China
Die vier Dimensionen der Coronavirus-Krise in China

Die Ausbreitung des Virus hat fatale politische, wirtschaftliche und menschliche Dimensionen, nicht nur in China sondern weltweit
Passagiere aus China müssen sich am Flughafen in Nairobi, Kenia eines Gesundheitschecks unterziehen
Passagiere aus China müssen sich am Flughafen in Nairobi, Kenia eines Gesundheitschecks unterziehen © picture alliance / AP Photo

Die Ausbreitung des Coronavirus führt zu weit mehr als nur medizinischen Konsequenzen. Die Verbreitung der Krankheit hat auch fatale politische, wirtschaftliche und menschliche Folgen, nicht nur in China sondern weltweit. Die Dimensionen der Coronavirus-Krise in China analysiert unser China-Experte Armin Reinartz, Leiter des Global Innovation Hubs Hong Kong.

1. Medizinisch – Warten auf ausreichende Daten

Berichten verschiedener internationaler Wissenschaftler zufolge, gibt es noch nicht genügend Daten, um wirklich eine Aussage über das Risiko für Infizierte und seriöse Prognosen über die Verbreitung in den nächsten Monaten zu treffen. Die Ergebnisse verschiedener Modelle variieren hierbei sehr stark. Viele Expertinnen und Experten stimmen in zwei Punkten überein. Erstens ist die Zahl der Infizierten vermutlich deutlich höher, als bisher bekannt und zweitens gibt es bislang keine Erkenntnisse, die Panik rechtfertigen. Alles, was darüber hinausgeht, ist zum jetzigen Zeitpunkt Spekulation und sollte als solche behandelt werden. Es wird vermutlich noch zwei Wochen oder länger dauern, bis es solide Einschätzungen geben kann.

2. Politisch – Skepsis gegenüber der Propaganda

Auch als Liberaler wünscht man sich in dieser Frage Erfolg für die Partei in Peking. Ein Misserfolg produziert nur Verlierer. Weltweit. Es ist sehr früh, um die Abläufe zu analysieren und sicher zu früh, um sie abschließend zu bewerten. Die von der Kommunistischen Partei Chinas gesteuerten chinesischen Medien feiern die Parteiführung bereits für ihr Handeln und scheinen den Virus mit Slogans bekämpfen zu wollen. Der Kampf um die Deutungshoheit über die Krise ist in vollem Gange. Peking hat verstanden, dass man hier viel zu verlieren hat. Gegenüber der eigenen Bevölkerung, aber auch gegenüber dem Ausland. Dem gepflegten Mythos der Meritokratie der Partei, der im Systemwettbewerb die liberalen Demokratien übertrumpft, droht eine Niederlage vor der Weltöffentlichkeit. Während der SARS-Krise vertuschte Peking monatelang die wahre Lage, bis die Wahrheit von außen aufgedeckt wurde. Die Vertuschung führte vermutlich zu einer deutlich schwereren Krise und Todesfällen, vor allem unter dem medizinischem Personal, die Infizierte behandelten, ohne die relevanten Informationen zu haben.  

Peking ist zwar medial in die Offensive gegangen und scheint stärker mit der WHO zu kooperieren als damals, ob das konstruktiver politischer Wille ist oder der Zwang einer digitalisierten Welt, in der sich auch in China so eine Krise nicht mehr vertuschen lässt, bleibt fraglich. Zudem gibt es auch viele Anzeichen, dass zu Beginn der Krise auf lokaler Ebene „Whistleblower“ in der Medizin, Netizens und Journalisten zensiert und verhaftet wurden.

Die Propaganda feiert die schnelle Errichtung von zwei Bettenlagern für je 1000 Infizierte. Die Lautstärke überdeckt die zentrale Frage: wie viel tausend Menschen wären nicht infiziert worden und wie viel besser und milder hätte man die Krise eindämmen können, wenn der politische Kontrollapparat der Partei nicht verhindert hätte, dass die richtigen Entscheidungen schneller getroffen worden wären? Welche Rolle hätten chinesische und internationale NGOs und andere zivilgesellschaftliche Gruppen in der Entdeckung und Bekämpfung des Virus spielen können, wenn diese nicht systematisch von der Partei eingeschränkt oder verboten würden? Wie viel besser könnte die Kooperation der Mediziner und anderer Wissenschaftler funktionieren, wenn die Partei die internationale Kooperation nicht systematisch erschweren würde? Sicher ist, dass diese Krise noch viel Material über die Frage nach der vermeintlichen Effektivität der Partei in Peking liefern wird.

3. Wirtschaftlich – Vorbereiten auf die Auswirkungen

So eine Krise kommt nie zu einer guten Zeit, aber für die chinesische Wirtschaft kommt sie zu einer absoluten Unzeit. Der Effekt durch die Auswirkungen des Shutdowns ganzer Städte im Konsum und im großen Binnentourismus, dürfte direkt einschlagen.

Trotz temporären Waffenstillstands hat der Handelskrieg mit den USA nachhaltige negative Auswirkungen. Lieferketten, die einmal verlagert wurden, kommen nicht zurück. Unternehmen, die noch über eine Verlagerung nachdenken, werden durch die Virus-Krise vermutlich weiter dazu motiviert. Experten rechnen mit 1% weniger Wachstum oder einem noch stärkeren Einbruch, je nach Verlauf der Virus-Krise. Das wird auch in China, bei stark investierten deutschen Unternehmen und der Weltwirtschaft insgesamt zu spüren sein. Bestehende wirtschaftliche Risiken dürften sich zudem verstärken. 

4. Menschlich – im 21. Jahrhundert sind wir alle Menschen aus Wuhan

Ein Virus kennt keine Grenzen, weder staatliche noch kulturelle. Im derzeitigen stärker nationalistischen Klima vieler Länder, führt dies zu pauschalem Hass und langfristigen Abschottungsversuchen, auch über kurzfristige Krisenmaßnahmen hinaus. Das ist nicht nur politisch kurzsichtig, sondern auch die falsche Antwort als Menschheit im 21. Jahrhundert. Durch unsere Vernetzung und damit einhergehende Innovation und Kooperation, sind wir so gut gerüstet wie nie zuvor, um Bedrohungen durch Krankheiten zu überwinden. Was uns dazu ein Beispiel sein kann, ist insbesondere das Engagement vieler chinesischer Ärzte, medizinischem Personal in Krankenhäusern und Wissenschaftlern, die für ihre Mitmenschen alles geben und sich dabei selbst in Gefahr bringen. Auch chinesische Journalisten, die unter schwersten Bedingungen für die Wahrheit kämpfen, zählen zu dieser Gruppe. Sie werden nicht in der Parteipropaganda wie die Parteispitze besungen, aber diese Chinesen sind es, die wir wirklich als Vorbilder und Heldinnen und Helden dieser Krise sehen sollten. Die Europäerinnen und Europäer sind im Engagement gegen die Krise eingeschränkt. Was aber getan werden kann, ist, vielleicht nicht gegenüber jeder Person, die asiatisch aussieht, in der U-Bahn auf Distanz zu gehen. Wir können den Betroffenen aus der Ferne zusprechen, wie es bei „Je-suis-Charlie“ getan wurde. Lassen wir die Menschen in Wuhan wissen: Wir sind Wuhan. Wo shi Wuhanren - 我是武汉人. 

 

Für Medienanfragen kontaktieren Sie bitte

Daniela Oberstein, Pressereferentin und stellv. Pressesprecherin Ausland
Daniela Oberstein
Stellvertretende Pressesprecherin Ausland
Telefon: +49 30 288778 55