Marokko
Ein neues «Amazon» – wie die marokkanische Klientelpolitik online geht

Marokkos Premierminister Aziz Akhannouch

Marokkos Premierminister Aziz Akhannouch

© picture alliance / EPA | STEPHANIE LECOCQ

Ein Gespenst geistert derzeit durch die sozialen Medien Marokkos. Es ist das Gespenst von Wasal Marketplace. Seit Anfang des Jahres als heimische Alternative zu Amazon und Co. angekündigt, soll Wasal die Online-Shopping-Landschaft Marokkos nachhaltig prägen. Während die offizielle Lancierung jederzeit zu erwarten ist, wird dem ambitionierten Projekt bereits im Vorfeld mit staatlichen Einfuhrzollanpassungen ein roter Teppich ausgerollt. Ungeachtet des kritischen Widerhalls in der Bevölkerung agiert der marokkanische Polit-Wirtschaftskomplex damit nach altbewährtem Rezept: Profit durch politisch induzierte Marktverzerrung.

Ungefähr jeder dritte Marokkaner hat im vergangenen Jahr online eingekauft. Im Vergleich mit Europa (über 65 %) fällt Marokko damit deutlich ab. Schaut man sich jedoch die globalen Wachstumsraten im E-Commerce an, offenbart sich ein ganz anderes Bild. Quer durch die MENA-Region zeigt sich – begünstigt durch einen rasch wachsenden Zugang zu schnellem Internet sowie eine bessere Straßeninfrastruktur – ein klarer Trend hin zum Online-Shopping. In Marokko lag das E-Commerce-Wachstum 2021 mit 22 % deutlich höher als im globalen Durchschnitt. Dieses Phänomen mag partiell ein Produkt der strikten Covid-19-Richtlinien im Land sein, wird sich jedoch gemäß zahlreicher Wirtschaftsprognosen auch längerfristig fortsetzen.

Während der europäische Online-Shopping Markt durch Giganten wie Amazon und Zalando dominiert wird, sind die Marktanteile in Marokko gegenwärtig deutlich diversifizierter. Auf die größten drei Anbieter entfallen gerade einmal 5 % der Transaktionen, in Europa sind dies mehr als 25 %. Global führende Akteure wie Amazon oder Alibaba sind überdies in Marokko kaum aktiv. Damit ist die in Europa und Amerika zu beobachtende Oligopolisierung des Online-Shoppings in Marokko (noch) weit weg. Dies könnte sich jedoch bald ändern, wie ein Blick auf die jüngsten Expansionsstrategien der genannten Großkonzerne auf dem afrikanischen Markt enthüllt. So führte der kürzlich angekündigte Markteintritt von Amazon in Südafrika und Nigeria bereits zum kurzzeitigen Kollaps der Aktien lokaler Konkurrenten. Weitgehend unbehelligt solcher Prozesse bieten sich in Marokko gegenwärtig hervorragende ökonomische Bedingungen in einem rasch wachsenden und zukunftsträchtigen E-Commerce-Sektor. Diese Chance will sich vor allem eine nicht entgehen lassen: Salwa Akhannouch.

Ein neues «Amazon» und seine maßgeschneiderte Zollpolitik

Seit Ende 2021 mehren sich die Berichte über die groß angelegte Lancierung einer genuin marokkanischen Online-Shopping-Plattform namens Wasal marketplace. Initiatorin dieser ambitionierten Unternehmung ist mit Salwa Akhannouch die wohl einflussreichste Businessfrau Marokkos. Die Frau des aktuellen Premierministers Aziz Akhannouch steht an der Spitze der familieneigenen Aksal Holding, einem der größten Unternehmen des Landes mit Investitionen und Interessen in fast allen Wirtschaftsbereichen. Unter der Führung von Salwa Akhannouch wurde über die letzten Jahre insbesondere in den Vertrieb von Luxusprodukten investiert. Durch den Bau der Morocco Mall in Casablanca, Afrikas größtem Shoppingcenter, wurde zudem das physische Kundenerlebnis neu aufgegleist. Diese Erfolgsgeschichte soll nun mit Wasal marketplace in ähnlich gigantischen Ausmaßen online reproduziert werden.

