Migration
Lavrio – das etwas andere Flüchtlingslager

Lavrio
© picture alliance / NurPhoto | Maria Chourdari  

Seit dem großen Brand im Flüchtlings- und – anders kann man es wohl nicht ausdrücken – Abschreckungslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos vor wenigen Wochen ist die Flüchtlingsthematik wieder ganz oben auf der Agenda der europäischen Politik. Heute wird in Brüssel der neue Migrationspakt der EU-Kommission vorgestellt – das nächste Kapitel im mühsamen Ringen der Europäischen Union um eine gemeinsame Asyl- und Flüchtlingspolitik. Dabei gibt es mit Lavrio ein Lager, das im Gegensatz zu Moria nicht von Elend und Verzweiflung, sondern von Solidarität und Selbstverwaltung gekennzeichnet ist. Lavrio zeigt, dass es auch anders geht. Eindrücke von einem Besuch.

Ein selbstverwaltetes Camp am Rande von Athen

Gleich am Eingang des Lagers von Lavrio, etwa 60 Kilometer südöstlich von Athen, wird dem Besucher klar, dass er gerade eine andere Welt betritt. Neben all den Klamotten, die zum Trocknen an Wäscheleinen an der Wand hängen, finden sich zahlreiche kurdische Flaggen und Konterfeis von gefallenen Kämpfern, sei es im syrischen Bürgerkrieg, im Kampf gegen den so genannten Islamischen Staat, oder während der jüngsten türkischen Militäroffensive in Nordsyrien. Unterschiedliche Dialekte des Kurdischen vermischen sich untereinander, hin und wieder hört man auch einzelne türkische oder arabische Wörter. Unter den Einheimischen von Lavrio sei die Anlage unter dem Namen „Klein-Kurdistan“ bekannt, wie uns der Taxifahrer bestätigt, der uns zum Lager fährt.

Lavrio ist eines der ältesten Flüchtlingslager Griechenlands: Erbaut in den 1960er Jahren für Flüchtlinge des Kalten Krieges aus der Sowjetunion, kamen in den 80er Jahren hauptsächlich politische Flüchtlinge aus der Türkei, die dem Militärputsch dort entkommen waren. Lavrio ist seither bekannt als Aufnahmelager für kurdische Flüchtlinge aus der Türkei und daher Ankara stets ein Dorn im Auge. Türkische Medien verunglimpfen das Lager immer wieder als „PKK-Camp“. Vor Ort gewinnt man einen anderen Eindruck.

Ab 2014 kamen vermehrt kurdische Familien aus Syrien hinzu, die gerade noch ihr Leben vor den Angriffen des Islamischen Staates (IS) retten konnten. Heute machen sie die Mehrheit der Bewohner aus. „Nationale Grenzen haben uns Kurden voneinander getrennt. Doch in Lavrio kommen wir alle zusammen. Kurdistan ist hier kein Traum, sondern Realität“, fasst der Bäcker Recep Eryilmaz zusammen, der aus Diyarbakir/Türkei stammt.

Bis vor wenigen Jahren war das Camp offiziell von Athen anerkannt und wurde mit Hilfe des griechischen Roten Kreuzes betrieben. Doch 2017 entzog die Syriza-Regierung dem Lager überraschend die staatliche Unterstützung. Seitdem ist Lavrio eine Art Selbstverwaltungszone und wird von den Bewohnern selbst betrieben.

Aus der Not eine Tugend gemacht – Lavrio in Zeiten der Pandemie

Verwaltet und instand gehalten wird das Lager in den sogenannten Ausschüssen: Sicherheit, Sauberkeit, Gesundheit, Frauen, Jugend und Verwaltung. Externe Beziehungen des Lagers laufen über die Organisation Kurdistan Cultural Centre Athens. Jeder Besuch von außen im Lager muss vorab bei dieser Einrichtung schriftlich angefragt werden. Jeder einzelne Bewohner des Lagers ist Mitglied in mindestens einem der Ausschüsse und trägt somit zum Funktionieren des Gesamtsystems bei.

Mit der Corona-Pandemie brach auch für das Lavrio-Lager eine neue Zeit ein. Da mit Unterstützung seitens der griechischen Regierung nicht gerechnet werden konnte, waren die Bewohner auf sich allein gestellt.

Zunächst wurde ein detaillierter Maßnahmenkatalog erstellt, der das Virus vom Lager fernhalten sollte. Diese Maßnahmen werden von den einzelnen Ausschüssen penibel umgesetzt. Das Tragen der Schutzmaske in allen öffentlichen Bereichen des Lagers ist seitdem obligatorisch.

