Schattenwirtschaft in Manila
Der Weg des Knoblauchs

Arendain schält zu Hause Knoblauch

Arendain schält zu Hause Knoblauch

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Die sich aufgrund der Pandemie verschärfende Krise am Arbeitsmarkt zwingt immer mehr Filipinas dazu, von zu Hause zu arbeiten – obwohl sie dafür nur Hungerlöhne verdienen und die Beschäftigung eine Zusatzbelastung zur unbezahlten Hausarbeit darstellt.

Amtliche Statistiken weisen auf eine Zunahme bei den Niedriglohnjobs hin, aber das Gesetz zum Schutz der Beschäftigten im informellen Sektor hängt seit Dezember 2019 in einem Legislativausschuss fest.

Der scharfe Knoblauchgeruch klebt den ganzen Tag an den schwieligen Händen von Marites Arendain. Sie hat schon seit Jahren „Knoblauchhände“, weil sie von Hand kiloweise Knoblauch schält, der dann an Märkte und große Fast-Food-Ketten geliefert wird.

Sie verdient 1,67 US-Dollar pro 15-Kilo-Sack Knoblauch, den sie pro Tag schält – ein Bruchteil des Mindestlohns von 10,68 US-Dollar. Es reicht gerade dafür, der achtköpfigen Familie ein Kilo Reis und etwas Dörrfisch zu kaufen.

„Den ganzen Tag lang Knoblauch zu schälen verätzt mir die Hände, vor allem dann, wenn der Knoblauch frisch oder dick ist“, sagt sie.

Knoblauch ist sehr gefragt auf den Philippinen, er ist eine Grundzutat der lokalen Küche, die in kleinen Restaurants ebenso gern eingesetzt wird wie in den großen Fast-Food-Ketten Manilas, der Hauptstadt der Philippinen. In Baseco, einer armen Region in der Nähe des Hafens von Manila, wird ein Großteil des Knoblauchs geschält. Dieser landet dann in den abgepackten Speisen, die man in den beliebten Fast-Food-Ketten kaufen kann, oder in den Dosen mit Corned Beef von den großen Lebensmittelkonzernen, oder in den extravaganten Speisen der Luxushotels.

Arendain ist eine von Hunderten von Müttern in Baseco, die Teil der Knoblauch-Schattenwirtschaft sind. Für sie und andere Mütter bedeutet die Arbeit von zu Hause, dass sie – trotz der langen Arbeitsstunden und des knappen Einkommens – ihre Kinder versorgen und etwas Geld für den Lebensmitteleinkauf hinzuverdienen können.

Die Knoblauch-Lieferkette

Arendain arbeitet von zu Hause, wo sie bei schwerem Regen knietief im Flutwasser steht. „Ich stehe um 2 Uhr in der Früh auf, um den Knoblauch in Fässern mit Wasser einzuweichen, während ich meinen kleinen Sari-Sari-Laden (Mini-Markt) vorbereite”, sagt sie.

Sie verbringt den Rest des Morgens damit, eine Knoblauchzehe in der linken und ein kleines Teppichmesser in der rechten Hand zu halten. Sie benötigt acht Stunden, um einen 15kg-Sack mit Knoblauch zu schälen; meist ein paar Stunden am Morgen, nachmittags und abends, die sich zwischen den übrigen Aufgaben der Hausarbeit finden lassen.

„Um die Mittagszeit beginne ich den neu gelieferten Sack vorzubereiten, während ich die Hausarbeit erledige. Ich gehe um 23 Uhr schlafen, weil ich noch die Kinder versorgen muss“, sagt sie.

das Leben am Existenzminimum

Die meisten Bewohner von Baseco sind Migranten aus den Provinzen, die sich in der Hauptstadt auf die Suche nach einer besser bezahlten Arbeit machten.

Sie leben in behelfsmäßigen Unterkünften, die mit Blech ausgekleidet sind und während der Taifunsaison nur wenig Schutz vor Wind und Regen bieten. Im Sommer dienen die Unterkünfte, die dicht aneinander stehen, häufig als Zunder für die Feuer, die die Siedlung regelmäßig abbrennen.

Da Baseco nahe am Hafen liegt, an dem Knoblauchlieferungen aus anderen Regionen eintreffen, ist es für Knoblauchhändler günstig gelegen. Wie viele Knoblauchschälerinnen es genau gibt, ist unbekannt. Aber ein ehemaliger Händler schätzt, dass in 10 der 39 Häuserblocks von Baseco Knoblauch geschält wird und dass etwa 20 Familien pro Häuserblock daran beteiligt sind.

