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Frauen im Journalismus in Ost- und Südosteuropa

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© Friedrich Naumann Foundation for Freedom

Die wichtigsten Geschichtenerzähler unserer Zeit, die Journalisten, sind überwiegend weiblich, und obwohl sie offen und direkt agieren, werden sie zunehmend diskriminieren.

Wenn Sie einen osteuropäischen Newsroom betreten, werden Sie vielleicht feststellen, dass dort vorwiegend Frauen beschäftigt sind. Auch sind es meistens Frauen, die ein Mikro vor Politiker in der Hand halten. Diese Situation in vielen Ländern Ost- und Südosteuropas erscheint abwegig. Wir haben mit Frauen aus Bulgarien, Rumänien, Russland und der Türkei gesprochen, und es war bemerkenswert, wie ähnlich ihre Beobachtungen und Erfahrungen waren. Zwar dominieren Frauen wegen der schlechten Bezahlung in diesem Beruf, doch ihre Dominanz bedeutet nicht, dass es keine Diskriminierung und unfaire Behandlung gibt. Darüber hinaus werden sie immer stärker nach ihrem Aussehen beurteilt, obwohl sie sich gleichermaßen der herausfordernden Medienrealität stellen müssen - weniger Redefreiheit, mehr politischer Einfluss und ein kaputtes Geschäftsmodell.

Obwohl in den Nachrichtenredaktionen vorwiegend Frauen beschäftigt sind, bleiben die Führungspositionen den Männern vorbehalten.

Cristina Cileascu, Journalistin, Rumänien

Frauen arbeiten, Männer werden befördert

Laut einem Artikel des Reuters-Instituts für das Studium des Journalismus zum Thema “Fighting Words: Journalism Under Assault in Central and Eastern Europe” („Kampfworte: Journalismus im Angriff in Mittel- und Osteuropa“) arbeiten in Osteuropa mehr Frauen als Journalistinnen als in den anderen Teilen der Welt. Diese Nachricht ist jedoch alles andere als gut. Denn die überwiegend weibliche Besetzung lässt sich vielleicht mit dem geringeren Verdienst in diesem Beruf erklären. Daher sind Männer, die in Familien als „Ernährer“ gelten, oft nicht bereit in diesem „Niedriglohnsektor“ zu arbeiten.

Lora Fileva, eine bulgarische Journalistin des Online-Nachrichtenmagazins www.dnevnik.bg, kann auf mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung in den Bereichen Justiz, Menschenrechte und aktuell im Medienumfeld zurückblicken. Sie zitiert eine Veröffentlichung der Stiftung Mediendemokratie aus dem Jahr 2017, in der gerade die schlechtere Entlohnung als Grund für die Frauendominanz in Nachrichtenredaktionen genannt wird. Ein weiterer Grund sei ihrer Meinung nach die Tatsache, dass „Journalismus mit Fernsehen zu tun hat – das macht ihn glamourös, schön und lukrativ. Journalisten stehen den Machthabern nahe und sind berühmt. Für junge Mädchen ist dies die perfekte Möglichkeit für eine Flucht aus der Realität der Kleinstadt.“

Die Situation ist Russland ist „bunt“, so die investigative Journalistin Anastasia Sechina. Das Land ist riesig und hat zahlreiche Facetten. „Die Lage in Woronesch ist mit der Lage in Tschetschenien nicht vergleichbar. In Tschetschenien gibt es kaum Frauen in diesem Beruf, aber wenn wir die Kaukasus-Region, Tschetschenien, Inguschetien usw. beiseite lassen, gibt es viele Journalistinnen“, sagt sie und fügt hinzu, dass Journalistinnen der gleichen Diskriminierung ausgesetzt sind, wie die Frauen in anderen männerdominierten Bereichen, wo Männer im Gegensatz zu Frauen gefördert werden, denn eine eventuelle Kinderpause ein entscheidendes Karrierehemmnis darstellt.

