Uiguren
Uiguren in China: „Es herrschte eine Atmosphäre der Angst und des blanken Terrors“

Ein Wachturm auf einer Hochsicherheitsanlage am Rande von Hotan in Chinas nordwestlicher Region Xinjiang.
Ein Wachturm auf einer Hochsicherheitsanlage am Rande von Hotan in Chinas nordwestlicher Region Xinjiang. © GettyImages/ GREG BAKER / Kontributor

Die chinesische Regierung hat mehr als eine Million Menschen in Internierungslagern in der Region Xinjiang eingesperrt, die meisten von ihnen gehören der muslimischen Minderheit der Uiguren an. Kalbinur Sidik arbeitete in zwei Lagern über mehrere Monate als Lehrerin. Sie berichtet von schockierenden Verbrechen in den Lagern. Das FNF China Bulletin dokumentiert hier ihren Augenzeugenbericht.
 

Meterhohe Mauern, darauf Stacheldraht und dahinter: Betonbauten, in denen mehr als eine Million Menschen von der Außenwelt abgeschottet werden. Vor allem Mitglieder der muslimischen Minderheit der Uiguren und Kasachen sitzen in den Umerziehungslagern in der chinesischen Region Xinjiang ein. Die chinesische Regierung gibt an, die Menschen auf ein Berufsleben vorbereiten und von terroristischem Gedankengut befreien zu wollen. Doch soll sich hinter den Mauern Grausames abspielen. So berichten ehemalige Insassinnen der Lager übereinstimmend von wiederholten, brutalen und systematischen Vergewaltigungen und Zwangssterilisationen.

Die systematischen Vergewaltigungen der Frauen in den Lagern gelten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit - noch dazu sollen in den Lagern viele weitere Verbrechen begangen werden, die auch die männlichen Insassen betreffen. Kalbinur Sidike, selbst Uigurin, hat in zwei der Lager als Lehrerin gearbeitet, bevor ihr die Flucht nach Europa gelang. Seitdem prangert sie die Menschenrechtsverletzungen der chinesischen Behörden in Xinjiang öffentlich an. Im Folgenden können Sie die Schilderungen von Frau Sidike lesen.

Ich freue mich sehr darauf, heute Abend gemeinsam mit ehrwürdigen Persönlichkeiten aus der deutschen Politik und Gesellschaft über das Notleiden der Uiguren und anderen Völkern im Nordwesten Chinas zu diskutieren.

Ich möchte allem voran der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit meine große Dankbarkeit aussprechen, die ihre so wichtige Plattform angeboten und es dadurch ermöglicht hat, die Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit und Politik auf die schrecklichen Schicksale der Frauen zu lenken, die durch die chinesische Regierung massenhaft in den Internierungslagern eingesperrt, vergewaltigt und zwangssterilisiert worden sind.

Ich bin in Ostturkistan [auch bekannt als Xinjiang], im Nordwesten Chinas, geboren und habe dort gelebt, bis ich vor wenigen Jahren in den Niederlanden Freiheit und Schutz finden konnte. Nach meinem Studium der chinesischen Sprachwissenschaft habe ich mehr als 28 Jahre lang an verschiedenen staatlichen Schulen Chinesisch unterrichtet.

Von März bis November 2019 wurde ich nach strenger Überprüfung und unter Androhung drakonischer Strafen im Falle von Nicht-Geheimhaltung zu zwei Internierungslagern geschickt, um dort die chinesische Sprache zu unterrichten.

Die Lager befinden sich in den Stadtteilen Cangfanggou und Tougong von Urumqi, der Hauptstadt von Ostturkistan. In dem Lager in Cangfanggou gab es überwiegend männliche Inhaftierte, während in dem Lager in Tougong fast ausschließlich Frauen eingesperrt waren.

Während meiner Zeit als Lehrerin und Erzieherin wurde ich Augenzeugin für das systematische und grausame Vorgehen der chinesischen Regierung gegen die inhaftierten Menschen.

Als ich zum ersten Mal in dem Internierungslager im Bezirk Cangfanggou ankam, sah ich ein vierstöckiges Gebäude mit hohen Zäunen, versehen mit elektrischem Stacheldraht und bewacht durch bewaffnete Paramilitärs. Innerhalb des Lagers waren die Türen extra gesichert und Fenster mit Aluminiumbrettern zugeschweißt. Es wirkte so furchterregend! Es herrschte eine Atmosphäre der Angst und des blanken Terrors.

Zu Beginn saßen dort etwa 100 Inhaftierte ein. Abgesehen von sieben Frauen waren es vor allem männliche Gläubige. Doch Ende März kamen immer mehr Menschen dorthin, schätzungsweise mehr als 7000, darunter uigurische Intellektuelle, wohlhabende Geschäftsleute, sogar Millionäre, Schriftsteller und viele Würdenträger der uigurischen Gesellschaft. Die Sicherheitskräfte in den Lagern betrachteten die Inhaftieren nicht als Menschen. Allen wurden die Köpfe rasiert. Wie arme Tiere waren die Inhaftierten den Sicherheitskräften schutzlos ausgeliefert.

Die Sicherheitskräfte in den Lagern schlugen, traten, bespuckten und beleidigten die Inhaftierten völlig willkürlich, um sie gefügig zu machen und Regelverstöße zu bestrafen.

Ich erinnere mich an zutiefst traumatisierte Menschen mit blassen Gesichtern, die durch ständige Angst, Mangelernährung und Krankheiten körperlich und seelisch stark geschwächt und verzweifelt waren. Davon habe ich Albträume, die mich bis heute quälen.