Arendain wollte ursprünglich in einem Restaurant oder einem Kaufhaus arbeiten, wo die Bezahlung und Arbeitsbedingungen besser sind, aber ihr Ehemann, der als Bauarbeiter wochenlang auf Baustellen wohnt, redete es ihr aus, weil sonst niemand auf ihre sechs Kinder aufpassen würde.

Ihr Mann verdient den Mindestlohn von 11 US-Dollar pro Tag. Zusammen mit ihrem Einkommen kommen sie gerade so hin. Im Jahr 2018 legte die Regierung die Armutsgrenze – gemessen am Grundbedarf einer fünfköpfigen Familie, einschließlich Lebensmittel, Unterkunft, Transport und Kleidung – auf 208 US-Dollar pro Monat fest. Aber die Ibon Foundation, ein unabhängiger Think Tank, beziffert das Existenzminimum für eine Familie auf mehr als das Doppelte der Armutsgrenze und behauptet, dass eine Familie 499 US-Dollar pro Monat benötige, um überleben zu können. Das monatliche Gesamteinkommen von Arendain und ihrem Mann beläuft sich auf gerade zwei Drittel davon.

„Ich lasse meine Kinder bis mittags schlafen – ich will sie morgens nicht wecken, weil wir es uns nicht leisten können, Frühstück zu kaufen,“ sagt Arendain.

Import aus China

Der meiste in den Philippinen verkaufte Knoblauch wird aus China importiert, Weltmarktführer bei der Knoblauchproduktion. Ein Großteil des Knoblauchs wird ins Land geschmuggelt.

Ein 2014 im Inquirer veröffentlichter Bericht zitiert die UN-Behörde Comtrade, wonach mehr als die Hälfte des chinesischen Knoblauchs, der in die Philippinen gelangt, Schmuggelware ist.

Bis in die 90er Jahre waren die Philippinen Selbstversorger, wenn es um Knoblauch ging. Aber billige chinesische Einfuhren haben der einheimischen Knoblauchproduktion weitgehend das Wasser abgegraben. „Laut Daten von 2016 ist China der weltgrößte Produzent, mit einem Ertrag von 26,79 Tonnen pro Hektar – Weltrekord. Zum Vergleich: Der Ertrag lag in den Philippinen lediglich bei 2,82 Tonnen pro Hektar. Die philippinischen Bauern sind weit davon entfernt, bezüglich Kosten und Produktivität wettbewerbsfähig zu sein“, heißt es aus dem Landwirtschaftsministerium dazu.

Ein Knoblauchhändler in Baseco, der anonym bleiben will, sagt, dass die Branche nur selten lokal angebauten Knoblauch kauft, da dieser bis zu 6 US-Dollar pro Kilogramm kostet: „Der lokale Knoblauch schmeckt besser und riecht besser, aber er kann bei den chinesischen Preisen – um 2,50 US-Dollar pro Kilogramm – einfach nicht mithalten.“

Der Knoblauch, den die Frauen von Baseco schälen, findet seinen Weg zu den Großhändlern des Nachtmarktes von Divisoria, wo ihn öffentliche Märkte und Restaurants kaufen, so der Händler. Er erklärt, dass große Unternehmen Knoblauch tonnenweise von unabhängigen Drittanbietern oder Konzessionären kauften, die wiederum von kleineren Händlern wie ihm beliefert würden, die das Schälen des Knoblauchs als Auftragsarbeit an die Frauen von Baseco weitergeben.

Jollibee, die größte Fast-Food-Kette des Landes, die für ihre Hamburger und Grillhähnchen berühmt ist, bezieht ihren Knoblauch von unabhängigen Lieferanten, sagte eine ehemalige Angestellte der Einkaufsabteilung des Unternehmens. „Es bleibt dem Lieferanten überlassen, ob er jemand anderes einstellen möchte, der den Knoblauch schält,“ sagte sie.

Informelle Arbeit nimmt zu

„Ich war eine landlose Süßkartoffelbäuerin in Masbate, wo ich 1,50 US-Dollar pro Tag damit verdiente, ganze Hektar Land meiner Nachbarin mit einem Messer freizumachen,“ erzählt Arendain. 

