Preise und insb. die Lage der ärmsten Bevölkerungsschichten.

    Indiens Bedeutung für die internationale Versorgung mit Agrarrohstoffen hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen: Weizen produzierte das Land lange Zeit vor allem für den Eigengebrauch. Den Bauern gelang es jedoch, ihre Erträge Jahr für Jahr zu steigern. Die Exporte vervierfachten sich im vergangenen Fiskaljahr, das im März zu Ende ging, auf rund acht Millionen Tonnen – so viel wie noch nie. Für dieses Jahr peilte die Regierung einen neuen Rekordwert von rund zwölf Millionen Tonnen an Ausfuhren an. „Indiens Landwirte treten an, um die Welt zu ernähren", kündigte Modi noch vor wenigen Wochen an.

    Doch die extreme Hitzewelle, die Indien in den vergangenen Monaten erlebte, machte es unmöglich, dieses Versprechen zu halten. Aufgrund von erheblichen Ernteausfällen dürfte die Gesamtproduktion von indischem Weizen in diesem Jahr deutlich geringer ausfallen als erwartet: Beobachter halten es für möglich, dass die Erträge unter der Marke von 100 Millionen Tonnen liegen werden. Die Regierung hatte ursprünglich mit mehr als 111 Millionen Tonnen gerechnet. Die Ausfuhrbeschränkungen sollen nun dazu beitragen, die Ernährungssicherheit der eigenen Bevölkerung zu garantieren, teilte die Regierung mit.

    Nach Verwunderung über Indiens Kehrtwende und internationaler Kritik ließ die Regierung Ausnahmen bei den Ausfuhrbeschränkungen zu. Bereits zugesagte Lieferverpflichtungen sollen erfüllt werden. Zudem will Indien Länder weiterhin mit Weizen versorgen, die für die Ernährungssicherheit ihrer Bevölkerung darauf angewiesen sind. So soll zum Beispiel Ägypten nach wie vor Getreide aus Indien erhalten.

    Welche sozialen und politischen Reaktionen gibt es?

    Wesentliches Instrument der indischen Regierung ist das Ausfuhrverbot von Weizen. Bereits in der Vergangenheit hatte die Regierung – nicht ohne Erfolg – von diesem Instrument Gebrauch gemacht. Während des starken Anstiegs der Nahrungsmittelpreise in den Jahren 2007 und 2008 setzten Länder wie Indien und Indonesien ebenfalls auf Ausfuhrbeschränkungen für Agrargüter. „Ihnen gelang es damit weitgehend erfolgreich, die heimischen Märkte von dem internationalen Preisdruck abzuschirmen", analysiert Cullen S. Hendrix, der am Peterson Institute for International Economics (Washington, D.C.) forscht.

    Direkt nach Verkündung des Ausfuhrverbotes schoss der Preis für Weizen an globalen Handelsplätzen um sechs Prozent nach oben und landete zwischenzeitlich auf einem neuen Allzeithoch, während der Preis in Indien um etwa acht Prozent zurückging.

    Global gesehen droht gleichwohl ein Teufelskreis. Ein Exportverbot für Palmöl, das der weltgrößte Produzent Indonesien im April verhängt hatte, trieb in Indien die Kosten von Speiseölen weiter nach oben – und damit auch die Inflationsrate. Indiens Handelsminister Piyush Goyal verwies auf die indonesische Maßnahme zur Begründung für die Ausfuhrbeschränkungen durch seine Regierung. Ein entsprechendes Vorgehen, sei internationale Praxis, sagte er in einem Interview.

    Welche unmittelbaren Hilfen oder entwicklungspolitischen Maßnahmen gibt es bzw. welche sind zu erwarten.

    Als großer Lieferant für Weizen und andere Agrargüter ist Indien weniger Ziel von Hilfsmaßnahmen als von internationaler Kritik. Die wiederholten Kehrtwenden der Regierung erinnern an Indiens Rolle in der Corona-Krise: Anfangs stellte das Land mit seiner extrem leistungsfähigen Pharmaindustrie große Mengen an Impfstofflieferungen in Aussicht. Später stoppte die Regierung in Neu-Delhi die Ausfuhr der Impfdosen, um eine heftige Corona-Welle im eigenen Land zu bekämpfen. Beide Fälle zeigen die heikle Balance, die Indien zwischen seiner Rolle als globaler Lieferant und der Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse finden muss.

    Frank Hoffmann, PB Regionalbüro Südasien, frank.hoffmann@freiheit.org

    Mehr zu diesem Thema finden Sie hier:

    Extreme Hitzewellen in Südasien bedrohen wirtschaftliches Wachstum

    Heiß-Zeit in Südasien: Schnelles Ende der Hitzewelle nicht in Sicht

  • Libanon

    Welche Auswirkung haben das geringere Nahrungsmittelangebot, insbesondere bei Weizen, und die global dramatisch steigenden Lebensmittelpreise auf die Versorgungslage, die Preise und insb. die Lage der ärmsten Bevölkerungsschichten?

    Der Libanon befindet sich laut der Weltbank in einer der weltweit schwersten Wirtschaftskrisen seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Hyperinflation, steigende Arbeitslosigkeit und eine massive Abwertung der Landeswährung gehören schon seit gut zwei Jahren zur Tagesordnung. Für die ärmsten Bevölkerungsschichten waren viele Lebensmittel deshalb schon vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine unbezahlbar geworden. Die Situation hat sich dennoch noch einmal verschärft – denn der Libanon bezog etwa 90% seines Weizens aus der Ukraine und Russland. Ein weiteres Problem ist das durch die Hafenexplosion vom 4. August 2020 zerstörte Weizensilo, dessen Fehlen es dem Land schwieriger macht, größere Mengen an Weizen zu lagern.

    Welche sozialen und politischen Reaktionen gibt es?

