Krieg in Europa
Sanktionen gegen Russland: Mögliche Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung in Lateinamerika

Ölschiffe

© „Containerumschlaghafen” Quelle: Rafael de Campos via Canva

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sendet Schockwellen um die Welt. Oberflächlich betrachtet scheinen sich die wirtschaftlichen Auswirkungen der gegen Russland verhängten Sanktionen für Lateinamerika bisher noch in Grenzen zu halten. Krisen in der Vergangenheit haben jedoch gezeigt, dass die ökonomischen Folgen für die Region weitreichend sein können.

Die Lektionen aus der Ölpreiskrise in den 70ern, der wirtschaftliche Rezession in Mexiko in den 90ern und die Russlandkrise 1998 zeigen verschiedene mögliche Übertragungskanäle für die Region Lateinamerikas, da für Entwicklungsländer „die internationalen Finanzbedingungen von den entwickelten Volkswirtschaften abhängen und die Möglichkeit von weltweiten Kapitalabflüssen die lateinamerikanischen Volkswirtschaften anfällig machen“.

 

Der Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine 2022 – Was ist für Lateinamerika zu erwarten?

Die Analyse früherer Krisen zeigt eine Reihe von möglichen Übertragungskanäle für Lateinamerika auf. Russland ist mit einer globalen Produktion von 3% eine relativ kleine Volkswirtschaft. Der direkte Handelsaustausch zwischen 0,1 % und 2 % mit lateinamerikanischen Ländern ist begrenzt. Das Ausmaß globaler wechselseitiger Abhängigkeiten sind jedoch nach wie vor vorhanden. Diese bei der Analyse der wirtschaftlichen Aussichten für die Region zu berücksichtigen, ist maßgeblich, da die Effekte des Krieges von Russland gegen die Ukraine und die in der Folge verhängten Wirtschaftssanktionen gegen Russland weltweit für Unsicherheit sorgen.

Übertragungskanal: Inflation, Geldpolitik und Verschuldung

Obwohl nicht vorherzusagen ist, wie sich der Konflikt entwickeln wird, können fünf wichtige Übertragungskanäle auf die wirtschaftlichen Auswirkungen für Schwellenländer im Allgemeinen und für Lateinamerika im Besonderen identifiziert werden.

  1. Übertragungskanal: Inflation, Geldpolitik und Verschuldung

Russland ist der drittgrößte Ölproduzent und ein wichtiger Akteur auf den Märkten für Getreide, Sonnenblumenöl und Düngemittel. Der Krieg in der Ukraine und die wirtschaftlichen Restriktionen haben sich bereits auf die Rohstoffpreise ausgewirkt, die erheblich gestiegen sind. Der Öl-Preis (WTI) hatte kurzfristig in den letzten Wochen mit über 130 US-Dollar den höchsten Stand seit 2008 erreicht. Dies hat die Energiemärkte zusätzlich unter Druck gesetzt, da die Industrieländer in den letzten Jahren ihre Anstrengungen intensivierten, auf umweltfreundlichere Energien umzusteigen. Außerdem hatte die Wiederbelebung der Weltwirtschaft einerseits und die lockeren monetären Bedingungen aufgrund der COVID19-Pandemie andererseits bereits zu hohen Inflationsraten geführt, bevor die Auswirkungen des Russland-Ukraine-Krieges diese weiter anheizten.

In dem Maße, in dem die Inflation bei Öl, Energie und Lebensmitteln auf die übrige Wirtschaft übergreift und die Inflationserwartungen zunehmen, steigt auch die Ungewissheit über die Reaktionen der Europäischen Zentralbank und der US-Notenbank. Eine harte Reaktion kann zu Stagflationsszenarien wie in den 1970er Jahren führen. Außerdem haben die Pandemiekrisen mit den großzügigen Hilfspaketen die Haushaltslage sowohl in den Schwellenländern als auch in den Industrieländern erheblich verschlechtert. Aggressive Zinserhöhungen durch die großen Zentralbanken können zu einer Kapitalflucht in der Dimension führen, wie sie 1998 zu beobachten war. Viele lateinamerikanischen Volkswirtschaften bereiten sich auf das Szenario bereits vor und haben mit einer Umkehr in ihrer Geldpolitik begonnen, indem sie die Zinssätze seit Mitte 2021 präventiv anhoben. Gegenwärtig sind die Zinsdifferenzen sehr günstig für die Region, was die Befürchtungen einer Umkehr der Kapitalströme mindert.

