IDAHOBIT
Internationaler Tag gegen Homophobie – „Leben und leben lassen"

Über ein glückliches gleichgeschlechtliches Paar aus Polen vor dem Standesamt Berlin-Zehlendorf
Aleksandra und Karolina Moser
Aleksandra und Karolina Moser nach ihrer Trauung © privat

In Polen können gleichgeschlechtliche Paare nicht heiraten. Es ist damit einer von sechs EU-Mitgliedsstaaten, die die Ehe für Alle ganz ablehnen und nicht mal die eingetragene gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft akzeptieren. Im Land der auf lokalen Verwaltungsebenen vielerorts ausgerufenen und seitens der konservativen Regierung befürworteten LGBTI-freien Zonen lebt es sich nicht einfach als bekennendes gemischt lesbisch-bisexuelles Paar. Polen scheint völlig zerrissen zu sein - zwischen dem offenen, modernen und zukunftsorientierten Land einerseits und dem nationalistischen, rückwärtsgewandten und ultrakonservativen auf der anderen Seite. Für alle Paare aus den Staaten der EU gibt es aber den ganz legalen Weg in Deutschland zu heiraten. Polen und andere mittel- und südosteuropäischen Staaten widersetzen sich in puncto Ehe für gleichgeschlechtliche Paare sogar dem entsprechenden EuGH-Urteil und verweigern die Anerkennung von in Deutschland ausgestellten Heiratsurkunden.  

Zum heutigen Internationalen Tag gegen Homophobie sprach Peter Cichon mit dem frisch vermählten Ehepaar Aleksandra (Ola) und Karolina (Karo) Moser über die Situation in ihrer Heimat und darüber, was sie sich für die Zukunft wünschen.

Warum entscheiden sich zwei junge Polinnen für den Schritt, aufgrund der Pandemie-Bestimmungen ohne Eltern und nahe Verwandte, nach Berlin zu gehen, um sich vor einem deutschen Standesamt das Ja-Wort zu geben?  

Wir hatten schon seit längerem eine Hochzeit in Berlin geplant. Wie Du weißt, können homosexuelle Paare in Polen weder heiraten noch eine Lebenspartnerschaft eingehen. Wir können nur verschiedene Arten von Vollmachten von einem Notar ausstellen lassen, die oft - aber nicht immer - in Behördenbüros oder Krankenhäusern akzeptiert werden. Unsere Eheschließung in Deutschland hat daheim keinen rechtlichen Wert, obwohl Polen Mitglied der EU ist. Ja, wir sind jetzt in Deutschland verheiratet, aber formell nicht mehr, sobald wir die Grenze überschreiten. Viele fragen uns, warum wir das trotzdem getan haben. Unsere Antwort ist einfach: Für uns selbst. Um wenigstens informell die gleiche Freude empfinden zu können, die heterosexuelle Paare in Polen und alle Paare in Deutschland erleben können. Wir sind schon so lange zusammen, in guten und in schwierigen Momenten, da ist die Ehe ein weiterer fantastischer Schritt auf unserem gemeinsamen Weg. Wir hoffen, dass unsere Ehe irgendwann in Polen anerkannt wird, auch wenn es nicht wahrscheinlich ist, dass dies bald geschieht.

Die Entscheidung, zu heiraten, haben wir nicht über Nacht getroffen: Dieses Jahr feiern wir den 10. Jahrestag unserer Beziehung und den 5. Jahrestag unserer Verlobung, also hat für uns alles wunderbar geklappt.

Ursprünglich war geplant, unsere Eltern, Geschwister und Trauzeugen einzuladen. Alle sollten uns an diesem enorm wichtigen Tag begleiten. Leider waren unsere Möglichkeiten durch die immer strengeren Covid-19-Auflagen sehr eingeschränkt, sodass wir am Ende nur einen Zeugen und Dich als Dolmetscher im Standesamt dabeihatten. Wir haben aber das Glück, dass ein Teil von Olas Familie in Berlin lebt. Dank Zehlendorfer Verwandtschaft war dieser Tag dann doch ganz besonders. Olas Cousine organisierte ihn für uns unter Berücksichtigung geltender Corona-Regelungen.