    Am 15. Mai 2022 wurde das libanesische Parlament neu gewählt. In einer Richtungswahl für das Land haben die Hisbollah und ihre Verbündeten ihre parlamentarische Mehrheit verloren. Aufgrund der sehr fragmentierten Parteienlandschaft ist mit einer zeitnahen Regierungsbildung nicht zu rechnen. Die in der Zwischenzeit verantwortliche kommissarische Regierung wird kaum in der Lage sein, die tiefgreifenden und strukturellen Probleme anzugehen. Vor einigen Wochen gab es lange Schlangen vor Supermärkten, weil Industrieinsider gewarnt hatten, dass eine für die Weizensubventionierung eingerichtete Kreditlinie auslaufen würde. Diese wurde dann in letzter Minute verlängert, und deshalb konnten größere soziale Unruhen durch eine fortgeführte Subventionierung der Weizenimporte abgewendet werden.

    Welche unmittelbaren Hilfen oder entwicklungspolitischen Maßnahmen gibt es bzw. welche sind zu erwarten?

    Weizen wird im Libanon stark subventioniert – und das nicht erst seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine. Doch aufgrund der Wirtschaftskrise sind notwendige US Dollar Zahlungen aus dem Ausland ausgeblieben. Die Knappheit an Devisen bedroht zunehmend auch die Nahrungsmittelsicherheit im Land, da Weizenimporte in US Dollar bezahlt werden müssen. Sollte die Subventionierung der Weizenimporte auslaufen, ist damit zu rechnen, dass Brotpreise um das Vierfache steigen. Dies würde einer sozialen Katastrophe gleichkommen, da sich bereits heute viele Libanesen kaum noch Brot leisten können. Aus diesem Grund musste kürzlich bereits auf einen Weltbankkredit in Höhe von 150 Millionen US Dollar zurückgegriffen werden, der die Importe für vier bis fünf Monate sicherstellen soll. Auch andere Geberländer, unter anderem die Vereinigten Staaten und Frankreich, wurden um finanzielle Hilfen gebeten.

    Kristof Kleemann, PL Libanon, kristof.kleemann@freiheit.org

  • Türkei

    Welche Auswirkung haben das geringere Nahrungsmittelangebot, insbesondere bei Weizen, und die global dramatisch steigenden Lebensmittelpreise auf die Versorgungslage, die Preise und insb. die Lage der ärmsten Bevölkerungsschichten.

    Die ohnehin seit längerem manifeste Nahrungsmittelkrise in der Türkei wird durch den derzeitigen weltweiten Anstieg der Energie- und Lebensmittelpreise nur verstärkt. Vorherrschendes Problem ist die galoppierende Inflation, im Mai 2022 offiziell 69,97%, de facto über 150%. Auf der Angebotsseite führt sie zu zunehmender Abwanderung aus der nicht mehr rentablen Landwirtschaft, einem Rückgang der bestellten Flächen sowie des Ertrags durch Reduktion der (energieintensiv produzierten) Düngemittel. Auf der Nachfrageseite führt sie dazu, dass die „Hungergrenze“ (Kosten für ausreichende, ausgewogene Ernährung) bereits über dem Mindestlohn liegt, den 43% der Arbeitnehmer beziehen. Die gewohnten Lebensmittel können viele Haushalte nicht mehr kaufen, auch wenn sie noch verfügbar sind.

    Die Türkei gehört zu den größten Importeuren von Weizen und Sonnenblumenkernen aus Russland und der Ukraine, die sie insbesondere für den Export in die MENA-Region weiterverarbeitet. Die Importe aus der Ukraine sind unterbrochen, der Großteil kommt aber aus Russland, die Lieferung ist bisher kaum behindert.

    Mittelfristig wird auch die zunehmende Wasserknappheit die Nahrungsmittelsicherheit der Türkei gefährden.

    Welche sozialen und politischen Reaktionen gibt es?

    Die Hyperinflation ist die vorherrschende Sorge der Menschen in der Türkei. Die Regierung beschwichtigt, man werde schon alles in den Griff bekommen. Der Präsident bemüht sich um ausländische Investitionen, etwa aus den VAE. Experten halten einen Zusammenbruch der Wirtschaft vor Jahresende für möglich. Derweil hält sich das Gerücht, der Präsident könnte nach einer erfolgreichen und damit entlastenden Tourismussaison für den Herbst vorgezogene Neuwahlen ansetzen. 

    Produzenten fordern eine Unterstützung des einheimischen Agrarsektors, da dessen sinkende Produktion durch die globale Nahrungsmittelkrise kaum durch Importe wird ersetzt werden können.

    Zu „Hungeraufständen“ ist es bislang nicht gekommen, allerdings ist die Neigung zu Demonstrationen angesichts der erheblichen Repressionen auch gering.

    Welche unmittelbaren Hilfen oder entwicklungspolitischen Maßnahmen gibt es bzw. welche sind zu erwarten?

    Am 08.03.2022 wurde ein Präsidialerlass über die „Förderung der Effizienz der Nutzung landwirtschaftlicher Flächen" veröffentlicht. Demnach sollen Investitionen in verbesserte Produktions- und Verarbeitungsmethoden sowie die (Re-)Aktivierung brachliegender Flächen mit insgesamt 169 Mio. TL (ca. 9,6 Mio. EURO) vom Ministerium für Land- und Forstwirtschaft gefördert werden. Der Zuschuss beträgt maximal 75 % der gesamten Projektkosten. Für die aktuelle Aussaat und Pflanzzeit kam das Programm aber bereits zu spät.

    Im April verbot die Regierung den Export von Butter, Sahne und Olivenöl. Bereits im Februar war die Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel von 8 auf 1% reduziert worden, um der Inflation entgegenzuwirken.

    Grundsätzlich ist anzumerken, dass die Inflationskrise durch die vom Präsidenten angeordneten, aller Wirtschaftstheorie widersprechenden Zinssenkungen im Herbst 2021 entstanden ist und die globale Nahrungsmittelkrise in der Türkei nur als ein erschwerender Faktor hinzukommt.

