Deutsche Einheit
Anfänge der Stiftungsarbeit im Osten Deutschlands: Aus der Ferne so nah

Meine Zeit als Bildungsbeauftragter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Mecklenburg 1990
Schwerin, 1990
Schwerin, 1990 © picture-alliance / dpa | Uwe Gerig  

Vor dem 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung wollen wir an die Anfänge der Stiftungsarbeit in der untergehenden DDR und in den sich heranbildenden neuen Bundesländern am Beginn des Jahres 1990 erinnern. Mit dem Mauerfall stellte sich uns die Frage, wie Stiftungsarbeit in den damals noch anderen Teil Deutschlands zu tragen sei, wo parallel zum institutionellen Integrations- und Vereinigungsprozess demokratisches und marktwirtschaftliches Denken aufzubauen war.

Ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte

Irgendwann im späten Frühjahr 1990 sprach mich Sigrid Westermann von der Begabtenförderung an, ob ich mir vorstellen könne, als Bildungsbeauftragter der Stiftung für ein paar Monate nach Mecklenburg zu gehen. Das sei das letzte der fünf neuen Bundesländer, wo noch keiner hingeschickt worden sei. Nun habe man aber entschieden, das doch zu tun.

Ich war damals Stipendiat und hing mit meinem Promotionsthema „Vertrauensbildende Verteidigungsstrukturen - Entmilitarisierung des Ost-West-Konflikts“ zugegebenermassen auch etwas in der Luft. Denn der Ost-West-Konflikt hatte sich in der Zwischenzeit bekanntlich in seinem Kern so gut wie aufgelöst und infolgedessen stellte sich auch nicht mehr die Frage seiner Entmilitarisierung. Jedenfalls nicht so dringlich. Mit anderen Worten: Ich freute mich über diese Möglichkeit interessanter Ablenkung und einer schöpferischen Pause. Darüber hinaus verfolgte ich, damals bereits seit mehreren Jahren in Berlin lebend, die Ereignisse in der Noch-DDR mit Anteilnahme und großem Interesse.

Die DDR war für mich keine Terra incognita. Die Hälfte meiner Verwandtschaft lebte dort. Mein Vater war Anfang der 50er Jahre lediglich mit einem Koffer auf Westbesuch bei seiner Tante im rheinländischen Solingen und blieb dort, um sich ein neues Leben aufzubauen. Seine Eltern und vier Geschwister blieben im brandenburgischen Senftenberg, und von Kindesbeinen an besuchte ich als jüngster Spross einer fünfköpfigen Familie mindestens einmal im Jahr die „Brüder und Schwestern“ in der ‚Ostzone‘, wie man damals selbstverständlich sagte.

Nach einem Gespräch in freundschaftlicher Atmosphäre mit Naumanns Zuständigen Karl-Heinz Hense und Uli Wacker erhielt ich also meinen Auftrag, zum 01. Juni 1990 in Mecklenburg aufzuschlagen. Ohne Vorpommern, das erst später mit Bindestrich dazu kam. Allerdings nicht mehr auf meiner Visitenkarte. Mein Stipendium wurde ausgesetzt und pünktlich trat ich meinen Dienst an.

Glück gehörte auch dazu

Untergebracht war ich zunächst in dem kleinen „Hotel Seeblick“ in Crivitz wenige Kilometer von Schwerin entfernt. Irritiert war ich allerdings, dass man hier „Dortmunder Union“ angeboten bekam. Eine überdimensionierte Aufschrift hing wie ein Fremdkörper unter dem eher klein geratenen Hotelschild. Offensichtlich hatten westdeutsche Großbrauereien bereits frühzeitig die Lage vor Ort sondiert und mit Hotels und Gasthöfen langfristige Verträge abgeschlossen.

Vermittelt über gute Kontakte zog ich nach zwei Wochen in ein ebenfalls zu Crivitz gehörendes, an einem Feldweg gelegenes, altes Bauernhaus um, wo in einem Seitentrakt eine kleine Ferienwohnung eingerichtet und zu meinem Glück gerade freigeworden war. Mein Vormieter, ein „Tütensuppenvertreter“, war bereits nach wenigen Wochen Richtung Süden weitergereist. 

