Krieg in Europa
„I came as a Russian, became a German and learned to be a European”

Věra Jourová Vizepräsidentin der EU-Kommission im November 2019

Věra Jourová Vizepräsidentin der EU-Kommission

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picture alliance / NurPhoto | Rita Franca

Im Rahmen der Initiative „Nie Wieder!? Gemeinsam gegen Antisemitismus & für eine plurale Gesellschaft“ lud das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES) Stipendiatinnen und Stipendiaten der 13 Begabtenförderungswerke ein, um mit der Vize-Präsidentin der Europäischen Kommission, Věra Jourová, in einer kleinen Gesprächsrunde das große Thema „What makes us European?“ zu erörtern. Für die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit nahm Bella Gurevich (Promotionsstipendiatin im Fach Filmwissenschaft) an der Runde teil.

Hier der sehr persönliche Bericht von Bella Gurevich:

„Als ich am 10. März 2022 eine Einladung erhalte, einige Tage später beim Gespräch mit der Vizepräsidentin der EU Kommission, Věra Jourová, die StipendiatInnenschaft der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zu vertreten, schießen mir mehrere Gedanken durch den Kopf. Es soll um das Thema „What makes us european?“ gehen. Zum einen denke ich sofort an all die Momente, in denen meine Freunde aus dem nicht-europäischen Ausland mich als typisch europäisch bezeichneten. Ich versuche mich an den Kontext der Aussagen zu erinnern und erkenne, dass die Aussage stets damit einherging, dass Europäer vielen Nationen und Vereinigungen einen Schritt voraus sind, was Menschenrechte und vor allem die Gleichberechtigung angeht. So machen bereits die unrasierten Frauenachseln andere Nichteuropäer aufmerksam darauf, dass sich in Europa mit dem Thema „Gender Equality“ auseinandergesetzt wird. Doch was ist für mich selbst typisch europäisch?

Als Putin im Jahr 2000 zum Präsidenten Russlands ernannt wird, bin ich 7 Jahre alt und verstehe nicht, warum meine Mutter mich aus meiner geliebten Familie, meiner Klasse und meiner Heimatstadt Moskau „rausreißt“ und Russland verlässt. Heute, nach 22 Jahren in einer Warnweste am Berliner Hauptbahnhof stehend und Geflüchtete aus der Ukraine empfangend, verstehe ich es. Diese Weste bringe ich zum Gespräch mit Věra Jourová mit. In einem Stuhlkreis finden sich die Initiatoren des Treffens, ELES Geschäftsführer Jo Frank und Programmleiterin von „Nie wieder!? Gemeinsam gegen Antisemitismus & für eine plurale Gesellschaft“ Dr. Maja Vataman, die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, ihre Kabinettmitarbeitenden sowie wir - RepräsentantInnen der 13 Begabtenförderungswerke - wieder. Auch die anderen StipendiatInnen haben persönliche Gegenstände mitgebracht, die sie mit dem Gefühl, europäisch zu sein verbinden. Da sind zum einen Pässe, Fahrkarten und Studierendenausweise aus Erasmussemestern, die für die „grenzenlose“ Freiheit stehen, dort leben, arbeiten oder studieren zu können, wo man möchte. Zum anderen haben StipendiatInnen Gegenstände dabei, die ihre persönliche Kultur symbolisieren. Zum Beispiel ist da ein Frankfurter Bembel (Steinkrug) oder ein altes Spielzeug aus der ehemaligen Sowjetunion, das der Studierenden als einzige Erinnerung aus ihrer Zeit in Russland blieb. So unterschiedlich die Mitbringsel sind, so eindeutig ist ihre Bedeutung – Europa ist und kann eine Heimat für vielerlei Kulturen sein. Egal woher man kommt und welches (Bundes)Land man als seine Heimat sieht, in Europa finden wir unsere gemeinsame Heimat. Neben einer Rettungsweste, die für Europas Flüchtlingspolitik steht, bringen StipendiatInnen auch Ausschnitte aus literarischen Werken mit – so auch aus „Der kleine Prinz“. Liebe ist hierbei die gemeinsame Botschaft. Auch die Vereinigung durch Diversität, die ich erwähne, als ich dran bin, wird zum Thema. Die Weste lege ich als Zeichen für die im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlose europäische Solidarität in die Mitte unseres Stuhlkreises. Ich betone, dass die Hilfe aus verschiedenen Ländern Europas an der ukrainischen Grenze nicht in dem Ausmaß ankommen würde, wenn die Grenzen der EU-Länder nicht offen wären. Dank der EU können aber auch indirekte Nachbarn der Ukraine an den Grenzen vertreten sein. Gleichzeitig beleuchte ich die Auswahl, die UkrainerInnen an der Grenze haben, was die Wahl eines Landes angeht, das ihnen Unterschlupf bietet. Busse stehen bereit und bringen sie nach Frankreich, Deutschland, in die Niederlande usw.. Schließlich erläutere ich anhand von meiner eigenen Erfahrung, weshalb der Auftrag der Vizepräsidentin - Transparenzgesetze in der Vermittlung und dem Targeting von vor allem politischen Inhalten - von so großer Relevanz ist. Dabei füge ich an, dass Transparenz von Motivation und Zielgruppe in jeglichen Werbekampagnen von Interesse wäre, um Europa zur Selbstbestimmung zu verhelfen.