    Beate Apelt, PL Türkei, beate.apelt@freiheit.org

  • Slowakei

    Welche Auswirkung haben das geringere Nahrungsmittelangebot, insbesondere bei Weizen, und die global dramatisch steigenden Lebensmittelpreise auf die Versorgungslage, die Preise und insb. die Lage der ärmsten Bevölkerungsschichten.

    Seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine verzeichnet auch die Slowakei den Anstieg der Lebensmittelpreise, insbesondere für Getreide. Obwohl die Slowakei ein großer Getreideproduzent ist – 2/3 des slowakischen Weizens werden exportiert –, stiegen auch hier die Preise. Die Einkaufspreise für Lebensmittelweizen sind mittlerweile um 80 % höher als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Hinzu kam die Inflation. Anfang 2022 hat der slowakische Stiftungspartner INESS eine umfassende Publikation zu diesem Thema mit dem Titel "Ein teures neues Jahr" veröffentlicht, verfügbar auf Slowakisch unter: https://iness.sk/sk/drahy-novy-rok).

    Jedoch wurde kein wesentlicher Lebensmittelmangel in den Supermärkten registriert. Nur die Versorgung mit Sonnenblumenöl ist problematisch, da es hauptsächlich aus der Ukraine importiert wird. Die am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen wurden besonders hart getroffen, da die Preise schneller als ihre Einkommen gestiegen sind.

    Welche sozialen und politischen Reaktionen gibt es?

    Die slowakische Regierung hat lange gewartet und schließlich eine Vereinbarung mit den Einzelhandelsketten unterzeichnet, die diese dazu verpflichtet, die Situation nicht zu missbrauchen, indem sie aufgrund der steigenden Preise ihre Gewinnspannen „künstlich" erhöhen. Diese Vereinbarung war eher symbolisch und hat nur einen Teil der Öffentlichkeit beruhigt.

    Im Mai hat dann die Debatte über die Regulierung des Weizenexports begonnen. Diese Idee wurde von der Fachöffentlichkeit kritisiert, da dies gegen die Grundsätze des europäischen Binnenmarkts verstoßen würde und die Änderung zudem im Eilverfahren erfolgen sollte, d.h. ohne die üblichen Möglichkeiten einer Stellungnahme der Öffentlichkeit.

    Das Parlament hat den umstrittenen Vorschlag schließlich gebilligt, demzufolge jedes Unternehmen, das während einer Notsituation (die in den letzten zwei Jahren aufgrund der Corona-Pandemie beinahe ununterbrochen herrscht) mehr als 400 Tonnen bestimmter Lebensmittel exportiert, zweimal pro Jahr über die Höhe ihrer Lagerbestände berichten muss. Die Liste der betroffenen Lebensmittel ist noch nicht bekannt, wird aber wahrscheinlich auch Getreide betreffen. Mehr dazu unter: https://www.nrsr.sk/web/Dynamic/DocumentPreview.aspx?DocID=511475

    Welche unmittelbaren Hilfen oder entwicklungspolitischen Maßnahmen gibt es bzw. welche sind zu erwarten.

    Die wichtigste Maßnahme, die u.a. auch die steigenden Lebensmittelpreise betrifft, ist ein umfangreiches Sozialpaket der Regierung im Wert von mehr als 1 Milliarde Euro. Auch hier handelt es sich um ein Maßnahmenpaket, das kein ordentliches parlamentarisches Verfahren durchlief, sodass die Öffentlichkeit keine Gelegenheit hatte, sich über die Einzelheiten informieren zu können oder Stellungnahmen abzugeben. Diese Sozialhilfe wurde den Wählern als „Familienhilfe“ dargestellt, weswegen diejenigen, die arm sind und alleine leben, von der Empfängergruppe ausgeschlossen wurden. INESS hat diesen Vorschlag öffentlich kritisiert (u.a. wegen der unsicheren Finanzierungsquellen) und eine Stellungnahme zum Regierungspaket veröffentlicht. INESS betont seit langem die Notwendigkeit einer gezielten Sozialpolitik, da häufig Familien mit höherem Einkommen und nicht die ärmsten Menschen vom Staat unterstützt werden.

    Ein positives Beispiel in der derzeitigen Situation sind die slowakischen gemeinnützigen Organisationen, die Sammelaktionen für arme Menschen organisieren und den ökonomisch Schwachen eine effektivere Hilfe anbieten können als der Staat selbst.

    Toni Skorić, Projektmanager Mitteleuropa und Baltische Staaten, toni.skoric@freiheit.org

  • Senegal

    Welche Auswirkung haben das geringere Nahrungsmittelangebot, insbesondere bei Weizen, und die global dramatisch steigenden Lebensmittelpreise auf die Versorgungslage, die Preise und insb. die Lage der ärmsten Bevölkerungsschichten.