Das Haus verfügte auch über einen Telefonanschluss, was absolut nicht selbstverständlich war. Und ich durfte ihn mit nutzen. Wenn nach mir verlangt wurde, kam häufig der Ruf aus dem Innern des Hauses: „Michael! Die schöne Stimme ist wieder am Telefon!“ Damit war Gudrun Martineau gemeint, die damals von Gummersbach aus organisatorisch für uns Bildungsbeauftragte zuständig war.

Meine Vermieter, vielleicht sollte man eher Gastfamilie sagen, Maria, Stefan und der zwölfjährige Robert, erwiesen sich als Geschenk des Himmels. An vielen langen Abenden erzählten wir uns - bevorzugt im Garten unter einem riesigen Birnbaum - unsere je eigenen deutsch-deutschen Geschichten, Wünsche, Träume, Enttäuschungen … Den 03. Oktober 1990 verbrachten wir dann auch gemeinsam in Berlin und feierten vor dem Reichstag mit.

Einstieg und Alltag

Einen Teil der Ferienwohnung hatte ich als Arbeitszimmer mit Kopierer eingerichtet. Der große Drucker, den ich ebenfalls im Gepäck meines VW-Busses hatte, konnte ich in einem Nebenraum der BFD-Kreisgeschäftsstelle Schwerin-Stadt unterbringen. Ungezählte Naumann-Einladungen und Seminarpapiere wurden hier in der Folgezeit gedruckt.

Bund Freier Demokraten (BFD) nannten sich die hiesigen Liberalen damals im Anschluss an das Wahlbündnis aus LDP, Deutscher Forumspartei und F.D.P der DDR im Vorfeld der ersten freien und zugleich letzten Wahl zur Volkskammer am 18. März 1990. Neben den JuliA-Aktivisten, die allerdings durch recht hohe Fluktuation in ihrem Personalbestand auffielen, gehörten die beiden Kreisgeschäftsführer von Schwerin-Stadt und Schwerin-Land Dieter Gahr und Achim Völschow bis zum Ende meines Aufenthalts zu meinen häufigsten Gesprächspartnern.

Den Bus tauschte ich bald gegen einen VW-Passat ein und diesen wenige Wochen später noch einmal gegen einen Passat-Diesel. Nicht weil ich die Vorgänger zu Schrott gefahren hätte, sondern weil es damals ein Problem war, Tankstellen mit bleifreiem Benzin zu finden.

Rund 60.000 Kilometer sind es dann in der Summe geworden, die ich in diesem großen wunderbaren Bundesland bis Ende 1990 zurücklegen durfte. Nicht nur jede Kreisgeschäftsstelle – viele mehrfach – habe ich in diesem Zeitraum besucht, mich und die Stiftung dort und auf Parteiversammlungen vorgestellt, Materialien und Einladungen verteilt und mir unzählige Geschichten angehört.

Große Touren unternahm ich auch mit dem leicht knorrigen, am Telefon meist kurz angebundenen, Heinz Karow, den ersten Leiter des Büros Berlin der Friedrich-Naumann-Stiftung und erfahrenen Politprofi aus Niedersachsen. Aufgrund meiner vorherigen Tätigkeit in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, an der er familiär bedingt großes Interesse zeigte, schloss er mich langsam in sein Herz und wurde auch am Telefon ruhiger und nachsichtiger. Bei den vor Ort gut vorbereiteten Gesprächen mit Parteivertretern, JuliA- und Hochschulaktivisten schöpfte Karow dann regelmäßig aus dem Vollen seines politischen Lebens wobei mir meist nur die Vorstellung der Begabtenförderung und die Erläuterung der Stipendienbeantragung übrig blieb.

