Krieg in Europa
„ANC-Mitglieder glauben, sie schulden Russland Loyalität“

Südafrikas besondere Beziehung zum Kreml
Putin, Ramaphosa

Russlands Präsident Wladimir Putin und Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa (ANC) nehmen an der ersten Plenarsitzung des Russland-Afrika-Gipfels im Sirius Park of Science and Art teil.

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picture alliance/dpa/TASS | Mikhail Metzel

Als die Vereinten Nationen mit großer Mehrheit für eine Resolution stimmten, die das Ende der russischen Offensive in der Ukraine forderte, enthielt sich Südafrika zur Überraschung vieler westlicher Beobachter. Im Interview analysiert die Historikerin Irina Filatowa die Beziehungen Russlands zur südafrikanischen Regierungspartei ANC und erklärt, warum westliche Werte dort auf wenig Gegenliebe stoßen.

 

freiheit.org: 141 Länder haben Russlands Krieg gegen die Ukraine in einer Resolution der UN-Vollversammlung verurteilt – Südafrika gehörte zu den 35 Ländern, die sich enthielten. Frau Professor Dr. Filatova, Sie haben als Historikerin umfangreich über die Verbindungen zwischen der Sowjetunion und später Russland, dem African National Congress (ANC) und Südafrika publiziert. Wie beurteilen Sie aus historischer Perspektive Südafrikas Position zum Ukraine-Krieg?

Prof. Dr. Irina Filatova: Dazu gibt es eine Vielzahl historischer Perspektiven und Ansätze. Das Wichtigste ist aber, dass ANC-Mitglieder, vor allem die ältere Generation, sich Russland sehr verpflichtet fühlen. Sie sind der Meinung, dass Russland ein äußerst wichtiger Verbündeter während des Kampfes gegen die Apartheid war und sie Russland deshalb als Gegenleistung Loyalität schulden. Sie sind überzeugt, dass die Russen die „Guten” sind und betrachten diejenigen, die Russland entgegenstehen, als „Bösewichte”.

Und die jüngere Generation?

Es gibt noch einen zweiten grundlegenden Faktor, der auch die jüngere Generation betrifft: Die Antipathie gegen den Westen und die NATO. Die NATO ist nicht, wie die Russen sagen, „weiß und pelzig”. Es ist ziemlich offensichtlich, dass sie in den vergangenen Jahren sehr viele Fehler gemacht hat – aber diese feindliche Einstellung gegenüber dem Westen ist historisch bedingt. Es ist offensichtlich, dass viele Südafrikanerinnen und Südafrikaner denken: „Die (NATO bzw. der Westen, Anm. der Redaktion) waren nicht auf unserer Seite. Wir bauen den Sozialismus auf, sie hingegen sind Kapitalisten – sie sind Imperialisten und deshalb ist alles, was sie tun, Unrecht und all das, was Russland macht, rechtens”.

Beruht diese Haltung schlicht auf der Tatsache, dass die NATO Russland entgegensteht? Oder kennen die Menschen das Mandat der NATO und die Geschichte der Organisation?

Ich habe nicht den Eindruck, dass viele Menschen in Südafrika etwas über das Mandat der NATO wissen – und selbst wenn dem so wäre, würden sie diesem kaum Glauben schenken. Was sie meinen zu wissen, ist, dass die NATO amerikanisch sei und dass die Amerikaner gravierendes Unrecht im Irak, in Serbien und in Libyen begangen hätten. Es geht folglich um Rache. Es handelt sich um eine allgemeine Feindseligkeit gegenüber dem Westen. Diese Menschen finden westliche Werte nicht besonders attraktiv.

Welche westlichen Werte im Besonderen sind unattraktiv?

