Asien
Asien muss boomen - und das Klima schützen

Dhaka, Bangladesch: Transportunternehmer streiken wegen der Erhöhung der Spritpreise. Auch Kollegen in Thailand und Indonesien organisierten Demonstrationen.

Dhaka, Bangladesch: Transportunternehmer streiken gegen die Erhöhung der Spritpreise. Auch Kollegen in Thailand und Indonesien organisierten Demonstrationen.

© picture alliance / ZUMAPRESS.com | Habibur Rahman

Der Kampf gegen den Klimawandel wird auch in Asien entschieden. Doch die Gesellschaften haben zahlreiche andere Sorgen. Technologie und Innovation sind auch hier der Schlüssel, damit die ökonomische Entwicklung nicht zu Lasten des Klimaschutzes ausfällt.

Während Diplomaten beim COP26-Gipfel in Glasgow um neue Klimaziele stritten, protestierten Umweltschützer für eine härtere Klimapolitik. Am Hauptprotesttag meldete Aktivistin Greta Thunberg triumphierend auf Twitter: „Hunderttausende sind weltweit auf den Straßen.“ Fast alle der Demonstranten waren allerdings in den Städten des Westens unterwegs.

Zur selben Zeit gingen auch in Asien viele Menschen auf die Straße. Die Protestierenden verlangten jedoch nicht nach mehr Klimaschutz. Sie forderten billigeren Sprit. Allein in Thailand streikten Zehntausende LKW-Fahrer für gedeckelte Dieselpreise. Auch Kollegen in Bangladesch und Indonesien organisierten Demonstrationen.

Die weit voneinander entfernten Proteste zeigen, wie unterschiedlich die Prioritäten wahrgenommen werden. Abermals prallten auch beim Klimagipfel in Glasgow die Interessen der Industriestaaten auf der einen Seite und die der Entwicklungs- und Schwellenländer auf der anderen Seite aufeinander. Während arme Länder wie Indien und Thailand mehr Zeit und Unterstützung forderten, drängte der reiche Westen auf strengere Emissionsziele.
Dieser grundlegende Konflikt kann nur technologisch überwunden werden. So schnell wie möglich müssen sich Wirtschaftswachstum und CO2-Emissionen voneinander entkoppeln. Ohne die Aussicht auf Wohlstand wird sich kein globales Bündnis gegen den Klimawandel schmieden lassen.

Noch gibt es keine wirklich breite globale Klimaschutzbewegung. Das gilt auch für die junge Generation: Die vermeintlich weltweite Jugendbewegung „Fridays For Future“ zieht nur im Westen die Massen an. Global betrachtet ist sie eine Randerscheinung. In Europa und den USA leben nur etwa 200 Millionen Menschen unter 17 Jahre. In Asien und Afrika sind es rund zwei Milliarden.

Viele dieser zwei Milliarden Menschen wohnen in Ländern, die bald am meisten CO2 ausstoßen werden - und die sich bisher noch gar nicht oder nur zögerlich zu Klimaschutzzielen verpflichtet haben. Indonesien will beispielsweise bis 2060 klimaneutral sein, Thailand bis 2065 und Indien bis 2070. Die reiche EU hat sich bis 2050 das Ziel gesetzt.

Der ehemalige Klimaberater von Ex-US-Präsident Barack Obama, Jason Bordoff, formuliert es in einem Beitrag für die Zeitschrift „Foreign Policy“ so: “Es gibt keinen ethischen Umweg darum, dass der Energieverbrauch in der sich noch entwickelnden Welt in den kommenden Jahren rapide ansteigt.”

Innovationen statt Askese

So sieht man es auch in Asien. Die malaysische Billigairline AirAsia wirbt mit dem Slogan: “Now Everyone Can Fly”. Es ist das in eine Werbeformel gegossene Lebensgefühl von hunderten Millionen Menschen, die in nur wenigen Jahrzehnten einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg erlebt haben. Sie haben dafür hart gearbeitet.

Das Paradoxe: Auch, wenn asiatische und afrikanische Staaten wohl am härtesten vom Klimawandel betroffen sind, ist der Rückhalt für härtere Maßnahmen begrenzt. Der Klimawandel ist nur eines von zahlreichen sozialen und ökologischen Problemen, die sie lösen müssen.  Schon jetzt sind Teile Asiens eine Umweltdystopie. In Neu-Delhi ist die Luftverschmutzung regelmäßig jenseits der Messskala. Laut einer in der medizinischen Fachzeitschrift Lancet veröffentlichten Studie tötete Smog im Jahr 2019 mehr als 1,6 Millionen Inder.

Natürlich gibt es auch in Indien Umweltinitiativen. Doch sichtbar und lautstark protestierten in den vergangenen Monaten vor allem indische Bauern - und zwar unteranderem für geringere Energiekosten und das Recht darauf, ihre Erntereste abzufackeln. Beides ist nicht gut für das Klima und Luftqualität.

Langfristige Chancen nutzen

Aus demselben Motiv setzen viele asiatische Staaten weiterhin auf Kohlekraftwerke. Deren Investitionskosten sind niedriger als die von Erneuerbaren; die Netze leichter zu stabilisieren. Aus der Not heraus ziehen die armen Staaten kurzfristige Verbesserungen langfristigen Chancen vor.

Dabei wären solche Chancen gerade in Entwicklungsländern vorhanden. Global gesehen liegen die größten Potentiale für den Ausbau der Erneuerbaren Energien in den Ländern des globalen Südens. Afrika könnte beispielsweise seinen vorhergesagten Strombedarf für 2040 allein durch regenerative Energien sogar um ein Vielfaches bedienen – und die Entwicklung anderer Industriezweige vorantreiben.

Dafür benötigen die Staaten jedoch Kapital und Technologie. Bereits 2009 versprachen die Industriestaaten, ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar für Klimaschutz und Anpassungsmaßnahmen den ärmeren Ländern zur Verfügung zu stellen. Letztendlich flossen aber nur 80 Milliarden US-Dollar. In Glasgow einigten sich die Staaten darauf, den zugesagten Betrag nun wenigstens bis 2023 zu erreichen.

Auch das ist allerdings nur ein Bruchteil der benötigten Summe: Laut der Internationalen Energieagentur müssten jährlich bis zu zwei Billionen US-Dollar in regenerative Energie in Entwicklungs- und Schwellenländern investiert werden. Solche Summen sind letztendlich nur durch private Investitionen erreichbar. Die wiederum werden nur kommen, wenn Innovationen die Umwelttechnologien wirtschaftlich machen.

Die gute Nachricht: Die Ziele sind theoretisch erreichbar – wenn Kapital und Technologie vorhanden sind.  Hier liegt vielleicht die größte Möglichkeit des Westens. Er muss seine eigenen forschungsstarken Unternehmen zu Innovationen bewegen, beispielsweise durch einen umfassenden CO2-Zertikatehandel und Kapital zur Verfügung stellen. Die aufholenden Staaten Asiens brauchen keine Belehrungen und Verzichtsappelle, sondern Ressourcen und Technologie.

*Frederic Spohr leitet von Bangkok aus die Projekte der Stiftung in Thailand und Myanmar