Schmunzelnd nahm ich zur Kenntnis, dass ich in manchen Geschäftsstellen, wo ich mich zuvor telefonisch angekündigt hatte, als der „Herr Roick von der Konrad-Naumann-Stiftung“ begrüßt bzw. weitergereicht wurde. Zunächst hatte ich mir diese Wortschöpfung als eine naheliegende Kombination aus Konrad-Adenauer- und Friedrich-Naumann-Stiftung erklärt. Bei tieferem Nachdenken wurde mir aber dann bewusst, dass Konrad Naumann als Vorgänger von Günter Schabowski als Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung in Ost-Berlin gewirkt hatte, und so war ich mir manches Mal meiner Anfangserklärung nicht mehr ganz so sicher.

Ich hatte zuvor den für Thüringen schon seit Monaten zuständigen Bildungsbeauftragten Jürgen Dieckert besucht, um mir ein Bild zu machen von seiner konkreten Arbeit vor Ort. Das war sehr hilfreich, ebenso wie der Besuch bei Ronald Büssow in Kiel, den langjährigen Geschäftsführer der liberalen Gesellschaft in Schleswig-Holstein, der mir wertvolle Tipps geben und Kontakte in Mecklenburg vermitteln konnte.

Angebote oder: Die Freiheit, frei zu sein

Mit Ronald führte ich in der Folgezeit auch eine Reihe von Fertigkeitsseminaren durch - neben Strategieworkshops vor allem Rhetorik und Diskussionstrainings - die sich rasch großer Beliebtheit erfreuten und den Teilnehmenden sichtlich viel Spaß bereiteten.

Daneben gab es reichhaltig kommunalpolitische Angebote sowie sicherheits- und außenpolitische Seminare, die vor dem Hintergrund der noch laufenden Zwei-plus-Vier-Verhandlungen ebenfalls großes Interesse hervorriefen. Kulturveranstaltungen, Einzelvorträge wie etwa zur Meinungs- und Umfrageforschung und natürlich Workshops und Diskussionen zu Geschichte und Gegenwart des Liberalismus rundeten das Programm ab.

Bei letzterem bemerkte ich immer wieder auch auffällige Unterschiede im Themenzugang zwischen Ost und West. In gemischten Veranstaltungen mit Teilnehmern aus den alten und den neuen Bundesländern, des öfteren Julis aus dem Westen und JuliAs (Jungliberale Aktion) aus dem Osten, wurde dies recht deutlich. Während die Westdeutschen in der Regel auf der Basis eines theoretischen oder programmatischen Hintergrundes argumentierten, war dieser Bezug bei den Ostdeutschen verständlicherweise eher gering ausgeprägt. Die Argumente wurden meist quellen- und fundstellenfrei aus einem unmittelbaren Lebensgefühl und Erfahrungswissen heraus vorgetragen. Eine geradezu archaische Form freiheitlichen Erlebens in jüngster Vergangenheit bildete hier die nicht weniger stabile Grundlage  eigener Überzeugung. Eine Theorie wurde dafür zunächst weder gebraucht noch vermisst. Man dachte, wie Hannah Arendt es wohl formuliert hätte, „ohne Geländer“.

Erkundungen und Überraschungen

Tagungs- und Bildungsstätten, die wir für unsere Veranstaltungen nutzen konnten, waren in der Regel nicht schwer zu finden. Allerdings lagen sie manchmal etwas abgelegen und waren zuweilen – auf Zwischenabschnitten oder wenige hundert Meter vor dem Ziel – nur über Sandwege erreichbar.