  1. Übertragungskanal: Rohstoffpreise und Fiskalpolitik

Der gestiegene Ölpreis wird die Exporteinnahmen von Mexiko, Venezuela und Kolumbien verbessern, während höhere Getreidepreise exportierende Volkswirtschaften wie Argentinien und Brasilien begünstigen. Da sich die internationalen Investoren auf ein höheres Inflationsszenario und einen Anstieg der Nachfrage aufgrund schnellerer Entwicklungen für erneuerbare Energien und erhöhter Militärausgaben einstellen, steigen zudem die Preise für Metalle an. Kupfer wird mit über 4,5 USD/Pfund gehandelt. Lateinamerika verfügt mit Chile und Peru über zwei der drei größten Kupferproduzenten der Welt.  Dies könnte für einige Länder einerseits eine Gelegenheit sein, ihre durch die Pandemie und die damit verbundenen Hilfsprogramme schwer angeschlagene Haushaltslage zu verbessern. Anderseits haben insbesondere Venezuela, Kuba, Nicaragua und Argentinien ihre Abhängigkeiten zu Russland in den letzten Jahren verstärkt.

Im Falle von Venezuela, dem erdölreichsten Landes der Welt, könnte der Anstieg der Öleinnahmen zu Devisenreserven führen und die Chancen des Landes verbessern, seine Wirtschaft weiter zu stabilisieren. Annäherungen zwischen den USA und Venezuela würden zwar der Wirtschaft des Landes zugutekommen, allerdings sind diese bei anhaltenden Verletzungen demokratischer Grundrechte durch das Regime des autoritären Präsidenten Nicolas Maduro nicht ohne Demokratisierungsfortschritte denkbar. Der Kreml ist für Venezuela wichtigster Lieferant kreditfinanzierter Militärausrüstung und verfügt über Beteiligungen im Energiesektor im südamerikanischen Staat an der Karibikküste. Zudem wurde vor einigen Jahren die Europazentrale des venezolanischen staatlichen Ölkonzerns (PDVSA) von Lissabon nach Moskau verlegt, dessen internationale Finanzgeschäfte sind nun ebenfalls von der Blockade der russischen Banken betroffen. Gesunkene Öl-Fördermengen aufgrund maroder Produktionskapazitäten bedürfen zudem hoher Investitionen in Venezuela über mehrere Jahre.

  1. Übertragungskanal: Finanzpolitik und Bankensanktionen

Der Einmarsch in die Ukraine hat eine Reihe harter Wirtschaftssanktionen gegen Russland ausgelöst, die erhebliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Neben den Sanktionen, die sich auf den realen Sektor auswirken (dem Verbot von Öl- und Gasimporten aus den USA und dem Vereinigten Königreich) können die Finanzsanktionen (die Beschlagnahmung von Vermögenswerten von Einzelpersonen, Institutionen und Unternehmen sowie der SWIFT-Ausschluss von sieben russischen Banken) die finanzielle Dynamik insbesondere einiger lateinamerikanischer Länder maßgeblich beeinträchtigen.

In den letzten zehn Jahren haben Länder wie Venezuela, Nicaragua, Argentinien und Kuba ihre finanzielle Abhängigkeit von Russland erhöht. Nach der Verhängung von Sanktionen gegen Venezuela, Nicaragua und Kuba nutzen diese Länder für ihre Finanztransaktionen – für den Verkauf ihrer wichtigsten Exportgüter – das russische Finanzsystem und sind nun auf neue Mittler angewiesen. Darüber hinaus sind diese Länder von russischen Finanzhilfen abhängig. Im Falle Argentiniens bedeuten die gegen Russland verhängten Sanktionen das Ende des Wunsches der Regierung, sich auf Russland zu verlassen, um ausländische Direktinvestitionen und Finanzhilfen zur Linderung der Auslandsverschuldung zu erhalten, da der russische Direktinvestitionsfonds (RDIF) von den Sanktionen betroffen ist. Schließlich können sich die Finanzsanktionen auch auf die Impfprogramme auswirken, da der RDIF einer der Hauptfinanziers des Sputnik-Impfstoffs ist, wodurch der Zugang zu weiteren COVID19-Impfdosen in der Region gefährdet sein könnte. Daneben ist natürlich auch der russische Tourismus in der Region zum Erliegen gekommen.

