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Eine Kolumne von Karl-Heinz Paqué

Jahrestag
Die Schande des Systems

Vor 68 Jahren, am 17. Juni 1953, wurde ein Aufstand der Arbeiter gegen das DDR-Regime blutig niedergeschlagen.
Volksaufstand vom 17. Juni 1953
Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Bauarbeiter rufen zum Generalstreik auf und fordern den Rücktritt der Regierung © picture-alliance / akg-images | akg-images

Das planwirtschaftliche System der DDR arbeitete mit Fünfjahresplänen. Es hat deshalb eine bittere Ironie, dass es nach der dortigen Währungsreform im Juni 1948 – als Antwort auf die Wirtschafts- und Währungsreform im Westen – ziemlich genau fünf Jahre dauerte, bis es zum ersten politischen Zusammenbruch der ostdeutschen Wirtschaft kam. Im Juni 1953 nämlich gab es unter ostdeutschen Arbeitern Unruhen über Erhöhungen der Arbeitsnormen, die – bei unveränderten Einkommen – auf eine Senkung des Reallohns und damit des Lebensstandards hinausliefen.

Diese Unruhen waren kein Zufall: Alle „Reformen“ der ostdeutschen Wirtschaft – erzwungen durch das DDR-Regime unter Walter Ulbricht – liefen darauf hinaus, die staatliche Kontrolle der Wirtschaft zu sichern, die Verstaatlichung voranzutreiben, die Produktion in den noch vorhandenen privaten Unternehmen durch Abgaben, Steuern und Bürokratie zu erschweren und die Schwerindustrie zu Lasten der Herstellung von Konsumgütern auszuweiten. Die DDR befand sich mit rasanter Geschwindigkeit auf dem Weg in die zentralisierte Planwirtschaft. Während in Westdeutschland das „Wirtschaftswunder“ Ludwig Erhards seinen Lauf nahm, herrschte im Osten Knappheit, Mangel und zum Teil Elend. Schuld daran war – für die Kundigen schon damals klar erkennbar – ein fehlgeleitetes Wirtschaftssystem und nicht allein die Reparationen, die an die Sowjetunion gezahlt werden mussten, auch wenn sie die Schieflage noch weiter verschärften.

Und in dieser Lage beschloss die Regierung unter Walter Ulbrichts Leitung am 13. und 14. Mai 1953, die Arbeitsnormen zu erhöhen. Das Signal war klar: Nicht von der Politik und der Wirtschaft wurde mehr verlangt, sondern die Menschen in den Fabriken sollten in ihrer Leistungskraft stärker ausgebeutet werden, ohne mehr dafür zu erhalten – und dies im vermeintlichen Paradies der Arbeiter und Bauern. Damit war eine unsichtbare Grenze überschritten. Die Menschen zogen zu Tausenden auf die Straßen, und zwar nicht nur in allen größeren Industriestädten der DDR, sondern auch in vielen kleineren Gemeinden. Der erste Arbeiteraufstand im sogenannten Ostblock nahm seinen Lauf. Er scheiterte am 17. Juni 1953 an den sowjetischen Panzern. Es gab 55 Todesopfer, die belegt sind, weitere ca. 20 Todesfälle sind bis heute ungeklärt. Es war ein großartiger, aber vergeblicher Kampf für mehr Freiheit und bessere Lebenschancen.

Politik und Geschichtsschreibung der DDR sprachen fortan von einem faschistischen bzw. konterrevolutionären Putschversuch – ein Begriff, der sich bis zum Mauerfall in regimetreuen Zirkeln hielt und zum Teil noch bis heute überlebt hat. Er ist eine schamlose Lüge, die allerdings eines klarmacht: Der Aufstand der Arbeiter in der DDR war für die machthabende SED eine Art Trauma, denn er zeigte wie im Brennglas, dass Sozialismus bzw. Kommunismus gerade bei jener „Klasse“ völlig versagten, die man historisch auf seiner Seite wähnte: der Arbeiterschaft.

Den Ereignissen des 17. Juni 1953 folgten übrigens einige politische Veränderungen, die man geradezu als ängstlich bezeichnen konnte: Die Normerhöhungen wurden zurückgenommen, die Reparationen an die Sowjetunion reduziert. Es gab sogar Lohnerhöhungen, die allerdings bei geringerer Steigerung der Produktivität auf Dauer zu einem Geldüberhang führten – mit der Folge zurückgestauter Inflation. Das fundamentale Systemversagen der Planwirtschaft blieb erhalten und setzte sich fort, gerade auch im Vergleich zum „Wunder“ der Marktwirtschaft im Westen. Die Folge: ein scharfer Anstieg der Abwanderung, so dass die DDR bis zum Mauerbau 1961 mehr als zwei Millionen Menschen verlor, die meisten davon gut ausgebildete Leistungsträger. Sie wollten in diesem System nicht mehr leben und arbeiten.

Der Westen reagierte rhetorisch laut, aber politisch leise auf die Ereignisse des 17. Juni 1953. Auch für ihn war der Tag deshalb kein Ruhmesblatt. Immerhin wurde der 17. Juni in der Bundesrepublik Deutschland zum nationalen Feiertag und blieb es bis zur deutschen Wiedervereinigung. Noch heute ist er ein nationaler Gedenktag. Für eine ganze Generation westdeutscher Jugendlicher – der Verfasser war damals einer von ihnen – lieferte der 17. Juni den einzigen Merkposten im Kalender, der an die Deutsche Teilung erinnerte: ein zumeist strahlender Sommertag mit blutiger, aber heroischer Geschichte.