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Der Tag nach dem Krieg: Wie die Zivilgesellschaft die israelisch-palästinensischen Beziehungen gestalten kann

Israelisch-Palästinensische Beziehungen

Der Tag nach dem Krieg: Wie die Zivilgesellschaft die israelisch-palästinensischen Beziehungen gestalten kann

© picture alliance / Anadolu | Abed Rahim Khatib

Wenn man überzeugt ist, dass Israel das Recht hat, als demokratisches Heimatland des jüdischen Volkes in Friedenund Sicherheit zu existieren, und dass das palästinensische Volk das Recht auf ein selbstbestimmtes und wohlhabendes Leben hat, dann ist die Zwei-Staaten-Lösung ist die einzige realistische Perspektive. Vielleicht ist dieses Ziel heute leichter zu erreichen, weil klar ist, dass die Hamas als bewaffnete Terrororganisation und politischeEinheit zerschlagen werden muss. Dadurch könnte eine neue, friedensorientierte PalästinensischeAutonomiebehörde entstehen. Diese würde sowohl das Westjordanland als auch den Gazastreifen als einenentmilitarisierten – wenn auch geografisch getrennten – palästinensischen Staat regieren.

Die Realität und Herausforderungen der Zwei-Staaten-Lösung im Israel-Palästina-Konflikt

Natürlich wird dies keine leichte Aufgabe sein. Die internationale Gemeinschaft, insbesondere die USA, muss dies zuihrer obersten strategischen Priorität machen. Auch die gemäßigten arabischen Staaten, die die israelisch-palästinensische Frage bei den Verhandlungen der Abraham Accords vernachlässigt haben, sollten sich stärker engagieren. Die israelische Regierung muss über ihre rechtsradikale Koalition hinausblicken und erkennen, dasseine Verhandlungslösung für diesen Konflikt im strategischen Interesse Israels liegt. Und schließlich muss diePalästinensische Autonomiebehörde sich selbst wieder aufbauen, um ihrem Volk als Hoffnungsträger zu dienen undsich als anerkannter und legitimer Teil der internationalen Gemeinschaft zu etablieren. Um diesen Konflikt zu beenden, sind mutige Zugeständnisse notwendig. Doch selbst wenn all dies gelingt, reicht es noch nicht aus.

Am Abend des 7. Oktober wurde klar, dass sich alles verändert hatte. Das Ausmaß des Massakers war noch nicht vollständig bekannt, aber es war spürbar, dass das Leben, wie wir es kannten, nicht mehr dasselbe sein würde. Ichwar in Sicherheit. Meine Familienmitglieder, die im Süden Israels leben, waren in Sicherheit – obwohl meine Cousinsund Cousinen im Süden von Raketen aus dem Gazastreifen bombardiert wurden und von der Ermordung vonFreunden, Lehrern und langjährigen Bekannten erfuhren. Meine Kollegen erfuhren, dass der Enkel des einen undder Sohn des anderen als Geiseln nach Gaza entführt worden waren. Neben der existenziellen Angst und demTrauma, das wir alle erlebten, stellte sich mir immer wieder die Frage: Wem habe ich in den letzten zweiJahrzehnten mein berufliches Leben gewidmet?

Wochen später ist die tektonische Verschiebung noch immer schmerzhaft spürbar – das Trauma hält an. Jeden Tag gibt es neue bestätigte Todesfälle. 113 Geiseln sind bisher aus der Hölle der Gefangenschaft zurückgekehrt, während 138 immer noch in Gaza festgehalten werden. Zugegeben, einige meiner Standpunkte haben sichgeändert und es bleiben unbeantwortete Fragen. Doch auf die Frage, warum ich mein Leben so lange diesem Berufgewidmet habe, habe ich eine Antwort: Ich habe mein Bestes getan, um positive Veränderungen in dem Land, dasich liebe, herbeizuführen. Ich habe die mir zur Verfügung stehenden Mittel genutzt, um in der Zivilgesellschaft etwas zu bewirken.