    Senegal ist zu 99 Prozent von Importen abhängig, um seinen jährlichen Bedarf von 180.000 Tonnen Weizen abzudecken. Diese Importe kommen zum größten Teil aus Russland (51 Prozent) und Frankreich (32 Prozent). Die Ukraine spielt mit weniger als 6 Prozent der senegalesischen Weizenimporte nur eine untergeordnete Rolle. Die durch den Krieg hervorgerufenen Preissteigerungen haben jedoch massive makroökonomische Auswirkungen, die erst allmählich sichtbar werden. Weizen wird im Senegal traditionell staatlich subventioniert, um Brot insbesondere in urbanen Gebieten auch für ärmere Teile der Bevölkerung erschwinglich zu halten. Die letzte Subventionsanpassung vor Kriegsausbruch im Dezember 2021 lag bei 325 Euro pro Tonne, inzwischen wird die Tonne Weizen mit nahezu 440 Euro an den europäischen Terminmärkten gehandelt. Da eine völlige Freigabe des Brotpreises aus armutsrelevanten Gesichtspunkten im Senegal unmöglich ist, müssen die staatlichen Subventionen stark angehoben werden. Damit wird der senegalesische Staatshaushalt erheblichen Mehrbelastungen ausgesetzt, die das Staatsdefizit weiter erhöhen. Letzte Schätzungen rechnen mit 6,2 Prozent Defizit für das Jahr 2022 – mit steigender Tendenz; dies sind fast 2 Prozent mehr als ursprünglich in der mit dem IWF abgestimmten Haushaltsplanung. Ende Mai 2022 hat die senegalesische Regierung einen (ersten) Nachtragshaushalt beschlossen, der 6.7 Prozent Mehrausgaben vorsieht, die einzig auf die Preissteigerungen bei Weizen- und Energieimporten zurückzuführen sind. Diese Ausgaben lassen die Staatsverschuldung weiter ansteigen. Mit einer Verschuldungsquote von 70 Prozent des BIP liegt Senegal für 2022 noch knapp an der Grenze der Schuldentragfähigkeit. Sollte diese Situation länger anhalten, läuft der Senegal Gefahr, schon im kommenden Jahr seine Schulden nicht mehr bedienen zu können. Eine massive Rezession der senegalesischen Wirtschaft würde die ganze Region weiter destabilisieren.


    Welche sozialen und politischen Reaktionen gibt es?

    Die Subventionierung der Lebensmittelimporte wird weder von der Regierung noch von der Opposition infrage gestellt. Die Regierung hat neben den Importsubventionen für einige Lebensmittel zusätzlich Mehrwertsteuerbefreiungen eingeführt (Speiseöl, Reis). Im Vorfeld der in zwei Monaten anstehenden Parlamentswahlen werden zudem Forderungen lauter, die eigenen Autarkiebestrebungen bei Nahrungsmitteln weiter zu erhöhen. Vereinzelte Aufrufe von populistischen Führern, das von der Kolonialmacht Frankreich ursprünglich eingeführte Weißbrot einfach zu boykottieren, waren bisher kaum erfolgreich. Allgemein ist jedoch festzustellen, dass die globalen Preissteigerungen bei Lebensmitteln das politische Narrativ der Globalisierungskritiker und Freihandelsskeptiker schüren. Nationalistische und protektionistische Argumente werden im Senegal immer häufiger in den politischen Diskurs eingebracht und teilweise auch von eigentlich liberalen Politikern genutzt.    

    Welche unmittelbaren Hilfen oder entwicklungspolitischen Maßnahmen gibt es bzw. welche sind zu erwarten.

    Im Mai 2022 hat der IWF der senegalesischen Regierung die Zusage zu sogenannten Sonderziehungsrechten (Special Drawing Rights – SDR) unter dem existierenden „Stand-by Arrangement“ (SBA) und der „Stand-by Credit Facility“ (SCF) von umgerechnet 216 Mio USD zugesagt. Damit wird sichergestellt, dass das durch Energie und Weizenimporte erhöhte Haushaltsdefizit auf konzessionärer Basis bedient wird.

    Es ist zu erwarten, dass im Rahmen internationaler Initiativen, wie dem neu gegründeten G7-Bündnis für globale Ernährungssicherheit, über die Bretton Woods Organisationen weitere finanzielle Unterstützung für den Senegal zur Verfügung gestellt wird. In die bilaterale Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Senegal hat das Thema noch keinen Einzug erhalten. 2020 erhielt der Senegal eine Budgethilfe (Corona-Soforthilfe) in Höhe von 100 Millionen EUR zur Eindämmung der negativen wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Covid-Pandemie. Weitere Hilfen wurden bisher nicht diskutiert.

    Jo Holden, PL Westafrika, jo.holden@freiheit.org

     

    Südafrika

    Welche Auswirkung haben das geringere Nahrungsmittelangebot, insbesondere bei Weizen, und die global dramatisch steigenden Lebensmittelpreise auf die Versorgungslage, die Preise und insb. die Lage der ärmsten Bevölkerungsschichten.

    Da Südafrika 30 Prozent seines Weizens aus Russland und der Ukraine importiert, werden Nahrungsmittelknappheit und Preissteigerungen vorausgesagt. Die südafrikanische Außenministerin erklärte jedoch letzte Woche im südafrikanischen Fernsehen, dass die gute Getreideernte in Südafrika die unmittelbaren wirtschaftlichen Auswirkungen des Konflikts abfedere. Preiserhöhungen könnten sich erst in den nächsten zwei bis drei Jahren bemerkbar machen, sollte der Konflikt anhalten.

    Die Zahlen des südafrikanischen Statistikamtes zeichnen dagegen ein gemischtes Bild: Die Inflation der Lebensmittelpreise sank von 6,6 Prozent im März auf 6,3 Prozent im April – die Preise für Fleisch, Milch, Eier und Gemüse sind langsamer gestiegen als erwartet. Die Energieknappheit in Südafrika, die Unruhen im Juli 2021 und die anhaltenden Nachwirkungen der Covid-Pandemie haben die Preise für Grundnahrungsmittel seit 2020 um mehr als 10 Prozent steigen lassen.

    In Südafrika sind 47 Prozent der Bevölkerung von Sozialtransfers abhängig, wobei 10,5 Millionen Menschen noch immer die verlängerten Corona-Beihilfen in Höhe von 20 Euro pro Monat erhalten, die für Menschen ohne andere Einkommensquellen bestimmt sind. Laut Statistikamt sind 28 Euro pro Monat erforderlich, um den Mindestbedarf an täglichen Kilokalorien zu decken.

    Welche sozialen und politischen Reaktionen gibt es?

    Die politischen Reaktionen fallen unterschiedlich aus, ebenso wie die Reaktionen auf den russischen Angriff auf die Ukraine. Während der regierende African National Congress (ANC) sich nicht zu einer öffentlichen Verurteilung Russlands durchringen kann, hat sich die oppositionelle Democratic Alliance (DA) unmissverständlich auf die Seite der Ukraine und ihrer Unterstützer aus EU und NATO gestellt. Die radikalen Economic Freedom Fighters (EFF) unterstützen offen Russland. Die deutlichste politische Reaktion gab es angesichts der steigenden Spritpreise: Die Regierung setzte im April und Mai für einen begrenzten Zeitraum die Benzinsteuer herab, um den Schock der starken Preiserhöhungen zu mildern.

