Wirtschaft und Krise
Resilienz oder Nachholbedarf?

Spanien kommt auf den ersten Blick besser durch die Krise als Deutschland
Spanien

Kräne zum Be- und Entladen von Schiffen mit Containern in den Docks des Hafens von Valencia, Spanien

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Auch in Spanien befand sich die Wirtschaft vor Ausbruch des Ukraine-Kriegs im Post-Covid-Aufschwung. Während im laufenden Jahr die Wachstumsprognose noch bei 4,1 % liegt, werden von der OECD für 2023 nur noch 2,2 % vorhergesagt. Damit steht die Volkswirtschaft auf den ersten Blick besser da als Deutschland, wo eine Rezession mittlerweile als gesichert gelten darf. Dies ist zum einen auf die geringere Energieabhängigkeit der servicegeprägten Wirtschaft (Tourismus) zurückzuführen, zum anderen ist die Elastizität der Exporte, also die Veränderung der Nachfrage in Abhängigkeit von der Preisentwicklung in der aktuellen Lage geringer. Hinzu kommt aber auch, dass Spanien besonders hart von der wirtschaftlichen Folgekrise durch Covid getroffen wurde und daher das Aufholmoment derzeit noch stärker die wirtschaftliche Entwicklung bestimmt als andernorts.

Die Gründe für den Rückgang der Wachstumsaussichten sind auch in Spanien die grassierende Unsicherheit, hohe Inflationsraten und ein Rückgang der Exporte. Durch die weiterhin positiven Aussichten für den Tourismussektor im kommenden Jahr und die Stärkung der heimischen Nachfrage, u.a. durch Fiskalpakete der spanischen Regierung und die Absorption der EU-Next-Generation-Mittel, dürfte sich die Arbeitslosenquote aber kaum nach oben bewegen. Derzeit wird mit einem moderaten Anstieg von 13,6 % auf 13,9 % gerechnet.

Die Inflationsrate liegt in Spanien derzeit bei 9,1 %, für 2023 werden aktuell immerhin noch 5 % prognostiziert. Dies ist ein deutlich stärkerer Rückgang als in Deutschland, wo immer noch mit 7,5 % gerechnet wird. Grund hierfür sind vor allem die Energiepreise, denn die Kerninflation (also der Anstieg der Preise ohne Energie und Lebensmittel) wird in beiden Ländern im kommenden Jahr identisch bei ca. 4 % liegen. Der Gesetzgeber hat auch in Spanien eine Reihe von Maßnahmen beschlossen, um die Inflation zu bekämpfen und um die Bevölkerung und Betriebe zu entlasten. So werden die Mietverträge in Spanien normalerweise jährlich der Inflation angepasst, derzeit ist lediglich eine Anhebung um 2 % pro Jahr erlaubt. Kraftstoff wurde zeitweise subventioniert, Schüler und Studenten ab 16 Jahren erhalten eine Sonderzahlung von 100 EUR von September bis Dezember des laufenden Jahres und der öffentliche Nahverkehr ist für Vielnutzer in diesen Monaten kostenlos. Der in Europa heftig diskutierte Gaspreisdeckel gilt in Spanien partiell schon seit Mai – er gilt für Gas zur Stromgewinnung (das vor allem aus Algerien kommt), um die Endverbrauer zu entlasten.

Zur anteiligen Gegenfinanzierung der Maßnahmen wurde eine Übergewinnsteuer für Stromerzeuger und den Bankensektor eingeführt - Großbanken zahlen 4,8 % mehr Steuern auf Zinsgewinne und Gebühren, große Energieenergieunternehmen zahlen 1,2 % mehr Umsatzsteuer im laufenden und kommenden Jahr. Diese Zusatzsteuer hat in Spanien zu Kritik an der Linksregierung von Premierminister Pedro Sánchez durch die Opposition geführt und ist damit auch hierzulande kein unumstrittenes Instrument. Der Bankenverband und Unternehmerverbände sehen insbesondere Risiken für die Kreditvergabe und die Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Raum.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das krisenerprobte Spanien noch vergleichsweise glimpflich durch die aktuelle Krise kommt. Es bestehen aber noch erhebliche Risiken, neben der geopolitischen Lage ist es insbesondere das Zinsumfeld, das die gesamtwirtschaftliche Entwicklung empfindlich treffen könnte. Die Hypothekenkosten im traditionell auf Wohneigentum ausgerichteten Spanien und die Fremdkapitalkosten für die heimische Wirtschaft stehen hier im Vordergrund.

David Henneberger ist Projektleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in  Spanien, Italien, Portugal und Mittelmeerdialog.