Die Vizepräsidentin der EU-Kommission, Věra Jourová, hat sich nach jeder Vorstellung der StipendiatInnen und der mitgebrachten Gegenstände bedankt und sich alle Mühe gegeben, unsere Namen zu merken. Einer europakritischen Studentin hat sie angeboten, sich im Anschluss an sie zu wenden. Nun erzählt sie uns, wie wichtig ihr der Beitritt ihres Heimatlandes – Tschechien – in die EU gewesen ist. So gehört dieser Tag neben den Geburten ihrer Kinder und dem Bestehen ihres Führerscheins sowie ihres Studiums zu den glücklichsten Tagen ihres Lebens. Sie betont den Mehrwert mit einem Zitat des tschechischen Präsidenten Václav Havel: „Europe is motherland of our motherlands“. Außerdem weist sie darauf hin, dass der Gedanke, nicht erst dort anzupacken, wo Hilfe schlussendlich benötigt wird, sondern am Ursprung des Problems von großem Stellenwert ist. So zitiert sie Havel erneut: „I often hear the question: how can the United States of America help us today? […] You can help us most of all if you help the Soviet Union on its irreversible but immensely complicated road to democracy.“ Und weiter: “The more quickly, and the more peacefully the Soviet Union begins to move along the road toward genuine political pluralism, respect for the rights of the nations to their own integrity and to a working — that is, a market economy, the better it will be not just for Czechs and Slovaks but for the whole world.“ Es ist offensichtlich, worauf sie hinaus will – wir nicken.

Zu guter Letzt erzählt sie uns von einem Teil ihrer Arbeit. Ihr Ziel ist es, digitale Plattformen wie Facebook insofern zu regulieren, als dass keine Meinungsmache in Form von Filterblasen als Folge von firmeninternen Algorithmen und auf Grundlage persönlicher Daten mehr erfolgt. Mit diesen Worten setzt sich die Vizepräsidentin in die Mitte unseres Stuhlkreises auf den Boden. Nachdem sie auf jeden einzelnen Gegenstand, den wir zuvor in die Mitte gelegt hatten, auf einer sehr persönlichen Ebene ausführlich eingegangen ist, endet unser Gespräch und wir erfahren, dass die nahbare, im wahrsten Sinne des Wortes bodenständige Věra Jourová, ihr Mittagessen zugunsten eines längeren Gespräches mit uns sausen gelassen hat. Wir sind dankbar und schießen noch ein gemeinsames Foto mit ihr, bevor sie uns verlässt und wir uns in eigenständiger Initiative zu einem anschließenden Austausch beim gemeinsamen Mittagessen am Brandenburger Tor begeben.

Gruppenfoto von dem Gespräch mit der Vizepräsidentin der Europäischen Kommission

Gruppenfoto von dem Gespräch mit der Vizepräsidentin der Europäischen Kommission

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
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