Impfstrategie
Chinas Impfstoff-Offensive in Südostasien: Ein geopolitischer Geniestreich

Joko Widodo Impfung
Der indonesische Präsident Joko Widodo wurde als erste Person in Indonesien mit dem chinesischen Impfstoff geimpt. Dies soll dazu dienen, die Bevölkerung von der Sicherheit des Vakzins zu überzeugen und die Bereitschaft zur Impfung zu erhöhen. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Agus Suparto

Südostasiatische Länder wie Indonesien und die Philippinen sind besonders hart von der Corona-Pandemie betroffen. Bis dort der begehrte Impfstoff aus dem Westen ankommt, dauert es noch Monate. Doch es gibt Abhilfe: China versorgt die Staaten schon vorher mit ersten Impfstoff-Einheiten - und kann sich so als Retter gerieren. 

Die thailändische Urlaubsdestination Pattaya ist eine der internationalsten Städte der Welt. Doch seit wenigen Wochen ist sie so gut wie abgeriegelt. Wer die Provinz Chonburi, zu der Pattaya zählt, verlassen will, muss erst die Erlaubnis der Behörden einholen.

Thailand kämpft mit einer neuen Corona-Infektionswelle. In Hotspots wie Bangkok, Pattaya oder der Hafenstadt Samut Sakhon werden täglich Dutzende neue Fälle gemeldet. Im Vergleich zu Deutschland ist das fast verschwindend wenig. Für thailändische Behörden sind die zunehmenden Infektionen aber Grund genug, das öffentliche Leben radikal herunterzufahren.

Die harten Lockdowns sind nur ein Teil der Gesamtstrategie gegen das Virus. Kurz nach Beginn der neuen Infektionswelle Ende Dezember verkündete Thailands Regierung die Bestellung von rund zwei Millionen Impfdosen des chinesischen Staatsunternehmens Sinovac. Die erste Tranche soll bereits im Februar eintreffen. Der schwedisch-britische Impfstoff von AstraZeneca wird in Thailand frühestens im Mai verfügbar sein. Die Mengen sind dann zwar deutlich größer - aber sie kommen eben auch Monate später.

Während sich westliche Staaten angesichts der dort grassierenden Pandemie auf die Impfung der eigenen Bevölkerung konzentrieren, versorgt China seine Nachbarn bereits mit Millionen Dosen. Thailand ist nicht das einzige Land in Südostasien, das im Kampf gegen das Coronavirus auf chinesische Hilfe setzt. Auch Indonesien, Myanmar und die Philippinen haben in China geordert oder stehen laut Medienberichten kurz vor Vertragsabschlüssen.

Instrument zur Imagepflege

Beobachter gehen davon aus, dass China die Impfstoff-Lieferung politisch nutzen könnte. "Es besteht kein Zweifel, dass China Impfdiplomatie praktiziert, um sein getrübtes Image zu reparieren", sagte Huang Yanzhong, Senior Fellow für globale Gesundheit beim Council on Foreign Relations (CFR), gegenüber der Nachrichtenagentur AFP im Dezember. Unter dem Etikett der humanitären Zusammenarbeit wird nicht nur der eigene Impfstoff angepriesen - sondern auch das eigene System.

Angesichts der globalen Knappheit sind Impfstoffe zu Verhandlungsmasse geworden. Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte drohte erst im Dezember der Regierung in Washington damit, US-Stützpunkte auf den Philippinen zu schließen, falls die USA keine 20 Millionen Impfdosen liefern. “No vaccine, no stay here”, sagte der Präsident nach geplatzten Verhandlungen mit dem US-Pharmahersteller Pfizer. Das wird wohl nur eine leere Drohung gewesen sein. Doch der Fall zeigt: Impfstoff-Lieferung sind Teil des diplomatischen Spiels.

