Pakistan
Weltfrauentag in Pakistan

Eine Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und traditionellen Strukturen
'Aurat March'- Mural vandalised , Islamabad 2020

'Aurat March'- Mural vandalised , Islamabad 2020

© Sayera Anwar

Am 8. März, dem Internationalen Frauentag, versammeln sich Menschen weltweit, um auf die Lebensumstände von Frauen hinzuweisen. Auch in Pakistan sind Frauenrechtsorganisationen seit Jahrzenten aktiv und nutzen diesen Tag. Seit 2018 organisieren sich Frauen, Transgender Personen (khwaja sara) und verbündete Partner:innen in mehreren großen Städten unter dem Namen Aurat March zu gemeinsamen Demonstrationen. Mit Hilfe von kreativen Postern, Transparenten und Straßenkunst weist die Aurat March Bewegung auf Missstände hin, die vor allem Frauen und sexuelle Minderheiten betreffen. Die Demonstrationen finden in immer mehr Städten statt und an jedem Ort werden unterschiedliche Schwerpunktthemen gesetzt. “Aurat” ist aus dem Arabischen abgeleitet, wird aber auch in Urdu, der Nationalsprache verwendet, und kann als “Frau” übersetzt werden. “Aurat” ist aber auch ein Synonym für die intimen Teile des Körper.

Kritiker:innen werfen den Teilnehmenden vor, verwestlicht zu sein und nicht die Interessen von ‚authentischen‘ pakistanischen Frauen zu vertreten. Die Teilnehmenden des Aurat March weisen diese Kritik zurück und sehen die Bewegung als eine organische Entwicklung, für die sich Frauen und sexuelle Minderheiten aus verschiedenen Schichten engagieren. Diese Diskussionen bewegen sich in einem vielschichtigen Spannungsfeld, in dem u.a. Religion, westliche Hegemonialstrukturen, Patriachat und Feudalismus miteinander verwoben sind. Diese Machtstrukturen stützen einander und (re)produzieren dadurch vielfältige Ungerechtigkeiten. Die Aurat March Bewegung spricht diese Sachlage an und ist deshalb umstritten. Die Aurat March Bewegung ist eine Erscheinungsform der aktuellen sozialen Veränderungen in Pakistan. Daher ist es wichtig, sich mit ihr auseinander zu setzen.

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Ein zentrales Themenfeld der Aurat March Bewegung ist Selbstbestimmung, z.B. über den eigenen Körper, aber auch in Hinsicht auf Berufswahl und Heirat. Gewalt gegen Frauen und sexuelle Minderheiten, sogenannte Ehrenmorde, und Belästigung im öffentlichen Raum und am Arbeitsplatz sind ein zweites wichtiges Themenfeld. Viele dieser Vergehen werden nicht gemeldet. Aus diesem Grund sind Statistiken oft wenig aussagekräftig. Die Forderungen umfassen auch die Verbesserung von reproduktiver Gesundheit, Armutsbekämpfung, Klima Gerechtigkeit, bessere Arbeitsbedingungen für Menschen, die im informellen Sektor beschäftigt sind, und den Schutz von marginalisierten Gruppen. Diese Missstände sind wohlbekannt. Es gibt diverse Studien, die die Probleme in jedem Bereich dokumentieren und belegen.

Zum einen konzentriert die Bewegung ihre Forderungen auf die Verbesserung des rechtlichen Rahmens. Die Aurat March Bewegung prangert fehlende Gesetze an und zeigt auf, dass existierende Gesetze Frauen und Minderheiten entweder benachteiligen oder fehlerhaft umgesetzt werden. Zum anderen spricht die Bewegung auch Alltagsprobleme an. Damit wird der Fokus auf systemische Faktoren, die Ungleichheit aufrechterhalten, gerichtet. Die Forderungen und die Plakate thematisieren unter anderem die allgegenwärtige Alltagsgewalt, Korruption und fehlende Servicestruktur von Staatsinstitutionen, sowie autoritäre, feudale und patriarchale Entscheidungsprozesse, die Frauen und Minderheiten ausschließen. Die Bewegung weist darauf hin, dass die Rechte von Frauen und Minderheiten zum Großteil weder im privaten noch im öffentlichen Raum respektiert werden.  Deshalb wird größere Mitwirkung von Frauen und Minderheiten in Entscheidungsprozessen gefordert.

Da die Demonstrationen am 8. März hauptsächlich in großen Städten stattfinden, haben die meisten Teilnehmenden einen höheren Bildungsstand, sind ökonomisch bessergestellt und diverser als der Großteil von Pakistan's ländlicher Bevölkerung. Deshalb gibt es auch Kritik am Aurat March. Die Organisatorinnen und Teilnehmenden werden von einigen Gruppen, vor allem religiösen Parteien, als elitär, vom Land entfremdet und verwestlicht dargestellt. Kritiker:innen sprechen der Bewegung somit ab, die Interessen von Frauen in Pakistan zu repräsentieren. Gleichzeitig beanspruchen sie für sich selbst, interpretieren zu können und zu dürfen, wer und was als ‚authentisch pakistanisch‘ gilt.

