Argentinien
Scheitern statt Erfolgsgeschichte – Das Argentinien-Paradox ist zum Heulen

Wirtschaft Argentinien
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Es ist zum Weinen. Als ließe das Murmeltier immer wieder von Neuem grüßen, schlittert Argentinien mit fassungsloser Regelmäßigkeit von einer Staatspleite zur Nächsten. Bereits achtmal war das Land bankrott - allein dreimal in diesem Jahrhundert. Und am 22. Mai drohte ein weiteres Mal die Zahlungsunfähigkeit. Sie konnte Anfang August nun zunächst vermieden werden, weil sich nach langwierigen Verhandlungen das hoch verschuldete Land mit seinen wichtigsten Gläubigern doch noch auf eine Umschuldung geeinigt hat. Durch einen beträchtlichen Schuldenschnitt ließ sich wenigstens formal ein weiterer Staatsbankrott verhindern und eine Rückkehr an die Finanzmärkte ermöglichen – zumindest vorerst – aber für wie lange?

Die argentinische Leidensgeschichte ist rundum zum Heulen. Immer wieder – zuletzt unter dem an sich wirtschaftsnahen Mauricio Macri – sprossen Hoffnungen und Erwartungen auf ein Ende von politischer Instabilität und den Beginn eines wirklich nachhaltigen ökonomischen Aufschwungs. Aber wie regelmäßig zuvor, führte die Realität auch dieses Mal zu grausamen Rückschlägen. So war Präsident Macri mit dem Versprechen angetreten, den unsäglich ineffizienten Staatsapparat zu reformieren und zu verschlanken. Am Ende jedoch nahm in seiner Präsidentschaft die Anzahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst nicht ab, sondern zu.

Genauso wenig gelang es Mauricio Macri, Kapitalflucht, Abwertung oder Inflation zu stoppen. Im Monat vor seinem Amtsantritt im Dezember 2015 kostete ein Euro rund zehn argentinische Peso. Beim Ausscheiden aus dem Amt im Dezember 2019 musste für ein Euro bereits mehr als das Sechsfache bezahlt werden (nämlich 66 Peso). Ebenso beschleunigte sich die jährliche Preissteigerung – also die Inflationsrate - von rund fünfundzwanzig Prozent 2016 auf über fünfzig Prozent Ende 2019.

Das Scheitern Argentiniens folgt keinem herkömmlichen Lehrbuchmuster der Ökonomie. Denn die nach Brasilien zweitgrößte südamerikanische Volkswirtschaft erfüllt an sich alle Vorbedingungen für eine Erfolgsgeschichte. Von reichlich verfügbaren Bodenschätzen und Rohstoffen, über mehr als genügend idealen Agrarflächen, gemäßigtem Klima bis hin zu einer privilegierten geografischen Lage mit Häfen am Meer ist alles da. Und wie kaum eine andere lateinamerikanische Gesellschaft ist die argentinische durch immense Zuwanderung aus Europa geprägt. Damit sollten eigentlich auch Rechtsstaatlichkeit und Demokratie – gemeinhin die wesentlichen institutionellen Prosperitätsbedingungen - ein starkes Fundament finden.

In der kurzen Zeitspanne zwischen 1870 und 1930 trafen rund sechs Millionen Menschen aus Europa in Argentinien ein. Die meisten stammten aus Italien und Spanien. In den 1910er Jahren war mehr als ein Drittel der argentinischen Bevölkerung und etwa die Hälfte der Einwohner von Buenos Aires im (europäischen) Ausland geboren (verglichen mit damals 30 Prozent in den USA, fünf Prozent in Brasilien und 24 Prozent in Kanada). Die Migration trug in Argentinien entscheidend zu Modernisierung sowie Industrialisierung bei. Entsprechend positiv entwickelte sich die argentinische Volkswirtschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1913 lag das (die reale Kaufkraft abbildende) Pro-Kopf-Einkommen in Argentinien (leicht) höher als in Deutschland und um Längen vor allen anderen in Lateinamerika.

Bis weit in die 1950er Jahre erreichte der Wohlstand im weltweiten Vergleich ein Spitzenniveau – durchaus auch für eine vergleichsweise breite Mittelschicht. Selbstredend spielte dafür eine Rolle, dass Argentinien von beiden Weltkriegen mehr oder weniger unversehrt blieb. Im Gegenteil zog es wie ein Magnet (europäische) Flüchtlinge an – darunter viele Wohlhabende und Hochqualifizierte, die viel neues Wissen und Investitionskapital mit sich brachten. Danach jedoch lief etwas ganz grundsätzlich schief und Argentinien stürzte auf einen Abstiegsplatz. Ende des 20. Jahrhunderts – und ebenso heutzutage - erreichte der durchschnittliche Wohlstand in Argentinien nur noch etwas mehr als vierzig Prozent des deutschen Niveaus und kaum mehr als in Brasilien. 

Wie im Brennglas fokussiert sich in Argentinien, wie schlechtes Regieren zu einem ökonomischen Niedergang führt. Und daraus lassen sich dann, bei allen Unterschieden doch auch Gemeinsamkeiten zu aktuellen Entwicklungen in (Süd-)Europa erkennen, woher ursprünglich ja auch die meisten der damaligen Einwandernden nach Argentinien stammten.

Der Abwärtsspirale begann sich mit der komplett verfehlten politischen Reaktion auf die Folgen der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Im Peronismus der Nachkriegszeit setzte Argentinien auf eine Politik der Isolation, Abschottung und Autarkie. Was als „Importsubstitution“ propagiert wurde, meinte ein Verzicht auf weltweite Arbeitsteilung und eine Konzentration auf einheimische Herstellung von Gütern, selbst wenn das zu fehlendem Wettbewerb und steigenden Kosten führte. Damit einher ging – nahezu zwangsläufig – ein autoritärer Korporatismus, der Insider begünstigte und Außenstehende benachteiligte.

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Jordi Razum, Kommunikationsreferent
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