Summit
Künstliche Intelligenz: eine Zukunftstechnologie zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik

"ISM-Summit zur Angewandten KI in Hamburg" der International School of Management
Lidia Schneck

Lidia Schneck beim "ISM-Summit zur Angewandten KI in Hamburg"

© Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit / Simone Gebel (ISM)

Der "ISM-Summit zur Angewandten KI in Hamburg" der International School of Management zeigt, wie Hochschulen und private Akteure zusammenwirken können, um wichtige Zukunftstechnologien in Deutschland nutzbar zu machen.

Auch wenn der Elfenbeinturm mittlerweile einen Glasfaseranschluss hat: Forschung und Innovation ist ohne die Industrie undenkbar. Der britisch-russische Nobelpreisträger Sir Konstantin Novoselov hat vor kurzem in einem Interview mit der Times Higher Education nochmals betont, dass es sogar grundfalsch wäre, die Universitäten zu Innovationsdienstleistern zu ernennen. Stattdessen befürwortet er Kooperationen zwischen Universitäten, deren Stärke im Bereich der Ausbildung und Forschung liegen, und Unternehmen. Staatliche Unterstützung könne dabei insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen helfen, neue Erkenntnisse und Technologien zu erzielen. Viele hervorragende Beispiele, wie diese Kooperation zwischen Hochschule und freier Wirtschaft bereits jetzt gut funktionieren, wurden auf dem ISM-Summit „Angewandte KI in Hamburg“ am 7. November 2019 vorgestellt. Dabei wurde deutlich: Die Politik kann und muss günstige Rahmenbedingungen schaffen, zum Beispiel durch niedrige bürokratische Hürden für Startups oder gezielte Unterstützung von kooperativen Forschungsprojekten. Damit Zukunftstechnologien wie die Künstliche Intelligenz tatsächlich in wirtschaftliche Innovationsleistungen übersetzt werden, bedarf es jedoch vor allem Risikobereitschaft, Unternehmertum und Gründergeist.

Träumen Androiden von elektronischen Muffins?

Organisiert von Andreas Moring und der Hamburger International School of Management (ISM) kamen Vertreter von Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zusammen, um anhand verschiedener Beispiele zu diskutieren, welche Möglichkeiten die Künstliche Intelligenz einer Stadt wie Hamburg bieten kann, welche Anwendungen es bereits jetzt gibt und wie die Rahmenbedingungen weiter verbessert werden können. Den Anfang machte Lidia Schneck, Spezialistin für Measurement & Attribution bei Google. Anhand der – nur vermeintlich – trivialen Aufgabe, zwischen Muffins und Chihuahuas zu unterscheiden führte sie in die Musterkennung als zentralem Nutzungsgebiet der künstlichen Intelligenz ein. Im weiteren Verlauf ihres Vortrags betonte sie dann vor allem die Geschwindigkeit der jüngsten Entwicklungen. Spätestens seit 2016 sei klar, dass die Nutzung von tiefen neuronalen Netzen in fast alle Produkte von Google Einzug halten würde. Auf Schneck folgte Nick Sohnemann, der Gründer der Innovationsagentur "Future Candy", welcher im Schnelldurchlauf verschiedene Zukunftsszenarien entwarf und diese mit mitgebrachten Gadgets untermalte.

Das Menschliche muss stimmen

Anschließend teilte Markus Dahm, der Leiter "Digital Change & Transformation" von IBM Deutschland, seinen Erfahrungen mit der Einführung neuer Technologien in Unternehmen am Beispiel von KI-basierten Tools für das Personalwesen. Dabei betonte er vor allem, wie wichtig es sei, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tatsächlich mitzunehmen und diese nicht gegen die Technik auszuspielen. Von zentraler Bedeutung war dieses Motiv ebenfalls in der folgenden Panel-Diskussion mit Sascha Adam (Delivering Digital Value), Daniel Stojanovic (Paltron) und Ulrike Weber (ISM) zum selben Thema. Zwar könnten Algorithmen weniger anfällig für Vorurteile sein und dazu beitragen, bessere Personalentscheidungen zu treffen, allerdings müsse man darauf achten, dass existierende Vorurteile nicht über die Trainingsdaten den tiefen neuronalen Netzwerken gleichsam "vorgelebt" und damit verankert würden. Trainingsdaten spielten auch eine entscheidende Rolle im Vortrag von Rüdiger Schmitz (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) und Sirko Pelzl (apoQlar), die sich mit dem Nutzen der KI für die medizinische Diagnostik befassten und deren technische Hintergründe anschaulich erläuterten. Gerade im Bereich der Endoskopie, wo Hamburg nicht zuletzt aufgrund des Endo Clubs Nord sowieso schon eine weltweit führende Rolle einnimmt, zeigt sich das Potenzial für große Fortschritte. Indem ein entsprechender Algorithmus zum Beispiel mit Bildern von Darmpolypen, einer möglichen Vorstufe des Darmkrebses, trainiert wird, sei es mittlerweile möglich, Computer zu wirksamen "Assistenten" von Fachleuten zu machen und so deren Erkennungsraten zu verbessern.