Gleiches gilt für Rumänien. Cristina Cileascu ist Produzentin der Diplomatic Passport-Sendung (Pasaport Diplomatic) im Fernsehsender Digi24. Ihre Sendung ist eine qualitativ hochwertige Produktion über Außenpolitik. Sie bemerkte, dass obwohl in den Nachrichtenredaktionen vorwiegend Frauen beschäftig sind, die Führungspositionen nur Männern vorbehalten bleiben. Schuld daran ist ihrer Meinung nach die oberflächliche Betrachtung der weiblichen Natur seitens der Gesellschaft. „Vielleicht liegt das daran, dass der weibliche Körper sich im Alter stärker verändert und eine Mentalität in diesem Teil der Welt herrscht, dass eine in der Öffentlichkeit stehende Frau unbedingt schön sein muss. Schönheit ist aber normalerweise eine Eigenschaft der Jugend. Wir kümmern uns immer mehr um das äußere Erscheinungsbild und weniger um innere Werte und Erfahrung“, meint sie. Teodora Trifonova, erfolgreich als Reporterin bei einem der nationalen Fernsehsender in Bulgarien, weist auch darauf hin, dass bei der Besetzung einer Führungsposition Männer definitiv bevorzugt werden. Das sei leider die „bittere Realität“, obwohl gleichzeitig völlig absurd, denn die meisten Medienschaffende bereits Frauen sind.”

In den letzten zehn Jahren meiner journalistischen Karriere musste ich über Hardcore-Geschichten wie gewaltsame Konflikte, Ausschreitungen, Proteste, Naturkatastrophen usw. berichten. Früher galten solche gefährlichen Einsätze eher als Männerdomäne. Und das ist absolut normal. Ich denke, dies ist ein verschleierter Segen in Zeiten, in denen Frauen für ihr Recht auf Chancengleichheit kämpfen müssen.

Teodora Trifonova, Journalistin, Bulgarien

Zählt die weibliche Stimme weniger?

Wenn wir versuchen positiv zu denken, dann müsste man meinen, dass der geringere Anteil von Männern bei den Medienschaffenden, Journalistinnen genug Raum zur Weiterentwicklung und bessere Laufbahnmöglichkeiten bieten würde. Teodora Trifonova fügt hinzu: „In den letzten zehn Jahren meiner journalistischen Karriere musste ich über Hardcore-Geschichten wie gewaltsame Konflikte, Ausschreitungen, Proteste, Naturkatastrophen usw. berichten. Früher galten solche gefährlichen Einsätze eher als Männerdomäne. Und das ist absolut normal. Ich denke, dies ist ein verschleierter Segen in Zeiten, in denen Frauen für ihr Recht auf Chancengleichheit kämpfen müssen.“

Diese gute Nachricht hält sich aber in Grenzen. Burcu Karakaş, eine investigative, unabhängige Journalistin aus Istanbul und aktuell Türkei-Reporterin für die Deutsche Welle, hat ein noch rätselhafteres Phänomen festgestellt. „Es gibt diese männerdominierten Fernsehprogramme, wo nur die Moderatorinnen weiblich sind. Sie behandeln sogar Themen wie Frauenrechte. Sechs Männer sprechen im Fernsehen über Frauenrechte. Das grenzt an Absurdität!". Sie lacht bitter. „Obwohl im bulgarischen Journalismus zunehmend Frauen tätig sind, fehlt es oft an wichtigen Themen über Frauenproblem in den Medien. Die Gespräche fokussieren sich mehr auf den Lebensstil als auf die Rechte“, stellte Lora Fileva fest. Burcu Karakaş glaubt, dass Frauen, da sie die Hälfte der Weltbevölkerung stellen, unbedingt ihre Sicht der Dinge medial darstellen müssen, da sie ihre eigenen Erfahrungen in Bezug auf Gesundheit, Bildung oder sogar der Pandemie haben. Man kann davon ausgehen, dass dies in Gesellschaften mit konservativeren Ansichten von zentraler Bedeutung ist.

Auch wenn die Korrespondenten mehrheitlich Frauen sind, bleiben doch Themen wie Sicherheit der Frau, Gesundheit, Leben oder einfach die weibliche Perspektive Mangelware.