Dies führte dazu, dass ich während einer Erkundungstour eines sehr warmen Nachmittages mit meinem gut beladenen Passat in einer Sandwehe steckenblieb. Es ging weder vor noch zurück. Erste Selbsthilfeversuche mit Laub, Stöcken und Ästen erwiesen sich als vielleicht filmtauglich aber nicht sachgerecht in der Not. Nach geschätzten 20 Minuten kam ein Trabi des Wegs, hielt an und ein hilfsbereiter älterer Herr stieg aus: „Kein Problem!“ Er holte ein Seil aus seinem Kofferraum und verband die beiden Fahrzeuge. Ich staunte nur, sagte aber erstmal nichts. Aber es kam, wie es kommen musste: Das Seil riss, ohne dass der Passat sich auch nur einen Daumen breit bewegt hätte. Während ich mich schon mit der Vorstellung einer ungeplanten Nacht im Freien befasste, kam dann doch und unerwartet Rettung. Ein sowjetischer Militärlaster hielt direkt neben uns und zwei Soldaten stiegen aus. Eher scheu und wortkarg verbanden sie mit einem stabilen Seil die beiden Fahrzeuge und innerhalb einer Minute war mein Dienstwagen aus seiner Gefangenschaft befreit. Überglücklich reichte ich einem der beiden einen Fünfmarkschein als Dank, worauf der Trabifahrer mich fast anfuhr: „Bist du verrückt? Doch nicht so viel!“

Begegnung mit dem „Besser-Wessi“

Während die Begriffe „Ossis“ und „Wessis“ recht früh auftauchten, habe ich keine konkrete Erinnerung, wann ich zum ersten Mal das Wort „Besser-Wessi“ hörte. Aber ich weiß noch, an welchen Orten und Lokalitäten ich diesem Typus konkret begegnete.

Das Bildungs-, Informations- und Congresszentrum (BIC) in Schwerin auf dem Großen Dreesch war beispielsweise damals eine beliebte Stätte für Bildungsveranstaltungen vielfältiger Art. Auch wir führten dort eine ganze Reihe von Strategieseminaren und Workshops durch. Die Pausen zwischen den Vorträgen nutzte ich dann hin und wieder, um durch die meist offenen Türen das Geschehen in anderen Fortbildungsveranstaltungen zu beobachten. Unvergesslich ist mir dabei eine Szene mit einem Trainer, der offensichtlich auf Umschulungen für Vertreter verschiedener Konsumprodukte spezialisiert war. Ich war zugegebenermaßen gebannt. Da stand ganz vorne dieser Mann, den man für eine Vertretersatire nicht besser hätte auswählen können: Künstliche Bräune und künstlich gelocktes blondes Haar, die obersten drei Hemdknöpfe offen. Die Rhetorik: ein reißender Strom. In jedem zweiten Satz kam das Wort „Kunde“ vor: „Der Kunde will …“, „der Kunde weiß genau“, „glauben Sie nicht, dass der Kunde“, „entscheidend ist immer der Kunde …“ Ich schaute in die Gesichter der Teilnehmer. Fast nur Männer zwischen geschätzten 40 und 50 Jahren. Die reich  mit vermeintlich witzigen Bemerkungen und Anekdoten geschmückte Suada ging komplett durch die Anwesenden hindurch. Nicht mal ansatzweise veränderte sich die Mimik. Derselbe Trainer fiel mir dann abends in der Bar ein weiteres Mal auf, als er sich lautstark mehrfach über den Service beschwerte und meinte, dass einige hier wohl noch nicht „den Schuss gehört“ hätten.

Wahlkampf im Dauermodus

Nicht weniger als viermal wurden die Ostdeutschen 1990 zur Urne gerufen. Nach der Wahl zur Volkskammer am 18. März folgten die Kommunalwahlen im Mai. Im Anschluss die Landtagswahlen in allen fünf neuen Bundesländern am 14. Oktober und schließlich die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl am 03. Dezember.