Unterstützt von zahlreichen humanitären Organisationen aus dem In- und Ausland wurden Medikamente und Hygieneprodukte besorgt. Die Zimmer in den Blöcken wurden reorganisiert, sodass der Mindestabstand zwischen den Menschen eingehalten werden konnte. Bewohner mit entsprechender Berufserfahrung erneuerten und erweiterten die sanitären Anlagen des gesamten Lagers. Öffentliche Bereiche wie Bad, Küche, Treppengänge werden mehrmals in der Woche, die Schlafzimmer sogar mehrmals am Tag von Teams desinfiziert. Diese Maßnahmen zeigen jedoch auch, dass Lavrio kaum mit dem Flüchtlingslager Moria vergleichbar ist. Lavrio ist über Jahrzehnte gewachsen, wurde lange staatlich unterstützt und verfügt über eine funktionierende Infrastruktur, sodass Hygiene- und Abstandsregeln – anders als in den menschenunwürdigen Verhältnissen in Moria – eingehalten werden können.

„Durch kollektive Kooperation konnten wir sowohl das Lager selbst als auch die Einheimischen von Lavrio vor dem Virus schützen“, sagt Jiyan Topkan Polat stolz, eine kurdische Migrantin aus dem türkischen Südosten. „Der Grund, warum es hier keinen einzigen Covid-Fall gibt“, so Polat weiter, „ist, dass jeder Einzelne Teil des Gesamtprozesses ist und alle mit anpacken.“

Auch die Ein- und Ausgänge werden seit Beginn der Pandemie mittels Protokoll und Messung der Körpertemperatur strikt kontrolliert. Ein Team von vier bis fünf Personen ist für die Einkäufe zuständig, alle anderen sollen nur im Ausnahmefall das Lager verlassen. Für den Fall eines Verdachtsfalles wurde eigens ein Quarantäne-Raum eingerichtet.

Ungewisse Zukunft – Bürgermeister will das Lager loswerden

Nachdem die eingelieferten Schutzmasken ausgingen, wurden diese mit eigenen Mitteln im Lager selbst produziert. Saliha Halil, Anfang 2018 vor den IS-Angriffen auf die syrische Stadt Afrin geflohen, hat seit Beginn der Pandemie mehrere hundert Schutzmasken hergestellt. „Zusammen mit zwei weiteren Frauen stellen wir mit unseren Nähmaschinen Schutzmasken her, sodass die Versorgung stets gesichert ist“, so Halil.

Eine andere besondere Maßnahme in den Tagen der Pandemie war die Einrichtung des Steinofens zum Backen von Brot. Der Kontakt zur Außenwelt und somit die Gefahr der Ansteckung konnten hierdurch minimiert werden. Ibrahim Haydo, ein Steinmetz aus Quamishlo/Syrien, ist zusammen mit drei weiteren Personen für den Betrieb des Ofens zuständig. Mittlerweile werde der gesamte Brotbedarf des Lagers gedeckt, so Haydo.

Halil Mordeniz, vor zwanzig Jahren aus der Türkei nach Griechenland geflohen, konstatiert, dass mit Lavrio europaweit etwas Einzigartiges geschaffen sei. Zwischen den Migranten des Lagers und den Einheimischen sei bislang nicht ein einziger Fall einer Auseinandersetzung bekannt. Ganz im Gegensatz, die Bewohner Lavrios würden sich im Gegensatz zur griechischen Regierung mit dem Lager und ihren Einwohnern solidarisieren. Doch er fürchtet auch um die Zukunft des Lagers. Nachdem sich der griechische Staat zurückgezogen habe, gebe es Gerüchte, wonach der lokale Bürgermeister das Lager niederreißen und an dessen Stelle ein Hotel oder ein Einkaufszentrum errichten möchte.

Lavrio ist Hoffnung für eine menschenwürdige Flüchtlingspolitik

Die Solidarität unter den Migranten sowie die positive Beziehung zwischen dem Lager und den Einheimischen von Lavrio machen diesen Ort so besonders. Lavrio ist ein positiver Lichtblick im Dickicht der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit dieser Tage. Wer weiß, vielleicht lassen sich die Staats- und Regierungschefs in Brüssel bei ihren Debatten und Diskussionen um die europäische Asyl- und Flüchtlingspolitik von diesem Ort inspirieren und bieten eine Lösung an, die die Würde des Menschen in die Mitte rückt.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
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