Indien
Gestoppte Weizenexporte: Warum Indiens Ernährungskrise auch den Rest der Welt trifft

Arbeiter entladen Weizen von einem Anhänger auf einem Getreidegroßmarkt in Neu-Delhi, Indien

Arbeiter entladen Weizen von einem Anhänger auf einem Getreidegroßmarkt in Neu-Delhi, Indien

© picture alliance / AA | Amarjeet Kumar Singh

Eine Mahlzeit kann sich Premlata Devi nur einmal pro Tag leisten. Als Haushaltshilfe im Süden der indischen Hauptstadtregion Delhi verdient sie knapp 10.000 Rupien – umgerechnet rund 120 Euro. Ihr Mann kümmert sich um Gelegenheitsjobs und hat deshalb ein unregelmäßiges Einkommen. Kartoffeln und Roti zum Abendessen müssen für die beide und ihre Kinder im Regelfall reichen. "Morgens gehen wir mit leerem Magen zur Arbeit", erzählte Devi der Journalistin Himanshi Dhawan, die in den vergangenen Wochen zu den Folgen von Indiens rasant gestiegenen Nahrungsmittelpreisen recherchierte.

Einkommensschwache Familien kämpfen in dem 1,4-Milliarden-Einwohner-Staat angesichts einer Kostenexplosion mit zunehmenden Schwierigkeiten bei der Ernährung. Die Inflationsrate kletterte im April auf knapp acht Prozent. Das ist der höchste Wert seit fast einem Jahrzehnt. Die Preise für Lebensmittel nehmen in dem Warenkorb überdurchschnittlich stark zu. Um die Teuerung abzumildern, verhängte die Regierung von Premierminister Narendra Modi im Mai weitreichende Exportbeschränkungen für Weizen – Weizenmehl ist die Grundzutat für indische Fladenbrote. Kurz darauf beschloss sie auch, die Zuckerausfuhren zu deckeln. Die Maßnahmen könnten kurzfristig tatsächlich zu einer Entspannung auf den lokalen Nahrungsmittelmärkten führen. Gleichzeitig bergen sie jedoch die Gefahr, globale Knappheiten zu verschärfen – und protektionistischen Tendenzen einen weiteren Schub zu geben.

"Indiens Landwirte treten an, um die Welt zu ernähren"

Indiens Bedeutung für die internationale Versorgung mit Agrarrohstoffen hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen: Weizen produzierte das Land lange Zeit vor allem für den Eigengebrauch. Den Bauern gelang es jedoch, ihre Erträge Jahr für Jahr zu steigern. Die Exporte vervierfachten sich im vergangenen Fiskaljahr, das im März zu Ende ging, auf rund acht Millionen Tonnen – so viel wie noch nie. Für dieses Jahr peilte die Regierung einen neuen Rekordwert von rund zwölf Millionen Tonnen an Ausfuhren an. Damit wäre Indien voraussichtlich zum achtgrößten Weizenlieferanten der Welt geworden – ein willkommener Aufstieg, besonders angesichts der durch Russlands Invasion ausfallenden Weizenexporte der Ukraine. "Indiens Landwirte treten an, um die Welt zu ernähren", kündigte Modi noch vor wenigen Wochen an.

Doch die extreme Hitzewelle, die Indien in den vergangenen Monaten erlebte, machte es unmöglich, dieses Versprechen zu halten. Aufgrund von erheblichen Ernteausfällen dürfte die Gesamtproduktion von indischem Weizen in diesem Jahr deutlich geringer ausfallen als erwartet: Beobachter halten es für möglich, dass die Erträge unter der Marke von 100 Millionen Tonnen liegen werden. Die Regierung hatte ursprünglich mit mehr als 111 Millionen Tonnen gerechnet. Die Ausfuhrbeschränkungen sollen nun dazu beitragen, die Ernährungssicherheit der eigenen Bevölkerung zu garantieren, teilte die Regierung mit.

