#FEMALEFORWARDINTERNATIONAL
Die unaufhaltsame Macht der Schwesternschaft

Lernen Sie Maryna Rusia Shukiurava aus Belarus kennen
Meet Maryna Rusia Shukiurava from Belarus...

© Friedrich Naumann Foundation for Freedom

Die feministische Aktivistin und Musikerin Maryna Rusia Shukiurava hilft Belarussen, ihre Traumata für die Transformation zu nutzen

Für die Sängerin Maryna Rusia Shukiurava liegt ihre Kraft in ihrer Stimme. Sie ist tief, ehrlich und beruhigend und eine Quelle innerer Stärke, Widerstandsfähigkeit und Verletzlichkeit.

Als Gesangstherapeutin nutzt sie ihre Stimme, um andere zu heilen. Sie kann die in den Körpern der Menschen gefangenen Traumata lösen und sie befreien.

Rusias Stimme ist auch ihr Werkzeug, um Ideen auszudrücken und mit der Welt zu kommunizieren. Es ist ihre Plattform, um für ein freies Belarus einzutreten.

Maryna Rusia Shukiurava quote
© Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Als die 41-jährige belarussische Aktivistin und Künstlerin an den ersten Blumenprotesten in ihrem Heimatland teilnahm, wusste sie, dass diese Wellen der Veränderung für die belarussische Gesellschaft schlagen werden.

Es ging nicht nur um den Kampf der Menschen gegen einen Diktator, der ihre Zukunft als Geisel hielt. Es ging um den Zusammenprall zweier Mentalitäten - der alten sowjetischen und der neuen modernen, die Freiheit mehr als alles andere schätzt. Es ging auch darum, dass Frauen ihre Macht erkannten und auf die Straße gingen, um sie auszuüben.

Maryna Rusia Shukiurava quote
© Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

“In Russland gibt es ein Sprichwort: Der Mann ist der Kopf, die Frau der Hals - in unserer Gesellschaft waren die Frauen immer einflussreich, aber unsichtbar. Doch letzten Sommer änderte sich all das schlagartig. Alle konnten sehen wie stark, mächtig und voller Lebenskraft die Frauen waren. Sie erkannten ihre Macht. Sie gingen auf die Straße, als Schwestern, Mütter und Ehefrauen, um gegen das Regime zu kämpfen“, erinnert sich Shukiurava.

Rusia verkörpert diesen Geist und gilt als begabte Erzählerin. Ein Gespräch mit ihr ist wie ein Spaziergang durch den geheimen Garten der kollektiven Traumata von Belarus. Aber in diesen Traumata stecken auch Kraft und Ausdauer, glaubt sie.

Ihr Feminismus hat tiefe Wurzeln in der traditionellen Frauenkultur von Belarus. Aber durch ihre Arbeit als Kulturträgerin versucht sie auch, eine neue weibliche Identität zu vermitteln.

Sie selbst hat viele Gesichter: Sie ist Sängerin, politische Aktivistin, Unternehmerin und alleinerziehende Mutter. Sie schöpft Inspiration und Wissen aus verschiedenen Bereichen - Musik, Psychologie, Soziologie und Geschichte - und kombiniert sie, um sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene Veränderungen zu bewirken.

Maryna Rusia Shukiurava from Belarus
© Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Frauen haben ihre Macht erkannt

Rusia Shukiurava ist seit ihrem achtzehnten Lebensjahr Teil der belarussischen Oppositionsbewegung. Aber erst während der politischen Proteste 2020 wurde ihr klar, dass Menschen wie sie und nicht Präsident Alexander Lukaschenko und seine Komplizen die wahren Vertreter der Macht im Land sind.