Die Rolle der Zivilgesellschaft im Israel-Palästina-Konflikt: Gestern und Heute

Die Zivilgesellschaft – ein Begriff, den schon Aristoteles prägte – wird weltweit als wichtiger Akteur angesehen, der Demokratie, Bürgerrechte, Wirtschaftswachstum, soziales Wohlergehen und vieles mehr fördert. Auch bei der Gründung des Staates Israel spielte die Zivilgesellschaft eine zentrale Rolle. Sie ist auch heute noch von großer Bedeutung. Seit dem 7. Oktober haben zivilgesellschaftliche Organisationen Überlebenden des Massakers sowie mehr als 150.000 vertriebenen Zivilisten und Familien von Geiseln dringend benötigte Hilfe zukommen lassen.

Das Wirkungspotenzial der Zivilgesellschaft ist seit den späten Siebzigerjahren und insbesondere seit Mitte der Neunzigerjahre für die Förderung des israelisch-palästinensischen Friedens mobilisiert worden. Vor dem 7. Oktober war ich überzeugte Verfechterin einer proaktive Rolle der Zivilgesellschaft bei der Friedensförderung. Ich war überzeugt, dass es ohne die Unterstützung und harte Arbeit von Israelis und Palästinensern keine tragfähige politische Lösung geben würde. Besonders in den düsteren Zeiten ohne politische Perspektive habe ich gesehen, wie mutige Frauen und Männer, Jugendliche und Fachleute an gemeinsamen Aktivitäten teilnahmen, Brücken der Verständigung bauten und somit alles zusammenhielten.

Bewältigung der Folgen des 7. Oktobers: Herausforderungen und Chancen für Israel und Palästina

Aber der 7. Oktober hat alles verändert. Die israelische Gesellschaft ist verwundet – tausende Menschen sind körperlich und Millionen seelisch verletzt. Auch Israelis, die nicht direkt betroffen waren, haben gebrochene Herzen. Das Ausmaß der Grausamkeiten war blanker Horror. Die Angst auf den Straßen ist deutlich spürbar. Die Sehnsucht nach der schnellstmöglichen Freilassung aller Geiseln verstärkt Angst und Trauer. Es hilft auch nicht, dass man aufgrund der auf israelische Städte abgefeuerten Hamas-Raketen in Schutzräume fliehen muss. Es scheint nahezu unmöglich, zu diesen Menschen zu gehen und sie dazu aufzufordern, den „Anderen“ zu treffen, ihre Geschichten zu hören und ihren Schmerz zu ertragen.

Auch die palästinensische Gesellschaft leidet. Die Hamas ist für das Leid im Gazastreifen verantwortlich – aber wirdürfen nicht vergessen, dass viele unschuldige Zivilisten, darunter Kinder, getötet oder verletzt werden. Um dieStimmung der Palästinenser zu verstehen, müssen wir bedenken, dass im Westjordanland nur Bilder aus demGazastreifen gezeigt werden, während die Menschen im Gazastreifen selbst die Auswirkungen des Krieges am eigenen Leib erfahren. Die Wut und sogar der Hass auf Israel nehmen zu. Ob dies gerechtfertigt ist oder nicht,spielt keine Rolle. Es ist eine Tatsache. Von ihnen zu verlangen, dass sie den „Anderen“ kennenlernen, das Ausmaß des israelischen Traumas verstehen und ihren Schmerz aushalten, ist ebenfalls unrealistisch.