Manche Frauen in den Lagern waren frisch verheiratet, manche waren unmittelbar bei ihrer erzwungenen Rückreise aus dem Ausland verhaftet worden und wurden vom Flughafen direkt in die Lager gebracht. Allen Frauen wurden mir unbekannte Medikamente zwangsverabreicht und regelmäßig gespritzt, wodurch ihre Periode ausblieb.

Gleich am ersten Tag, an dem ich meinem Dienst in dem Internierungslager begonnen hatte, wurde ich Augenzeugin eines qualvollen Todes einer schätzungsweise 18- bis 20-jährigen jungen Frau. Dieser schockierende Vorfall war nicht der einzige, den ich während meines gesamten Einsatzes in den Internierungslagern erlebt habe.

Etliche Male musste ich ansehen oder erfuhr ich anderweitig davon, wie die Frauen, jung oder alt, zutiefst erniedrigt, sexuell belästigt oder gar vergewaltigt worden waren. Diese Frauen nahmen alles stillschweigend hin. Sie hatten große Angst, dass sich ihre Situation noch verschlimmern würde, wenn sie die Belästigungen melden würden. Sie dachten, dass sowieso keine chinesische Behörde für Gerechtigkeit sorgen würde. Sie mussten alles hinnehmen, weil sie in der wahrscheinlich größten Verzweiflung ihres Lebens weiterhin hofften, nur so aus dieser Hölle schnell und lebendig rauszukommen.

Auch die Situation der uigurischen Frauen außerhalb der Internierungslagern ist bedrückend. So wurden Hunderttausende junge Frauen aus allen Ecken von Ostturkistan unter dem Deckmantel von „Arbeitsvermittlung“ oder „Armutsbekämpfung“ zu Fabriken meist in chinesische Städte im Inneren des Landes verschickt, wo sie weit weg von ihrer Kultur und ihren Wurzeln leben sollten. Dabei sollten sie nicht nur als billige Arbeitskräfte dienen, sondern möglichst auch von Han-chinesischen Männern geheiratet werden.

Zudem ordnete die chinesische Regierung an, dass Millionen Staatsbedienstete und Parteikader der Mehrheitsbevölkerung - den Han-Chinesen - regelmäßig uigurische Familien besuchen sollten, um mit ihnen in deren Wohnungen für einige Zeit zusammenzuleben und auch dort zu schlafen. Erniedrigungen, massenhafte sexuelle Belästigungen und gar Vergewaltigung der Frauen, jungen Mädchen, aber auch kleinen Kinder waren die Folge. Zudem herrscht in den Familien die ständige Angst, die meist männlichen Kader würde sie als illoyal an die chinesische Regierung melden. So fanden abscheuliche Verbrechen unter dem Schutz der Staatsgewalt in diesen höchst privaten Räumen statt, als zeitgleich Ehemänner, Väter und Brüder - fast alle männlichen Mitglieder – dieser Familien längst in den Internierungslagern eingesperrt waren.

Unter dem Druck der chinesischen Regierung wurden uigurische Frauen gegen ihre kulturellen und religiösen Sitten und vor allem gegen ihren Willen gezwungen, Han-chinesische Männern zu heiraten. Sie mussten die Erniedrigungen hinnehmen, um ihre Familienangehörigen zu schützen und nicht als Extremisten oder illoyal gegenüber dem chinesischen Staat und der kommunistischen Partei gebrandmarkt zu werden und schließlich in den Internierungslagern zu verschwinden.

Zwangssterilisation, Zwangsheirat, staatlich geschützte sexuelle Gewalt und Massentransfer der Frauen weit weg von ihren kulturellen Wurzeln und Familien und nicht zuletzt die Zwangsarbeit - all diese unmenschlichen Verbrechen geschehen tagtäglich, systematisch organisiert und geschützt durch die Übermacht der chinesischen Regierung.

Ich möchte diese besondere Gelegenheit nutzen, um an die deutsche Öffentlichkeit und die deutsche Politik zu appellieren: Bitte helfen Sie uns, helfen Sie unseren Geschwistern, die unter dem himmelschreibenden Unrecht und Willkür der chinesische Regierung leiden. Angesichts der Verbrechen gegen die Menschlichkeit darf die Politik nicht schweigen und tatenlos zusehen. Universelle Menschenrechte und Menschenwürde sind die hohen Werte und das Fundament, worauf der deutsche Staat und dessen Politik basiert. Diese zu schützen, dazu sind der Staat und die Politik verpflichtet. Bitte nehmen Sie diese Pflichten wahr! Unsere Existenz als Menschen mit einzigartiger kultureller Identität ist ernsthaft in Gefahr! Sie sind unsere letzte Hoffnung!

*Übersetzung: Haiyuer Kuerban

Disclaimer: Die einzelnen Schicksale, von denen Frau Sidike berichtet, sind von der FNF nicht nachprüfbar. Ihre Schilderungen decken sich aber mit denen zahlreicher weiterer Augenzeugen sowie Berichten von Menschenrechtsorganisationen, Journalisten und Wissenschaftlern. Mehr dazu finden Sie hier: https://www.icij.org/investigations/china-cables/

 

Für das China Bulletin können Sie sich hier anmelden.

Für Medienanfragen kontaktieren Sie bitte

Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
Referatsleitung Presse & Digitale Kommunikation
Telefon: +49 30 288778-565