Ein zentrales Themenfeld der Aurat March Bewegung ist Selbstbestimmung

Dr. Sarah Holz, Humboldt-Universität Berlin

Gegenreaktion zum Aurat March

Als Gegenreaktion zum Aurat March organisieren einige religiöse Bewegungen und Parteien sogenannte Haya-Demonstrationen am 8. März. „Haya“ kann als „Sittsamkeit und Bescheidenheit“ übersetzt werden und wird als Kontrast zu den Teilnehmenden des Aurat March verstanden. Die Teilnehmer:innen der Haya Demonstrationen fordern die Erhaltung des traditionellen Familiensystems und vorherrschender Geschlechterrollen und das Recht auf Verschleierung. Sie stellen die Bedeutung der Religion als einzig nötigen Schutz von Frauen in den Vordergrund. Einige dieser Forderungen, z.B. das Recht von Frauen, ein Kopftuch tragen zu können, werden auch von der Aurat March Bewegung im Zusammenhang mit dem Recht auf Selbstbestimmung unterstützt. Die Organisator:innen des Haya March ziehen es jedoch vor, sich auf die Unterschiede der beiden Bewegungen zu konzentrieren. Gleichzeitig muss sich die Gesellschaft mit allen Forderungen und Themen, die sowohl von der Aurat March Bewegung wie auch von Kritiker:innen angesprochen werden, auseinander setzen.

An den Gegendemonstrationen, dem Haya March, nehmen hauptsächlich in dunkle Farben gekleidete Frauen teil, die Kopftuch tragen und oft auch einen Gesichtsschleier. Die Aurat March Demonstrationen sind bunt und die Teilnehmenden tragen vielfältige Kleidung. Für internationale Beobachter:innen kann so schnell der Eindruck entstehen, dass es hier um Auseinandersetzungen zwischen religiösen und säkularen Gruppen geht. Die Bilder von beiden Bewegungen scheinen dies zu bestätigen, denn sie stimmen überein mit den typischen Bildern, die viele Betrachter:innen in Europa im Kopf haben, wenn sie an Pakistan denken.

Container-Denken im euro-amerikanischen Raum

Besonders seit den Terroranschlägen vom 11. September 2011 in New York und Washington D.C. und dem sogenannten Krieg gegen den Terror hat sich vor allem im euro-amerikanischen Raum ein Container-Denken etabliert, bei dem Gesellschaften in Kategorien eingeteilt wird, deren Grenzen starr und unüberwindbar sind. Religion und vor allem „der Islam“, werden mit Tradition und Rückschritt gleichgesetzt, während „der Westen“ mit Modernität, Säkularismus und Fortschritt assoziiert wird. Aufgrund dieser Einteilung wird Religion, vor allem der Islam, zu der lebensbestimmenden Identität erhoben und andere Identitäten werden ausgeblendet. In diesem Zusammenhang stellt sich „der Westen“ oft als rettende Kraft, vor allem für Frauen, dar, um so Interventionen zu begründen. Im Irak oder in Afghanistan war das sehr offensichtlich. Obwohl Analyst:innen und Wissenschaftler:innen auf die Widersprüche in dieser Argumentationsweise hingewiesen und diese kritisiert haben, wird sie bis heute noch oft von vielen westlichen Regierungen genutzt. Diese globalen Debatten haben auch Einfluss darauf, wie in Pakistan die Situation von Frauen verhandelt wird.

Die Diskussion und das Engagement von Frauen und sexuellen Minderheiten in Pakistan wird deshalb auch oft auf eine vereinfachte Gegenüberstellung von zwei Lagern reduziert: Die Organisatorinnen und Teilnehmenden am Aurat March müssen gegen Kritik ankämpfen, dass sie verwestlicht seien und nicht muslimisch und nicht pakistanisch genug, um Forderungen an die pakistanische Regierung und Gesellschaft zu stellen. Die Forderungen der Aurat March Bewegung werden deshalb on Kritiker:innen nicht als legitim anerkannt. Das heißt auch, dass bestehende und gut dokumentierte Missstände normalisiert werden. Die Diskussion über die Situation von Frauen wird somit abgebogen in einen Streit über Authentizität und Deutungshoheit. Die Problematik dieses Container-Denkens wird von mehreren pakistanischen Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen angesprochen. Sie argumentieren, dass die künstliche Spaltung in ein säkular/westliches und ein religiös/nicht-westliches Lager davon ablenkt, bestehende ungerechte Macht- und Regierungsstrukturen zu verändern.