“Wir sind hier die Macht.” Als ich diesen Slogan hörte, änderte sich meine Einstellung zu allem”, sagt Shukiurava. “Mir wurde klar, dass dieser Mann 26 Jahre lang versucht hatte, mir einzureden, dass ich ein Nichts bin. Dass ich kein Recht habe, mich hier zu Hause zu fühlen. Dass ich mit meinen Steuern und meiner Loyalität seinem Regime zu dienen habe. Aber nun sind die Leute wie mich, und nicht dieser Mann, die wahre Macht hier.“

Die Proteste wurden spontan zu einer Plattform für belarussische Frauen, die ihre Macht und ihre Rolle in der Gesellschaft einforderten. Sie trugen nicht nur zur Friedensbewegung bei, sondern verwandelten die Demonstrationen zu einer inspirierenden Erfahrung. Shukiurava die Rolle der Frauen während der Proteste in Belarus mit dem unterstützenden Rollenbild einer Mutter im Leben ihrer Kinder. “Gerade die Frauen bewiesen Mut und Stärke, manchmal mit kleinen Gesten, als sich die Lage zuspitzte und eine Atmosphäre der Angst und Verzweiflung herrschte”, sagt Rusia. “Für mich spielte die belarussische Frau während der Revolution die Rolle der ruhigen, sanften Hand einer Mutter. Wenn das Kind rennt und hinfällt, hebt sie es hoch und sagt: Es ist alles in Ordnung, du schaffst das”, fügt sie hinzu.

Maryna Rusia Shukiurava quote
© Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Die Rolle der Frauen während der Proteste wurde in der belarussischen Gesellschaft weithin anerkannt und führte zu einem Wandel in der Einstellung gegenüber Frauen. Auslöser war zunächst Lukaschenkos Hauptrivalin und Oppositionelle, Swetlana Tichanowskaja.

Ihr Kampf gegen das Regime, um Gerechtigkeit für ihren Mann zu erlangen, löste eine Welle des Respekts für Frauen aus, die es vorher nicht gab, so Shukiurava. Tichanowskaja inspirierte sogar Männer, auf die Straße zu gehen und zu kämpfen.

“Vor der Revolution haben Männer die Frauen nicht ernst genommen. Sie sagten: “Koch deinen Borschtsch. Kümmere dich um deine Kinder.” Swetlana Tichanowskaja

hat gezeigt, dass eine Frau, die Suppe kocht und sich um die Kinder kümmert, viel mehr tun kann. Jetzt ist sie die Nummer eins“, betont Shukuirava.

Rusia ist der Ansicht, dass das Beispiel der belarussischen Frauen weltweit als Inspiration für Frauen dienen kann – es wirkt motivierend und ermutigend, ändert Einstellungen, fördert und unterstützt weibliche Führungskräfte.

Doch als Lukaschenkos Regime auf die Proteste mit exzessiver Polizeigewalt reagierte und zahlreiche Aktivisten verhaften und einsperren ließ, musste Rusia Shukuirava zum Schutz ihrer Familie das Land verlassen. Sie nahm ihre Mutter und ihre 2-jährige Tochter mit und schloss sich den Hunderttausenden Belarussen an, die im Exil leben.

Als sie jedoch nach Kiew zog, wusste sie, dass sie weiterhin für die Revolution arbeiten und die Sicherheit im Exil zu ihrem Vorteil nutzen würde.

Kann man Traumata in Stärke umwandeln?

Laut ihrer Mutter ist Rusia Shukiurava wie eine Wildblume aus dem Boden geschossen. Aufgewachsen in einem gestörten Elternhaus mit einem gewalttätigen, alkoholabhängigen Vater und einer überforderten Mutter, die vier Kinder allein großziehen musste, lernte Rusia schon in jungen Jahren, für sich selbst zu sorgen.

Oft musste sie bei einer Nachbarin übernachten, um sich vor der Gewalt in ihrem Haus in Sicherheit zu bringen. Während dieser Besuche konnte sie Menschen beobachten und lernen, wie man sich verhalten muss, um akzeptiert zu werden. “Ich musste schon als 5-jährige eine gute Psychologin sein. Ich musste lernen, die Erwartungen anderer Menschen zu verstehen, denn wenn ich wollte, dass mir eine Familie Unterschlupf gewährt, musste ich nett zu ihnen sein”, erinnert sich Rusia.