    Der Benzinpreis hat mit 1,30 Euro pro Liter einen historischen Höchststand erreicht, und es wird mit einer weiteren Erhöhung um 15 bis 20 Cent pro Liter gerechnet. Sollte die Regierung zur ursprünglichen Benzinsteuer zurückkehren, könnte der Preis am 1. Juni bei 1,50 Euro pro Liter liegen. Dies werde laut dem südafrikanischen Finanzminister auf die Lebensmittelpreise und die gesellschaftliche Stabilität auswirken. Seit den schweren Unruhen im Juli 2021 reagiert die südafrikanische Regierung deutlich sensibler auf Fragen der Lebenshaltungskosten – eine neue Entwicklung: Die seit Jahren stattfindenden Proteste aufgrund des kollabierenden kommunalen Dienstleistungssektors hatte sie größtenteils ignoriert.

    Welche unmittelbaren Hilfen oder entwicklungspolitischen Maßnahmen gibt es bzw. welche sind zu erwarten.

    Die unmittelbare Hoffnung zielt auf einen schnellen Friedensschluss zwischen Russland und der Ukraine ab. Obwohl viele Südafrikanerinnen und Südafrikaner die Sicht der Democratic Alliance teilen, ist es wahrscheinlich, dass eine Mehrheit den Krieg als ein Problem des Westens beurteilt. Die unmittelbaren Existenznöte – Arbeitslosigkeit, Armut, fehlende Grundversorgung – sind für viele Südafrikaner allgegenwärtig.

    Die meisten Menschen erwarten Hilfe von der Regierung, z.B. soziale Unterstützung in Form von Notstandsbeihilfen, Lebensmittelgutscheinen, einer Deckelung des Benzinpreises und höheren Sozialleistungen. Aber das braucht Zeit. Während der Corona-Lockdowns haben lokale Wohlfahrtsverbände und NROs zügig gehandelt und Lebensmittel an Bedürftige verteilt. Auch nach den katastrophalen Überschwemmungen in KwaZulu-Natal im April dieses Jahres reagierten sie schnell. Sollte die Lage verzweifelt werden, könnten sie erneut eingreifen – sie werden jedoch finanzielle Unterstützung benötigen. Die Zivilgesellschaft ist hier als humanitäre Hilfsorganisation gefragt.

    Verglichen mit dem Rest Afrikas, gilt Südafrika als relativ autark und kommt daher nicht für die kürzlich angekündigten Hilfen der Afrikanischen Entwicklungsbank in Höhe von 1,4 Milliarden Euro zur Bekämpfung von Nahrungsmittelknappheit infrage. Der führende Agrarökonom Wandile Sihlobo vertrat in einem kürzlich erschienenen Blogeintrag die Ansicht, dass Südafrika zumindest in absehbarer Zukunft vor schweren Nahrungsmittelengpässen gefeit ist.

    Carien du Plessis, freie Journalistin

     

    Kenia

    Welche Auswirkung haben das geringere Nahrungsmittelangebot, insbesondere bei Weizen, und die global dramatisch steigenden Lebensmittelpreise auf die Versorgungslage, die Preise und insb. die Lage der ärmsten Bevölkerungsschichten.

    Der Preis für Sukuma Wiki ist in Kenia um über 20 Prozent gestiegen. Sukuma Wiki heißt übersetzt „Streck die Woche“. Es ist das Essen der armen Leute, eine Art Grünkohl. Zusammen mit Ugali, einer festen weißen Masse aus Maismehl, bringt Sukuma Wiki die Menschen, die sonst nichts haben, durch die Woche. Auch der Preis für Maismehl ist um knapp 15 Prozent gestiegen. Wenn diese Lebensmittel zu teuer werden, gibt es keinen billigeren Ersatz. Was bleibt, ist Hunger. Menschen, die vor einem Jahr noch dreimal am Tag essen konnten, können sich heute nur noch zwei oder gar nur eine Mahlzeit leisten. Denn durch Corona sind auch viele Jobs verloren gegangen, die Familieneinkommen gesunken.

    Die Preiserhöhungen für Sonnenblumenöl (+41,7%), Weizenmehl (+24,7%) oder Kartoffeln (+22,4%) treffen dagegen die Angehörigen der unteren Mittelschicht. Sie müssen nicht hungern, aber der Speiseplan ist heute weniger abwechslungsreich und meist auch weniger gesund. Experten prognostizieren bereits Mangelernährung von hunderttausenden Kindern.

    Existenziell bedrohlich ist die Lage für die Menschen in den Dürregebieten im Norden und Osten Kenias. Die gerade zu Ende gehenden Long Rains haben nur minimale Niederschläge gebracht – genau wie die drei Regenzeiten zuvor. In der Folge vertrocknen Mais und Bohnen, das Vieh darbt oder stirbt. Bis zu 1,5 Millionen Rinder und Schafe sind laut Schätzungen seit Oktober 2021 verendet. Die Milchproduktion, Haupteinnahmequelle der nomadischen Bevölkerung, liegt bis zu 80 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt.

    Welche sozialen und politischen Reaktionen gibt es?

    Hustlers against Dynasties – die armen Leute, die sich durchschlagen müssen, gegen die reichen Dynastien, das ist das große Wahlkampfthema von Kenias Vize-Präsident William Ruto. Bei den Wahlen im August will er selbst Präsident werden und heizt dafür die sozialen Spannungen in Kenia an.