  1. Übertragungskanal der Handelshemmnisse und Handelsbeziehungen

Unterbrechungen der Handelsbeziehungen können sich in der Region auf sehr unterschiedliche Weise bemerkbar machen. Obwohl der bilaterale Handel mit Russland zwischen weniger als 1 % und höchstens 2 % des gesamten Handels der lateinamerikanischen Länder ausmacht, können die Auswirkungen von Handelssanktionen und -störungen auf spezifischen Märkten spürbar werden. Einige Länder der Region sind bei landwirtschaftlichen Düngemitteln in hohem Maße von russischen Exporten abhängig. Peru importiert mehr als die Hälfte seiner Düngemittel – Argentinien rund 7% – aus Russland. Die Länder in Lateinamerika könnten somit unter Druck geraten bei der Suche nach Ersatzstoffen in einem Wirtschaftszweig, in dem die rechtzeitige Beschaffung der Güter von größter Bedeutung ist. Andererseits haben Kriege in Europa in der Vergangenheit zu einer Verknappung von Lebensmitteln und Rohstoffen auf dem Weltmarkt geführt, so dass viele Volkswirtschaften bei der Versorgung mit diesen Gütern verstärkt auf die lateinamerikanische Region angewiesen sein könnten. Dies könnte der Region ermöglichen, ihre Handelsbeziehungen mit dem Rest der Welt zu intensivieren. Brasilien könnte bspw. seine Rolle auf den globalen Fleischmärkten weiter ausbauen, auch Argentinien könnte mit seinen Rindfleisch- und Weizenexporten punkten.

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„Containerumschlaghafen” Quelle: Rafael de Campos via Canva

  1. Übertragungskanal Finanzmärkte

Lateinamerika ist ein wichtiger Akteur auf den Märkten der Schwellenländer. Die Anleihen und Aktien werden in der Regel in denselben Indizes geführt wie russische Vermögenswerte. Die Abwendung von russischer Aktien und Anleihen, obwohl sie nur etwa 3 % der Emerging Market-Indizes (insbesondere der sog. Exchange – traded Fonds ETFs) ausmachen, wird sich negativ auf die Bewertung lateinamerikanischer Vermögenswerte auswirken, insbesondere auf den kleineren und illiquiden Märkten. Dieser Übertragungskanal wurde während der Russlandkrise von 1998 deutlich und er ist sicherlich auch in der aktuellen Situation von Bedeutung. Der erhöhte Anstieg der Volatilität setzt die Risikoprämien unter Druck und wirkt sich in unterschiedlicher Weise auf die Länder mit niedrigeren Kreditratings aus. Die Verschuldung der Schwellenländer wird in Mitleidenschaft gezogen, wodurch die Kosten für die Beschaffung privater und öffentlicher Mittel weiter steigen, was zu den erwarteten Erhöhungen der internationalen Zinssätze beiträgt. Länder mit einer höheren Verschuldung werden möglicherweise nicht genügend Mittel durch höhere Rohstoffpreise einnehmen – Steuerreformen werden unvermeidbar. In diesen Fällen könnte die Erzwingung einer Steuerreform mit hohen Inflationsraten zu politischen Unruhen und Protesten führen, wie sie in Kolumbien im Jahr 2021 zu beobachten waren.

Die wichtigste Lehre aus der Vergangenheit

Eine weithin akzeptierte Erklärung in Folge der Russlandkrise von 1998 für Lateinamerika war, dass internationale Investoren damals die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Russlands als ein allgemeines Signal für alle Schwellenländer interpretierten. Dies ist verständlich, da die Finanzmärkte in der Region in den 1990er Jahren noch recht unterentwickelt waren – im Gegensatz zu der heutigen Situation. Die Finanzmärkte in der gesamten Region sind stärker diversifiziert und stabiler. Außerdem hat Lateinamerika wichtige Lehren aus vergangenen Krisen gezogen. Der damals beobachtete Mangel an Liquiditätsunterstützung durch die Zentralbanken, der einen Zusammenbruch der Finanzsysteme fast ohne jegliches Eingreifen ermöglichte, wird sich kaum wiederholen.