Während die eigentliche Lancierung der Plattform bereits hinter dem ursprünglichen Zeitplan hinterherhinkt, scheint zumindest die marokkanische Politik bestrebt, dem Projekt einen regulatorischen roten Teppich auszurollen. Nach zunächst widersprüchlicher und ausweichender Kommunikation seitens der Regierung gilt nun seit Anfang Juli 2022 eine neue Einfuhrzollregelung. Dabei wurde das seit 1977 bestehende Zollgesetz Nr. 2.77.862 dahingehend angepasst, dass im Internet gekaufte und importierte Waren dem regulären Zollsatz unterliegen. Zuvor waren Importe zum privaten Gebrauch und unter 1250 MAD (ca. 125 Euro) von dieser Regelung ausgenommen. Offiziell begründet wird der kontroverse Schritt von der Regierung Akhannouch mit härterem Durchgreifen gegen als privat verschleierte kommerzielle Importe. Mit einem Durchschnittswarenwert von 400 MAD (ca. 40 Euro) für Importgütern im Jahr 2021 steht jedoch fest: Diese Regulierung trifft vor allem Privatkonsumenten. Deren Online-Importe hätten sich laut Experten im Jahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Eine sensible Zäsur also, die insbesondere etablierte ausländische Anbieter wie Shein und Alibaba benachteiligt – potenziell zugunsten heimischer E-Commerce Alternativen.

Spürbare Auswirkungen für die Endkonsumenten?

Für eine Illustration der preislichen Auswirkungen dieser regulatorischen Anpassung für Marokkanerinnen und Marokkaner scheint ein konkretes Beispiel erhellend. Der Kauf einer handelsüblichen Taschenlampe kostet rund 258 MAD beim internationalen Großanbieter. Ein passendes Pack Alkalibatterien schlägt zusätzlich mit 82 MAD zu Buche. Sieht man von der Lieferung ab, kostet dies Konsumenten daher rund 340 MAD (ca. 34 Euro). Bis vor wenigen Tagen war dies der Preis, den die Endkonsumenten tatsächlich bezahlten, weil der Betrag weniger als 1250 MAD beträgt und damit von Importzöllen verschont blieb. Durch die Gesetzesänderung fallen nun jedoch zusätzliche Importzölle von 2,5 % für die Taschenlampe und 17,5 % für die Batterien an, wie die Informationen der staatlichen Moroccan Administration des Douanes et Impôts Indirects offenbaren. Damit ergibt sich eine Summe von 361 MAD, was einem Preisanstieg von gesamt 6 % entspricht. Dieser Anstieg scheint aus Konsumentenperspektive verkraftbar. Auf Seiten der Onlinehändler ergibt sich dadurch aber ein nennenswerter komparativer Preisvorteil für inländische Anbieter. Ein Glücksfall, so scheint es, für aufstrebende E-Commerce-Unternehmen wie Wasal marketplace. Ein Glücksfall, den der kritische marokkanische Ökonom Hicham El Moussaoui auf Twitter vielsagend «vielleicht nur einen Zufall» nennt.

Doch in einem System, in dem politische und wirtschaftliche Macht derart eng verflochten sind, sind derart glückliche Zufälle unwahrscheinlich. Trotz gegensätzlicher Beteuerungen der Regierung sind sich viele Marokkanerinnen und Marokkaner der hochgradig marktverzerrenden Logik dieser Politik durchaus bewusst. Die Reaktionen fallen jedoch überraschend divers aus. Unter die Empörung über die korrupte Natur solcher klientelistischen Politik mischen sich auch viele nationalistische Stimmen, deren Tenor ganz anders klingt. Während auch sie die marktverzerrende Dynamik nicht in Abrede stellen, wird die Neuregulierung als Schritt gelobt, Wohlstand weg von internationalen Großkonzernen und hin zu genuin marokkanischen Betrieben umzuverteilen. Ganz ungeachtet des aus akademischer Sicht zweifelhaften Erfolgs von Protektionismus in Schwellenländern kann und muss diese Haltung auch aus einem ganz fundamentalen Grund kritisiert werden: ihrer Geschichtsvergessenheit. Die marokkanische Wirtschaftspolitik seit der Unabhängigkeit 1956 war geprägt von einer Abfolge klientelistischer und marktverzerrender Politiken – kaum eine davon hat sich als förderlich für Marokkos makroökonomische Entwicklung erwiesen.