    Die steigenden Preise für Nahrungsmittel und Energie kommen ihm dabei zupass. Die Lebenssituation vieler Kenianer hatte sich schon durch Corona verschlechtert. Der Preisanstieg bei Lebensmitteln und Treibstoffen verschärft die Situation noch weiter. Und die Wut auf die Politik wächst. Fast täglich berichten die Medien von korrupten Politikern. Schamlose Selbstbedienung auf der Seite der Mächtigen und täglicher Kampf ums Überleben für die vielen Millionen einfachen Kenianer: Das ist eine Kombination, die viele Beobachter Gewaltausbrüche in der Zeit um die Wahlen im August befürchten lässt.

    Denn auch Raila Odinga, der einzige aussichtsreiche Gegenkandidat zu Ruto, nutzt die Unzufriedenheit der Menschen für seinen Wahlkampf. Schließlich sei Vize-Präsident Ruto mitverantwortlich für die Politik der vergangenen Jahre und damit auch für die schlechten Lebensbedingungen der Menschen. So werden der Preisanstieg und die Lebensmittelknappheit von beiden Seiten als Wahlkampfmunition missbraucht.
     

    Welche unmittelbaren Hilfen oder entwicklungspolitischen Maßnahmen gibt es bzw. welche sind zu erwarten?

    Nach Aussage des Famine Early Warning System Network (FEWS Net) ist in Folge der Dürre in Nord- und Ostkenia die Ernährung von mehr 3,5 Millionen Kenianern gefährdet; für 360.000 gilt bereits die zweithöchste Warnstufe – Emergency. Aus Not fliehen viele Familien aus den besonders trockenen Gebieten. Konflikte mit den Bewohnern den Nachbargemeinden sind die Folge. Für den Herbst sagen langfristige Modelle eine weitere unterdurchschnittliche Regenzeit voraus. Millionen Kenianer werden dann auf Lebensmittelhilfen angewiesen sein. Die Dürre in den Jahren 2016/2017 hat gezeigt, dass durch frühzeitige Maßnahmen das Schlimmste verhindert werden kann. Es wächst die Sorge, dass das durch den Krieg in der Ukraine in diesem Jahr nicht gelingen wird. Wichtige Lieferketten für Getreide und andere Lebensmittel sind unterbrochen und die Preise gestiegen. Gleichzeitig bindet der Krieg Aufmerksamkeit und Ressourcen.

    Kurzfristig brauchen die Hilfsorganisationen vor allem Geld. Der Kenya Drought Flash Appeal fordert 139,5 Millionen US-Dollar, um den 1,3 Millionen Menschen, die am schwersten von der Krise betroffen sind, lebensrettende Hilfe leisten zu können. Mittelfristig muss sich die Landwirtschaft in den immer trockeneren Gebieten Kenias an die veränderten Klimabedingungen anpassen. Dürre-resistente Sorten, sparsame Tröpfel-Bewässerungssysteme und Wasserspeicher, die die seltenen, heftigen Regenfälle aufnehmen können, sind Ideen, die die heimische Lebensmittelproduktion stabilisieren – und Kenias Abhängigkeit von teuren Importen reduzieren könnten.

    Stefan Schott, PL Ostafrika und Global Partnership Hub, stefan.schott@freiheit.org

  • USA

    Welche Auswirkung haben das geringere Nahrungsmittelangebot, insbesondere bei Weizen, und die global dramatisch steigenden Lebensmittelpreise auf die Versorgungslage, die Preise und insb. die Lage der ärmsten Bevölkerungsschichten.

    Die Preise für Weizen und Mais sind auf dem höchsten Stand seit einem Jahrzehnt. Darüber hinaus prognostiziert das US-Landwirtschaftsministerium, dass die Preise für Lebensmittel bis Ende 2022 um bis zu 4 % steigen werden. Experten rechnen jedoch nicht mit einer Lebensmittelknappheit in den Vereinigten Staaten. Ihre Einschätzung stützt sich vor allem auf die Stärke des US-Landwirtschaftssektors und die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten nicht sehr viel aus der Ukraine importieren.

    Welche sozialen und politischen Reaktionen gibt es?

    Die anhaltende Inflation und der Krieg Russlands gegen die Ukraine schüren die Unsicherheit unter den Amerikanern. Laut einer neuen, im Mai veröffentlichten Umfrage betrachten 70% der Amerikaner die Inflation als das größte Problem, mit dem das Land heute konfrontiert ist. Es gibt auch Anzeichen dafür, dass sich die öffentliche Stimmung in den kommenden Monaten eher verschlechtern als verbessern wird, was die ohnehin geringen Chancen der Demokraten auf einen Erhalt der Mehrheiten im US-Kongress nach den diesjährigen Zwischenwahlen zunehmend gefährdet.

    Welche unmittelbaren Hilfen oder entwicklungspolitischen Maßnahmen gibt es bzw. welche sind zu erwarten.

    Präsident Joe Biden kündigte im Mai Maßnahmen an, die darauf abzielen, die Lebensmittelkosten in den USA zu senken und die heimische Nahrungsmittelproduktion (d. h. die Getreideproduktion) zu steigern. Dies ist Teil einer umfassenderen Anstrengung, die Nahrungsmittelversorgung der USA für den Export in Teile der Welt zu erhöhen, die infolge des Krieges unter Mangel leiden. Im Rahmen des im letzten Monat verabschiedeten 40-Milliarden-Dollar-Haushaltspakets hat Biden 16 Milliarden Dollar an humanitärer Hilfe für die vom russischen Krieg in der Ukraine und seinen schwerwiegenden Auswirkungen auf die ganze Welt Betroffenen zugesagt. Gemäß dem Gesetzestext werden davon 4,3 Milliarden Dollar "zur Deckung des humanitären Bedarfs in der Ukraine und in Ländern, die von der Situation in der Ukraine betroffen sind" bereitgestellt. Laut der Erklärung des Kongresses soll damit "Nahrungsmittelsoforthilfe für Menschen auf der ganzen Welt geleistet werden, die infolge des Konflikts in der Ukraine an Hunger leiden, sowie für andere dringende humanitäre Bedürfnisse der Bevölkerung und Gemeinden in der Ukraine."