Mila Cherneva, Journalistin, Bulgarien

In der Regel erhalten Männer die Möglichkeit, über „ernsthafte“ Themen zu berichten. „In der Wahlnacht, wenn alle auf die Ergebnisse warten, sind Frauen selten diejenigen, die die Ergebnisse kommentieren [im Fernsehstudio]. Normalerweise vermitteln sie die Stimmung vor Ort in kurzen [Live]-Berichten, aber die Wahlergebnisse werden in den Studios von männlichen Journalisten analysiert“, bemerkte die rumänische Journalistin Cristina. „Trotzdem gibt es auch gute Nachrichten. In der Außenpolitik wächst die Zahl der hochrangigen Journalistinnen. Vielleicht weil wir immer noch denken, dass das, was im Rest der Welt passiert weniger wichtig ist als das im eigenen Land“, betont sie ironisch.

Sexistisches Verhalten von Vorgesetzten am Arbeitsplatz ist ebenfalls kein Mythos. Teodora erinnert sich, dass eine Kollegin an ihrer Stelle befördert wurde, obwohl sie bessere und qualitative Berichterstattung geleistet hat. Burcu Karakaş hat ähnliche Erfahrung gemacht: „[Vor einiger Zeit] habe ich für eine Online-Medienplattform gearbeitet. Natürlich saß im Chefsessel ein Mann. Er ist ein sehr angesehener Journalist in der Türkei. Ich habe dort mehr als ein Jahr unentgeltlich gearbeitet. Ich wusste, dass sie kein Geld haben. Als dann die Plattform Geld zu verdienen begann, wurde ich weiterhin nicht bezahlt. Nach einer Weile sagte ich, ich habe Angebote von anderen Plattformen bekommen und wolle kündigen. Ich erklärte meinem Chef, er würde mich nicht bezahlen, obwohl ich schon seit über einen Jahr dort arbeite. Aber er meinte nur: Nun, du bist verheiratet und musst keine Miete zahlen.“

Dieser Frauenfeindlichkeit geht auf die extrem sexistische Sprache zurück, die Politiker bei Angriffen auf die Presse verwenden.

Reuters-Instituts für das Studium des Journalismus

Starke Männer und das Problem der Rechenschaftspflicht

Truthühner – damit wurden bulgarische Journalistinnen im Februar 2020 vom bulgarischen Premierminister verglichen. Nicht viele Fachleute können sich damit brüsten, vom Regierungschef ihres Landes so beleidigt zu werden. Aber Reporterinnen vor Ort gehören dazu. Dennoch hat Lora das Gefühl, dass Politiker sie nicht ernst nehmen. „Ich habe mich von Männern an der Macht süffisant behandelt gefühlt, als ich ihnen Fragen gestellt habe, weil ich kein bestimmter Frauentyp bin: Ich kleide mich nicht provokant, bin auch nicht kokett und arbeite nicht für das Fernsehen. Ich wurde missbraucht, obwohl das ein starkes Wort ist, und ich habe auch beobachtet wie statushohe und mächtige Männer (wie z.B. ein ehemaliger Generalstaatsanwalt) Reporterinnen regelrecht missbrauchten. Anstatt (meine) Fragen zu beantworten, versuchten sie Informationen über mein Privatleben zu Tage zu fördern; wer unsere Eltern seine, mit wem wir zusammenleben und wie wir unseren Lebensunterhalt verdienen würden“, erklärt sie.

Wie ein Bericht des Europarates zusammenfasst, gehören die sinkende Zahl der Zeitungsleser, die deutlichen Verluste bei den Zuschauerzahlen der öffentlichen Fernsehsender und die sich ändernden „Formen des Nachrichtenkonsums“ zur neuen Realität. Aber sie sind mehr oder weniger auch das Ergebnis der Geschäftsmodelle der Medien. Zensur und politische Einflussnahme auf den Journalismus bringen Medien in Verruf. „Viele regierungs- und beamtenkritische Journalisten werden Opfer von Schmutzkampagnen in der Boulevardpresse. Grund dafür ist, dass Entscheidungsträger versuchen sich vor Antworten auf wichtige Themen zu drücken und journalistische Arbeit herabzustufen“, sagt Lora Fileva. Reuters-Instituts für das Studium des Journalismus stellte fest, dass verbale Angriffe auf weibliche Medienschaffenden keine Seltenheit sind und am häufigsten Frauen von „solchen Beschimpfungen in den sozialen Netzwerken“ betroffen sind. "Dieser Frauenfeindlichkeit geht auf die extrem sexistische Sprache zurück, die Politiker bei Angriffen auf die Presse verwenden", heißt es in dem Artikel weiter.