Alles muss sich ändern, damit alles so bleibt wie es ist

In vielerlei Hinsicht steht der Aufstieg von Aziz Akhannouch, Marokkos reichstem Geschäftsmann, ins Amt des Premierministers stellvertretend für jahrzehntelange Klientelpolitik. Eng verflochtene Netzwerke aus Wirtschaft und Politik sind bereits seit der Unabhängigkeit 1956 politische Realität. Bis in die 1980er-Jahre hinein manifestierte sich dies insbesondere durch den präferenziellen Zugang zu staatlich kontrollierten Ressourcen, etwa in der Form von Lizenzen zu Fischerei, Tagebau oder Transportinfrastrukturen. In diesem Zusammenhang gelang es auch Aziz Akhannouchs Vater, die kleine Afriquia Petrolfirma zu einem führenden Energiegiganten und später zur Aksal Group zu machen. Es versteht sich von selbst, dass ein solches Rentensystem zu sektoralen Oligopolen führt und damit freien und fairen Wettbewerb zum Nachteil der Endkonsumenten verzerrt. Mit dem Aufkommen neoliberaler Politiken in den 1990er-Jahren wandelte sich dieses System weg von einer direkten Rentenverteilung und hin zu subtileren Formen eines begünstigten Zugangs zu staatlicher Regulierung. Doch die enge Verflechtung von Staat und Big Business verstärkte sich gar noch. So führten sogenannte Liberalisierungskampagnen in den frühen 2000ern zu einer extrem raschen und staatlich unbegleiteten Privatisierung des Energiesektors, die in einer nie da gewesenen Oligopolisierung des Sektors resultierte. Einer der Hauptprofiteure war mit rund 30 % Marktanteil die Afriquia Petrol von Aziz Akhannouch. Leidtragende dieser Politik waren wiederum die Energiekonsumenten. Doch der Mangel an freiem Wettbewerb durch die Präsenz von staatlich begünstigten Unternehmen führte nicht nur zu höheren Preisen für Konsumenten, sondern hemmte auch die Entstehung eines unabhängigen und kompetitiven Privatsektors mit einem gesunden Anteil an kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KMU). Dies wiederum ist in vielen MENA-Staaten, darunter Marokko, ein Hauptverursacher des riesigen informellen Sektors und ein Mitauslöser der Aufstände während des sogenannten Arabischen Frühlings.

In der Handelspolitik Marokkos spielte Klientelismus bisher eine wichtige, aber eher indirekte Rolle. Jüngste Studien zeigen beispielsweise, dass Sektoren mit staatlich begünstigten Unternehmen in Handelsabkommen mit der EU deutlich stärker von nicht-tarifären Handelshemmnissen (z. B. Regulierung zur Produktkennzeichnung oder Inhaltsstoffen) profitierten. Bei der jüngsten Ausweitung klientelistischer Handelsregulierung auf direkte Zollgebühren handelt es sich daher um eine Kontinuität hinsichtlich der Resultate, aber doch um eine Zäsur hinsichtlich der Methodik. Und damit um ein weiteres Zeichen, dass sich die marokkanischen Politik-Business-Netzwerke auch in einer Post-Covid Ökonomie bemerkenswerten Selbstvertrauens erfreuen. Wa-Sal marketplace, eine eingängige Silbenumkehrung der Gründerin, entfaltet seine wahre Botschaft denn auch nur in der arabischen Übersetzung. Das arabische Verb wasala übersetzt sich ins Deutsche als «ankommen». Durch die politische Verzerrung des E-Commerce-Wettbewerbs zugunsten des Markteintritts von Wa-Sal steht eines fest: Die marokkanische Klientelpolitik ist im digitalen Zeitalter angekommen.

Damian Berger studiert Politische Ökonomie der MENA-Region in London. Er schreibt politische Analysen für die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Marokko und leitet mit Ishtar MENA Analytics eine studentische Denkfabrik, wo dieser Artikel zuerst erschien. 

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
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