Bereits im Mai vergangenen Jahres kündigte Präsident Xi Jinping an, Impfstoffe als „globale öffentliche Güter“ zur Verfügung zu stellen. Mit Hochdruck trieb China die Entwicklung voran - und die Nachfrage ist enorm. Laut Staatsmedien haben bereits mehr als 100 Staaten Impfstoffe in China bestellt. Neben den asiatischen Nachbarn wollen sich vor allem viele afrikanische Länder ihre Bevölkerung mit chinesischer Unterstützung impfen lassen.

Die KP kann einen Image-Erfolg gebrauchen. Vehement wehrt sie sich dagegen, dass China als Ursprungsland des Virus für die Pandemie verantwortlich gemacht wird - zeitweise verweigerte es sogar einem WHO-Expertenteam die Einreise. Mit der raschen Entwicklung des Impfstoffs, den Impfstoff-Exporten ins Ausland und den im Vergleich zum Westen geringen Infektionszahlen versucht China nun das Image des Corona-Schuldigen loszuwerden.

Expansion Chinas stößt zunehmend auf Widerstand

Die Impf-Lieferungen reihen sich ein in Pekings kontinuierliches Streben nach Prestige - das in Teilen Asiens angekratzt ist. Megaprojekten wie die “Neuen Seidenstraße”, die Peking als Handels- und Friedensinitiative anpreist, werden zunehmend kritisch gesehen. Zunächst war das Geld aus Peking, mit dem Infrastrukturprojekte unterstützt werden sollen, vor allem in wirtschaftlich schwachen Ländern gerne angenommen worden. Doch schon bald folgte Ernüchterung: massive Überschuldung, geplatzte Vorhaben und wenig Nutzen für die Bevölkerung mahnen Kritiker an. Zudem sorgt Chinas aggressives Vorgehen im Südchinesischen Meer bei vielen Nachbarn für Empörung.

Doch sogar Staaten, mit denen sich China über Inseln oder Fischereizonen streitet, suchen jetzt die Unterstützung aus China - beispielsweise Indonesien und die Philippinen. In beiden Staaten ist das Coronavirus außer Kontrolle. Offiziell sind in Indonesien rund 25.000 Menschen an der Krankheit gestorben, auf den Philippinen mehr als Zehntausend. Experten rechnen jedoch mit einer hohen Dunkelziffer. In beiden Staaten gelten seit Monaten je nach Region massive Kontaktbeschränkungen, um die Krankheit einzudämmen.

Chinas Impfstoff - nicht billig, aber bereits verfügbar

Der Impfstoff aus China soll nun die Wende bringen. Am 13. Januar startete in Indonesien eine großangelegte Impfkampagne mit chinesischer Hilfe. Insgesamt hat das Land 125 Millionen Dosen in China bestellt, rund drei Millionen sind bereits im Land. Präsident Joko Widodo ist als vermeintlich gutes Beispiel voran gegangen - und ließ sich den Impfstoff von Sinovac vor laufenden Kameras als erster spritzen.

Die Philippinen wollen sich laut Medienberichten bis März rund 25 Millionen Einheiten von Sinovacs Impfstoff sichern. Wie Indonesien und Thailand will das Land auch mit Unternehmen aus anderen Staaten zusammenarbeiten. Doch auch hier werden diese Lieferungen erst später erwartet. Der auf den Philippinen für die Covid-Impfungen zuständige Beamte Carlito Galvez beschrieb es so: "Die Realität ist, dass mehr als 80 Prozent des weltweiten Angebots bereits von reichen Ländern beschafft wurden.”

China verspricht so die Rettung für viele Staaten in der Nachbarschaft zu sein. Zwar hatten sich im Rahmen der G20-Videokonferenz vor wenigen Wochen die 19 wirtschaftlich wichtigsten Staaten der Welt und die EU bereits vor den ersten Zulassungen für eine gerechte Verteilung der Corona-Impfstoffe ausgesprochen. Doch ob das klappt, scheint mittlerweile fraglich.