Wie würdet Ihr die Lebensumstände für euch als lesbisches Paar in Wroclaw (Breslau) beschreiben? Gibt es Unterschiede für die LGBTI-Community innerhalb Polens bei Lebensqualität und Bewegungsfreiheit in Abhängigkeit von Ort, Beruf und Bildungsstand?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst sagen, dass wir nur für uns selbst sprechen, denn wir glauben nicht, dass wir im Namen anderer LGBTI-Menschen in Polen sprechen können.

Unser Leben in Wrocław ist friedlich und wir fühlen uns hier akzeptiert. Aufgrund seiner Lage ist Breslau generell eine Stadt, in der man den Atem des Westens spürt - sowohl wirtschaftlich als auch kulturell.

Wir fühlen uns hier relativ sicher, was zweifelsohne damit zusammenhängt, dass unser engstes Umfeld uns voll akzeptiert und unterstützt. Den Kindern unserer Freunde wird von klein auf beigebracht, dass Paare wie unseres "etwas Normales" sind.

Es kommt oft vor, dass die Eltern unserer Freunde, die anfangs skeptisch waren, ihre Einstellung gegenüber homosexuellen Menschen ändern, nachdem sie uns und unsere Lebenseinstellung kennengelernt haben. Das ist ein wirklich schönes Gefühl.

Wir arbeiten beide in großen westlichen Unternehmen, die in ihren Geschäftsprinzipien großen Wert auf Toleranz und die Nicht-Diskriminierung von Minderheiten legen. Bei der Arbeit sprechen wir beide offen darüber, wer wir sind. Wir verstecken es nicht und bisher sind wir auf eine positive Aufnahme und Ermutigung gestoßen, für das zu kämpfen, was uns zusteht. Unsere Hochzeit erweckte und erweckt immer noch großes Interesse in unseren Firmen.

Wir dürfen unsere Familien nicht vergessen, denn ihre Akzeptanz dessen, wer wir sind und unserer Beziehung ist das Wichtigste für uns. Unsere Familien leben in Oberschlesien, ziemlich weit weg von uns, so dass wir sie nicht jeden Tag bei uns haben. Das ändert nichts an der Tatsache, dass wir uns in unseren beiden Familien geliebt und akzeptiert fühlen. Für die jüngste Generation in unseren Familien ist unser Paar schon etwas ganz Natürliches :)

Was die Unterschiede für die LGBTI-Gemeinschaft in Polen in Bezug auf Lebensqualität und Freizügigkeit je nach Wohnort, Beruf und Bildungsniveau betrifft, können wir nur kommentieren, was wir im Fernsehen sehen oder von unseren Freunden hören. Je größer die Stadt und je mehr Menschen mit offenem Geist, desto einfacher und besser ist es. Leider ist Polen ein Land der Gegensätze, was am besten durch die Wahlergebnisse verdeutlicht wird. In den Großstädten gewinnen die pro-europäischen und liberaleren Parteien, während in den Dörfern und Kleinstädten die extrem-konservativen gewählt werden.

Wir können nicht sagen, dass das Bildungsniveau oder der Beruf einen entscheidenden Einfluss darauf hat, ob Menschen aufgeschlossen und tolerant sind. Es scheint uns, dass das Meiste von der Umgebung abhängt, in der eine Person aufgewachsen ist, von ihren Gewohnheiten und ihrer Bereitschaft zu verstehen. Leider führen die derzeitige Regierung und die polnische katholische Kirche pausenlos eine Kampagne gegen homosexuelle Menschen und stellen uns als das allergrößte Übel für die polnische Nation und Familie dar. Wir persönlich haben nicht die geringste Ahnung, warum das so ist. Sowohl die Regierung als auch die Katholiken, d.h. die Christen, sollten sich eigentlich um die Harmonie, das Glück, das Wohl und die Entwicklung der Gesellschaft und ihrer Gläubigen kümmern, und nicht die Spaltung zwischen den Menschen erzeugen.

Wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die aus verschiedenen Gründen nicht zugeben wollen, wer sie sind. Sie haben Angst vor Ablehnung, Zurechtweisung, Aggression und Isolation. Wir haben vielleicht einen oder zwei Menschen verloren, die uns einst sehr nahestanden, nachdem wir unsere Beziehung zugegeben haben. Wir persönlich glauben jedoch, dass das Leben viel zu kurz ist, um es nicht in vollen Zügen zu genießen, und wenn es Menschen gibt, die sich daran stören, dann ist ihre Freundschaft nicht echt, und deshalb brauchen sie nicht ein Teil unseres Lebens zu sein.

