Nollywood: Die unbekannte Filmfabrik

Der Filmstandort Nigeria boomt

Nachricht07.09.2017John Endres
nollywood
iStock/lisegagne

Es ist weithin bekannt, dass gemessen an der Jahresfilmproduktion nicht Hollywood die größte Filmfabrik der Welt ist, sondern das indische Bollywood; weniger geläufig ist hingegen die Tatsache, dass Hollywood nicht an zweiter, sondern nur an dritter Stelle rangiert.[1] Den stolzen zweiten Platz nimmt mit einer beachtlichen Produktion von knapp 2.000 Spielfilmen pro Jahr Nollywood, der Filmstandort Nigeria, ein.[2]

Die Entstehungsgeschichte Nollywoods verdient einen höheren Bekanntheitsgrad. Im Jahr 1992 saß der Elektronikhändler Kenneth Nnebue der Legende nach auf einer großen Ladung importierter, leerer Videokassetten, die er nicht loswurde. Er beschloss deshalb kurzerhand, das Drehbuch für einen Spielfilm zu schreiben, diesen aufzunehmen und die Videokassetten zusammen mit dem Film zum Verkauf anzubieten. Der Plan ging auf: Der Spielfilm „Living in Bondage“ wurde über 1 Million Mal verkauft[3] und läutete eine neue Ära der nigerianischen Filmindustrie ein, die in einem Zeitungsartikel in der New York Times 2002 erstmals als „Nollywood“ bezeichnet wurde.[4]

 
Aimee Corrigan, Nollywood 9, CC BY-SA 3.0
Aimee Corrigan, Nollywood 9, CC BY-SA 3.0

Eine neue Filmkultur

Die neue Filmkultur zeichnete sich durch einige charakteristische Merkmale aus. Die Filme wurden in Eigenregie produziert, ohne Subventionen oder umfangreiche Fremdfinanzierung. Aus Kostengründen wurde daher nicht mit großer Kameraausrüstung auf Zelluloid aufgenommen, sondern mit Videokameras auf Videofilm. Dementsprechend weisen die Filme dieses Genres eine relativ schlechte Bildqualität auf, eine Schwäche, die sich auch in anderen Bereichen der Produktion wie Kameraführung, Beleuchtung und Schnitt widerspiegelte.[1] Die Distribution fand statt über Kinos durch Videokassetten (heute auf DVDs) statt, häufig im Direktvertrieb.[2]

Die Budgets waren unfassbar niedrig (häufig nur 10.000 - 15.000 US-Dollar)[3] und die Produktionszeiten unglaublich kurz (mitunter nur 1-2 Wochen pro Film). Von dem Regisseur Chico Ejiro, aus naheliegenden Gründen auch als „Mr. Prolific“ bekannt, sagt man, er habe in einem einzigen Jahr bei 15 Filmen Regie geführt, gelegentlich auch bei mehreren Filmen gleichzeitig.[4] Auch deshalb schafft es Nollywood, pro Jahr so viele Filme zu produzieren, dass es an der Produktionszahl gemessen in der ersten Liga spielt; selbst am Branchenwert gemessen liegt es auf Platz 3.[5]

Für Nigeria ist die Filmindustrie ein wichtiger Standortfaktor. Sowohl an der Beschäftigung als auch am Exportanteil gemessen gilt sie als zweitgrößte Wirtschaftsbranche Nigerias.[6] Weit wichtiger ist jedoch die kulturelle Schlagkraft der nigerianischen Filmbranche. Nicht nur im Land selbst, sondern auch über die Grenzen hinaus im Rest Afrikas erfreuen sich Nollywood-Filme höchster Beliebtheit und tragen so die Kulturen Nigerias hinaus in die Welt.

Erfolg trotz schlechter Qualität?

Was erklärt den Erfolg der Filme, der schlechten Produktionsqualität zum Trotz? In Nigeria selbst spielt sicherlich Nationalstolz eine wichtige Rolle. Da die Filme komplett lokal geschrieben und produziert sind, häufig in Landessprachen aufgenommen werden und Themen aus dem alltäglichen Leben aufgreifen, werden sie als authentisch angesehen. Darüber hinaus trägt sicherlich auch die Erschwinglichkeit zum Erfolg bei – die Filme sind so günstig, dass fast jeder sie sich leisten kann und sie daher in kürzester Zeit weite Verbreitung finden. Drittens, und dies ist wohl der wichtigste Faktor, müssen die Produzenten der Filme ihr Augenmerk, in Ermangelung von Sondereffekten und großer Orchestermusik, notgedrungen auf die Story selbst richten.

Big Drama

Da die Erzählkunst im Vordergrund stehen muss, zeichnen sich Nollywood-Filme häufig durch ihre große Dramatik aus. Zu den beliebtesten Themen zählen Liebe, Mord, Habgier, Machtsucht und Zauberei. Der eingangs erwähnte Film „Living in Bondage“ zum Beispiel handelt von einem Mann, der seine Frau einem satanischen Kult opfert, um Reichtümer zu erlangen, jedoch dann vom Gespenst seiner Frau verfolgt, obdachlos und zu guter Letzt von einer christlichen Sekte gerettet wird.[7] In ähnlicher Weise spiegeln viele der Filme die Hoffnungen, Sehnsüchte, Ängste und Träume der Menschen wider.

Das Nollywood-Phänomen seit den frühen 1990ern sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch vor 1992 Filme in Nigeria gedreht wurden. Schon 1926 wurde der Spielfilm „Palaver“ in Nigeria produziert, und in den 1960ern und 1970ern erlebte das nigerianische Kino in Folge der Unabhängigkeit und des Ölbooms eine erste Blütezeit. In den 1980ern erschienen bereits die ersten Videofilme, bevor dann mit „Living in Bondage“ 1992 der große Durchbruch kam. Nollywood entwickelt sich seitdem mit rasender Geschwindigkeit weiter. Dank der kommerziellen Erfolge der Anfangsjahre stehen jetzt mehr Mittel für Filmproduktion zur Verfügung, und es ist leichter, Investoren zu finden. Zugleich hat der technologische Fortschritt deutliche Verbesserungen bei der Qualität erlaubt: Selbst kleine Videokameras können jetzt in HD aufnehmen und Filme per Blueray-DVD in hoher Qualität abgespielt werden. Auch bei Ton-, Bearbeitungs- und Schnitttechnik hat es dank immer leistungsfähigerer Computer und besserer Bearbeitungsprogramme erhebliche Fortschritte gegeben.[8] Zugleich finden in der Branche Formalisierungsprozesse statt, durch die die „alten“ Platzhirsche versuchen, ihr Revier zu verteidigen und Neuankömmlingen den Marktzutritt zu erschweren.[9]

Nollywood ist mehr als nur ein Filmproduktionsstandort, sondern steht sinnbildlich für Unternehmertum, Risikofreude und die Bereitschaft, Dinge auszuprobieren. Es zeigt, wie kreative Menschen aus eigenem Antrieb, ohne staatliche Filmförderung und Subventionen, Beachtliches leisten können, wenn ihnen die hierzu notwendigen Freiräume gelassen werden und sie die Chancen ergreifen, die sich ihnen bieten.