Publikation
Wer war Marie-Elisabeth Lüders?

Public-History Broschüre über Marie-Elisabeth Lüders
Marie Elisabeth-Lüders

Noch im Kaiserreich war Marie-Elisabeth Lüders (1878-1966) die politische Betätigung verboten; ein halbes Jahrhundert später stand sie in der Bundesrepublik als Alterspräsidentin an der Spitze des Parlaments. In vier Epochen kämpfte die „Gralshüterin des demokratischen Freiheitsgedankens“, wie sie in den 1950er Jahren genannt wurde, für die Gleichberechtigung der Frauen. Sie war eine der bedeutendsten Sozialpolitikerinnen, führende Vertreterin der Frauenbewegung und wirkte viele Jahre in den Parlamenten – als Abgeordnete der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei in der Weimarer Republik und für die FDP im Bundestag. Vor allem aber war Lüders eine Pionierin, die den Frauen neue, zuvor verschlossene Räume mit Hartnäckigkeit und ausgeprägtem Selbstbehauptungswillen erstritten hat. Dabei gab sie sich nicht mit der rechtlichen Seite der Emanzipation zufrieden, sondern betrieb die Verwirklichung der Gleichstellung konkret in der Arbeitswelt, in Ausbildung, Beruf und Familie.

In gutbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, brach sie frühzeitig aus dem ihr vorgezeichneten „klassischen“ Rollenmuster aus: Sie interessierte sich für Politik, erkämpfte sich den Zugang zum Studium der Staatswissenschaft und promovierte 1912 in diesem Fach als erste Frau in Deutschland. Noch während ihres Studiums gründete sie die ersten Vereine zur Unterstützung der Berufsbildung von Frauen. Die rechtliche Gleichstellung der Frau musste für sie mit der praktischen Verbesserung ihrer fachlichen Bildung verknüpft sein – die qualifizierte weibliche Erwerbstätigkeit sollte so selbstverständlich sein wie die des Mannes. Lüders wusste, wovon sie sprach: In ihrer beruflichen Laufbahn hatte sie sich einen tiefen Einblick in die Lebenswelten derjenigen verschafft, deren Situation sie später mittels Gesetzgebung zu verbessern suchte.

Wie viele Akteurinnen der Frauenbewegung engagierte sie sich politisch bei den Linksliberalen um Friedrich Naumann. Nach seinem Tod rückte sie in der Weimarer Republik ins Parlament nach und stritt im Reichstag und in den Parteigremien nicht nur für Frauenrechte, sondern auch für viele andere liberale Reformen – von der Jugendfürsorge bis zum genossenschaftlichen Wohnungsbau. Zu ihren großen Erfolgen zählt die von ihr erkämpfte Zulassung von Frauen zu juristischen Berufen.

Im Nationalsozialismus endeten auch Lüders Ämter und Funktionen. Der frauenfeindlichen Ideologie der NS-Bewegung widersprach Lüders frühzeitig; offenbar sollten, so protestierte sie bereits 1930, die Frauen „zurück an den Kochtopf“. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte sie dann zu den treibenden Kräften für die Wiederbelebung der Frauenbewegung; glaubwürdig repräsentierte sie das demokratische Erbe der Weimarer Republik. Nach den für die Liberalen äußerst erfolgreichen Wahlen im westlichen Berlin wurde sie 1949 Stadträtin für Sozialwesen und erlangte in dieser schwierigen – noch von der Blockade geprägten – Zeit große Popularität: Mit der Reorganisation der Sozialverwaltung schuf sie Grundlagen, um die soziale Not der Flüchtlinge, Arbeitslosen und Kranken allmählich zu bewältigen.

Für die FDP gelangte sie 1953 in den Bundestag, wurde zwei Jahre später Vorsitzende des Bundesfrauenausschusses und 1957 machte die Partei sie zur – bis heute einzigen – Ehrenpräsidentin. Entscheidend für Lüders parlamentarische Arbeit wurde das Gleichberechtigungsgesetz von 1957, ein bedeutender Meilenstein auf dem Weg zur Liberalisierung der traditionellen Familienordnung. Widerstand scheute die kampfeslustige Liberale nicht: Als der Bundestag hinsichtlich des Kindeswohls für das Entscheidungsrecht des Vaters votierte, initiierte Lüders eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht – mit Erfolg, die Regelung wurde für nichtig erklärt.

Bekannt und gefürchtet als scharfzüngige und pointenreiche Politikerin agierte sie in der Öffentlichkeit und im Parlament für die Sache der Frauen: „Was wir fordern und wofür wir seit Jahrzehnten mit bewegender Kraft kämpfen“, rief sie beifallsbegleitet auf dem FDP-Bundesparteitag 1953, „sind keine Frauenrechte, sondern es sind ganz schlechtweg Menschheitsrechte“. Doch forderte Lüders auch die Frauen selbst heraus – zur Übernahme eigener Verantwortung, zur aktiven Mitgestaltung der Demokratie.

Kein Zufall also, dass ein Parlamentsgebäude des Deutschen Bundestags heute ihren Namen trägt und damit an die Generation von Frauen erinnert, die der frühen, liberal orientierten Frauenbewegung angehörten und einen langen Weg zur beruflichen und politischen Gleichberechtigung gegangen waren. 1953, als Frauen neun Prozent der Abgeordneten im Bundestag stellten, provozierte Lüders mit der Forderung, es müsse wenigstens ein Drittel werden. Erfüllt ist ihre Hoffnung im aktuellen Bundestag nicht; ihre Mahnung besteht fort.

Über den Lebensweg und ihre bleibenden Verdienste informiert unsere Broschüre aus der Reihe „Public History“.