Als erstes die liberale Demokratie, die für viele Südafrikanerinnen und Südafrikaner kein besonders attraktives Modell darstellt. Zweitens der Rechtsstaat; Patronage als politisches System ist bei einigen beliebter. Und dann ist da natürlich das belehrende Verhalten des „Westens” gegenüber anderen Ländern – das wird überhaupt nicht geschätzt. Aber hauptsächlich handelt es sich um eine historische Feindlichkeit und die Einstellung: Das sind Kapitalisten, die die Apartheid unterstützt haben.

Der ANC war eng mit der Sowjetunion verbunden und hat diese Verbundenheit auf Russland übertragen. Haben die Unruhen Anfang des Jahres in Kasachstan oder die orange Revolution in der Ukraine die ANC-Kader nicht zum Nachdenken veranlasst? Konzentriert sich das Wohlwollen des ANC nur auf Russland und überhaupt nicht auf andere Teile der früheren Sowjetunion?

Nein, es hat nicht zum Nachdenken geführt. Erstens ist Kasachstan sehr weit weg und es gab keine langfristigen Kämpfe und keinen Krieg. Und selbst wenn es Krieg gegeben hat – so wie in Georgien – wurde das im ANC vertuscht. Im Fall der Ukraine hat Russland ganz eindeutig einen Angriffskrieg begonnen. Dort herrscht wirklich Krieg. Mich interessieren ganz besonders die Ansichten der vielen ANC-Mitglieder, die in der Ukraine studiert haben. Allein aufgrund der Tatsache, dass die Ukraine um eine NATO-Mitgliedschaft gebeten hat und die Amerikaner sie unterstützen, ist die heutige Ukraine für solche ehemaligen Studierenden einfach nicht mehr der Ort, der er einst war.
 

Das größte russische Erbe ist theoretischer Natur.

Irina Filatova
Irina Filatowa


Warum stehen so viele ehemalige ANC-Studierenden auch heute noch loyal zu Russland von der allgemeinen anti-westlichen Haltung einmal abgesehen?

Ich würde hier differenzieren. Auf der einen Seite gab es Studierende, die an sowjetischen Universitäten und Institutionen studierten. Auf der anderen Seite gab es MK-Soldatinnen und Soldaten (uMkhonto we Sizwe, genannt „MK”, der militärische Flügel des ANC, Anm. der Redaktion). Diese waren nur für eine kurze Zeit in der UdSSR und dort recht isoliert. Sie gingen gelegentlich in die Stadt und ins Kino, aber im Allgemeinen gab es wenig Kontakt mit dem sowjetischen Alltag. Stattdessen hielten sie sich in Trainingsanlagen auf.

Davon unterscheiden sich erheblich die Erfahrungen der eigentlichen Studierenden in der UdSSR. Damals sagte man: Wenn man aus jemandem einen Kapitalisten machen möchte, sendet man ihn in ein sozialistisches Land; wenn man aus jemandem einen Sozialisten machen möchte, dann sendet man ihn in ein kapitalistisches Land. Ich glaube, das trifft auch auf diese Studierenden zu, aber nicht auf die MK-Soldatinnen und Soldaten, die in der UdSSR ausgebildet wurden.

Welche Erfahrungen haben sie dort gemacht?

In den Sechzigerjahren Jahren war die Begeisterung für Afrika und für die Befreiungskämpfe dort in der UdSSR sehr groß – es war ein Gefühl der Verbundenheit. Aber selbst zu dieser Zeit gab es viel Rassismus in der russischen Gesellschaft. 1965 begann ich am Institut für asiatische und afrikanische Länder an der Moskauer Staatsuniversität zu dozieren; ich unterrichtete und studierte Afrikanistik. Ich kann mich gut daran erinnern, dass mein Vater mir verbot, einen afrikanischen Freund zu haben. Meine Cousine sagte mir: „Wenn ich dich je mit einem schwarzen Mann sehe, spreche ich nie wieder mit dir”. Zu dieser Zeit waren Ausländerinnen und Ausländer an unserem Institut noch zugelassen.

