Vietnam
Warum viele Menschen in Vietnam jetzt um ihre Existenz bangen

Vietnam Lockdown
Leere Straßen durch den Lockdown in der südliche Region Vietnams. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Hau Dinh  

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben weltweit zu einem wirtschaftlichen Abschwung geführt. Vietnam glänzte hingegen bis vor kurzem durch eine bemerkenswerte Resilienz. – Doch nun versucht auch die Regierung in Hanoi den Anstieg der Corona-Fälle im Land mit drastischen Maßnahmen einzudämmen - Ist das vietnamesische Wunder zu Ende?

Weltweit waren die Antworten auf Corona geprägt durch den Ruf nach stärkeren staatlichen Interventionen. Eigenverantwortung und Marktwirtschaft traten in den Hintergrund. In Vietnam selbst sah es bis Juni 2021 hingegen noch sehr vielversprechend aus: Das BSP wuchs im Jahresvergleich um 5,6 Prozent. Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) erwartete bis Ende des Jahres eine Wachstumsrate von 5,8 Prozent. Exporte und Importe stiegen um 25,5 Prozent, beziehungsweise 35,3 Prozent. Die Inflation (CPI) fiel mit 1,6 Prozent moderat aus. Zins- und Geldpolitik Vietnams können als vorschichtig bezeichnet werden. Zudem blieb Vietnam weiter dem Freihandel und einer investorenfreundlichen Gesetzgebung treu.

Doch steigende Covid-19-Zahlen im Juni 2021 sorgten in Vietnam für eine gewisse Panik. Die neue Regierung entschloss sich, mit harter Hand vorzugehen. Am 31. Mai verhängten die Politiker in Ho-Chi-Minh-Stadt einen Lockdown, der seitdem immer weiter verschärft wurde. In einigen Bezirken erfolgt die Lebensmittelversorgung durch das Militär. Hanoi folgte mit einer Abschottung Ende Juli. Ein Ende des Lockdowns ist nicht abzusehen.

Als Ausweg wird die rasche Durchimpfung der Bevölkerung gesehen. Doch bis Juni dieses Jahres waren bei einer Bevölkerung Vietnams von mehr als 96 Millionen Menschen nur 30.602 Bürger vollständig geimpft. Ende August waren es 2,6 Prozent der Bevölkerung (2.524.407 Menschen). Probleme bereitet unter anderem die Logistik. So ist es schwierig, die Kühlkette beim BioNTech-Impfstoff aufrechtzuhalten. Teils wurden die Impfdosen in Kisten mit Eiswürfeln zum Bierkühlen transportiert.

In der staatlich gesteuerten Presse hingegen läuft die Propaganda auf Hochtouren. Ausgangsverbote, Impfungen und soziale Distanzregeln werden als die einzig mögliche Rettung verkauft. Ausländische Industriefirmen versuchen sich zu helfen, indem sie ihren Arbeitern freiwillige Firmenquarantäne anbieten und diese das Gelände nicht mehr verlassen, sondern nur dort arbeiten. Anderen Beschäftigten wurde angesichts der komplizierten neuen Vorgaben kurzerhand gekündigt. Die meisten Arbeiter in den Großstädten und Industriezonen stammen aus armen Provinzen. Ohne Geld können sie sich weder Unterkunft in den Städten noch Nahrungsmittel leisten und versuchen, in ihre Heimatdörfer zurückzukehren. Doch da der öffentliche Verkehr eingestellt ist, hängen sie entweder mittellos an ihren Arbeitsorten fest oder versuchen, sich mit dem Moped oder gar zu Fuß über viele hundert Kilometer in die Heimat durchzuschlagen.

Gefahr von grassierender Armut und Hunger

In der ganzen Corona-Panik wurde in Vietnam bei den neuen Maßnahmen sträflich außer Acht gelassen, dass neben dem wichtigen Schutz der Gesundheit der Bevölkerung auch die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft zum Überleben wichtig ist. Armut kann auch tödlich enden. In den ersten sieben Monaten des Jahres 2021 haben knapp 79.700 Firmen in Vietnam ihre Aktivitäten vorübergehend eingestellt, das sind 25,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Viele kleine Firmen des informellen Sektors sind gar nicht registriert. Sie fallen auch bei den staatlichen Unterstützungsmaßnahmen durch das Raster. So profitieren die über neun Millionen Arbeitskräfte in kleinen Familienbetrieben kaum von staatlichen Zuwendungen.

Ein Rettungspaket von 20 Bio. VND (ca. 877 Mio. USD) dient vor allem Steuererleichterungen und – stundungen.  Für vulnerable Personen sind 26 Bio. VND (1,2 Mrd. US) vorgesehen, was sogar noch weniger ist als das letztjährige Paket von 62 Bio. VND (2,7 Mrd. USD). Auch die Geschäftsbanken reduzierten ihre Zinsen, um besonders betroffenen Unternehmen zu helfen. Am ehesten kommen Energiepreissenkungen von 10 Prozent direkt bei den Betroffenen an. Das Problem ist – neben der verhältnismäßig geringen finanziellen Unterstützung – die langsame und teils unzureichende Verteilung der Gelder durch Bürokratie und Korruption. Die unregistrierten Kleinstunternehmen erhalten gar nichts. Es besteht in Vietnam ganz konkret die Gefahr von grassierender Armut und Hunger.

Für Vietnam stellt sich nun die Frage, wie man mit Corona weiter umgeht. Vieles spricht dafür, den Lockdown aufzuweichen und mehr auf Eigenverantwortung statt staatliche Bevormundung zu setzen. Aus liberaler Sicht ist ohnehin der individuellen Freiheit und der individuellen Eigenverantwortung stets der Vorzug zu geben. Vielleicht wird man mit Corona in Zukunft zusammenleben und sich arrangieren müssen.  

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