Die globale Finanzkrise 2008 traf die Länder der Region kaum und hat den Zentralbanken eine wichtige Lektion erteilt. "Investoren wollen drei Dinge von den Märkten: Liquidität, Liquidität und Liquidität." [Handa und Schwartz, 1996]. Diese Theorie wurde sowohl während der globalen Finanzkrise als auch während der COVID19-Pandemie auf die Probe gestellt und die entsprechende Reaktion der Länder verhinderte in beiden Fällen inländische Finanzkrisen durch einen verstärkten Regulierungsrahmen und der Bereitstellung von Liquidität. Auch wenn diese Lehren zu der Annahme führen könnten, dass die Auswirkungen der russischen Invasion in die Ukraine nicht dieselbe Dynamik haben werden, ist es wichtig, zu betonen, dass die Liquiditätsspritzen, die aufgrund der Pandemie durchgeführt wurden, noch nicht vollständig zurückgeführt sind. Die rasche Erholung der Nachfrage nach der Pandemiekrise in einem Szenario mit hoher Liquidität führte im Jahr 2021 zu einem Inflationsproblem. Da die Zentralbanken gegenwärtig in vielen Entwicklungsländern mit der Rückführung der Liquidität begonnen haben, stellt der Russland-Ukraine-Krieg eine harte Prüfung dar, weil die Inflation sowie gestiegene Öl- und Lebensmittelpreise die Kapazität einschränkt, Liquidität bereitzustellen, falls Finanzmärkte negativ reagieren.

Insgesamt wird das Ergebnis von den Puffern abhängen, die nach der COVID-19-Krise noch vorhanden sind: Diejenigen Länder, die sich in einer schwachen Position befinden und bereits hochverschuldet sind, werden die größten Schwierigkeiten bekommen. Auf der anderen Seite könnten Länder mit Puffern von der positiven Diskriminierung innerhalb der Schwellenländer durch Investoren profitieren, die nach Alternativen abseits der Konfliktregionen suchen. Trotz der in den letzten drei Jahrzehnten erzielten Fortschritte vollzieht sich in der Region eine wirtschaftspolitische Wende, da linke Regierungen in Lateinamerika an Boden gewinnen. Die Ähnlichkeit mit den Krisen der Vergangenheit ist groß genug, um wachsam zu sein, aber "die wichtigste Lehre aus früheren Krisen ist, dass es nie zwei identische Krisen gibt, sondern dass es in der nächsten Krise immer etwas Neues gibt." [Guillermo Calvo].

Autorin: Niome Hüneke-Brown, Project Assistentin Lateinamerika

Referenzen:

Calvo, G. A., 1998. "Capital Flows and Capital-Market Crises: The Simple Economics of Sudden Stops," Journal of Applied Economics, Universidad del CEMA, vol. 1, pages 35-54, November.

https://www.redalyc.org/pdf/103/10300103.pdf

Calvo, G. A. (2016). Macroeconomics in times of liquidity crises: Searching for economic essentials. Cambridge, MA: MIT Press. https://mitpress.mit.edu/books/macroeconomics-times-liquidity-crises

Calvo, G. A. (2022). “Crisis y liquidez: lecciones desde la crisis rusa.” En M.Ortiz & D. Winkelried (Eds.), Hitos de la reforma macroeconómica en el Perú, 1990-2020. La recompensa de los tamías (p. 361-370). Lima: Fondo Editorial de la Universidad del Pacífico.

https://repositorio.up.edu.pe/bitstream/handle/11354/3330/OrtizWinkelried2022Cap16.pdf

Dornbusch, Rudiger, Alejandro Werner, Guillermo Calvo, and Stanley Fischer. “Mexico: Stabilization, Reform, and No Growth.” Brookings Papers on Economic Activity 1994, no. 1 (1994): 253–315. https://doi.org/10.2307/2534633. https://www.jstor.org/stable/2534633

Handa, Puneet and Schwartz, Robert A., 1996. “How Best to Supply Liquidity to a Securities Market,” The Journal of Portfolio Management, Institutional Investor Journals Umbrella, vol. 22 (2), pages 44-51.

https://jpm.pm-research.com/content/22/2/44

Reinhart, C., G. Calvo, and L. Leiderman, 1993. "“Capital Inflows and Real Exchange Rate Appreciation in Latin America: The Role of External Factors," MPRA Paper 7125, University Library of Munich, Germany. https://ideas.repec.org/p/pra/mprapa/7125.html

Tansini , R. & M. Zejan, 1998. "El impacto de la crisis asiática en el Cono Sur Latinoamericano," Documentos de Trabajo (working papers) 0799, Department of Economics - dECON. https://ideas.repec.org/p/ude/wpaper/0799.html