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Wohnungsbautag
Wirtschaftsfaktor Wohnungsbau

Häuser für Wohnungen werden in Ostfildern gebaut

Häuser für Wohnungen werden gebaut.

© picture alliance/dpa | Bernd Weißbrod

Der diesjährige Wohnungsbautag fokussiert sich auf die zentrale wirtschaftliche Bedeutung des Wohnungsbaus. Ein starker Wohnungsbau stärkt die konjunkturelle Lage: Mehr Bautätigkeit führt zu mehr Aufträgen, mehr Umsatz und folglich zu mehr Wachstum. Gleichzeitig schafft ein starker Wohnungsbau die Voraussetzung dafür, dass gerade Unternehmen in den Großstädten ihre offenen Stellen schnell besetzen können – und die begehrten Fachkräfte nicht von immer weiter steigenden Mieten abgeschreckt werden.

Von einem starken Wohnungsbau kann derzeit jedoch keine Rede sein. Immer weniger Baugenehmigungen, immer mehr Stornierungen, immer weniger Wohnungen und immer höhere Mieten. Ein Ende der Abwärtsspirale ist bisher nicht in Sicht. Aus diesem Grund hat die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit die Studie „Nachhaltige Wege aus der Baukrise“ in Auftrag gegeben. Die Studie vom Kompetenzzentrum Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge e. V. präsentiert innovative Lösungsansätze zur Kostensenkung und verdeutlicht, an welchen Hürden die meisten Innovationen hierzulande scheitern.

Wege aus der Baukrise

Bei der aktuellen fiskalischen Lage und der Größe der Herausforderungen auf dem Wohnungsmarkt helfen nach Ansicht der Forscher keine neuen Förderprogramme, sondern nur strukturelle Verbesserungen, die sich am ehesten bei den Baukosten erreichen lassen. Hierfür werden im Rahmen der Studie insbesondere drei Wege aufgezeigt:

  1. Serielles Bauen: Beim seriellen Bauen werden Gebäudebestandteile durch einen industriellen Herstellungsprozess vorgefertigt und auf der Baustelle zusammengesetzt. Andere Länder (z. B. Schweden) sind beim seriellen Bauen teils deutlich weiter fortgeschritten. Hierzulande sorgen abweichende Landesbauordnungen und komplizierte Genehmigungsverfahren dafür, dass sich die Vorteile des seriellen Bauens nicht voll entfalten können. Unter optimalen Bedingungen lassen sich durch das serielle Bauen Einsparungen von bis zu 20 Prozent erreichen.
  2. Building Information Modeling (BIM): Im Rahmen des BIM wird ein digitaler Zwilling für den gesamten Gebäudezyklus erstellt. Alle relevanten Projektdaten werden in Echtzeit aktualisiert und liegen in einer zentralen Datenbank vor. Mit dem Verfahren lassen sich insbesondere komplexe Abläufe optimieren und eine stark verbesserte Kommunikation zwischen Architekten, Bauherren, Ingenieuren und anderen Beteiligten erreichen. Erste Analysen deuten darauf hin, dass sich durch die Nutzung von BIM Projektlaufzeiten reduzieren und damit Kosteneinsparungen von bis zu 10 Prozent erreichen lassen.
  3. Neue Baumaterialien und 3-D-Fertigung: Bauwerke werden seit über 100 Jahren mit den überwiegend gleichen Baustoffen und Techniken errichtet. Alternative Materialien wie Lehm oder Hanf haben es in Deutschland schwer, da sie in den geltenden Regelwerken unzureichend verankert sind. Auch innovative Baustoffe wie Carbon-Beton oder „selbstheilender Beton“ konnten sich bislang nicht durchsetzen. In naher Zukunft könnte der 3-D-Druck großes Potenzial bieten. Im Druckverfahren können beispielsweise gekrümmte Wände mit nahezu gleichem Zeit- und Kostenaufwand wie geradlinige produziert werden. In der aktuellen Situation sind die geltenden Genehmigungsverfahren jedoch viel zu komplex und teuer, um diese Art der Innovation weiter voranzutreiben.

BMJ bringt Gebäudetyp E auf den Weg

Im Bundesjustizministerium wird nun ein Gesetzesvorschlag erarbeitet, der neue Fertigungsmethoden deutlich erleichtern und damit tatsächlich zu einer signifikanten Senkung der Baukosten führen könnte. Mit einer neuen Gebäudeklasse – dem Gebäudetyp E – sollen Bauherren zukünftig rechtssicher von gängigen Normen abweichen können. Bis auf die Gewährleistung wesentlicher Ziele zur Sicherheit (z.B. beim Brandschutz) sowie ökologischer Basisnormen könnte man im Rahmen der neuen Gebäudeklasse für Materialien und Ausführungsdetails maximale Freiräume gewähren. Vorbild könnten die Niederlande sein, die im Bereich der Energieeffizienz lediglich auf Zielvorgaben setzen. Mit welchen Maßnahmen diese Ziele erreicht werden, bleibt Bauherren und Planern überlassen – ein echter Anschub für das Innovationspotential. Denn dadurch entsteht ein enormer Anreiz, die vorgeschriebenen Ziele möglichst kosteneffizient zu erreichen.

Fazit

Mit mehr als 800.000 Unternehmen und rund 3,5 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist die Immobilienbranche einer der zentralen Wirtschaftszweige in Deutschland. Die Krise im Wohnungsbau ist daher ein echter Konjunkturkiller und schadet darüber hinaus den langfristigen Wachstumsbedingungen in Deutschland. Damit Bauen wieder attraktiver wird, muss es vor allem günstiger werden. Der Vorstoß des Bundesjustizministeriums könnte den Weg für viele innovative Lösungen freimachen, die zu einer echten Kostensenkung führen können.

Fakten:

  1. In Deutschland gibt es sage und schreibe rund 20.000 Bauvorschriften. Hinzu kommen noch zahlreiche Auflagen der Landesbauordnungen und der Kommunen. (Quelle: Städt- und Gemeindebund)
  2. Seit dem Jahr 2000 sind die Baukosten in Deutschland um 86 Prozent gestiegen. (Quelle: Statistisches Bundesamt)
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© Statistisches Bundesamt

     3. Im Jahr 2025 könnten nur noch 150.000 Wohnungen fertiggestellt werden. (Quelle: ZIA-Frühjahrsgutachten 2024)