Generell wird heute in Polen so viel über LGBTI geredet wie nie zuvor und wir finden das gut so. Eine Revolution wird jedoch noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Wie wirkt sich die Zugehörigkeit zu der EU und die deutsche Nachbarschaft auf das Leben der sexuellen Minderheiten in Polen aus? Seht ihr Chancen auf eine fortschrittliche und für euch positive Zukunft, oder ist es eher zu befürchten, dass Polen in seiner gesellschaftspolitischen Entwicklung dem homophoben Beispiel von Putins Russland folgen will?

Unserer Meinung nach hilft die Mitgliedschaft in der EU und die Nachbarschaft zu Deutschland.  Im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung, und dank des Binnenmarkts kommen mehrausländische Unternehmen nach Polen, die aufgrund ihrer internen Prinzipieneinen guten Einfluss auf unser Arbeitsumfeld haben.  Aber nicht nur deswegen, sondern auch weil die Beschäftigten Familien und Freunde außerhalb der Unternehmen haben, mit denen sie sich treffen, reden und, absichtlich oder unabsichtlich, selbst diejenigen aufklären, die sich im Alltag nicht mit dem Thema LGBTI beschäftigen würden.

Was uns von der EU fehlt, ist ein stärkerer Druck auf Polen in der Frage der LGBTI-Rechte. Nur über die Regierung in Polen zu reden und irgendwelche Konsequenzen anzukündigen, reicht heute nicht mehr aus, und macht inzwischen nicht den geringsten Eindruck auf Polens Machthaber.

Wir persönlich - wie auch fast 50% der anderen Polen - hoffen, dass Polen als Ganzes endlich aus dem Alptraum aufwacht, der uns von der derzeitigen Regierung und der Kirche in Polen bereitet wird.

Wir wollen nicht in einem Land leben, in dem jede Minderheit als großes Übel behandelt wird, in dem Frauen das Recht auf Abtreibung selbst bei Lebensgefahr für die Mutter verwehrt wird, oder in dem eine Frau sich nicht einer privaten In-vitro-Prozedur unterziehen kann.

Wir träumen von einem offenen und toleranten Polen, in dem sich jeder frei und sicher fühlen kann. Wir träumen von einem Polen, das dem modernen Europa folgt und nicht ins Mittelalter zurückfällt.

Leider bewegen wir uns im Moment in die letztere Richtung. Durch die LGBTI-diskriminierende Politik der Regierung und der Kirche ist das Land gespalten wie nie zuvor bis in die Familien hinein. Es ist furchtbar schwer anzuschauen und noch schwieriger, darin zu leben. Solange die Regierung ihre Wähler mit weiteren finanziellen Boni besticht, solange sie illegal die Zusammensetzung des Verfassungsgerichts und des Obersten Gerichtshofs ändert, solange das öffentliche Fernsehen absolut in ihrer Hand ist, werden wir leider nicht in der Lage sein, diese abzuwählen. Aber das Karma kommt zurück und jedes Übel muss doch am Ende ein Ende haben. Wir glauben von ganzem Herzen daran.

Was sind eure Wünsche für die Zukunft - für Polen, Deutschland und Europa in Bezug auf LGBTI-Rechte und die Situation?

Unser Wunsch ist, dass wir einfach ein normales Leben führen können, gemäß dem Motto "Leben und leben lassen". Auf der Welt gibt es genug Platz für uns alle, und wir alle leiden unter verschiedenen Unglücken: Krankheiten, Unfälle, Katastrophen. Wir verstehen nicht, warum Menschen so gerne Probleme finden, wo es keine gibt, sich in fremdes Leben einmischen und Anderen die Bedingungen diktieren wollen.

Wir wünschen uns daher, dass wir als Gesellschaft alles versuchen, um das zu beenden und uns auf das Gute zu konzentrieren und gemeinsam eine bunte und fröhliche Zukunft aufzubauen - wie der Regenbogen.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
Pressereferentin & stellv. Pressesprecherin Ausland
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