    Johanna. Rudorf, Regional Communications Officer and Policy Analyst, johanna.rudorf@freiheit.org

     

    Kanada

    Welche Auswirkung haben das geringere Nahrungsmittelangebot, insbesondere bei Weizen, und die global dramatisch steigenden Lebensmittelpreise auf die Versorgungslage, die Preise und insb. die Lage der ärmsten Bevölkerungsschichten.

    Experten zufolge werden die Kanadier keine Lebensmittelknappheit erleben, aber sie werden mehr für ihre Lebensmittel bezahlen. Die Weizenpreise sind allein im letzten Monat um 15 Prozent gestiegen. Die Landwirte in ganz Kanada leiden außerdem unter einem Mangel an Düngemitteln, was zu höheren Preisen für die Verbraucher führen wird. Dies setzt die Landwirte unter Druck, entweder viel Geld zu zahlen oder Alternativen zu finden. Für einige kanadische Landwirte birgt die Krise jedoch auch Chancen. Kanada produziert viele der gleichen Agrarrohstoffe wie die Ukraine, z. B. Kartoffeln, Getreide und Speiseöl, bei denen es aufgrund des Konflikts zu Engpässen gekommen ist. Kanadische Agrarrohstoffproduzenten könnten angesichts der hohen Nachfrage und des knappen Angebots im Ausland von höheren Preisen profitieren, da europäische Unternehmen bereits versuchen, Verträge mit kanadischen Lieferanten abzuschließen.

    Welche sozialen und politischen Reaktionen gibt es?

    Da die Inflation in Kanada weiter ansteigt, ist eine wachsende Mehrheit (85%) besorgt, dass die Inflation alltägliche Dinge weniger erschwinglich machen wird. Eine neue Ipsos-Umfrage für Global News zeigt, dass sechs von zehn Kanadiern angeben, besorgt zu sein (30 % stark/30 % etwas), dass sie nicht genug Geld haben könnten, um ihre Familie zu ernähren – eine Zahl, die seit November 2021 massiv gestiegen ist (+16 Prozentpunkte).

    Welche unmittelbaren Hilfen oder entwicklungspolitischen Maßnahmen gibt es bzw. welche sind zu erwarten.

    Kanada wird der Ukraine bei der Entwicklung von Optionen für den Export von gelagertem Getreide helfen, um die weltweite Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Bei einem unangekündigten Besuch in der Ukraine sagte Premierminister Justin Trudeau nach seinem Treffen mit Präsident Wolodymyr Zelenskij am Sonntag den 8. Mai, dass Kanada dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen 25 Millionen Dollar zur Verfügung stellt, um die Ernährungssicherheit zu gewährleiste. Außerdem wird Kanada die Handelszölle auf alle ukrainischen Einfuhren nach Kanada für das nächste Jahr aufheben. Es wird auch erwartet, dass die kanadischen Landwirte sechs Prozent mehr Frühjahrsweizen aussäen als im letzten Jahr und 20 Prozent mehr Ernte einbringen werden, allerdings nach einem besonders schlechten Jahr.

    Johanna. Rudorf, Regional Communications Officer and Policy Analyst, johanna.rudorf@freiheit.org

  • Peru

    Welche Auswirkung haben das geringere Nahrungsmittelangebot, insbesondere bei Weizen, und die global dramatisch steigenden Lebensmittelpreise auf die Versorgungslage, die Preise und insb. die Lage der ärmsten Bevölkerungsschichten?

    Der Krieg in der Ukraine hat große Auswirkungen auf die gesundheitliche und soziale Situation in Peru. Das Andenland bezieht 50% seiner Düngemittel aus Russland, diese Lieferungen blieben seit Beginn des Krieges aus. Es ist daher abzusehen, dass die Produktion von Agrarmitteln mittelfristig schwierig werden wird, sollte es keine Lösung in dieser Frage geben. Hinzu kommt, dass Peru seinen Bedarf an Weizen durch Importe aus dem Ausland deckt, hier ist die Ukraine ein wichtiger Lieferant. Schon jetzt steigen die Preise für Grundnahrungsmittel, wie Reis, Milch und Getreideprodukte wöchentlich, von Beginn des russischen Angriffskrieges bis Ende Mai verzeichnet Peru einen Anstieg von ca. 15-20%. Bedingt durch diese Faktoren, ist die Armut in Peru in den letzten Monaten nochmals stark gestiegen, was jedermann leicht an der ständig wachsenden Zahl der Straßenbettler erkennen kann. Auch die Preise in den Restaurants sind sehr stark gestiegen.

    Welche sozialen und politischen Reaktionen gibt es?

    Der Anstieg der Lebensmittelpreise und die damit wachsende Armut nicht nur der ärmsten Bevölkerungsschichten hat vor allem in den Regionen außerhalb der Hauptstadt Lima schon zu Protesten und Straßenblockaden geführt. Durch den größeren finanziellen Aufwand für den Kauf von Lebensmitteln können viele Menschen die anderen Lebenshaltungskosten, von der Miete bis zu den Energiekosten, nicht mehr tragen. Dementsprechend steigen die Forderungen an die Regierung nach staatlichen Interventionen und Reaktionen. Die Regierung hat daraufhin erneut eine Auszahlung der angesparten Rentenfonds erlaubt. Da dies allerdings nur die maximal 20 -25% der formal Beschäftigten betrifft, die ohnehin durch die wenn auch im Vergleich zu Deutschland sehr rudimentären Arbeitsschutzgesetze zumindest einen gewissen Schutz vor einem Totalausfall ihrer finanziellen Lebensgrundlage besitzen, hilft es den am stärksten betroffenen armen Bevölkerungsgruppen nicht, da sie fast ausschließlich informell beschäftigt sind. Abgesehen davon wird diese Regierungsmaßnahme in den nächsten Jahren zu noch größerer Armut führen, da mit der „Plünderung“ der individuellen Rentenkassen nun auch die Bevölkerungsgruppen, die zumindest über eine minimale soziale Absicherung verfügen, beim Eintritt in das Rentenalter über keinerlei Rücklagen verfügen werden. Bisher gibt es auch keine Ansätze der Regierung, aber auch nicht des Kongresses, auf die steigende Lebensmittelknappheit zu reagieren oder für funktionierende Ersatzlösungen für den Import von Düngemitteln zu sorgen. Dementsprechend sinken die Zustimmungswerte der Regierung und auch des Parlaments dramatisch bis unter die 20% Marke.