Ihre Familie verließ ihr Dorf im Süden Luzons, der größten der philippinischen Inseln, auf der Suche nach besseren Möglichkeiten in der Hauptstadt. Aber Beschäftigungsmöglichkeiten waren rar, und so wurden sie, wie die anderen Familien von Baseco, zu Arbeitern im informellen Sektor.Frauen, die wie Arendain von zu Hause arbeiten, sollten der Arbeitsgesetzgebung unterliegen, aber da der Staat in diesem Sektor kaum präsent ist, ist er weitgehend unreguliert und fristet ein Dasein im Schatten der formellen Wirtschaft.

Knoblauch

Laut Daten des Arbeitsministeriums aus dem Jahr 2020 sind 13,6 Millionen der 39,4 Millionen beschäftigten Philippiner im informellen Sektor tätig. 

Schutz für Arbeiter in der informellen Wirtschaft

Die Senatorin Risa Hontiveros gehört zu denjenigen, die eine Magna Carta of Workers in the Informal Economybefürworten, durch die die Regierung die Schattenwirtschaft unter die Lupe nehmen und dafür sorgen würde, dass informelle Arbeiter beschützt werden.

„Sie sind in den alten mittelfristigen Entwicklungsplänen der Philippinen bisher kaum repräsentiert. Damit sie erscheinen, müssten wir sie in die Datenbanken eintragen. Denn wie können wir für Sektoren Pläne schmieden, die unsichtbar sind, weil es Lücken in den Daten gibt?“, erklärt Hontiveros der Friedrich-Naumann-Stiftung.

Sie sagt, dass das vorgesehene Gesetz formelle Rechte für Selbständige, Arbeiter in der Landwirtschaft und Menschen, die von zu Hause arbeiten, definieren würde.

Für die Knoblauchschälerinnen könnte die Einführung des Gesetzes, das seit 2019 in einem Kongressausschuss feststeckt, bedeuten, dass sie eine bessere Chance bekommen, ein anständiges Einkommen zu verdienen und gleiche Bezahlung zu erhalten.

Rosario Guzman, Vorsitzende der Ibon Foundation, sagt, dass es bereits vor der Pandemie eine wachsende Zahl informeller Arbeiter gegeben habe. Sie fordert längerfristige Lösungen für das Problem. 

„Die zunehmende Zahl der Arbeiter im informellen Sektor weist auf tiefliegende Probleme der Wirtschaft hin, die einfach zu wenige sinnvolle Jobs hervorbringt, beziehungsweise zu wenige Jobs, bei denen Produkte oder Grundwaren produziert werden,“ sagt sie. Sie fügt hinzu, dass eine längerfristige Lösung darin bestehen könnte, die Aufmerksamkeit von der Dienstleistungswirtschaft weg und hin zu einer Wirtschaft zu verlagern, die Landwirtschaft und Fertigung priorisiert.

„Das Leben war in Masbate ruhiger. Das Wasser war sauber und frei, und ich hatte ein besseres Zuhause. Aber wir konnten uns dort keine Zukunft vorstellen, weil wir kein eigenes Land besaßen“, erinnert sich Arendain.

„Ich hatte kaum Werkzeuge, um das Feld zu pflügen. Es war schwer, Geld zu verdienen. Aber wenn wir damals bloß eine Möglichkeit gehabt hätten, unseren Lebensunterhalt zu verdienen, dann hätten wir nicht nach Gelegenheitsarbeiten in der Großstadt suchen müssen.“

Obwohl Knoblauchschälerinnen sich auch zusammenschließen können, um gerechte Löhne zu verlangen, ist Arendain im Augenblick erst einmal dankbar, überhaupt Geld verdienen zu können, während sie ihre Kinder versorgt.

Sie erkennt den Wert ihrer Arbeit und glaubt, dass sie es verdient, mehr zu Geld dafür zu bekommen. Aber sie sagt, dass sie auf sich selbst gestellt und durch Haushaltspflichten eingeschränkt ist und daher nicht mehr tun kann, als für den nächsten Tag Geld zu verdienen. 

Trotzdem hofft Arendain, genau wie andere Knoblauchschälerinnen in Baseco, eines Tages besser entlohnt zu werden; aber fürs Erste schält sie weiter.

 

Disclaimer: Dieser Bericht wurde durch Bildungsmaßnahmen und mit Mitteln der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit unterstützt.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
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