Eine gewisse Erschlaffung und Ermüdung war im Vorfeld der Landtagswahl bereits spürbar. Nicht bei den hochengagierten jungen Aktivisten – die strotzten vor Energie – aber beim Wahlvolk. Insofern war das Landtagswahlergebnis mit 5,5 Prozent für die F.D.P., wie sie nach dem Vereinigungsparteitag im August nun bundesweit hieß, durchaus ein Achtungserfolg. Zumal man landesweit in allen ehemaligen Bezirken – Schwerin, Rostock und Neubrandenburg – noch im März bei der Volkskammerwahl klar unter 5 Prozent gelegen hatte. CDU und F.D.P. bildeten dann auch die erste schwarz-gelbe Regierung im Land unter Ministerpräsident Alfred Gomolka. Für die Liberalen wurden der Mediziner Klaus Gollert Minister für Arbeit, Gesundheit und Sozialordnung und der Unternehmer Conrad-Michael Lehment Wirtschaftsminister. Walter Goldbeck, der dann vier Jahre F.D.P-Fraktionsvorsitzender im Schweriner Landtag war, hatte daran seinen Anteil. Ich mochte diesen bodenständigen, witzigen und klugen Pragmatiker, mit dem ich auch das ein oder andere WM-Spiel gemeinsam vor dem Fernseher hatte erleben dürfen. Er war gelernter Schlosser, studierte später Deutsch und Geschichte und wurde Lehrer. 

Ein verlorener Wettbewerber

Die Sozialdemokraten, in der Haltung zur deutschen Einheit innerlich zerstritten, standen in Ostdeutschland frühzeitig auf verlorenem Posten. Und ihr Spitzenkandidat Oskar Lafontaine trug dazu in nicht geringem Maße bei. Dabei konnte ich diesem Mann meinen tiefen Respekt nicht versagen. Kaum dass er wenige Monate zuvor ein lebensbedrohliches Messerattentat mit viel Glück überstanden hatte, war er schon wieder auf Wahlkampftour. Aber nicht wie ein Hoffnungsträger, der die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen aufnimmt, bündelt und in politische Schritte übersetzt, sondern eher wie ein Fremder, der die Menschen in dem Land, das er gerade besucht, einfach nicht verstehen will.

Unvergessen der Besuch einer Wahlkampfveranstaltung in Wismar Anfang Oktober 1990 mit zwei Freunden aus Schwerin. Die gut 1000 Personen fassende Halle war vielleicht zu einem knappen Drittel gefüllt. Lafontaine sprach über die vielen Fehler, die seiner Ansicht nach im bisherigen Vereinigungsprozess gemacht worden waren. Und er warnte vor einem neuen Nationalismus. Am Ende verhaltener, eher müder Applaus. Der Mann, der Säle nachweislich zum Kochen bringen konnte, fand einfach keine Sprache, um bei seinen ostdeutschen Landsleuten anzudocken. Zwei Jahrzehnte später räumte er dann zumindest ein, die „Einheitseuphorie unterschätzt“ und das rationale Argument „schlichtweg überschätzt“ zu haben.

Den Gegenpol - quasi den Anti-Lafontaine - vertrat zu dieser Zeit ein anderer (liberaler) Sozialdemokrat, dessen schriftliche Interventionen ich sehr schätzte, Klaus von Dohnanyi. Seinen „Brief an die Deutschen Demokratischen Revolutionäre“ fand ich bereits interessant, sein wenige Monate später im Oktober 1990 erschienenes Buch „Das deutsche Wagnis“, das ich in einer Buchhandlung in Schwerin erstand, geradezu phänomenal. Analytisch klar, empirisch reichhaltig und mutig im politischen Gestaltungswillen beschrieb es konsistent die mit dem Prozess der deutschen Einheit verbundenen Herausforderungen und Erfordernisse. Und in weiser Voraussicht nannte er die „Einführung der D-Mark am 01. Juli 1990 in der DDR das Material, aus dem historische Legenden gestrickt werden.“ Die Vertreter einer langsamen Annäherung hätten die Größe des Problems immer unterschätzt und nur ökonomistisch argumentiert. Dabei brauche man kein Ökonom zu sein, so Dohnanyi, um zu wissen, dass die Vereinigung zweier so unterschiedlicher Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme (…) zu schwerwiegenden wirtschaftlichen Verwerfungen, zu sozialen Konflikten und zu politischen Spannungen führen müsse: „Aber wer politisch denkt und nicht nur parteitaktisch, der muss zugeben, dass es einen anderen Weg als den der schnellen Wirtschaftsunion – leider – nicht gab. Der Kurs war richtig gesetzt. Es gab keine Alternative zur Wirtschafts- und Währungsunion. Der ‚andere Weg‘ ist eine Legende.“

Und er sollte recht behalten. In der Analyse aber vor allem auch in der Erwartung rascher Legendenbildung, was man nicht alles hätte anders und besser machen können.