    Welche unmittelbaren Hilfen oder entwicklungspolitischen Maßnahmen gibt es bzw. welche sind zu erwarten

    Peru verfügte vor der Pandemie im Vergleich zu vielen südamerikanischen Ländern über ausreichende Finanzmittel, um die Auswirkungen kurzfristig durch staatliche Interventionen zu lindern. Das erfolgte durch die Regierung Vizcarras nur in sehr bescheidenen und zumeist kontraproduktiven Maßnahmen. Nachdem unter der Regierung Sagasti zumindest die gesundheitliche Stabilisierung durch den Kauf von COVID-Impfstoff und die Durchführung von Impfungen erreicht werden konnte, hat es die Regierung Castillo nach ihrem Amtsantritt versäumt, die versprochenen und notwendigen Reformen insbesondere im Infrastrukturbereich anzugehen. Durch den Krieg in der Ukraine und die damit verbundenen Auswirkungen im Lebensmittel- und Energiebereich ist die Situation in Peru noch dramatischer geworden. Die politische Polarisation verhindert derzeit die dringend notwendigen entwicklungspolitischen Maßnahmen. Der ständige Wechsel der politisch Verantwortlichen (54 Ministerwechsel in zehn Monaten) erschwert auch eine Hilfe von außen, da die Ansprechpartner kontinuierlich wechseln. Die öffentliche Kommunikation des Präsidenten zur drohenden Ernährungskrise zeigt leider ebenfalls, dass der Ernst der Lage noch nicht erkannt wird.

    Jörg Dehnert, PL Andenländer, joerg.dehnert@freiheit.org

     

    Honduras

    Welche Auswirkung haben das geringere Nahrungsmittelangebot, insbesondere bei Weizen, und die global dramatisch steigenden Lebensmittelpreise auf die Versorgungslage, die Preise und insb. die Lage der ärmsten Bevölkerungsschichten.

    Honduras steht vor einer dramatischen Krise hinsichtlich der Lebensmittelsicherheit. Schon jetzt erfährt das Land Preissteigerungen der Grundnahrungsmittel sowie eine Verknappung der wichtigsten Getreide wie Mais, Bohnen und Reis. Hinzu kommt, dass die erlassenen Sanktionen gegen Russland von Honduras die Findung anderer Wege zur Beschaffung von Düngemitteln und Pestiziden fordern; 60% der Düngemittel wurden aus Russland importiert, und die jetzt zu verzeichnende Verknappung bringt Preissteigerungen von bis zu 300% mit sich, welche die Bauern aufgrund mangelnder Kredite kaum bis gar nicht decken können.

    Die ohnehin von Armut betroffenen Bevölkerungsschichten litten sowohl unter den Konsequenzen der Pandemie (70% der arbeitenden Bevölkerung sind in Honduras im informellen Sektor tätig, und 800.000 formale Arbeitsplätze gingen verloren) als auch aufgrund zweier Hurrikane, die 2021 über das Land fegten. In den Monaten Juni bis August 2022 werden rund 2,6 der 9,5 Millionen Honduraner extreme Lebensmittelknappheit erfahren. Zwischen Dezember 2021 und Februar 2022 waren es 2,4 Mio. Menschen.

    Welche sozialen und politischen Reaktionen gibt es?

    Einige Bürgermeister haben sich an die Zentralregierung mit dem Ziel gewandt, ihre Verschuldungsgrenzen überschreiten zu können, um die grundlegenden Getreide einkaufen und somit die Reserven aufrecht erhalten zu können, was einem akuten Nahrungsmittelmangel entgegenwirken könnte. Der Dachverband des Privatsektors ersucht einen Dialog und die Zusammenarbeit mit der honduranischen Regierung, um der Steigerung der Preise für Brennstoffe und folglich für Lebensmittel Herr zu werden. Die Landwirtschaftskammer bemüht sich um den Einkauf von Düngemitteln anderer internationaler Produzenten wie z.B. Marokko und versucht, Instrumente zur optimalen Nutzung der begrenzten Ressourcen in diesem Bereich zu vermitteln.

    Welche unmittelbaren Hilfen oder entwicklungspolitischen Maßnahmen gibt es bzw. welche sind zu erwarten.

    Die honduranische Regierung hat 330.000 USD zur Bekämpfung der Lebensmittelknappheit in den am meisten betroffenen Regionen des Landes zugesagt. Dieses Geld soll teilweise in Schulen fließen, in denen die Kinder eine Mahlzeit erhalten, aber auch in Programme zur Förderung des Unternehmertums. Darüber hinaus sollen ca. 100.000 kleine Produzenten Düngemittel bekommen. Schließlich sollen wieder mehr Kredite an Produzenten vergeben werden.

    In Zusammenarbeit mit dem Zentralamerikanischen Integrationssystem wurde in Honduras im Januar 2022 eine Analyse zur Lebensmittelsicherheit im Land erstellt, welche Grundlage für die Entwicklung von Strategien zur effizienten Bekämpfung der Nahrungsmittelknappheit ist.

    Elisabeth Maigler, PL Zentralamerika, elisabeth.maigler@freiheit.org

     

  • 29 Juni
    29.06.2022 19:00 Uhr
    virtuell

    Droht mehr Hunger?

    Globale Auswirkungen des Ukraine-Krieges