In meinen Anfangsjahren dort gab es einen senegalesischen Studenten, der manchmal seine Tochter zu den Vorlesungen mitbrachte, weil sich im Studentenwohnheim niemand um sie kümmern konnte. Das Mädchen war ungefähr fünf Jahre alt. Manchmal bin ich zusammen mit den beiden in der U-Bahn gefahren. Ich erinnere mich gut an ein Meer von missbilligenden Blicken: Hier war dieser große, gut aussehende schwarze Mann und neben ihm waren ich und das kleine schwarze Mädchen. Die anderen Passagiere versuchten erst gar nicht zu verstecken, wie sehr sie mich verachteten.

Das klingt nach keiner besonders positiven Erinnerung…

Es mag sich für Menschen aus Westafrika anders dargestellt haben, aber die ANC-Studierenden erinnern sich an ihre Zeit in der Sowjetunion mit großer Zuneigung und Bewunderung. Sie sagen immer noch: Man hat uns sehr gut behandelt – und gänzlich anders, als die Weißen uns in unserem eigenen Land behandelt haben.

1991 zerfiel die Sowjetunion. 1994 endete die Apartheid in Südafrika und die ANC-Regierung kam an die Macht. Wie hat sich der Einfluss Russlands auf Südafrika, die südafrikanische Politik und den ANC seit 1994 entwickelt?

Der ANC feierte 2004 sein zehnjähriges Amtsjubiläum mit einer großen Konferenz. Einer der Vortragenden war Wladimir Schubin, der ehemalige Verbindungsoffizier der internationalen Abteilung der kommunistischen Partei der Sowjetunion und verantwortlich für die Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika. Kurz bevor er anfing zu reden, betrat der damalige Präsident Thabo Mbeki mit seinen engsten Beratern den Saal und hörte Schubin sehr aufmerksam zu. Als dieser seine Rede beendet hatte, verließ die präsidiale Delegation die Konferenz direkt wieder. Schubin wurde lautstark applaudiert. Man hörte Rufe wie „Russland ist immer noch Russland” und „Ruhmreiches Russland”. Diese ANC-Mitglieder hatten ihren ideologischen Kompass verloren und nun das Gefühl, er sei wieder da.

Ideologischer Einfluss ist sehr wichtig. Das größte russische Erbe ist theoretischer Natur. Der ANC stützt sich auf die Idee der „National Democratic Revolution” (NDR), den Sozialismus Schritt für Schritt zu verwirklichen. Die NDR ist weiterhin offizielles Parteiprogramm des ANC.

Unter dem südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma sollte ein geheimer 70 Milliarden Euro Deal zur Errichtung mehrerer russischer Atomkraftwerke abgeschlossen werden, was letztendlich an Gerichtsurteilen scheiterte. Welche wirtschaftlichen Interessen verbinden Südafrika und Russland – und welche Rolle spielt dabei Korruption?

In Russland weiß man, wie man mit Schmiergeldern arbeitet. Es ist vorstellbar, dass Zuma als Teil dieses Atomkraftdeals etwas versprochen oder vielleicht sogar gezahlt wurde, auch wenn er diese Beschuldigungen immer zurückgewiesen hat. Belegen kann ich das natürlich nicht. Allgemein verhält es sich aber so, dass Schmiergelder und Korruption Teil dessen sind, wie Russland wirtschaftlich agiert.

Insgesamt sind die beiden Länder wirtschaftlich nicht eng verflochten. Das Handelsvolumen ist niedrig. Das mag jetzt steigen, weil Russland sehr an Verbündeten interessiert ist und versucht, seinen Handel auszubauen – egal mit wem.


Irina Filatova ist emeritierte Professorin der Universität von KwaZulu-Natal in Südafrika und Professorin an der National Research University Higher School of Economics in Moskau. Sie ist Spezialistin für russisch-südafrikanische Beziehungen sowie die kommunistische Bewegung in Südafrika, über die sie zahlreiche wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht hat.

Das Interview führten Barbara Groeblinghoff, Projektleiterin Südafrika, und Cecelia Kok, Head of Research and Advocacy Projects.

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