Andere zu verstehen, ist ein Bewältigungsmechanismus. In der Schule wurde sie oft gemobbt, weil sie arm war und aus einer schwierigen Familie stammte. Aber sie hat einen Weg gefunden, Verletzungen einfach an sich abprallen zu lassen. Eines Tages sagte meine Mutter zu mir. “Wenn jemand dich bösartig beleidigt, versuche tief in seine Augen zu schauen. Du wirst spüren, dass das seine Art ist um Liebe zu weinen”, erzählt Shukiurava, und das hat sie tief bewegt.

Sie glaubt, dass es gerade diese frühen Erfahrungen waren, die ihr Interesse an der Psychologie weckten, ein Bereich, den sie später in ihrer Karriere als Gesangstherapeutin erfolgreiche einsetzten wird.

Trotzt der komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung in ihrer Jugend, glaubt Rusia, dass sie sowohl ihren Feminismus als auch ihre Kraft ihrer Mutter zu verdanken hat.

Maryna Rusia Shukiurava quote
© Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

“Meine Mutter ist eine sehr starke Frau. Sie gab mir zwei wichtige Ratschläge mit auf den Weg: vor nichts Angst zu haben und die eigenen Traumata zur Transformation zu nutzen. Also, vertraue anderen Frauen und verletze sie niemals. Wir sind eine Schwesternschaft. Das war der Nährboden für meinen zukünftigen Feminismus“, sagt Rusia.

Als ihre Mutter gerade 16 Jahre alt war, floh sie aus ihrem Heimatland Aserbaidschan und weigerte sich nach den patriarchalischen Vorstellungen ihrer Familie zu leben. Sie brachte Rusia zur Welt als sie gerade zwanzig war, und zog vier Kinder allein auf. Trotz der zahlreichen Entbehrungen gelang es ihr, ihre Kinder zu lieben und ihnen Kraft zu geben.

Aber nicht nur Shukiuravas Familie hatte damals ein schweres Leben. Das sei in den postsowjetischen Ländern üblich gewesen, sagt sie. “Meine Mutter hatte Freundinnen, und diese Frauen kamen zu uns nach Hause und sprachen darüber, was in ihren Familien vor sich ging, und ich konnte ihre Stärke spüren. Denn diese Schwierigkeiten hatten keinen Einfluss auf die Liebe zu ihren Kindern, zu ihren Lebenspartnern oder zu ihren weiblichen Freundeskreisen. Das hat mich sehr beeindruckt. Erst jetzt wird mir klar, wie wichtig das damals war”, sagt Shukiurava und denkt über ihre Vergangenheit nach.

Als Teenager war sie natürlich sehr wütend auf ihre Mutter, aber als sie erwachsen wurde, erkannte sie, dass ihre Lebenssituation sie zu dem gemacht hat, was sie ist - stark, unabhängig und gut ausgebildet. “Meine Kindheit war schwer, aber wir haben sie dank meiner Mutter gut überstanden, und selbst an Tagen, an denen wir Hunger leiden mussten, hatte ich immer das Gefühl, dass sie uns wirklich liebt. Und das gab mir Kraft”, sagt Rusia.

Trägerin eines kulturellen Codes

Shukiurava kennt die Kraft der Gemeinschaft und hat sie zu einer wichtigen Energie- und Symbolquelle in ihrer musikalischen Karriere gemacht. Traditionelle belarussische Frauenfolklore prägte sich ihr schon als Kind ein und veranlasste sie, von der Rockmusik zur ethno-elektronischen Musik zu wechseln.

Rusia fand in den heidnischen Liedern und Ritualen ihrer weiblichen Vorfahren, die von den Müttern an die Töchter weitergegeben wurden, Freiheit, Widerstandskraft, Mut, Humor und schließlich auch Feminismus. Sie haben die Heirat nicht als Weg ins Glück verstanden. Sie zogen es vor, frei zu bleiben und das Leben zu führen, das sie wollten.

Für Shukiurava ist die Umarmung der eigenen kulturellen Wurzeln der Schlüssel zum Verständnis aller anderen Weltkulturen. So bleibt man auch mit seiner Basis und seinem Kern verbunden. Deshalb macht sie aus traditionellen Liedern moderne Musik, um damit die junge Generation anzusprechen. Mit dem Gedanken, dass wenn sie morgens nach der Party aufwachen, diese Lieder beim Kaffeekochen vor sich singen und zu Trägern dieses kulturellen Codes werden.

