Jubiläum

50 Jahre Freiburger Thesen: Zurück in die Zukunft

Die Freiburger Thesen des Jahres 1971 sind eines der populärsten Parteiprogramme in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Bis heute gilt der Freiburger Bundesparteitag vom Oktober 1971 für die Freien Demokraten als einer ihrer markantesten historischen Erinnerungsorte und als ein programmatischer Höhepunkt in der über 70-jährigen Parteigeschichte. Auch in den aktuellen Diskussionen ist „Freiburg“ nach wie vor präsent. Denn bei den berühmten Thesen handelt es sich um das wohl ambitionierteste Zukunftsmodell des Liberalismus nach 1945. Die darin enthaltenen Aspekte der Demokratisierung der Gesellschaft, der Reform des Kapitalismus, der Mitbestimmungs-, Eigentums-, Vermögens- und Umweltpolitik sind auch heute viel diskutierte Themenfelder. Es war im Zuge der Koalition mit der SPD seit 1969 entstanden und trug die Handschrift von Persönlichkeiten wie Walter Scheel, Werner Maierhofer und Karl-Hermann Flach.

Die Freiburger Thesen waren zukunftsweisend – als erste Partei in der Bundesrepublik Deutschland verabschiedete die FDP mit den Freiburger Thesen 19711 ein Umweltprogramm. Die Liberalen verdeutlichten damit ihren reformatorischen Programmanspruch und etablierten sich als Gamechanger für die Umweltpolitik. Sie bildeten schließlich das Fundament für die Umweltprogrammatik aller Parteien.

50 Jahre nach Freiburg stehen wir erneut vor einem Zeitalter des Umbruchs. Optimismus, Fortschrittsgeist, aber auch der Mut zu pragmatischen Reformen mit nachhaltiger Innovationskraft sind wichtiger denn je, um die aktuellen Krisen zu überwinden. Es ist Zeit für einen Wandel. Nach der Pandemie braucht es einen Neustart, vernunftbasierte Lösungsansätze im Bereich der Wirtschaft, Bildung, Gesellschaft und Umwelt und Perspektiven für die Zukunft auch künftiger Generationen. 

Gibt es Parallelen, die wir aus der Zeit damals für die Gegenwart ziehen können? Welche Bedeutung haben die Freiburger Thesen heute und welchen Beitrag können sie für heutige Herausforderungen leisten? Im Jubiläumsjahr wollen wir zu diesen Fragen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft und der jungen Generation ins Gespräch kommen. Getreu dem Motto: Zurück in die Zukunft - der Wandel beginnt im Kopf.

Hier lesen Sie die ersten vier Thesen.

Die vollständigen Freiburger Thesen, inklusive der Reden von Walter Scheel, Karl-Hermann Flach und Werner Maihofer, historischen Dokumenten und den aktuellen Essays „Freiburg 2.0“ finden Sie in der Neuauflage „50 Jahre Freiburger Thesen. Wandel beginnt im Kopf“. 

These 1:  Liberalismus nimmt Partei für Menschenwürde durch Selbstbestimmung.

Er tritt ein für den Vorrang der Person vor der Institution.  Er setzt sich ein für größtmögliche Freiheit des einzelnen Menschen und  Wahrung der menschlichen Würde in jeder gegebenen oder sich verändernden  politischen und sozialen Situation.   Behauptung der Menschenwürde und Selbstbestimmung des Einzelnen in Staat  und Recht, in Wirtschaft und Gesellschaft gegenüber einer Zerstörung der  Person durch die Fremdbestimmung und durch den Anpassungsdruck der politischen  und sozialen Institutionen waren und sind die ständige Aufgabe des  klassischen wie des modernen Liberalismus.  Oberste Ziele liberaler Gesellschaftspolitik sind daher die Erhaltung und  Entfaltung der Individualität persönlichen Daseins und der Pluralität  menschlichen Zusammenlebens.  

These 2: Liberalismus nimmt Partei für Fortschritt durch Vernunft.

Er tritt ein  für die Befreiung der Person aus Unmündigkeit und Abhängigkeit.  Er setzt sich ein für Aufklärung des Unwissens und Abbau von Vorurteilen,  für Beseitigung von Bevormundung und Aufhebung von Unselbständigkeit.  Erste Voraussetzungen einer auf die Förderung solcher Emanzipation des Menschen  und damit Evolution der Menschheit gerichteten liberalen Gesellschaftspolitik  sind geistige Freiheit und die Prinzipien der Toleranz und der Konkurrenz.  Nur auf dieser Grundlage ist eine freie und offene Gesellschaft möglich,  in der Wahrheit und Gerechtigkeit nicht als fertige Antworten überliefert  und hingenommen, sondern angesichts des Wandels der Verhältnisse stets als  neu sich stellende Fragen an den Menschen aufgeworfen und erörtert werden.    

These 3: Liberalismus fordert Demokratisierung der Gesellschaft.

Nach dem Grundsatz: Die Gesellschaft sind wir alle! erstrebt der Liberalismus die Demokratisierung der Gesellschaft durch größtmögliche und gleichberechtigte Teilhabe aller an der durch Arbeitsteilung ermöglichten Befriedigung der individuellen  Bedürfnisse und Entfaltung der persönlichen Fähigkeiten. Er tritt ein für entsprechende Mitbestimmung an der Ausübung der Herrschaft in der Gesellschaft,  die zur Organisation dieser arbeitsteiligen Prozesse erforderlich ist.  Nach dem Grundsatz: Die Gesellschaft darf nicht alles! zielt er im freiheitlichen Sozialstaat zugleich auf die Liberalisierung der Gesellschaft, durch eine mittels  Gewaltenteilung, Rechtsbindung aller Gewalt, Grundrechtsverbürgungen und  Minderheitenschutz eingeschränkte Herrschaft von Menschen über Menschen in  der arbeitsteiligen Organisation unserer Gesellschaft.

These 4: Liberalismus fordert Reform des Kapitalismus.  

Die geschichtliche Leistung des Liberalismus war die Freisetzung des Menschen für die Entwicklung der modernen Industriegesellschaft. Der Kapitalismus hat, gestützt auf Wettbewerb und Leistungswillen des Einzelnen, zu großen wirtschaftlichen Erfolgen, aber auch zu gesellschaftlicher Ungerechtigkeit geführt. Die liberale Reform des Kapitalismus erstrebt die Aufhebung der Ungleichgewichte des Vorteils und der Ballung wirtschaftlicher Macht, die aus der Akkumulation von Geld und Besitz und der Konzentration des Eigentums an den Produktionsmitteln in wenigen Händen folgen, Sie bringt damit die Gesetzlichkeiten einer privaten Wirtschaft in Einklang mit den Zielen einer liberalen Gesellschaft. Sie dient gleicherweise der Steigerung der Leistungsfähigkeit wie der Menschlichkeit eines solchen auf private Initiative der Wirtschaftsbürger und privates Eigentum an den Produktionsmitteln gegründeten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems.