Ostdeutschland
Im Osten nichts Neues?

Der Jahresbericht der Bundesregierung zeigt bei genauem Lesen überraschende Veränderungen. Vor allem widerlegt er die Pessimisten.
Karl-Heinz Paqué
© Photothek / Thomas Imo Herunterladen

Wenige Wochen vor dem 29. Tag der Deutschen Einheit und dem 30. Jahrestag des Mauerfalls hat die Bundesregierung turnusgemäß über den Stand der Deutschen Einheit ihren Jahresbericht vorgelegt. Auf rund 130 Seiten liefert sie wie stets eine Vielzahl von Daten und Deutungen. Vor allem die Wirtschaftsstatistiken sind spannender als erwartet. Unser Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Paqué, selbst Volkswirt und Autor einer Vielzahl von Veröffentlichungen zum Aufbau Ost, erklärt warum.

Gelangweiltes Gähnen! Das ist seit Jahren die normale Reaktion, wenn einem der Bericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit in die Hände fällt. So natürlich auch diesmal, jedenfalls auf den ersten Blick: In der Tat wiederholt sich jahraus jahrein die Kenntnisnahme der verbleibenden wirtschaftlichen Lücken zwischen West und Ost – und ebenso die inzwischen bekannten Deutungen: zu kleinteilige Strukturen, zu wenig Konzernzentralen, zu geringer Export, zu wenig Forschung und Entwicklung, etc. etc. Alles natürlich, wohlgemerkt, im Vergleich mit dem Westen und nicht mit anderen postsozialistischen Volkswirtschaften Europas wie etwa Tschechien und Polen, die auch heute nicht mehr als die Hälfte der wirtschaftlichen Leistungskraft Ostdeutschlands je Erwerbstätigen erreichen, egal wie man es misst.

Diesmal allerdings gibt es Grund zum Aufmerken - und zwar gerade im statistischen Vergleich mit Westdeutschland, der ja ambitiös genug ist. Die Statistiken lassen nämlich eigentlich keinen anderen Schluss zu, als dass der Aufholprozess im Osten wieder an Dynamik gewinnt. Und dies ausgerechnet zu einer Zeit, in der alle über die wirtschaftliche und mentale Spaltung zwischen West und Ost zunehmend besorgt sind, nicht zuletzt wegen der jüngsten Wahlergebnisse der AfD in Brandenburg und Sachsen.

Drei einfache, aber zentrale Eckdaten belegen die ermutigende Entwicklung:

  1. Die wirtschaftliche Leistungskraft des Ostens, gemessen als Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Erwerbstätigen, lag 2018 bei etwa 83 Prozent des Westens - nach rund 80 Prozent fünf Jahre früher (2013) und ca. 78 Prozent zehn Jahre davor (2008). Es geht also langsam und kontinuierlich voran – anders noch als zwischen 2002 und 2008, als sich absolut nichts bewegte und die damaligen 78 Prozent wie eingefroren wirkten.
Entwicklung der Produktivität in Ost- und Westdeutschland während der letzten Jahre
Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2019, Seite 21 © Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
  1. Noch deutlicher ist die Dynamik des durchschnittlichen Monatsverdienstes der Arbeitnehmer. Der lag 2018 im Osten bei etwa 84 Prozent des Westens - nach rund 78 Prozent 2013 und 79 Prozent 2008. Beim Verdienst gibt es also sogar eine Trendwende von der Stagnation bzw. sogar dem leichten Zurückfallen gegenüber dem Westen zu einem recht dynamischen Aufholen, das sich in allerjüngster Zeit eher beschleunigt hat.

     
Entwicklung des durschnittlichen Monatsverdiensts in Ost- und Westdeutschland während der letzten Jahre
Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2019, Seite 49 © Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
  1. Wichtig ist: Das Aufholen von Wertschöpfung je Erwerbstätigen und Lohn der Arbeitnehmer ging nicht zu Lasten der Beschäftigung, die weiter anstieg, während die Erwerbslosigkeit weit schneller als im Westen zurückging. Die Eckdaten der Arbeitslosenquote lauten: 2018 etwa 7 Prozent im Osten gegenüber 5 Prozent im Westen - 2013 war das Verhältnis noch 11 zu 6 Prozent, 2008 lag es bei 13 zu 7 Prozent. Der Abstand verringert sich also deutlich, absolut und relativ.
Entwicklung der Arbeitslosenquote in Ost- und Westdeutschland 1995 bis 2018
Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2019, Seite 37 © Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

Woran liegt es?

Forstet man tiefer im Datenwald, wird schnell klar, dass sich die neue Dynamik vor allem aus dem Wachstumspol des Großraums Berlin speist, zusammen mit dem Brandenburger Umland und möglicherweise auch weiteren Regionen, die daran angrenzen. Immerhin ist der Stadtstaat Berlin seit über einem Jahrzehnt im Trend das am schnellsten wachsende Bundesland der gesamten Nation, das sich als Hauptstadt der Start-Ups mit seiner glanzvollen Forschungslandschaft trotz schlechter Verwaltung und miserabler Politik mit seinen über 3,5 Millionen Einwohnern wohl doch auf dem Weg zu einer europäischen Wirtschaftsmetropole gemacht hat.

Kurzum: ermutigende Entwicklungen und beachtliche Hoffnungszeichen. Allerdings ist der Weg noch lang. Selbst wenn es gelänge, das derzeitige Aufholtempo aufrechtzuerhalten, also je Fünfjahreszeitraum drei Prozentpunkte beim BIP pro Erwerbstätigen und 5 Prozentpunkte bei den Löhnen, wäre die Angleichung erst in den 2040er, frühestens in den 2030er Jahren zu schaffen. Das ist noch lange hin, aber es ist keine Ewigkeit.

Es bleiben natürlich Fragen offen: Wird es wirklich so weitergehen? Was muss die Politik tun, dass es möglichst schnell und nachhaltig klappt? Und schließlich: Wie kommt es, dass die wirtschaftlichen Fortschritte kaum bemerkt werden und jedenfalls die gesellschaftliche Stimmungslage sowie das Selbstvertrauen der Menschen anscheinend in der Breite kaum erreichen? Was läuft da falsch? Einstweilen kann man nur vorsichtig feststellen: Die wirtschaftliche Entwicklung allein kann die Erfolge des Rechtspopulismus im Osten nicht erklären. Es geht um erheblich mehr. Also weiter viel „food for thought“!