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Eine Kolumne von Karl-Heinz Paqué

30 Jahre Wirtschaftsunion
Ein Meilenstein des Vertrauens

30 Jahre Wirtschafts- und Währungsunion in Deutschland
Währungsreform
1. Juli 1990 in Ost-Berlin: Vor einer Filiale der Sparkasse stehen die Menschen Schlange, um sich die neue D-Mark auszahlen zu lassen. © picture alliance / akg-images / Guenther Schaefer | / Guenther Schaefer

„Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts.“ Dieses Zitat unbekannter Herkunft fasst in rustikaler, aber treffender Weise zusammen, weshalb es vor 30 Jahren zur Einführung der Deutschen Mark in der DDR kam. Erinnern wir uns: Dies geschah weniger als acht Monate nach dem Fall der Mauer, weniger als vier Monate nach der ersten freien Wahl zur DDR-Volkskammer, aber gut drei Monate vor der politischen Wiedervereinigung Deutschlands. Warum die Eile? So fragten damals viele skeptische Intellektuelle. Und einige Hobby-Historiker und Amateur-Ökonomen tun dies noch heute.

Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Nach dem Fall der Mauer waren die Ostdeutschen als deutsche Staatsbürger nach dem Grundgesetz berechtigt, jederzeit nach Westen abzuwandern und dort zu arbeiten oder Sozialleistungen zu beziehen – und dies in einer „harten“, globalen konvertiblen Währung, die zu den stabilsten der Welt zählte. Wohlgemerkt: bei einem der höchsten Niveaus von Löhnen und staatlichen Transferleistungen der Welt. Dass viele Menschen dazu bereit waren, zeigten die gewaltigen Zahlen zur Abwanderung vor allem jüngerer Leistungsträger in den ersten Monaten nach dem Mauerfall allzu deutlich. Und es war auch den Schlachtrufen bei Demonstrationen zu entnehmen: „Kommt die DM, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!“ Um zu bleiben, brauchten die Menschen Vertrauen in den Staat und seine währungs- und wirtschaftspolitischen Weichenstellungen. Genau dafür stimmten die DDR-Bürger bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990, indem sie jenen Parteien die klare Mehrheit gaben, die unmissverständlich für die zügige deutsche Wiedervereinigung eintraten. Die erste davon war: hartes und stabiles Geld – mit allen Konsequenzen, die damit verbunden waren.

Diese Konsequenzen waren natürlich nicht nur positiv. Der nötigen Vertrauensbildung stand die Tatsache gegenüber, das von nun an die ostdeutsche Wirtschaft ohne irgendeine Art von Protektion ihre Waren und Dienstleistungen im gesamtdeutschen, europäischen und globalen Markt absetzen musste – in offener Konkurrenz zu allen anderen Anbietern, die handelbare Güter produzierten. Dies war natürlich eine ökonomische Revolution – ganz anders als in den postsozialistischen Ländern Mittel- und Osteuropas, die sich bei der Transformation ihrer Volkswirtschaften mehr Zeit lassen konnten. Die Folge war in Ostdeutschland eine tiefe und schwere industrielle Krise, eine der schwersten, die es jemals in der Wirtschaftsgeschichte gegeben hat, mit zeitweise extrem hoher Arbeitslosigkeit. Sie wäre allerdings nur vermeidbar gewesen, hätte man auf den Stabilitätsanker der DM verzichtet – mit der Folge einer fortgesetzten Massenabwanderung der Leistungsträger.

Tatsächlich gelang es, die Abwanderung massiv einzudämmen, wenn auch nicht gänzlich zu stoppen. Es begann nach dem industriellen Zusammenbruch, Privatisierung und Aufbau Ost in den darauffolgenden Jahren der Aufstieg einer neuen ostdeutschen Industrie, die auf Dauer im Weltmarkt wettbewerbsfähig ist. Das heute Erreichte kann sich nach 30 Jahren sehen lassen. Es ist vielleicht noch nicht das, was naive Optimisten zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung erwarteten. Es ist aber – gemessen an allen verfügbaren internationalen Standards – eine sehr gute Grundlage für die Zukunft.

Wenn heute die Rechtspopulisten von AfD und die Linkspopulisten von DIE LINKE immer wieder das Gegenteil behaupten, zeugt dies nur von ihrer ideologischen Verblendung. Und von mangelnder Kenntnis der DDR-Ökonomie, in der 40 Jahre Planwirtschaft und Weltmarktisolation bis 1989 die Grundlagen für eine wettbewerbsfähige Produktpalette weitgehend zerstörten. Dass deren Versagen heute allzu oft den Akteuren der Wiedervereinigung – und nicht den damaligen SED-Regierungen der DDR – angelastet werden, ist Teil dessen, was man wohl die Tragik der Freiheit nennen muss. Denn die Freiheit, einmal irreversibel erobert, erfordert gelegentlich tragische Entscheidungen, damit das wieder entsteht, was verloren gegangen ist: das Vertrauen. 

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Johann Ahlers
Johann Ahlers
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