Maryna Rusia Shukiurava quote
© Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Der schmerzhafte, aber notwendige Wandel

Als Person des öffentlichen Lebens und als Vorbild für jüngere Frauen ist es für Rusia wichtig, die Botschaft zu vermitteln, dass man bewusste Entscheidungen treffen soll. Auf Partys sagt sie gewöhnlich: “Lasst uns auf die Liebe und auf euch selbst anstoßen”, erklärt sie lächelnd.

“Wenn du dich selbst liebst, kannst du Liebe an andere weitergeben. Wenn du dich selbst verstehst, kannst du Verständnis für andere aufbringen. Wenn du das Leben genießt, wenn du glücklich bist, kannst du es mit anderen teilen. Aber wenn es im Inneren leer ist, wenn man nicht an sich selbst glaubt, kann man der Außenwelt nur ein neurotisches Verhalten zurückgeben”, fügt sie hinzu.

Erst durch die Mutterschaft wurde ihr das klar. Shukiurava erklärt weiter, dass die Geburt des Kindes die winzigen Reste von Frauenfeindlichkeit in ihr abgetötet haben.

Bevor sie Mutter wurde, verspürte sie oft Nervosität. Sie fragte sich zum Beispiel, ob sie schön genug ist. Aber die Mutterschaft hat ihr gezeigt, dass sich unsere Körper ständig verändern und wir das akzeptieren sollten. “Die Mutterschaft hat mir meine Schatten- und Lichtseiten aufgezeigt und wie ich das Ganze in mich integrieren kann”, erzählt Rusia.

Heute glaubt sie, dass Mütter Superheldinnen sind, die einen schwierigen und zugleich inspirierenden Job haben. Sie stellt sich oft vor, dass ihre Tochter, wenn sie einmal erwachsen ist, in einem freien Belarus leben wird. “Wo jeder frei ist und Zugang zu Bildung hat. Wo Sicherheit hochgeschrieben wird und jeder arbeiten und Geld verdienen kann. Wo Gleichberechtigung, Menschenrechte, LGBTQ-Rechte und Umwelt geachtet werden”, fügt Rusia hinzu.

Doch jetzt im Exil schwankt sie zwischen Hoffnung und Verzweiflung und beobachtet, wie das Regime mit massivem Druck gegen die Opposition vorgeht. Es entführt Flugzeuge, erhängt Aktivisten in Parks und versucht, die belarussische Gesellschaft davon zu überzeugen, dass dies alles normal sei.

Shukiurava gibt zu, dass sie vor der Revolution dachte, ein nationales Bewusstsein sei nur ein mentales Konstrukt, ein sozialer Trick. Aber jetzt, wenn in Belarus etwas Schlimmes passiert, schaltet sie für ein paar Tage ab. Sie duscht nicht. Kein Zähneputzen. Sie trauert einfach.

“Leider müssen wir für diesen Transformationsprozess einen hohen Preis zahlen. Aber es ist wie bei einer Frau, die sich von ihrem Peiniger trennt. Es ist schmerzhaft. Es braucht Zeit, aber es liegt ein neues Leben vor uns - ein glücklicheres, friedlicheres und gesünderes”, schlussfolgert Shukiurava.

 

Folgen Sie mehr Geschichten über weibliche Führungskräfte mit #FemaleForwardInternational und bei unserem speziellen Fokus auf der Internetseite.

Meet Maryna Rusia Shukiurava from Belarus
© Friedrich Naumann Foundation for Freedom

Women Leading Protests Documentary

In the documentary film “Women Leading Protests” by the Friedrich Naumann Foundation for Freedom, Shukiurava shares how the protest movement transformed not only her but the whole of Belarusian society, as women took the leading role they deserved.

The documentary follows four women fighting for democracy in Belarus, Hong Kong, Venezuela, and Lebanon. Their stories reveal a wider narrative of women all around the world, who are realizing their power to move their societies towards progress and freedom. But they also show governments that are ruthless and violent in trying to weaken their influence.