In der Vergangenheit waren ähnliche Vorgehensweisen zumindest kurzfristig durchaus erfolgreich. Während des starken Anstiegs der Nahrungsmittelpreise in den Jahren 2007 und 2008 setzten Länder wie Indien und Indonesien ebenfalls auf Ausfuhrbeschränkungen für Agrargüter. "Ihnen gelang es damit weitgehend erfolgreich, die heimischen Märkte von dem internationalen Preisdruck abzuschirmen", analysiert Cullen S. Hendrix, der am Peterson Institute for International Economics forscht. Der Ökonom warnt jedoch vor langfristigen Problemen durch Exportverbote: "Sie verringern die Anreize für Landwirte, in den Ausbau der Produktionskapazitäten zu investieren." Höhere Produktionskapazitäten seien bei einer Angebotsknappheit aber notwendig, um die Preise zu senken – sowohl für einheimische Konsumenten als auch für internationale Abnehmer.

Eine indische Frau bei der Arbeit auf einem Bauernhof in Rajasthan, Indien

Eine indische Frau bei der Arbeit auf einem Bauernhof in Rajasthan, Indien

© sabirmallick from Getty images

Protektionistische Maßnahmen

Zudem besteht die Gefahr, dass sich Länder mit protektionistischen Maßnahmen gegenseitig hochschaukeln – und so ein Teufelskreis entsteht, der Nahrungsmittel für alle teurer macht. Erste Anzeichen davon sind bereits zu sehen: Ein Exportverbot für Palmöl, das der weltgrößte Produzent Indonesien im April verhängt hatte, trieb in Indien die Kosten von Speiseölen weiter nach oben – und damit auch die Inflationsrate. Indiens Handelsminister Piyush Goyal verwies auf die indonesische Maßnahme zur Begründung für die Ausfuhrbeschränkungen durch seine Regierung. Ein entsprechendes Vorgehen sei internationale Praxis, sagte er in einem Interview.

Die Konsequenzen des indischen Weizenexportstopps machten sich auf den Weltmärkten unmittelbar bemerkbar. Der Preis für das Getreide schoss an globalen Handelsplätzen um sechs Prozent nach oben und landete zwischenzeitlich auf einem neuen Allzeithoch. Michael Kugelman, Südasien-Experte der US-Denkfabrik Wilson Center, fühlt sich an Indiens Rolle in der Corona-Krise erinnert: Anfangs stellte das Land mit seiner extrem leistungsfähigen Pharmaindustrie große Mengen an Impfstofflieferungen in Aussicht. Später stoppte die Regierung in Neu-Delhi die Ausfuhr der Impfdosen, um eine heftige Corona-Welle im eigenen Land zu bekämpfen. "Beide Fälle zeigen die heikle Balance, die Indien zwischen seiner Rolle als globaler Lieferant und der Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse finden muss."

Die Regierung ist sich der Verantwortung offensichtlich bewusst: Für die Weizenausfuhrbeschränkungen gibt es mehrere Ausnahmen. Bereits zugesagte Lieferverpflichtungen sollen erfüllt werden. Zudem will Indien Länder weiterhin mit Weizen versorgen, die für die Ernährungssicherheit ihrer Bevölkerung darauf angewiesen sind. So soll zum Beispiel Ägypten nach wie vor Getreide aus Indien erhalten. Der Rest der Welt muss aber wohl noch länger auf Lieferungen aus Indien verzichten. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos sagte Minister Goyal, dass die Regierung nicht vorhabe, die Exporte bald wieder freizugeben. "Würden wir das tun, dann würde das nur den Spekulanten helfen", sagte er. Die wirklich Bedürftigen hätten aus seiner Sicht nichts davon. Der bessere Weg seien die direkten Absprachen zwischen Neu-Delhi und anderen Regierungen. "So können wir auch den Ärmsten der Armen erschwinglichen Weizen zur Verfügung stellen."

Bei Medienanfragen kontaktieren Sie bitte:

Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
Referatsleitung Presse & Digitale Kommunikation
Telefon: +49 30 288778-565