Pakistan liegt auf Platz 153 von 156 im Global Gender Gap Bericht 2021

World Economic Forum

Die Themen, die vom Aurat March angesprochen werden, sind an sich nicht neu. Sowohl nationale wie auch internationale Organisationen, zivilgesellschaftliche Organisationen und Bewegungen haben Missstände, wie das hohe Maß an Gewalt gegen Frauen in Berichten dokumentiert. Laut dem Bericht der Aurat Foundation 2020, haben 28% der 15 bis 49-jährigen Frauen körperliche Gewalt erfahren, 34% der verheirateten Frauen waren Gewalt von ihren Ehepartnern ausgesetzt. Pakistan liegt auf Platz 153 von 156 im Global Gender Gap Bericht 2021 des World Economic Forum. Der Index bewertet die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Frauen machen ca. 25% der Erwerbstätigen im formellen Sektor aus. Die Mehrheit der Frauen ist im informellen Arbeitssektor beschäftigt oder leistet unbezahlte Arbeit z.B. in der Pflege oder in der Landwirtschaft. Diese Bereiche sind rechtlich nicht reguliert. Viele dieser Arbeiten werden, wie auch in Deutschland, als selbstverständlich wahrgenommen und weder entsprechend kompensiert noch respektiert. Gleichzeitig hat Pakistan eine der progressivsten rechtlichen Rahmenbedingungen für Transgender Menschen geschaffen. Widersprüche und Vielfältigkeit sind Bestandteile der Gesellschaft.

Obwohl diese Missstände bekannt und nicht zu leugnen sind, lenkt die Debatte um Authentizität und Repräsentation von der substantiellen Debatte zur Situation von Frauen in Pakistan ab.

Die Aurat Foundation, das Women’s Action Forum, Shirkat Gah, die Pakistan Women’s Lawyers Association, Women against Rape, die Human Rights Commission of Pakistan (HRCP) oder AGHS (Women's Organization for Rights and Development) sind nur einige Beispiele für zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich seit Jahrzehnten für die Rechte von Frauen engagieren. Aber es gibt auch weniger international sichtbare Bewegungen, in denen Frauen aktiv sind und die sich mit strukturellen Ungleichheiten beschäftigen. Viele dieser Bewegungen und Organisationen gehen über die klassischen frauenbezogenen Themen hinaus. Dazu zählt das Engagement von Farmpächter:innen für Landrechte im Punjab, in dem viele Frauen beteiligt sind, oder Frauen aus den Grenzgebieten zu Afghanistan, die in Konfliktzonen leben und gegen die Alltagsgewalt, Militanz und das Verschwinden lassen von v.a. männlichen Familienmitgliedern mobilisieren.

Es gibt Frauen wie Asma Jahangir, die als Anwältin jahrzehntelang Frauen vor Gericht vertreten hat und einige bedeutende Rechtsurteile erwirkte. Perween Rehman, setzte sich für Landrechte von einkommensschwachen Familien in Karachi ein und wurde 2013 von Unbekannten umgebracht. Sabeen Mahmud gründete ein Café in Karachi, das als Galerie und Versammlungsort für diverse soziale Projekte fungiert. Sie wurde nach einer Veranstaltung, in der das Verschwinden von Männern in einer Provinz Pakistan’s thematisiert wurde, von Unbekannten ermordet. Die Lady Health Workers mobilisieren gegen prekäre Arbeitsbedingungen und für Mindestlohn. Lady Health Workers sind Frauen, die in einer Nachbarschaft oder einem Wohnviertel Familien mit ihrem medizinischen Wissen zur Seite stehen, oft auch als Hebammen arbeiten und Impfungen, allen voran Polio-Impfungen, verabreichen. In weiten Teilen Pakistans stellen sie eine Basis-medizinische Versorgung für weite Teile der Bevölkerung sicher. Diese Lady Health Workers halten einen Großteil des Gesundheitssystems aufrecht, haben aber nur Zeitverträge und werden unzureichend bezahlt. Es gibt auch einige religiöse Frauenorganisationen, die für das Gemeinwohl arbeiten.

Healthcare workers in Passu, Hunza , Pakistan

Healthcare workers in Passu, Hunza

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Birgit Lamm

Beim näheren Hinschauen wird ersichtlich, dass die Situation von Frauen in Pakistan im Spannungsfeld von vielfältigen miteinander verwobenen strukturelle Faktoren liegt. Zu diesen Faktoren zählen hohe gesellschaftliche Polarisierung, Alltagsgewalt, Armut, fehlende staatliche Dienstleistungen, Feudalismus, Militanz, autoritäre und autokratische Entscheidungsstrukturen und Patriarchie. Auch globale Entwicklungen haben Auswirkungen, wie z.B.  Klimawandel und Migration, Terrorismus, oder der sogenannte „white saviour complex“, also die Überzeugung, dass Industrieländer und Gesellschaften des globalen Nordens Menschen des Globalen Südens ‚retten‘ müssen. Diese beteiligten Akteure und Faktoren stecken den Handlungs- und Diskussionsrahmen ab, in dem das Engagement von, für und mit Frauen in Pakistan stattfinden kann. Es ist eine Herausforderung für die Zukunft, einen breiten gesellschaftlichen Konsens in Pakistan zu schaffen, der auf Respekt für die Bedürfnisse aller Bevölkerungsschichten basiert und diese Bedürfnisse als legitim und schützenswert anerkennt und der die Minderung von sozialer Ungerechtigkeit, Repräsentation und Mitsprache in den Vordergrund stellt.

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