Rumänien steht im Vergleich zu seinen Nachbarländern viel besser da. Ich habe noch etwas davon gehört, dass jemand entlassen oder zum Rücktritt gezwungen wurde, weil er seit den 90er Jahren etwas über einen Politiker oder Geschäftsmann berichtet hat. Aber diese Freiheit hat auch etwas Illusionäres, denn viele der Mächtigen beginnen die Kommunikation mit den Medien zu vermeiden, wenn diese ihnen nicht freundlich gesinnt sind. Trotz einer Verbesserung der Freiheit der Berichterstattung, entstehen auch neue Möglichkeiten, die Medien unter Druck zu setzen.

Cristina Cileascu, Journalistin, Rumänien

Während sich die Medienfreiheit Bulgariens nach Ansichten von Reporter ohne Grenzen verschlechtert hat, ist die Situation in Rumänien besser. „Rumänien steht im Vergleich zu seinen Nachbarländern viel besser da. So denke ich jedenfalls, da ich mich mit auswärtigen Angelegenheiten befasse und normalerweise mehr mit Kollegen aus verschiedenen Staaten kommuniziere. Ich habe noch etwas davon gehört, dass jemand entlassen oder zum Rücktritt gezwungen wurde, weil er seit den 90er Jahren etwas über einen Politiker oder Geschäftsmann berichtet hat. Aber diese Freiheit hat auch etwas Illusionäres, denn viele der Mächtigen beginnen die Kommunikation mit den Medien zu vermeiden, wenn diese ihnen nicht freundlich gesinnt sind. Zwar wird der Journalist nicht entlassen, aber die Medien werden beim nächsten informellen Besprechung oder wichtigen Konferenz usw. ausgeschlossen. Es geht sogar einfacher. Der Sprecher geht überhaupt nicht ans Telefon usw. Trotz einer Verbesserung der Freiheit der Berichterstattung, entstehen auch neue Möglichkeiten, die Medien unter Druck zu setzen“, teilt Cristina Cileascu mit.

Außerhalb der EU sieht die Lage der Pressefreiheit alarmierender aus. Laut Anastasia Sechina schränken Russlands umstrittene Gesetze (Gesetz über das Verbot von homosexueller Propaganda, das NGO-Gesetz und das Anti-Terror-Gesetz) die Arbeit der Journalisten stark ein. „Diese Gesetze sind so geschrieben, dass sie einen jederzeit verurteilen können. Sie müssen es nur wollen und sie können immer einen Grund dafür finden. Es gibt keine klaren Kriterien und die Anwendung ist selektiv. Wenn wir mit Kollegen über diese Themen diskutieren, dann sind wir uns im Klaren, dass jeder von uns zu jeder Zeit nach einem der Gesetzesartikel angeklagt werden kann. Und man weiß nicht wen es trifft. Das ist jetzt unsere Realität und wir haben keine Mittel und Wege die Risiken zu minimieren “, sagt sie. 

Wir als Frauen in den Medien müssen für unsere Rechte kämpfen, und wir werden unser Leben und unsere Rechte nicht einfach so aufgeben. 

Burcu Karakas, Journalistin, Turkei

Die türkische Journalistin Burcu Karakaş zeigt sich auch darüber besorgt wie das „politische Klima“ die Pressefreiheit in ihrem Land beeinflusst. Sie zeigt sich aber auch zuversichtlich: „Wir als Frauen in den Medien müssen für unsere Rechte kämpfen, und wir werden unser Leben und unsere Rechte nicht einfach so aufgeben.“

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