Tiefenwirkungen

Bis heute muss ich an diese Zeit meines besonderen Einsatzes immer wieder zurückdenken: An die Menschen, die im liberalsten Sinne des Wortes ganz unideologisch und schubladenfrei an Probleme herangingen; an unzählige Gespräche, die erst tief in der Nacht endeten; an wunderbare Landschaften mit endlosen Alleen, wo über viele Kilometer allenfalls Füchse und Rotwild die Straßen kreuzten. Die ostdeutsche Ostsee ist mir seitdem tief ans Herz gewachsen. Wenn ich ein Buch wie „Kruso“ von Lutz Seiler lese, das von der Insel Hiddensee gegen Ende der DDR handelt, werden auch Erinnerungen an 1990 wach.

Der Zustand einer über Wochen und Monate anhaltenden kollektiven Erregung, wie er für die Zeit unmittelbar vor und nach der Jahreswende 1989/90 vielfach beschrieben und diskutiert worden ist, und den ich in Berlin seinerzeit selbst live erlebt hatte, war zu Beginn meiner Arbeit in Mecklenburg freilich bereits in einen weniger adrenalinhaltigen Modus übergegangen. Zu Hoffnung, Zuversicht und Freude über die gewonnene Freiheit gesellten sich nach und nach auch Ängste, Unsicherheiten und der verstärkte Wunsch nach Sicherheit.

Ich habe lange darüber nachgedacht, welche Erfahrung genau - jenseits vom simplen Ossi-Wessi-Gerede - die Ostdeutschen von den Westdeutschen unterscheidet, wenn man den Kern benennen wollte, der diesen Unterschied definiert. Und ich bin erst vor wenigen Jahren auf eine Formulierung gestoßen, die diese Erfahrung für mich plausibel und nachvollziehbar auf den Punkt gebracht hat. Sie findet sich in dem großen Essay des bulgarischen Philosophen Ivan Krastev „Europadämmerung“ (2017), der aus einer osteuropäischen Perspektive schreibt:

„Die Erfahrung eines plötzlichen und gewaltlosen Endes von etwas, das wir für zweifellos dauerhaft hielten (bis es plötzlich nicht mehr da war), ist die prägende Erfahrung im Leben meiner Generation. Wir waren überwältigt von den Möglichkeiten, die unversehens auftraten, und von dem neu entdeckten Gefühl persönlicher Freiheit. Aber wir waren auch ergriffen von dem neu entdeckten Gefühl der Zerbrechlichkeit aller politischen Verhältnisse.“

Eine solche Erfahrung ist den Westdeutschen nach 1945 verwehrt geblieben.

Anfänge der Stiftungsarbeit im Osten Deutschlands: So viel Anfang war nie!

Dresden 1990

Vor dem 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung wollen wir an die Anfänge der Stiftungsarbeit in der untergehenden DDR und in den sich heranbildenden neuen Bundesländern am Beginn des Jahres 1990 erinnern. Ulrich Wacker war der damals in der Stiftung für „Deutschlandpolitische Bildungsarbeit“ verantwortliche Leiter des Referats Seminarreihen; er beginnt heute den Reigen dreier Beiträge über die Anfänge von Stiftungsarbeit im Osten Deutschlands.

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Anfänge der Stiftungsarbeit im Osten Deutschlands: Von Deutschland nach Deutschland

Sachsen

Vor dem 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung wollen wir an die Anfänge der Stiftungsarbeit in der untergehenden DDR und in den sich heranbildenden neuen Bundesländern am Beginn des Jahres 1990 erinnern. Klaus Füßmann berichtet aus seiner Zeit als Bildungsbeauftragter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Sachsen im Einheitsjahr 1990.

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