Eine manchmal übersehene Gruppe mit signifikantem Einfluss auf den Konflikt ist die internationale Gemeinschaft. In den vergangenen Wochen war auf den Straßen der Großstädte, in Universitäten und den sozialen Medien einebinäre, ungebildete, einseitige und manchmal hasserfüllte Rhetorik wahrnehmbar. Sie hat in einigen Fällen Israelisund Juden aufgrund ihrer schrecklichen Erfahrungen einem „Gaslighting“ ausgesetzt, also einer psychischen Manipulation, mit der Opfer verunsichert werden. Plakate, die entführte Geiseln zeigen, werden abgerissen und Sprechchöre wie „From the river to the sea“ skandiert. Teilweise werden die Gräueltaten vom 7. Oktober sogar gerechtfertigt, verherrlicht oder geleugnet – einschließlich der sexuellen Gewalt gegen israelische Frauen undMädchen, die noch immer weitgehend nicht anerkannt wird. Es scheint, als hätten sich die Menschen überall auf der Welt für die einfachste Option in einem der komplexesten Konflikte überhaupt entschieden: in seliger Unwissenheit zu verharren und Partei zu ergreifen.

Aber es ist noch nicht alles verloren. Die israelische Zivilgesellschaft steht an einem Wendepunkt in den Beziehungen zwischen jüdischen und arabischen Bürgern. Die arabischen Israelis wurden am 7. Oktober selbst zu Opfern. Seither haben wir nicht nur bemerkenswerte Geschichten über ihre Tapferkeit gehört, sondern auchSolidarität und die Übernahme von Verantwortung durch Politiker, Bürgermeister und Bürger gleichermaßen erlebt.Im Laufe der Jahre hat sich die israelisch-arabische Zivilgesellschaft über verschiedene lokale Organisationen fürden Frieden eingesetzt. Viele von ihnen haben bereits beschlossen, ihre Arbeit fortzusetzen.

Die Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen wird immer wichtiger, auch wenn sich die Methoden ändern undinnovative Programme entwickelt werden müssen. Um eine proaktive, demokratische israelische undpalästinensische Gesellschaft zu schaffen, müssen die Bürger eine aktive Rolle bei der Gestaltung ihrerLebensumstände und ihrer Zukunft spielen. Das geht weit über regelmäßige Wahlen oder das bloße Vertrauen in Politiker hinaus. Während Politiker oft nicht in der Lage sind, komplexe Zusammenhänge zu erfassen und alles auf Tweets, O-Töne und die Zahl der Wählerstimmen reduzieren, haben gewöhnliche Menschen das Privileg und vielleicht sogar die Verantwortung, das große Ganze zu sehen. Sie sollten nicht über die Vergangenheit streiten, sondern aktiv an einer gemeinsamen Zukunft arbeiten. Es gibt zwar klare Grenzen zwischen Schwarz und Weiß,absoluten Wahrheiten und Lügen – doch dazwischen gibt es auch viele Grautöne. In diesem einzigartigen Raum können Dialog, Zusammenarbeit und Verständnis stattfinden. Hier kann die Entmenschlichung, die so viel Schmerzverursacht hat, vielleicht zu einer Wiederherstellung der Menschlichkeit führen.

Weder wird Gaza mit Teppichbomben bombardiert werden, noch wird Palästina frei sein „From the river to the sea“. Wir sind entweder dem Untergang geweiht oder dazu bestimmt, gemeinsam auf diesem Stück Land zu leben. Aber es liegt in unserer Hand, eine Entscheidung zu treffen. Wie Rabbi Nachman von Breslov sagte: „Das Wesen desFriedens besteht darin, zwei Gegensätze zu vereinen. Deshalb sollten dich deine Vorstellungen nicht erschrecken, wenn du jemanden siehst, der dir völlig entgegengesetzt ist, und du annimmst, dass es keine Chance für Frieden zwischen euch beiden gibt. Genauso solltest du, wenn du zwei Personen siehst, die genau entgegengesetzt sind, niemals sagen, dass es für sie unmöglich wäre, sich zu versöhnen.“

Yarden Leal-Yablonka ist stellvertretende Generaldirektorin des Peres-Zentrums für Frieden und Innovation in Tel Aviv.