Helfen soll die Initiative COVAX. Sie wurde von der Weltgesundheitsorganisation WHO, der globalen Impfallianz Gavi und der Koalition für Innovationen in der Epidemievorbeugung CEPI ins Leben gerufen. Mindestens 92 Entwicklungsländer gelten demnach als förderungswürdig und sollen Impfstoffe vergünstigt erhalten. Darunter fallen auch Indonesien, die Philippinen und Myanmar. Die Bundesregierung ist nach eigenen Angaben der zweitgrößte Geldgeber, auch China beteiligt sich - jedoch sind die USA und Russland bislang nicht dabei. WHO-Chef Tedros Adhanom warnte jedoch vor einem Scheitern der Initiative - aufgrund des Impfnationalismus der reicheren Länder.

Die nun von China verschickten Impfstoffe der Staatsbetriebe Sinopharm und Sinovac sind nicht Teil des COVAX-Programmes - gerade deshalb sind sie für viele Länder eine interessante zusätzliche Alternative. China gibt den Impfstoff zwar nicht gratis her - und ist mit 60 US-Dollar für zwei Dosen nicht gerade günstig. Doch immerhin ist er bereits verfügbar.

“Kein Ort für ‘Impfstoffversuche’” - Hun Sen, Premier Kambodschas

Der Rückgriff auf die chinesischen Impfstoffe ist jedoch nicht ohne Risiko. Zwar ist der chinesische Impfstoff durch die üblichen drei Stufen der Zulassungsprüfung gegangen, so wie die anderen Impfstoffe auf dem Markt. Doch sind chinesische Zahlen sind oft mit Vorsicht zu genießen – gerade wenn es um strategisch wichtige Felder geht.

Hinzu kommt, dass der chinesische Hersteller Sinopharm zwar Ende Januar 2020 die ordnungsgemäße Zulassung seines Impfstoffes bei der chinesischen Gesundheitsbehörde beantragt hatte, die dann auch erteilt wurde. Sinopharm hat bisher immer noch nicht alle Ergebnisse aus der letzten Zulassungsphase veröffentlicht, sondern nur einzelne Teile. Die Folge ist Misstrauen und Skepsis. Zudem zeigten Studien in Brasilien nach Berichten der BBC, dass der Impfstoff von Sinovac mit einer Wirksamkeit von knapp 50 Prozent weit hinter anderen Stoffen zurückliegt. Zum Vergleich: Die Impfung von Biontech etwa soll zu 90 Prozent wirksam sein.

So stieß Chinas Impf-Initiative auch in Kambodscha nicht auf große Begeisterung. Diktator Hun Sen, eigentlich sehr eng verbunden mit der Führung in Peking, entschied sich lieber für Lieferungen der aus den Verteilungen der WHO-Initiative. Kambodscha sei kein Ort für “Impfstoffversuche”, sagte er zur Begründung.

Schon einmal hatte sich Peking in der Pandemie als Retter stilisiert - und sich dann blamiert. Aus der Volksrepublik wurden Atemschutzmasken und andere medizinische Güter ins Ausland verschickt. Doch leider waren diese oftmals nicht funktionstüchtig, kaputt oder schlichtweg ungeeignet. 

Zumindest der philippinische Staatschef Rodrigo Duterte scheint das Risiko nur als gering einzuschätzen. Sein Sicherheitsteam wurde bereits mit dem Stoff von Sinopharm geimpft - der dafür illegal ins Land geschmuggelt worden war, wie die philippinische Regierung bereits eingeräumt hat. Präsident Duterte verteidigte das Vorgehen öffentlich: Wie hätten seine Leute schließlich ihren Job machen sollen, wenn sie sich mit dem Virus infiziert hätten, fragte er bei einer Pressekonferenz. Ob er sich selbst hat impfen lassen, verriet er nicht. Eine Untersuchung der Vorgänge wird es laut Duterte nicht geben.

Anna Marti ist designierte Leiterin des Global Innovation Hubs mit Sitz in Taipei

Frederic Spohr ist Projektleiter Thailand/Myanmar mit Sitz in Bangkok

Vanessa Steinmetz ist Regionale Projektkoordinatorin mit Sitz in Bangkok

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
Pressereferentin & stellv. Pressesprecherin Ausland
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