Bleibt die Frage, wie derartige und andere Erfolge auch treffsicher kommuniziert werden können. Hier bot Jonathan Mall (Neuroflash) interessante Einblicke. Der Hamburger Gründer stellte sein Unternehmen vor, welches KI nutzt, um Werbebotschaften zu optimieren. Ein Algorithmus könne prädizieren, welche Wörter assoziativ mit welchen anderen Wörtern verbunden sind, um so zu bestimmen welche Worte oder Bilder zum Erreichen verschiedenster Zielgruppen besonders geeignet seien – so könnten beispielsweise Automobilhersteller ebenso wie die Nutzer von Dating-Apps versuchen, ihr Profil zu schärfen und ihr Image aufzupolieren. Einen weiteren Einblick in die Rolle der KI in der Geschäftswelt gab Vanessa Just (wtsAI), welche auf die Erfolge von entsprechenden Algorithmen in der Erkennung von Unregelmäßigkeiten in der Steuer- und Finanzverwaltung verwies. Indem die Software mit dem Wissen von erfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gefüttert würde, sei es möglich gewesen, auch hier wesentliche Optimierungen zu erzielen, von der Optimierung von Lieferketten bis hin zu möglichen Fehlern in der Steuererklärung.

Politische Schlussfolgerungen

Der letzte Programmpunkt der Tagung befasste sich mit der Gretchenfrage: Was kann die Politik unternehmen, damit solche Erfolgsgeschichten auch in Zukunft geschrieben werden können? Dazu moderierte Lena Scheibinger eine anregende Podiumsdiskussion mit Hansjörg Schmidt (SPD), Roland Heintze (CDU), Dominik Lorenzen (Bündnis 90/Die Grünen) und Michael Kruse (FDP). Ein wesentlicher Punkt, der verschiedentlich betont wurde, war die Rolle der schulischen Bildung. Nur wenn Schülerinnen und Schülern bereits in frühem Alter Informatikkenntnisse erhielten und zudem ein positives Bild vom Unternehmertum vermittelt bekommen, würden diese später selbst in der Lage sein, durch eigene Initiative wichtige wirtschaftliche Impulse zu setzen.

Wie Justus Lenz, Referent für Wirtschaft und Finanzen im Liberalen Institut, gemeinsam mit Thomas Köster an anderer Stelle argumentiert haben, wäre es wichtig, sogar noch einen Schritt weiter zu gehen und ein Schulfach "Wirtschaft" zu etablieren. Auch nach dem Abiturabschluss gibt es vielfältige Möglichkeiten, junge Gründerinnen und Gründer auf ihrem Weg zu innovativen Startups zu unterstützen. Vom Gründungssemester, wie es bereits an der Universität Bayreuth existiert, bis hin zur Zähmung des Amtsschimmels gibt es vielfältige Ansatzpunkte.

Ein wichtiges Fazit der Tagung war auch: Die Zeit rennt! Innerhalb weniger Jahre haben sich bereits ganze Anwendungsgebiete fundamental gewandelt. Wo überflüssige Hürden, beispielsweise in der Zulassung von KI-basierten Medizinprodukten, dazu führen, dass Deutschland den Anschluss verliert, sorgt dies nicht nur für wirtschaftliche Einbußen. Denn wenn dies zur Folge hat, dass bestimmte Technologien für Diagnostik und Therapie erst teuer eingekauft werden müssen, schlägt sich dies auch auf die Krankenkassen nieder – Bürokratieabbau und gezielte Förderung der akademisch-unternehmerischen Translation ist in diesem Sinne nicht "nur" Wirtschaftsförderung, sondern kann durchaus dazu beitragen, sozialen Sprengstoff zu entschärfen.